Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 161 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711779--2119-2715385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
** ' Seite 8 DIE NEUE WELT Nf. 161 Euer Kind! kleidet nach Maß, auch aus mitgebrachtem Stoff oder vom Lager, am besten nur totiial Klnder«oc!enwerltttBHa SCHONHID, M, Klein« Sparfgatsa 1 Prof. Bogoslavski, einer der bcdentendsten Brtickenbauingenienre Rußlands, gestorben. Leningrad, io. Oktober. (J. T. A.) In Leningrad starb im Alter von 75 Jahren der Professor am Lenin» grader Verkehrsinstitut N. B. V> o g o s 1 a v s k i. Bogoslavski, der Jude war, galt schon vor dem Kriege als einer der bedeutendsten Brückenbauingenieure Ruß* lands. Eine Reihe sehr großer Brücken, darunter eine über die Wolga, wurde von ihm gebaut. Die lettische Agrarreform. — Einige tausend Juden erhielten Boden zugeteilt. Riga, 9. Oktober. Anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Agrarreform in Lettland befragte der J.-.T.-A.-Vertreter den lettischen Landwirtschaftsmiuister G u 1 b i s über die Vorteile, die diese Reform der jüdischen Bevölkerung gebracht habe. Der Minister erklärte; Die von uns durchgeführte Agrarreform hat über hunderttausend neue selbständige Bauernwirtschaften geschaffen. Das Gesetz sieht keine Unterscheidung der Bewerber nach nationalen oder religiösen Gesichtspunkten vor, daher ist es schwer, festzustellen, wieviel Boden den Juden Lettlands im Wege dieser Reform zugewiesen worden ist. Gesetzlich bevorzugt werden diejenigen, welche sich schon früher mit Landwirtschaft beschäftigt haben, sowie die Teilnehmer am lcttläudi sehen Befreiungskampf. Da sich unter der Zarenherrschaft auf dem Gebiete des jetzigen Lettland nur sehr wenige Juden mit Landwirtschaft befaßt haben (im ganzen 441 Personen), konnte den lettischen Juden im Zuge der Agrarreform nur verhältnismäßig wenig Boden zugeteilt werden. Ein völlig anderes Bild ergibt sich aber, wenn-man die städtischen Verhältnisse betrachtet. Iri: den Städten hatten die Juden schon vor dem Kriege vielfach gärtnerisches Gelände zu Selbstversorgungszwecken in Pacht und diese Grundstücke wurden nunmehr in ihr Eigentum übertragen. Auf diese Weise sind einige tausend Juden durch die Agrarreform Bodenbesitzer geworden. Außerdem würde auch mehreren hundert jüdischen Teilnehmern am lettischen Befreiungskampf Boden zugewiesen. Aus der Zioiustisdien Landes* Organisation. Stellung zu der Nationalratswahl. — Antrag der „allges meinen" Zibnisten. — Erklärungen der demokratischen Zionisten, der Revisionisten und der Jugendverbände. Am 16. Oktober fand unter Vorsitz des Herrn Dr. G. Weiner eine Sitzung des Parteirates statt, welche sich mit der bevorstehenden Nationalratswahl befaßte. lm: Namen der „allgemeinen" Zionisten erstattete Dr. Desider Friedmann das einleitende Referat, in welchem er ein« leitend ausführte, daß die Frage, ob sich die Zionistische Landesorganisation; wie bisher mit Landespolitik zu be« fassen habe, heute innerhalb der Organisation und ihrer Leitung _ ungeklärt und Gegenstand der Diskussion sei. Mit Bezug auf die. kommende Nationalratswahl hob er hervor, daß es der Organisation an innerer politischer Geschlossenheit und Mitteln mangle, um eine Wahl* kampagno durchzuführen. Er stellte im Namen seiner Gruppe den Antrag, von der Aufstellung eine Kandidatur abzusehen und sich die Ausgabe der Parole, ob Wah 1* enthaltung zu üben oder eine fremde Liste zu unterstützen sei, vorzubehalten. Oberbaurat Robert Stricker, welcher namens der demokratischen Zionisten sprach, erinnerte , daran, daß seine Gruppe schon lange auf Klärung der Stellung der Landesorganisation zur Landespolitik gedrängt habe. Ohne Erfolg, weil Herr Dr. Friedmann und seine Gruppe die Entscheidung immer aufgeschoben wissen wollten. Nun ist, wie aus den Feststellungen Dr. Friedmanns klar hervorgeht, mitten in der Wahlkampagne der Zustand zu* tage getreten, daß die Landesorganisation außerstande ist, landespolitische Fragen zu behandeln und zu