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Die neue Welt · 1930-12-12 · Heft 169 (12.12.1930) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 169 (12.12.1930)
Date
1930-12-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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0*140 12 DIB NEUE WELt Nr. m GRABSTEINE FRIEDLÄNDER <ft DEUTSCH Wien, l. Bes., Seiientiettengaste 2, Telephon Ü'28'U28 JH., Zentralfrtedhof, neb. d. /. Tor, Telephon V-18 0 8S JllllllllllltllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIilllllllllllllllllllHIU > iiegründet 1882 I Ubensversicheransspuni||Y< I | Gesellschaft ■rnUmA § | Zentradirektlon: WIEN I« Rienergaise Nr. 2 | i VefiiAenranbeiönil ptr Mitte 1S38 2450 Millionen Schillintj S s letltlngniimu »Mimtopita 4.M0.001-SdiilHng s Frlnlsnonl ZlsseneUmafiasn Jlhn 112t 125 Millionen Shilling s s GirtntienHttl per Ende 1929 300 Millionen Sdtillino InsaMnp in VenWitrle tn Jlhn 1929 301 Millionen Stttllling s 5 Tätigkeitsgebiet: Owtcfreich, Deutsches Reich, Frankreich, s Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- 5 s lantf. Türkei. Aegypten und Palästina. niiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii? 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Wem es fröhlich ist zu Mute und wem traurig, na hast du gesehn, wem zum Lachen und wem zum Weinen, wem das Herz stillstehn will und wem.'s gelüstet, ein Tänzchen zu machen! Wie sagen wir im WenesSanetojkef . . ." Die Chasenfrau war erst im Begriff, eine Weiberpredigt loszulegen und ihrem Gevatter ein Vivat darzubringen, wie es sich gehört Da mengte sich aber die Tochter ein, die an diesem Frühmorgen sonderbar fröhlich war. ' .V - '-i jM > '■> '• „Mutter, den Wene*Sanetojkef'laß izuro Neujahrs» taglr Jetzt, wenn du ^s, erlebt hast, daß, deine Tochter Braut geworden ist, und du selbst hast mir zugeredet, weriin nicht' dazu gebracht, müssen wir nachdenken, wie am besten diesen Tag und diesen Abend verbringen." „Kindchen, was gibt es da nachzudenken?" äußerte die .Chasenfrau ihre Meinung. „Man muß Menschen zu« sammenrufen, Urkunden schreiben, Teller brechen, sind wir doch Juden auf der Welt, na hast du gesehn." Aber wie bitter war es für die Arme, die Chasen* frau, von der Tochter zu hören-, daß man Menschen nicht zusammenrufen, Urkunden nicht zu schreiben und Teller nicht zu brechen brauche — es sei bei ihnen fertige Sache. Sie haben sich als Braut und Bräutigam erklärt und das ist alles. Mit verwunderten Augen betrachtete die fromme Mutter dieses?schöjie, glanzvolle Paar und. war nicht.ganz befriedigt. Zwar alles gut. Alles fein. Alles kein bös Auge. Sie sind beide jung und schön und reich und berühmt. Dank sei dem lebendigen Gotte. Sie hat keine Beschwerde vor ihm, aber was würde es Gott zum Beispiel stören, wenn es bei ihnen ein bißchen mehr jüdisch zuginge nach alter' jüdischer Art? Wäre es nicht schöner, ein Minjan Juden, und wirkliche Juden, heimische, mit Barten und mit Kappen? Würde sich im Zimmer bewegen, und daß auch ein Row da sei und ein Chasen und ein Schammes, der Row soll den Segen sprechen, der Chasen soll die Um künden' lesen, der Schammes soll den ersten Teller zur Erde werfen und alle Anwesenden sollen ausrufen „Ma* seltowl" Was ist das Schöne darin, daß Bräutigam und Braut einander unter dqm Arm halten, der Bräutigam ohne Hutumhergeht und selbst sein Vater, der Gevatter — ihm ist auch die Kappe auf dem Kopf zu schwer. Ein wüstes Land, dieses Amerika 1 So denkt sich die fromme Chasenfrau und läßt ihr verbittertes Herz auf des Gevatters Kopf, warum er keine Kappe trage. Sie sagt zu ihm: „Na, junge Leute. Wenn die sich so frei gehn lassen, ist's noch nichts. Heutige Welt, wie ihr das nennt, Künst» ler, aber ihr, ein Jude mit einem Bart, na hast du ge« sehn . . ,M Bei diesen Worten blickte alles einander an: Stell» machs Bart hatte letztens vom Barbier einen schlimmen Schnitt erfahren, so daß nur das Merkmal eines Bartes geblieben war. Und alle lachten auf außer der Chasen» frau. Sie erhob ihre frommen Augen und erblickte ihres Gevatter» restliches Stückchen Art und sagte nichts mehr. - }.'