Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 168 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE NEUE WELT tfr. m GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEU7SCH Wien, L See., SeHentieHengasse 2, Telephon Ü-28'1-28 XL, Zentralfriedhot. neb. d.i. Tor, Telephon U-180 85 jiiHiiiiiiiiiiiiiifHiiiiiiiiiiHiiniiiiiiiiiiiiMiiiiimiimmiiiiii: 5 usgrundet 1882 £ f LehensversKheninss .PHÖNIX' § Gesellschaft | Zentradirektlon: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 5 fasiditmigsktstMii per Witt» 1930 2450 Millionen iüiniino «ollttngeuhlf« KktitnUpitii 4.000.000.- Sdiillinp - s 5 Prämmv und rinJiniiniahmsB in Jahre 1929 US Millionin Sthiflino s 5 Garentiemmei per Ende 1929 300 Millionen Mino 5 RHsnblongen an Yenidiertt n Jelire 1929 30'5 Mniionen Schilling s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Fran' reich. Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s 5 Republik. Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- E land. Türkei. Aegypten und Palästina. E »lllllfllllllllllllllllllllllllllllllllllUIIIIIIHHIIIIfllllllllllllllll? 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Dem hat Stellmach einen Brief geschrieben,, auf drei großen Bogen Papier, wie es seine Art ist, über alle vier Seiten, eng und mit ganz kleinen Buchstaben — was er von der Hole* neschtier Chasenfrau ausgestanden habe. Stellt euch vor, er hat ihr selbst ein Quartier mieten müssen und das just bei einem bessarabischen Juden, einem Schächter, und sie bekanntmachen müssen mit ihren „nächstzimmerigen" Nachbarn, ihr zwei Paar, aus zweiter Hand stammende Leuchter für den Lichtsegen kaufen müssen. Und Lea wollte unbedingt, daß die Leuchter aus Messing seien, denn seit sie Hausfrau ist, so sagt Lea und schwört bei der Tochter, hat sie den Lichtsegen nur bei Messing* leuchtern gesprochen — geh hin, wirf alle business weg ^und such ihr auf East»Broadway zwei Paar Messing* leuchter. Meir Stellmach, der arme, schwitzte tüchtig, bis die' Leucnter besorgt waren. Ihr glaubt, iertig zu sein? Man muß eine Schul suchen gehen, fürs Beten. Die Schul erledigtj stellt es sich heraus, daß sie ihr Frauenbetbuch in der großen Eile in Holeneschti beim Buchbinder zurückgelassen habe — geh und such einen jüdischen Büchhändler und kauf ihr ein Frauenbetbuch. Und dann, was ihm das Essen zu schaffen gemacht hat, bis er das richtige Restaurant gefunden! Denn als man ihr im ersten Restaurant, wohin er sie geführt hatte, beim zweiten Besuch ein Gericht vorsetzte, das brakfish heißt, sagte sie, Fisch wolle sie essen, aber kein brakfish, denn wer weiß, vielleicht sind es Scherenfische . . . und wie man ihr sagt, es seien keine Scherenfische und überhaupt kein Fisch, sondern Fleisch, und es heiße nicht brakfish, sondern brakfeast,, Mittagmahl, sagt sie, es mag heißen wie es will, sie habe niemals Ekliges gegessen und werde es auch heute nicht essen. Kurz und gut, Meir Stellmach mußte mit ihr ein Stück Thora durchmachen, aber was tut nicht ein Vater seinem Kind zuliebe. Denn erstens will er nicht, daß Rosa mit der Mutter durch die jüdische Heaster street herum» gehe — das fehlt ihm hoch, und zweitens hofft er, daß durch der Chasenfrau Verdienst mit Gotteshilfe sich die Hochzeit herausschälen würde und vielleicht sogar bald. . Es ist wahr, er hat in der ersten Zeit mit der Chasenfrau genug zu arbeiten, hat fast Blut gespien, bis er es erreichte, daß sie mit dieser Partie einverstanden sei. Gute Zeiten, wenn Stellmach sich mit seinem Grischa aufdrängen muß, Löcher in die Erde einknien vor einer Holeneschtier Chasenfrau, daß sie die Partie annehme, aber.was tut nicht ejw Vater einem Kind zuliebe? Die Chasenfrau, versteht ihr, hat ein für allemal zäh fest* gehalten: Der Jüngling ist zwar ein feiner Jüngling, man kann nichts sagen, und ein Verdiener ist er auch. „Wer sagt denn, daß nicht? Aber was hat man von alldem, wenn er, der Arme, ein Musikant ist, na hast du gesehnt" Da wendet der