Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 174 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 174 Aber die außenpolitischen Tendenzen, die die Entwicklung des Landes aufs schwerste zu bedrohen geeignet sind, mußten im Jischuw das Gefühl und den Wunsch nach klarer politischer Orientierung erwecken. In diesem Sinne ist der Wahlausgang symptomatisch. Es ist klar zutage getreten, daß alle jene Gruppen, deren Programm mit der Ideologie und den Personen der alten zionistischen Leitung verbunden ist, zum Teil aufgerieben, zum Teil abgeriegelt worden sind. Zweifellos hat der linke Flügel des palästinensischen Jischuw einen empfindlichen Rückgang zu verzeichnen. Abgesehen davon, daß sich die Mandatszahl der Arbeiterparteien im Gesamtverhältnis verringert hat (31 von 70 gegen seinerzeitigen 105 von 200) ist weit mehr ihre potentielle Schlagkraft gemindert worden. Denn es ist zu berücksichtigen, daß eine verhältnismäßig starke Arbeiter* eihwanderung seit 1925 stattgefunden hat, die man als zum Besitzstand der Linken gehörig anzusehen gewöhnt war, und daß sich gleichzeitig ein starker Zusammenschluß aller in Betracht kommenden Arbeiterparteien zu einer Partei vollzog, was eine verstärkte Schlagkraft hätte zur Folge haben sollen. Nicht weniger zu berücksichtigen ist der Umstand, daß die Histadruth Owdim (Gew-ri-«rnftft.) einen gewaltigen administrativen A p;> a . a ■ be^ sitzt, der in vielen Sicdlungspunkten hundertpro/ zentige Kontrolle übt. Unter diesem Gesichtswinkel ist der Rückschlag der Arbeiterpartei nicht zu leugnen. Eine ganz unbedeutende Rolle werden die sogenannten Allgemeinen Z i o« nisten spielen und die anderen Gruppen, die ja zum großen Teil entweder religiöse oder regionale Interessen zu vertreten wünschen. So hat, wenn man ein Schlagwort gebrauchen darf, der „W e i z m a n n i s m u s" im Jischuw schon jetzt, noch vor dem Kongreß, unter,. mitunter, anderen als weltzionistischen Gesichtspunkten Schiffbruch gelitten. Der Jischuw hat es anscheinend sattbekommen, sein Vertrauen einem System zu schenken; das poli« tisch und wirtschaftlich von heute auf morgen lebt,; .vermeidbare Katastrophen heraufbeschwört. Das beweist mehr als Stillstand der sozialisti* sehen und die N i e d e r I a g e der bürgerlichen Weizmann* Anhänger einerseits und der glänzende Erfolg der Revisionisten anderseits. üeberall konnte man hören und lesen, daß die RcvU »iori'jsten am wenigsten in Erez Israel etwas zu sagen haben. , Diese demagogischen Redereien haben nun ein radikales Ende gefunden. Gerade in Erez Tsrael — das haben "die Wahlen bewiesen — sind die. Revisionisten die einzigen von allen zionistischen Gruppen, , denen der Jischuw. in wachsendem Maße Vertrauen schenkt, und auf die er Hoffnungen setzt. Die fast vierfache Steigerung der revisionistischen Stimmen spricht eine beredte Sprache. Eine Sprache, die im weltzionistischen Sinne noch andere Reflexe, zeitigen wird. Der Wahlausgang wird natürlich seine, Wirkung auf die kommenden Ereignisse nicht ver* fehlen.. ., Ein Kunstmuseum in Tel Am Gesellschaft der Museumsfreunde. — Eine Schöpfung des Bürgermeisters Dizengoff. Wie uns aus Tel Äwiw berichtet wird, ist es einem Kreisevon Kunstfreunden gelungen, in Tel Awiw ein jüdisches Museum zu errichten. Die Grundlage hiefür schuf der Bürgermeister M. Dizengoff, der sein Haus für diesen kulturellen Zweck stiftete. Eine Anzahl von, Kunstwerken und kunstgewerblichen Arbeiten ist bereits zur Verfügung gestellt worden. , Das Museum wird in fünf Hauptgruppen gegliedert