<\ '50. Kapitel, i ' . . Ein Tag des Glücks. Glück und Mißgeschick, das sind Gäste, die sich, wenn sie jemand aufgesucht Haben, fest einbürgern und ,dks „Lebewohl" vergessen. Wenn es einem -in den Schoß fällt, ist's kein Spaß. \ Meir Stellmach war einer jener Glücklichen, bei dem .'das Glück sich niedergelassen und ohne Unterlaß ge* lächelt hat. So Geld wie Ehre ergossen sich vom Himmel, rissen sich zu ihm und kröchen ihm in die Stube hinein. Ihm hat jetzt nur eines gefehlt: Freude an seinem Sohn erleben — und er hat sie erlebt. Wenn es irgendwann auf der Welt einen glücklichen Vater gab, so war es an jenem Tag bestimmt kein anderer als der glücklichste aller Väter Meir Stellmach. Er spürte die Erde nicht unter sich. Es trug ihn in den Lüften. Aus großer Freude nahm er die Kinder und ging mit ihnen; in die größte -Bijouterie, Heß sichdie feinsten pj^antei).t.|Heigen/''tmd' bat,Rosa, .sjeh das Schönste und Teuerste zu wählen auf seine Rechnung — „nicht gegeizt mit seinem Geld". Und Rosa tat ihm zu* liebe. Sic zog ihn heran zur Liste, wie es sich gehört, .„nicht gegeizt mit seinem Geld". Meir Stellmach mußtp an jenenvTage einbekennen, es sei das erste Mal in seinem Leben, daß er Geld mit so breiter Hand und so leichten Herzens liefere. Es gab an« scheinend gar keine Sache auf der Welt, die ihm ah jenem Tag für Rosa zu teuer gewesen wäre. „Seelchen, at hazi hamalcbus", sagte er in der heiligen Sprache ob der großen Freude und erklärte es auf Jiddisch: „Die Mond* scheibe vom Himmel!" Nach dem Essen, da, wohl ums Herz, wie einem König beim Wein, Stellmach Vater bei seinem Sohn in einem weichen Fauteuill, halb aufgeknöpft, mit einer Ha* vanriazigarrc im Mund, saß und Stellmach Sohn durchs Zimmer hin« und herschritt, auf seiner alten Stradivarius* Geige phantasierte, rückte Meir Stellmach zu Rosa hin und begann ihr leise angenehme Worte als Geheimnis zu* zuflüstern. Das Geheimnis war, ob sie wisse, wieviel sein Grischa mitbringe. _v' Rosa, die, auf ihre Hand gestützt, da saß und von Grischa und seiner Geige kein Auge ließ, hörte das Ge* heimnis nicht und wollte es nicht hören. Ihre Seele war jetzt ganz dort in jener Welt, wohin die himmlischen Melodien sie trugen, die der große Zauberer Grischa Stell* mach so leicht und so glatt aus seiner alten und seltenen Stradivarius*Geige herausholte. Nicht ein wunderbar beleuchteter Saal in der. großen Welt, nicht ein glänzendes, gewähltes Publikum von Aristo* kraten, Magnaten, Millionären und Damen. der Gesell* schaft, fingen diesen maestro ein und trugen ihn in eine Welt himmlischer Gesänge, göttlicher Musik und paradiesi* scher Melodien. Nein. Ein einziges Wort nur, das gute, süße Wort „Ja", das ihm Rosa erst heute sagte — dies eine Wort trieb diesen jungen, großen Zauberer an, auf seiner Geige Wunder zu zeigen. Und seine Geige spielte nicht, sie sprach. Sprach in göttlicher Sprache. Eine Sprache, die nur ein großer Künstler sprechen und ein großer Künstler-verstehen kann. Es schien, als schwebten Engel in dieser Welt des himm» lischen Gesanges, in diesem Meer unirdischer Stimmen. Sie schwebten auf und nieder. Sie grüßten und sangen in tausend, tausend Tönen. Sie lobten und . priesen den, der diese große schöne Welt des Gesanges, der Musik, der Schönheit, des Zaubers und der Liebe geschaffen hat. Nein, Grischa Stellmach hatte schon lange nicht mehr so gespielt. Grischa Stellmach hat noch niemals so gespielt wie an jenem Frühmorgen. An jenem Frühmorgen wurde Feiertag begangen in seinem Herzen. Ein Jubel, eine Freude in seiner Seele. Hundert Gärten erblühten dort, tausende