arme Stellmach ein: allen Juden gesagt — sein Sohn ist genau so ein Musikant wie er ein Row. Da sagt sie: er schreibt .heilige Bücher?.. . Darauf gibt er ihr zu verstehen, daß. 6ein Sohn ein Künstler ist Antwortet sie ihm: dreißigmal Künstler, wenn er auf der Fiedel spielt, ist er ein Musikant. Wirklich ein feiner jünger Mann, ein Verdiener, wer1 sagt denn, daß nicht. Soll ihm Gott seine Bestimmte schicken, wie er es ver* -dient, na hast du gesehn. Und ihrer Tochter soll der Oberste etwas anderes bescheren, denn ihr Mann, er ruhe in Frieden, hat selbst nicht auf einer Fiedel gespielt «n'4 sein- Vater hat nicht auf einer Fiedel gespielt; und seines,. Vaters Vater hat, nicht auf *ler Fiedel gespielt — wenn man sagt die Cholera von einer Frau, ist nichts weiter darüber zu reden. Dafür aber, als Stellmach es schon erreichte, daß sie auf die Partie eingehe, hatte er in der Chasenfrau einen wirklichen Schatz gefunden. Es war nur schwer, bis man mit ihr selbst wegen der Sache fertig geworden war. Kaum aber war sie nach kurzer Zeit Ueberlegenzur Ein* sieht gelangt, daß der Jüngling für Resl wie angemessen sei, hatte sie sich an die Tochter angesetzt wie ein richtiger Egel: ein* für allemall Wie lange noch herumtollen, in ihrer Familie ist es bewahre noch nicht vorgekommen, daß ein Mädel bis in den grauen Zopf sitzen bleibe... er, er ruhe in Frieden, würde er jetzt leben, würde er breiter , als länger werden; Er würde gewiß s^gen, es sei vom Himmel, aber wenn Gott ihn gestraft habe, er, er ruhe in Frieden, nicht die Gnade gehabt habe, soll sie, ihr zu längeren Jahrep, wenigstens, dazu ausersehen sein, solange die Füße auf sich den sündigen Leib tragen, na hast du gesehn!... —:r— — — — ——- - ' „Kurz, was soll' ich euch lange , aufhalten, lieber Freundj wir haben einen großen Gott, einen starken Gott, und ich danke ihm und lobe ihn alle Tage, daß er mir diese Frau hierhergeschickt hat, damit sie ihrer .Tochter den Kopf picke. Sie wird solange picken und picken, bis es sich herauspicken wird, und ich werde euch wahrschein* lieh bald einen Maseltow schicken und euch vielleicht bitten, daß ihr gefahren kommt zur Hochzeit, entweder nach London oder vielleicht noch hierher nach New York, und ihr werdet doch gewiß ein guter Freund sein und es uns wahrscheinlich nicht abschlagen. Aber oh, wie erlebt man es schon, Herr der Welt!" Das sind die Worte, mit denen Meir Stellmach einen seiner längsten herzlichsten blumigen Briefe an seinen wahren guten Freund geschlossen hat. 49. Kapitel. Maseltowl Es ist Erfahrungssache in der Welt, daß eine gute Nachricht nie darin kommt, wenn man sie erwartet, son* dern immer unerwartet. Meir Stellmach saß am Schreibtisch, bei sich im Hotel, und schrieb einen, Brief nach Hause an seine Ehe* frau. Er beklagte sich vor ihr über das Land Amerika, das so ferne liegt, von der ganzen Welt losgerissen, und über den Tumult und über das Huha und den Lärm, der hier herrscht — ein. richtiger Jahrmarkt. Und 'überhaupt beklagte er sich über die Kinder, daß sich bei ihnen die Sache so lange hinziehe. „Was' soll ich dir'schreiben, teures Eheweib, es hält bei ihnen ganz von vorne", beichtete Meir SteÜmach seinem Weib. „Es ist bei ihnen eine Geschichte ohne Ende, eine lange Krankheit,-eine sich hinziehende lju .. ," „Ljubow". wollte er wahrscheinlich hinsetzen, man unterbrach, ihn aber durch Klopfen an der Tür^ ' - '; : '• ■ „Come in", rief.Stellmach mit jüdischem. AJczent in .Epglisqh aus und mit.e(nent'Töpfall,-daß .au«;',,Gj3nje in" komen wurde und aus komen kojirien, wie es -Artiist bei ■ unseren Brüdern überall^ die Qrtssprache zu yerjü.dis^hen. tynd es traten die Kinder," Grischa und Rosa, ■ein, beide : in' Sportkleidern, böide mit leuchtenden Gesichtern und mit'glänzenden Augen. „Papa, uns kommt - Maseltow zul" Im nächsten Augenblick war SteÜmach wie gelähmt und blaß wie der Tod. Er hatte noch nie seinen Grischa so glücklich gesehen und auch Rosa-hatte noch'nie ein so leuchtendes Gesicht wie an-jenem Frühmorgens Beide Kinder blühten wie junge Blumen im Frühling. Der Vater BEB BEI BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF ,DIE NEUE WELT1 ZU BERUFEN I EINLÖSUNG g*°1d SILBER PLATIN G. A. SCHEID WIM VI, aumpendorferatr.89 Wien I, Fiant-JORefs-Kal 49 Wien VII, Kaiserstratte 67/69 Rainer Wien VI Dürergasse 4 lllllllllllllll iL. 