Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 165 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen •t imt& n«uww' 'x*1 98t V« bt bg BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.»; Polen monatlich Zloty 2.—. vierteljährig Zloty 6.— . Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— Rumänien monatlich Lei 40.- vierteljährig Lei 120.—. R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.— , Bulgarien monatlich Lewa 40.—, . vierteljährig Lewa 1.20 Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.— Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 150. vlerteliährlg Schweizer Francs 4.5 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion and Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: B-48-504 — Erscheint reden Freit Jahrgang 4 Freitag, den 14. November 1930 Nr. 165 Eine ehrenvolle Niederlage. Niehl leben/ m'dit sterben! — Der Totentanz der Assimilation« §diar* — Neue Zeiten in Sidif* Die heroische * Wien, 11. November. Die Wiener Judenheit ist am 9. November zur Wahlurne geschritten", um durch ihren Stimmzettel zu demonstrieren, welche Interessen sie in diesem Staate vertreten wissen will. Sie hatte Gelegenheit, für ihre ureigensten Interessen zu stimmen, den Willen zu voller Gleichberechtigung und zu jüdischem Eigenleben in diesem Staate kundzutun; kundzutun, daß sie eigene Interessen hat, deren Erfüllung im Rahmen der österreichischen Verfassung eine Sache ist des Bürgerrechtes und der Billigkeit; kundzutun, daß sie uicht fürderhin gewillt ist, als Handlanger fremdem Parteiengetriebe zu. dienen, den einen zum Trutz; den anderen zur hämischen Freude. Die Wiener Judenheit konnte das kundtun; denn es gab in diesem Wahlkampf eine Liste, die willens und befähigt war, einer solchen Haltung gerecht zu werden. Es gab eine „Jüdische Liste". Die Wiener Judenjieit. hat diese Gelegenheit nicht ergriffen. Sie hat der „Jüdischen' Liste" eine Niederlage Bererteit; Von rund 120.000 jüdischen Wählern, welche sechs jüdische Mandate bringen könnten, hat es nur 2134 Stimmen für die „Jüdische Liste" gegeben. Dieses Resultat ist natürlich beschämend. Es war vorauszusehen und ist just und mit vollem Bewußtsein von jenen Männern vorausgesehen worden, die die „Jüdische Liste" in den Kampf geführt haben; ja mit vollem Bewußtsein und in klarem Erkennen aller Konsequenzen. Seit mehr als 25 Jahren gibt es eine jüdische Volkspolitik in den Ländern der Diaspora. Gründliche Einsicht in die Situation, in der sieb das Judentum befindet, und die Kenntnis vom Wesen des Antisemitismus hat uns gelehrt, daß jedes gewaltsame Einfügen in ein fremdes politisches oder soziales Gebilde die Judenfrage verschärfen, den Judenhaß erhöhen müsse. Aber dieses Wissen ist der Wiener Judenheit gewaltsam genommen worden. Wir wußten, daß unsere Liste auf keinen Sieg hoffen, konnte. Wir mußten aber dem Wiener Judentum die Ausrede nehmen, es hätte unter den gegenwärtigen Umständen keine Gelegenheit, seine Gesinnung zu deklarieren. Was jedoch der Wahl selbst seinen Stempel aufdrückte, waren zwei Momente, die so recht die jüdische Situation Oesterreichs beleuchten. Das erste ist bekannt Man weiß, daß die Juden der österreichischen Sozialdemokratie jede jüdische' Regung im Keim ersticken, jeden Selbständigkeitswilleii verdächtigen an^ herabwürdigen. Besonders augenfällig kam es bei der letzten" Wahl' zum Ausdruck. Abgesehen vou der