sein: 1. Werke jüdischer Maler und Bildhauer aus den verschiedensten Epochen in Original oder Kopie; 2. Bilder und PJastiken, die den Bibelstoff behandeln; 5. wechselnde Ausstellungen lebender jüdischer Künstler; 4. Kult- und Pekprationsgegenstände älterer und alter Synagogen sowie bildliche Darstellungen von jüdischhistorischem Wert; 5. hervorragende Werke von Künstlern aller Natipnen. . Die Organisation der musealen Arbeiten liegt in den Händep der soeben gegründeten, Gesellschaft der F.reunde d-cis Museums Tel Awiw. Der Mitgliedsbeitrag für Palästina beträgt jährlich 10 Mark. Dje Gesellschaft der Freunde , des Museums Tel 1 " " "IM 'Hl i ......■.■ ......I ' I .ii ii........... Wochen-Kalender Jänner >MX TO»'. ihrv Tebeth 5691. Pw Freitag Sabhateingang 6*25 ".« ';;$|ft$tag 38~ro Sabbttairagang 5*15 ^apa i n©H vo '»an ,*nm ' 18 SanntaR 29~t» Montag Irr« 133V twn....... 20 Dienstag *-3 ■ nY Mittwoch 1-3;" w / Donnerstag Stfindlie unentgeltliche Stelienuermlttluns Wer ausgebildetes, tüchtiges und diszipliniertes Personal aUer Art u. aller Branchen benötigt, wende sich an „Hakoah", I., Wlaslngftrttr. 11, Tel. R.2S4M0 Awiw mit Bürgermeister M. Dizengoff an der Spitze wendet• sich an Alle diejenigen, die für die jüdische Renaissance in Palästina Interesse haben, mit der Bitte, die Bestrebungen der Gesellschaft zu. uuterstüzen. Sie gibt gleichzeitig die Anregung zur Gründung ebensolcher Gesellschaften, die der Tel Awiwer Gesellschaft beim Erwerb von Werken und Stiftungen beratend und helfend zur Seite stehen sollen. „Die Nette Welt" nimmt diesbezügliche Anregungen und Mitteilungen zur Weiterleitung entgegen. AUS PALÄSTINA. " 1 - *•** Die Zwangssonntagsruhe in Athlit aufgehoben. Jerusalem, 8. Jänner.' Der High Commissioner Sir John Chancellor hat der Jüdischen Telegraphen* Agentur mitgeteilt, daß .die.Verordnung über die Z w a n g s s.o. n ri t a g s r u h i* in Athlit außer &raft ge« setzt wurde. , . , Ernieaussichten Dezember 1930. Das landwirtschaftliche Departement veröffentlicht einen optimistischen Bericht über;die Ernteauesachten im Dezember 1930. Obgleich die ersten Regen, die am 2. November fielen, nicht im ganzen Lande von gleicher Stärke waren,1 genügten sie doch in verschiedenen Teilen, um die Saat zum Keimen zu bringen. Die darauffolgenden Regen der ersten Dezemberhälfte haben diesen Prozeß überall, außer im Beerscheba-Distrikt, gesichert. In den südlichen Gebieten litten die noch vor den Dezemberregen gesäten Kulturen infolge der Trockenheit. Im ganzen Lande wird noch gepflügt und gesät. Die Getreide- und Futterpreise sind etwa* gestiegen. Für das auf den Markt '■ kommende Frühgemüse werden normale Preise erzielt. Die Olivenernte war schwach, dagegeuvhat die Bananen ernte ausgezeichnete Erträge; gegeben. Was die Ernte in Z i t r u 6 f r ü b h t e n (Orangen, Zitronen, Grapefrucht) anlangt, so rechnet man mit einem Durchs c h n i 11 s e r t r a g. Im allgemeinen wird die Produktion in diesem Jahre wegen dee Hinzukom: mens der zum ersten Mal tragenden Flächen größer sein als die de6 Yorjabres* r^^*0'r:.'a|h g<e'h.e,r n t e< ist. in, vollem Schwünge. Die Marktpreise, in England sind zufriedenstellend und höher, als erwartet wurde. Ganz ausgezeichnete «Resultate - hat die diesjährige Kohl e rnt e aufzuweisen. Die 'Anbaufläche ist im Vergleich mit dem Vorjahre vergrößert worden. Vier Teilnehmer am Massaker von Safed begnadigt. Jerusalem, 7. Jänner. Der High Commissioner vpii Palästinay%Str John Chancellor, hat vier Araber aus Safed, die wegen