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Die neue Welt · 1930-11-21 · Heft 166 (21.11.1930) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 166 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis '•v V« b» b* BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S'4.20, ganzjährig S 16.—, Polen monatlich Zloty 2.—. Vierteljahrig Zloty 6.- . Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljahrig Kc. 15 — , Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig.Dinar 40.— Rumänien monatlich Lei 40.- vierteljährig Lei 120,—. R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschiana monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—, Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20 Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.— Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweb ei Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4„ HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion and Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: B-48-504 — Erscheint reden Freita Jahrgang 4 Freitag, den 27. November 7930 Nr. 166 ran filDENMAUf BREIT jj^ ihrem Schicksar überlassenen jüdischen Studenten wird. Heute sind es „antisemitische Lausbuben", welche der jüdische Journalist bespöttelt und der jüdische Bürger im Kaffeehaus mit einem Scheltwort, einem Achselzucken abtut. Morgen sind diese „antisemitischen Lausbuben" das bestimmende Element im staatlichen Leben: Beamte, Richter, Lehrer, maßgebende Politiker. Je widerstandsloser sich ihr Treiben an den Hochschulen gestalten kann, desto intensiver und übermütiger wird sich ihr Antisemitismus in Amt und Würden auswirken. Und diese chikanierten jüdischen Studenten, um die sich keiner ehrlich kümmert, diese von den eigenen Genossen und der Bürgerschaft verlassenen Verprügelten und Beleidigten von heute? Sie sind doch die Zukunft des jüdischen Volkes. Prügel und Beleidigungen, Widerstands- und hilflos hingenommen, verderben die Seele und beugen den Charakter. Wehe einer Gesellschaft, deren Jugend gezwungen ist, sich schön an die Wand zu drücken, Fußtritte still einzustecken, Spießruten zu laufen, Vorlesungen zu „meiden", allein zu sein" in Schmach und Pein! Wehe einem Judentum, das seine Zukunft so vorbereitet! * '. ' ..* v , . ''. - 4 Wie konnte es in der Stadt Wien, in der Stadt Theodor Herzls, yon.vwo.der Ruf nach Aufrichtung. . der nationalen- Wüi»de/ ausging- und.. / wo er ' fleqt, erstenV..nia^htigsteiuHide«hÄll''-Jand, so* weit, so tief kommend , Es gibt dxicfc. dtfeser Stadt eiiTttgie tausende jüdische Hochschüler;und weit über, iwei-; malhunderttausend Juden, freie Bürger. Iii dieser Masse müssen Überfallene, besudelte und be-. spiene jüdische Studenten allein, verlassen bleiben; ohne brüderlichen Beistand? Eine Gesellschaft, in welcher der, Glaube* an die eigene Kraft und das Gefühl für die eigene Würde erloschen ist, wird zur ^stumpfen Masse, mag sie noch so viel Intelligenz und Kapital in sich haben. Sie wird zum Freiwild. Jeder kann sie vor sich her jagen. Dieses traurige Bild einer von außen her getriebenen Masse bot das Wiener Judentum. Zwei. Tage vor den Hochschulkrawallen, bei den Wahlen Wien l, Herrengasse 2 (Eck« Michaelerpl.) RIKLAME-VERKAUFt 1. WOCKE CREPE MAROCAIN, reirie Seide, sehrschwereQuali1ät,stattS18.