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Der Sohn, der selbst auch nicht wenig aufgeregt war, bemerkte des Vaters Tränen. „Warum denn Gewejn, Papa?" „Wein ich denn?", sagte der Vater, sich die nassen Augen wischend. „Wer hat dir gesagt, daß ich weine, Närrchen?" „Nein, Gott bewahre, wer sagt denn, daß Sie weinen", bemerkte Rosa lachend. „Sie weinen nicht, aber Tränen fließen bei Ihnen wie bei meine? Mutter, wenn die Tage des Weinens da sind. Wenn es bei Ihnen so ist, was wird dann erst meine Mutter sagen, wenn sie von der Freude erfährt? . . , Grischa, wir fahren zur Mutter.** Das Vaterherz in Meir Stellmach verging fast 'vor Freude. •■' '; ' »Zur "Mütter, zur Mütter", wied'erbWte Meif "Stell* mach Rosas Worte und begann im Zimmer hin und her zu laufen, sich die Taschen abzutasten und zu suchen, was — wußte er allerdings selbst nicht. In der großen Hast vergaß er gar, daß er nach London cablen müsse; an seine Frau; diese glückliche Botschaft. Und er'bestieg zusammen mit den Kindern ihr Automobil .und los ging» zu dritt ins jüdische . New York Downtown, zu Lea der Chasenfrau — ihr Maseltow bringen.; / Lea, die Chasenfrau, saß an jenem. Frühmorgen wie an jedem Frühmorgen beim Frauenbetbuch, war mitten drin im Beten, als vor ihrem Quartier im jüdischen New York mit Hast und Lärm ein großartiger Motorcär mit einem Schwarzen in weißen, umgestülpten Stiefeln vorfuhr. ... Es ist ja wahr. In New York ist ein Automobil und ein Neger gar keine solche Seltenheit, daß 'sie; Bewunderung hervorriefe. Aberf ür jüdische Kinder, Rangen von der jüdischen Gasse, ist : das doch eine Angelegen* heit. Man kann es betrachten, darüber reden, 'es streicheln und dem schwarzen Menschen mit den weißen umgestülpt ten Stiefeln die Zunge zeigen — das hat, ja Gott selbst befohlen. Ein Glück, daß es einen Chauffeur gibt mit fürchterlichen Brillen auf der Kappe, der: eins über Hals und Nacken versetzen kann. Sonst würde die Bande be* stimmt hinauf auf den ungeheuren. Wagen, der aussieht wie ein lebendiges Tier auf Rädern, und eine Spazierfahrt durch die Stadt machen — sollen sie nur gaffen, die Leute von der Hasterstreet, der Teufel in ihren Väter und in ihre Mutter .hinein! .; ' ..; .;; - ,/.! ,' Als erster sprang aus dem Automobil Vater Stell« mach hinaus. Er wollte das. Verdienst haben, der Chasenfrau die'gute tNachricHt, und als. erster den Maseltow zu bringen.„'Er' flog zu ihr' wie.ein; Wirbelwind: hinein. „Guten 5Morgen euch, - Maseltowl Wißt ihr? Wir sind verschwägert." ',' . Stellmach hatt.e angenommen» daß die Chasenfrau . unbedingt das Betbuch, wenn. sie eine solche ' Nachricht hört, zur Seite schieben und außer sich geraten werde. Er hatte-sich" aber zu güterletzt geirrt.' Sie ' wies ihni einen Stuhl, daß er eine Weile platznehme, und sie'selbst stellte sich mit dem Gesicht zur Wfcnd, das Acbzehn»Gehet zu sagen. Stellmach setzte sich zur. Seite und auch die Kinder : mußten,,als sie; mit .-lautem Guten Morgen ■ eingetreten waren und •' die Chasenfrau mit dem Gesicht zur' Waqd sahen, sich hinsetzen und warten, bis sie' das Axhzehn» Gebet und, das .andere B,etenV erledigt hatte. Und erst :'dann, Maseltow .rujng .arjhörend und ein Blatt im Frauen* betbüch einschlagend, sägte sie zu den Kindern folgen*; dermaßen: „Maseltow euch und mit masel sollt ihr leben, Denn was ist sonst der Zweck des Menschen, na hast du gesehen! (Fortsetzung folgt.) Eigentümer. Verleger. Herausgeber und verantwortlicher. Redakteur Oberbaura« Robert Stricker. — Druckerei» and Verlag$»A.*G Unaz Steftmanh. beide Wien. IX. Universitätsstraße 0—8.