Vögel sangen dort. Und er hörte nicht auf, in seiner göttlichen Sprache zu sprechen, immer süßer und stärker. Er hörte nicht auf, Rosa auf seiner Geige schöne Geschichten zu erzählen. Er hörte nicht auf, vor ihr zu träumen, süße, aus Gold gewebte Träume — und Rosa, die diese göttliche Sprache mehr als alle verstand, lauschte diesen schönen Geschichten, diesen süßen, aus Gold ge* webten Träumen. Es schien ihr, daß bald, bald das Leben vergehe, bald, bald die Seele, entfliehe und sich an die Welt der Gesänge hefte und in diesem Meer himmlischer Musik und uhirdischer Melodien ertrinke. Grischa war zuende und Rosa vergaß an den Vater Stellmach und fiel jenem um den Hals. Sie war' ihm auch zu Füßen gefallen, so gerührt war sie von seinem heutigen Spielen. Sie faßte sich aber bald, lief zum Fortepiano, schlug es auf, nahm ein paar mächtige Akkorde und be* gann zu singen ohne bestimmten Plan, ohne. Noten, ein* fach so in die Welt hinein. Sie sang nicht, es floß aus ihr. Es strömten Rouladen und Triller Es trugen sich Gesänge und Melodien, solche, die. kein Ohr noch je gehört^ die kein Konzertsaal noch aufgenommen hat. So singt eine Nachtigall für sich einsam' im Wald, schüttelt aus der Kehle ihre verborgenen Gefühle hervor, die tiefe Sehnsucht ihrer einsamen Seele . . . Das war ein seltsames, seltenes Konzert, ein Konzert aus dem Stegreif. .Wieviel tausend Dollar würden die amerikainschen Yankees für dieses Konzert bezahlen', dachte sich der glückliche Vater Stellmach, der einzige Zuhörer dieses seltenen Stegreifkonzerts, und zerging fast vor Freude und Glück. „Wißt ihr, Kinder, was ich euch erzählen werde?" sagte der glückliche Vater nach dem Konzert.;, „Wißt ihir, was ich in dieser Minute ausgedacht habe?" * „Was haben Sie in der Minute ausgedacht?" fragten beide, ihre jungen, leuchtenden Gesichter zu ihm wendend und ihn mit ihren in diesem Augenblick verliebten und vor Glück blitzenden Augen ansehend. Der glückliche Vater griff sich mit der Hand dorthin, wo einst ein Bart gewesen war, und sang im Gemorah*Ton heraus: '. , . . „Wenn der Schmerz des Gebärens wirklich .so groß ist und wir wirklich einen so guten Gott haben und der gute Gott uns wirklich einen so guten Tag geschenkt hat und der Abend bei uns ohnehin frei ist, wäre es vielleicht in Ordnung, eine Spazierfahrt ins jüdische Theaterzu machen. Ich werde es schon bei meinem, amerikanischen Vogel erreichen, daß wir heute ganz und gar frei sind, ganz allein. Was sagt ihr dazu, meine lieben- Täubchen?" Die lieben Täubchen blickten einander an und riefen mit offener Freude aus: „Allright, in einjüdisches Theä.ter, allrightl" '; '• ■ „Und, vom Theater, meine lieben Canarierivögel; in ein jüdisches Restaurant zu jüdischem Fisch'und jüdischem Braten-und jüdischem, gefüllten Hals?" , „Bravo, bravo!" stimmten die lieben Canarienvögel lachend zu und dann ging's von einem: zum andern, in welches Theater man fahren soll. In New'York; gibt es doch einige jüdische Theater — und was. man heute spiele. „Was man heute spielt? Gleich werde ich, euch's sagen." Ist doch Stellmach, was gibt es da zu sagen, ein Gubitel des Jargon/Er kauft jeden Tag alle. jüdischen Zeitungen. Sein Zimmer ist voll und voll von jüdischen Zeitungen, Journalen und Büchern. Er weiß gar nicht, wo er sich hintun soll mit so viel Papier. Hinauswerfen, ist eine Sünde, ein jüdisches Wort ist ihm heilig. Es mit sich führen, dazu braucht man Vanderbilts Vormögen für be* sondere Kasten und Koffer. Und Meir Stellmach ging den Berg mit jüdischen Zeitungen an, die auf dem Tisch durcheinanderlagen, blätterte auf einem Fuß stehend und schlug sich an die Stirn. (Fortsetzung folgt.) Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. — Druckerei" und Ver<ags*«VG. Igoas SteiQmann. beide Wien, IX. Uolversitfttsstnße 6-&

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