Tücke des Wahlrechts,, das eine Konzentrierung kleinerer Gruppen unterbindet, ist diesmal, wie wir es schon während unserer Wahlarbeit dargelegt haben, mit Zuckerbrot und Peitsche gearbeitet worden. Die Juden Wiens wurden in der unerhörtesten Weise eingeschüchtert. Man malte ihnen den Pogrom an die Wand, man bedrohte sie an Leben und Gut. Und auf der anderen Seite bot sich Urnen die Sozialdemokratie als einzige Schützerin vor Terror und Faschismus an. Stimmvieh oder Vernichtung, das war diesmal die Parole von rechts und links. Da.s zweite Moment war für viele etwas überraschender. Nicht einmal die, größten Pessimisten konnten eine Fahnenflucht der offiziellen Zionist^n annehmen, konnten annehmen, daß die offizielle zionistische Landesleitung der mit dem Einsatz höchster Energie und seltener Opferbereitschaft arbeitenden „Jüdischen Liste" in den Rücken fallen, wichtige Tendenzen im Zionismus liquidieren, sich dem feindlichen assimilatorischen Lager anbiedern werde. Zwar war bekannt, daß nicht wenige der offiziellen Herren ihre blau weiße Gesinnung mit der roten der österreichischen Sozialdemokratie bedenkenlos zu verbrämen verstehen, aber daß die Hüter des offiziellen österreichischen Zionismus in der Stadt Herzls die zionistische Lehre von der Judenfrage ' gerade■. in ' einem lebenswichtigen Augenblick über Bord^ werfen werden, das war immerhin ein überraschendes Schauspiel. Unter dem Druck dieser beiden Momente wurde der Trümmerhaufen des jüdischen Bewußtseins in Oesterreich* ans Tageslicht gebracht und ein nicht sehr erhebendes Bild ins Licht gerückt: von Pogromangst erfüllte, vqnider roten Ässimila:- tipn korrumpierte, vqm offiziellen Zionismus zuili Verrat j^rfüjhrie L' jüdische ' ^Wähler. ' Ju s^teher Siliiation konnte der innere W^rle* tausende>'*-Jtta^iif'• nicht zum Durchbruch gefengeja. DerTypus dö»' armen, verlassenen, angstschlötternden Juden, der nicht ein noch aus weiß und schließlich der Drohung, der Feigheit, f dein Fingerzeig seiner sogenannten „Führer", erliegt, beherrschte das Wahlfeld. Aber unsere „Jüdische Liste" hat auch einen Bei Nervenschmerzen/ Kopfschmerzen, rheumatischen und gichtischen Schmerzen wirkt Togal ganz vorzüglich. Laut notarieller Bestätigung anerkennen über 6000 Aerzte, darunter viele bedeutende Professoren, die hervorragende Wirkung des Togal.- In allen Apotheken. - S *.40. änderen Typus gezeigt. Und wahrlich I Es hat sich gelohnt, ihn zu sehen: 2134 jüdische Frauen und Männer, die ihrer inneren Ueberzcugung Ausdruck gaben! Nicht die Drohung, nicht die Aussichtslosigkeit, nicht der Fingerzeig von seiten unzuverlässiger Elemente konnte sie um ihre zionistische Haltung auch in landespolitischen Dingen bringen. Wer den Karneval der Angst, der Würdelosig-. : keif -und: der Feigheit gesehen c hat,* wird: sich - •. vör ,diesen'2i54 jüdischen Frauen und Männern verbeugen. . .; , t r. Noch einmal: das Wahlresultat ist für das Wiener Judentum beschämend, aber ein wichtiger Zweck der „Jüdischen Liste'* ist deutlich geworden. Das Wiener Judentum kann nun nicht mehr: anders als sich dessen inne werden, , was seine Aufgabe in Zukunft ist. Ob es will oder nicht, es wird sich dessen inne werden mijsseu. Die Zeiten sind nicht i ferny wo das; gesamte Wiener; Judentum "gefährenzl^cliobt^niijtBeschämung - iür. jsicjb iaüf Jene treue rJ'SeMt' blicken wird, die schon jetzt den Sinn der ' Vürdigen Manifestierung