- UM S 12 50 A Prügel/ Prügel ♦ ♦ ♦ Was ist's mit der jüdischen Studentenschaft? Der Aufschwung des Antisemitismus an den Wiener Hochschulen fiel zeitlich mit dem Auftreten Theodor Herzls zusammen. Es war in den Neurizigerjahren. Die deutsche Studentenschaft faßte in Waidhofen den Beschluß, der ausspricht,, daß jeder von einer jüdische n M u 11 e r Geborene ehrlos ist, daß man die Juden wie schmutzige Insekten ansehen, vertreiben, vernichten .soll. Auf der anderen Seite sprach Herzl das Zauberwort: „Aus Judenjungen sollen j iin'g e Juden we r den!" und hunderte, tausende ' jüdischer Studenten strömten zusammen, einer trat eng an den. anderen,' mit heißen Wangen, fqst .enfe^hlßssen,, „nicht =,ein ,Zollbreit Widerstands-« .^(^^^s^^^.|3enf.4^vniciht t-ein-Zollbreit--'»-•jüdisches B^cht, nicht ein Zollbreit jüdische Ehre. Da gab es Kampfe an den Wiener Hochschulen. Kämpfe! Der deutschen1 Uebermacht gelang : es hie und da, nach hartem Ringen der jüdischen Studentenschaft eine physische Schlappe beizubringen. Nie eine moralische. Nach jedem Zusammenstoß schloß sich die jüdische Studentenschaft enger, entschlossener zusammen und die'jüdische Bürgerschaft, wenn auch parteimäßig, fernestehend, fühlte stolz mit dieser akademischen Jugend. Ein Kampftag an der Universität war auch ein Kampftag für die jüdischen Bürger., Nie blieb; der Überfallene jüdische Student aTlein! Nie allein,.-. .;'. /. :.. * ... ,/, So war es in den Zeiten der monarchistischen Rgalftion, , da.klerikale und feudale Antisemiten herrscjhten.- Und 'die nationale, die zionistische Organisation war klein. Aber Herzls Geist lebte in ihr, sein Wort war ihr Gebot. Heute leben die jüdischen Studenten. und die jüdischen Bürger in der freien. Republik Oesterreich. Und es gibt eine ganz größei.weltumfassende zionistische Organisation^ mit1 Präsidenten und Generalsekretären und Hunderten von Zeitungen. Aber Herzls Geist und Herzls Wort sind verflogen wie Schall und Rauch. Heute gibt es! kein Aufwallen, keine Empörung im jüdfse'lfen 'Bürgertum', keine „Kämpfe an der Uniydrsität'V Heute gibt es nur Zeitungsnotizen und Prügel, Prügel . . . .■ " .i ■ . ■ . ' ' .! - In den' Berichten über die tumultuösen Vorgänge'an den Wiener Hochschulen herrscht eine abscheuliche Gleichförmigkeit. Einzeln oder dutzendweise werden jüdische Studenten aufgegriffen, mit Ohrfeigen und Fußtritten bedacht; sie müssen-Spießrutenlaufen und fliegen hinaus. Dann gelit-eine „Abordnung" zum Rektor, wird „empfangen'!; .oder, auchnicht empfangen. Einige Zeit „meiden" .die. Jjiden gewisse. Vorlesungen. Die Zeitungen bringen zwei Tage Berichte von „Augenzeugen". ,I)e.r. jüdische Bürger" liest sie' zwischen. z\y,e} ^arteiip^ct.ien, schimpft ein bißchen auf die' anti^eniit^schen „Läusbuben." . (von den jüdischen Studenten und' ihrem Schicksal spricht er überhqupt jnicljt) und spielt weiter. Damit ist die Sache abgetan bis zütti nächsten Krawall. '.: *; . . '!• Der jüdische Bürger täte doch gut daran, darüber nachzudenken, was aus diesen „antisemitischen Lausbuben' und aus; diesen verprügelte», Bei Erkallungs^Krankheiteit/ rheumatischen, gichtischen und nervösen Schmerzen sind Togal- Tabletten unübertroffen. Togal scheidet die Harnsäure aus und geht daher direkt zur Wurzel des Uebels. — Fragen Sie ihren Arzt. — In allen Apotheken. Preis S 2.40. ins österreichische Parlament. Auf der einen Seite stand eine „Jüdische Liste" als Ausdruck des Bestrebens, die Juden zum Widerstand, zur Selbstwehr zu sammeln. Auf der anderen Seite stand die österreichische Sozialdemokratie mit einem der Mehrzahl der Juden wesensfremden Programm, mit ihrer antijüdischen Praxis, von jüdischen Renegaten geführt. Die Sozialdemokraten sprachen das Wort „Pogrom!". Das Wort genügte und die Juden begannen zu laufen. Weg von der Jüdischen Liste, hin zu denen, die