Teilnahme an den Massakers im August 192 9 und Mitschuld an der Krmord« n g m eh rerer Jude n verurteilt worden sind, begnadigt.'Von den Begnadigten waren drei, und zwar IIa); Khalii Gheinan, fShukhi Ibrahim Khaled und Abdul Rani Kädoura, wegtüi Niederbrenuuug der Häuser der Juden Brenziii und Goldzweig, wobei die greise Jüdin Sfjheindel Goldzweig den Tod in eleu Flammen fand, zu lebenslänglichem Kerker, der vierte, Salim Bastouni, wegen Niederbrennung des Hauses der jüdischen Familie Segall zu 15 Jahren Kerker verurteilt worden. Die Begnadigung erfolgte mit Rücksicht darauf, daß die, Verurteilten bereits das 70. Lebensjahr überschritten, haben. * , . : . . i; .; < . 1 Afghanische Juden an der Grenzüberschreitung na<?h Palästina gehindert. Jerusalem; 10. Jänner. Eine Gruppe von zwanzig jüdischen Emigranten aus Afghanistan war eine Woche lang gezwungen, im palästinensisch-syrischen Greuzgebiet hin und her zu wandern, da ihr weder in Palästina noch in Syrien die Niederlassung gestattet würde; Nunmehr ist es der Jewish Agency gelungen, von der Palästina-Regierung die Einwanderungserlaubnis für eine vierköpfige Familie und zwei Einzelpersonen aus dieser Gruppe zu erlangen. Die übrigen Mitglieder der Gruppe haben von den französischen Behörden die Erlaubnis bekommen, sich vorübergehend in Damaskus aufzuhaltend Zu der Gruppe gehören zahlreiche Frauen und Kinder, die unter der Irrfahrt der letzten Woche schwer zu leiden hatten. v) ' Die Schuldhart bleibt! Di/e „Official Gazette" vom 1. Jänner veröffentlicht dep Entwurf; einer neuen Verordnung über die S c h u I d^ h.M,t, :die...diea«s.Rechtsmittel,trotz, der von vielen Seiten dagegen erhobenen Einwände auch weiterhin in Kraft beläßt. Nach der Verordnung kamv künftig durc,h den obersten YpU|to ir^ fbj|^* r den Fällen verhängt werden: «) Wenn der Schuldner einem Urteil'iiber die Zahlung von Alimenten oder U n t er« teil t *täfiitum*'-- nicht nächkommt; b) Wenn der Schuldner in einer Strafsache der Zahlung der Strafe, der Gerichtskosten usw. nicht nachgekommen ist; c) Wenn der oberste Vollstreckungsbearate überzeugt ist, daß dem Schuldner vom Tage der Verkündung des Urteils an genügend" Mittel zur vollen oder teilweisen. Tilgung der Schuld zur Verfügung standen, er aber keine Zahlung geleistet hat; d) wenn, der Schuldner auf dem Wege von Schenkungen oder Eigentumsübertragungen eine Befriedigung des Gläubigers verhinderte; e) wenn der Vollstreckungsbeamte Grund zu der Annahme hat, daß Fluchtverdacht vorliegt. Mit Ausnahme des Falles unter b) darf die Haft nicht länger als 21 Tage dauern. Im Falle b) kann das Gericht an Stelle einer Pfändung eine Haftstrafe in der Weise verhängen, daß ein Tag Haft 100 Müs der Schuld« summe gleichgesetzt wird, wobei die Mindesthaft 7 Tage beträgt. Niemand kann für die gleiche Schuld wiederholt in Haft genommen werden. Jedoch hat der Gläubiger das Recht, auch nach Ablauf der Haft eine Pfändung des Schuldners vorzunehmen. Auf Personen unter 18 Jahren, auf Geistesschwache und auf pensionsfähige Regierungsbeamte findet die Verordnung keine Anwendung. Nach der palästinensischen Presse bringt die neue Verordnung . eine bedeutende Verschlechteru'ng für den Fellachenschuldner, der bei Inkraft* treten des Entwurfs dem Gläubiger schutzlos ausge* liefert ist. ' Alkohol und Religion* Die amerikanischen Gesetze gegen die Erzeugung und den Verkauf alkoholischer Getränke (Prohibition) inachen nur eine. Ausnahme. Sie gestatten die Verwendung von alkoholischen, Getränken, vor allem von Wein, für religiöse