ihres Judentums erkannt hatl Früher als man glaubt, wird die Reinigung da sein von allen jenen Elementen, die sich heute getrauen, das jüdische Bewußtsein zu verdunkeln und machtlos zu machen. In diesem Sinne hat die „Jüdische Liste.' das erste Signal gegeben. Die zionistische Tagung in London* Beratungen des Aktionskomitees» Weizmanns politischer Bericht., Am 4. November begann in London die Tagung des Zionistischen Aktionskomitees, das zwecks Stellungnahme zu dem jüngst erlassenen Statement der britischen Regierung bezüglich Palästinas und zum Rücktritt Prof. Weizmanns von der Leitung der Zionistischen Weltorganisation einberufen wurde. Die Tagung, der auch der amerikanische Richter Mack mit beratender Stimme beiwohnte, wurde von Präsident Motzkin eröffnet. Präsident W e i z m a n n hielt das politische Referat. Er machte Mitteilung von Unterredungen, die er vor der Veröffentlichung des Weißbuches und des Simpson-Berichtes mit Lord Passfield hatte. Aus Andeutungen Lord Passfield.s konnte er schließen, daß eine unfreundliche Aktion im Gange sei. Er selbst, Weizmann, habe vor Passfield wederzum Weißbuch noch zum Bericht Simpsons Stellung nehmen wollen, da ihm die authentischen Texte noch nicht bekannt waren. In einem Gespräch vom. 15. Oktober habe es, allerdings schon einen Meinungsaustausch zwischen ihm und Passfield über die Landfrage"*gegeben. InWeizwarps Bericht kommt ferner zum . Ausdruck: Alle im redaktionellen Teil*iefin(üiehen entgaltliehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet BÄSCH, IV. Ar 9«nttnl« mitral« aa T«t«phon JJJifllJt! Am t7. Oktober wurden die authentischen Texte 'der Regierungserklärung und des Simpson-Berichtes Dr. Weizmann, der gerade eine Beratung mit Lord R e a ding und James Rothschild abhielt, zugesandt. Da mit Rücksicht auf das Wochenende nur sehr wenig Zeit zu Beratungen vor der Veröffentlichung dieser Dokumente zur Verfügung stand, ersuchte Doktor Weizmann Lord Passfield am Samstag abends, er möge ihn auf seinem Landsitz, Passfield Corner, empfangen. Lord Passfield beantwortete dieses Ersuchen mit der Erklärung, daß es ihm im gegenwärtigen Stadium nicht mehr möglich sei, irgend welche Aenderungen am Weißbuch vorzunehmen. Weizmann erzählt dann von einer Vorsprache des Revisionistenführers Meir Großmann, der Einblick in das noch nicht veröffentlichte Weißbuch genommen und dann in. einem Kommunique dessen Inhalt in kritischer Form: der Oeffentlichkeit übermittelt habe, was gegen Weizmanns Wunsch geschehen sei. f. ■'■Unmittelbar nach Veröffentlichung der Regierungserklärung sei fast die gesamte Presse, dem Weißbuch entweder neutral oder freundlich gegenübergestanden, bald habe sich aber ein Wandet in dieser Hinsicht bemerkbar gemacht. ..- Es bestehe, fuhr Dr. Weizmann in seinem Bericht fort, die Möglichkeit einer Erörterung der Frage im Unterhaus, doch sei es im gegenwärtigen Augenblicke schwer vorauszusehen,* zu welcher En t s c h e i-; d u u' g •. das ' Parlament. gelängen werde. Bezüglich der Haltung der Regierung bestehen für die Zukunft zwei Möglichkeiten: Entweder werde sie'-einen Rückzug antreten und ein erläuterndes oder kommentierende? Dokument herausgeben oder an ihrgr Politik, wie sie im Weißbuch niedergelegt ist, festhalten, v, Die Jewish Agency wendet sich an die eben in G^nf tagende permanente Mandatskommission des Völkerbundes mit der Bitte, eine etwa in Aussicht ge-