das Drohwort sprachen. Nickt ein. Fünkchen von Glauben an die eigene Kraft. Pie Juden, vom Bankdirektor bis zum Schammes, vom Freigeist bis zum Orthodoxen, liefen und liefen. Sie begnügten sich nicht damit, den Männern von der Jüdischen Liste die Stimmen zu verweigern. Mit Hohn und Spott — als Narren und „aussichtslose" Streber — wurden jene übergössen,!Welche den Glauben an jüdische Kraft und jüdische Würde zu vertreten wagten. \ Uiid -das Xra^;>nii'sdhef Jugend Svürd'e initgerissen in den Taumel ■ der blassen -Furcht und Selbstverleugnung. Aufrufe der „Jüdischen Liste" an diese Jugend fanden taube Ohren. Gleichmütig, ironisch gestimmt, sah diese Jugend zu, wie ein Häuflein von Männern, Frauen und halben Kindern, Jungen und Mädels, sich abmühten um die jüdische Ehre* Auch die jüdischen Akademiker liefen zum größeren Haufen, glaubten sich am besten geborgen bei der großen, fremden Masse. Jetzt: stehen sie allein da. Vereinsamter als je. Erniedrigt, verhöhnt, mit Fußtritten und Spießrutenlaufen bedacht. Rings um sie .Schweigen, hier und dort ein wenig Mitleid, geringschätziges, demütigendes Hitleid. Aber das macht nichts. Ist doch das große Ziel erreicht. Die „Jüdische Liste" ist gefallen! Man hat den Narren und Strebern die verdiente Abfuhr beigebracht! Palästina im englischen Unterhaus Qeheimvevivag mit dean Mufti? — Lloyd Georges Anklage* — Sfuels macht eine Anleihe für die Araber« — JViacDonald in Verlegenheit» (Von unseren!. Londoner Korrespondenten.) London, den 18. November. In London sitzen mit der Arbeiterregierung um den „Runden Tisch" herum indische Maharadschas, um über die zukünftige Verfassung Indiens mit England schlüssig zu werden. Böse Zungen bezeichnen das malerische Verhandlungsmilieu als „Zirkus". Jedenfalls fehlt der Führer der großen indischen Nationalbewegung, Gandhi, es fehlt der indische N a t i o n a l;k o ngreß, der «ach wie vor die .Bewegung „Los von England!" führt. Das Sensationelle ist, daß dieser indische Nationalkongreß just jetzt, da für Downingstreet die zweite brennende Frage, die Palästina-Politik, in höchstem Alle im redakfionellen Teil befindlichen entgelt» liehen Notizeu sind durch ein beigefügtes E be/eidjnet. (ober> •Ohl««.) ANTHRACIT höchster Qualität BÄSCH, IV. ToLohmt «'««-403 Ar9«ntinier«traDe 23 Twtpwo» ^,41.3,37 Maß akut ist, auch in diese Politik eingreift: nicht in dem Sinne, wie man es bisher der Welt vormachen wollte, sondern durchaus mit großer Sympathie für die jüdische Sache. Die Exekutive des Nationalkongresses in Kalkutta hat nämlich in aller Ruhe einen Geheimvertrag veröffentlicht, einen Geheimvertrag zwischen der englischen Regierung und dem Großmufti von Jerusalem. Dieser Geheimvertrag soll. nichts anderes enthalten als die bindende Abmachung, wonach England die jüdische Einwanderung nach Palästina sistiert und jüdischen Bodenkauf verbietet» wofür der Mufti sich verpflichtet, unter den Mohammedanern Indiens für englische Interessen und gegen die indische Freiheitsbewegung Propaganda zu machen. Der Veröffentlichung dieses Geheimvertragfes gingen im übrigen Erklärungen eines Sekretärs der indischen Nationalexekutive voraus, der auf ' seiner Tournee in den Vereinigten Staaten die Juden der Sympathie der indischen Nationalbewegung Versicherte und Andeutungen machte, daß zwischen britischer Re*> giej^qg. und den arabischen Notabein Palästinas voll«» Einverständnis herrsche. Diese Nachricht platzte mitten hinein in die englisch-indischen Round-Table-Verhandlungen und in die ±

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