Zwecke. So auch die Abgabe von Wein für Freitag abend (Kiddusch) und Sabbatausgang (Hawdalah), Der amerikanische Geschäftsgeist und die besondere Lage der Rcligionsgesellschaften in den Vereinigten Staaten, haben es dahin gebracht, daß aus diesem Ge* setzesparagraphen Kapital geschlagen wird. Die amerikanische Bundesverfassung bestimmt nämlich, daß es überhaupt keine mit öffentlichen und Steuerbefugnissen ausgestattete Kirchen« gemeinschaf t geben darf. So sind alle Religionen auf die Gründung privater Vereinigungen ange* wiesen, für die es keinerleistaatliche Kpntrolle gibt. Jeder darf :also, in Amerika eine Kirche gründen,- die, streng juristisch genommen, sofort die gleichen Rechte wie etwa, die katholische bekommt. Und eines der wenigen dieser Rechte ist eben die Verwendung von Alkohol z u religiösen Zeremonien. ■ Weil es aber unvermeidlich gewesen "wäre, daß so« fort bei Beginn'.desr/Trö^kenIe^u%iSsföh^tfn dert und aber hundert Kirchen mit we i n s e 1 i g e n Riten auf getan hätten, so hat man von vorn* Hereinnur bestimmten Konfessionen und nur deren Priestern' das Recht,'Wein zu verkaufen, zugestanden.: . : So dürfen alle Rabbiner für sämtliche Mitglieder ihrer Gemeinde wöchentlich eine halb e w Fla s c h e Wein für den Säbbat beziehen und weitergeben. Diese Bestimmung hat nämlich natürlich sofort. dazu geführt, daß'zahllose „P r o s e ly t e-n1' sich','zum J'üdentlum b e k e h r t", in jüdische Gemeinden eingetragen undwden ihnen zustehenden Anteil für ihre Sabbatfeiern gefordert haben. Da nun jeder eine jüdische Gemeinde ■ gründen kann und jeder, der von ihr zum Rabbiner gewählt wird, als solcher von der Regierung deshalb anerkannt werden muß, weil ja auch die ältesten .; und. ange* sehensten Rabbinatsposten nicht anders besetzt worden sind,' so haben die Vereinigten Staaten in den letzten vier Jahren mehr „R a b b i n e r" hervorgebracht, als irgend eine Periode der Hochblüte talniudischer Gelehrsamkeit des Mittelalters. Auf die Dauer kann sich die amerikanische Regie« rung das natürlich nicht gefallen lassen. Den ,;Trockehen" ist. der Rabbinerstand auch schon lange ein Dorn im Auge. Sie'haben jetzt schließlich einen Antrag im Senat ein* gebracht, nach welchem radikal mit diesen Mißständen aufgeräumt werden soll. Sie fordern, daß die Regierung in den von Juden bewohnten Vierteln eigene Verkaufs* stellen von Kiddusch*Wein einrichten solle; die sich . jeweils von der Gesetzestreue des' einzelnen Ab* uehmers zu überzeugen hätten. Wenn nun auch nicht zu erwarten steht, daß man sich in Amerika Polizisten gegen* über außer mit einem Paß auch mit Zizith*Schaüfäden wird ausweisen müssen, so rechnet die jüdische Presse doch damit, daß mit dem auch von ihr vielfach gerügten Handel mit Pseudo*Kiddusch*Wein aufgeräumt wjrd. Eine jüdische Armee von 30.000 Mann im 13. Jahrhundert. In der Zeitschrift „S u 1 a m i t h" findet sich der folgende * Bericht: „Der. Kaiser Adolph von N.a.s sauführte' gegen das Ende des 13. Jahrhunderts in einem Kriege gegen Frankreich an dreißig* t au s en d Jud e n bei seiner Armee. Cuspinianus .a^ber, ein Chronikschreiber jener Zeit, der uns .dieses Faktum altbewährt hat, fügt hinzu: „Nicht weil er in ihre T^pferkeii ein besonderes Vertrauen setzte» sondern daß sie, im Vordertreffen aufgestellt, den ersten A n* griff des Feindes auffangen möchten." Eine grau* same, unmenschliche Absicht! —* Hätte man sie als treue, njannhafte Verteidiger des Vaterlandes' aufgestellt, warum sollten sie nicht ebenso tapfer gefochten haben, als die