ent* scheiden. Eine nach früheren Angaben Dr. Friedmanns sehr große Zahl von Mitgliedern gehört fremden poli* tischen Organisationen an, darunter Mitglieder des Präsld iu ms und der Lei tung. Politische Doppel« Organisation ist politische Unehrlichkeit. So wie es un< anständig wäre, politisch' organisierte Sozialdemokraten etwa zur Arbeit und Abstimmung gegen die soziaidemo» kratische Partei zwingen zu wollen, wäre es. einfach für national eingestellte Mitglieder unerträglich, sich von politisch organisierten Sozialdemokraten •; ihre Haltung vorschreiben .zu. lassen.. Eine Landesorganisation, in welcher ein solcher Zustand herrscht, hat das Recht und die Fähigkeit eingebüßt, landespolitische Entscheidungen 311 treffen und Parolen auszugeben. Jeder derartige Ver* such müßte gegen die Regeln politischer Reinheit . ver< stoßen. Daß haben die demokratischen Zionisten bereits auf dem Delegiertentage im Juni d. J. festgestellt. Sie; wiederholen jetzt diese Erklärung, werden daher an landespolitischen Diskussionen und Abstimmungen in diesem Parteirate, welcher in landespolitischen Fragen nicht mehr kompetent ist, nicht teilnehmen. Sie behalten sich vor, in Angelegenheit der Nationaltatswahl das zu tun, was ihnen ihre nationaljüdische Gesinnung vor» schreibt, und sich an alle gleichgesinntcn Parteigenossen mit der Aufforderung zur Zusammenarbeit in Fragen der Wahl zu wenden.. Namens der Union der Zionisten,«Revisi o* nisten forderte Herr Dr. Gluck er die Aufstel* lung einer jüdischen Kandidatur. Wenn die Landesorganisation das ablehnen sollte, werden die Re* visionisten eine von anderer Seite aufgestellte Kandidatur tatkräftigst unterstützen. Namens der zionistischen Jugend teilte Herr Lustig mit: In seiner Sitzung am 9. d. M. nahm der Jugend« rat des zionistischen Jugend Verbandes zu den kommenden Nationalratswahlcn Stellung. Vertreten waren die Vereine Gdud Zeirim, Erez Israel, Makkabi Hazair, Brith Trumpcldor, Vereinigung der zion.sdemokr. Jugend und der Pfadfinderbund Zeirenu. Die Aufstel« lung einer jüdischen Liste wurde als not« wendig erkannt, nur der Jugendvercin Erez Israel sprach sich dagegen ausVSchließlich wurde beschlossen, folgende Resolution dem Parteirate vorzulegen: „Der Jugendrat des zionistischen Jugendverbandes fordert die Aufstellung einer jüdischen Liste für die bevor» stehenden Wahlen in den österreichischen Nationalrat und legt seinen Mitgliedern die Pflicht auf, bei den Wahlen aktiv mitzuarbeiten, die jüdische Liste zu wählen und für sie zu werben." Der Referent Herr Dr. Friedmann verzichtete auf das Schlußwort. Bei der Abstimmung, an welcher die demokratischen Zionisten und einige allgemeine Zionisten nicht teilnahmen, wurde der Antrag Dr. Friedmanns gegen die Stimmen der Revisionisten angenommen. o in der Generalversammlung des Verbandes demo* kratischcr Zionisten am 15. Oktober wurde beschlossen, die Aufstellung einer jüdischen Kandidatur gemeinsam mit allen erfaßbaren jüdischen Kräften zu betreiben. Die Aufstellung ist inzwischen erfolgt. (Siehe Aufruf auf der ersten Seite des Blattes.) Kongreß für das arbeilende Palästina* Das sozialistische Budget. — Ohne Klassenkampf kein Aufbau. Die Amerikaner wollen kein Programm. (Schlußbericht.) Beil Kat z e n e 1 S}0 n gibt in seinein Referat über das jüdische Arbeiterwerk in Palästina eine Darstellung : der revolutionären Motive der Arbeiterkolonisation, welche eine Revolte war gegen die Galuth, gegen das Leben von Händlern und 'Luft mens che n, aber auch eine Revolte gegen einen Zionismus, der keine Gelegen* , heit zu persönlicher Tat geben konnte, sowie eine Revolte sogar gegen die sozialistisclwzionistisch.cn Parteien, insofern ihre, Tätigkeit eine bloß politische und theore* tische war. Die kommunalen und landwirtschaftlichen Kooperativen, die sich die Arbeiterbewegung geschaffen hat, sind heute nicht mehr Experimente, sondern cüyc Massenbewegung. Es ist eine revolutionäre Tat, daß in Palästina der jüdische Arbeiter, welcher in allen anderen Kolonisationszentren, in;Cherson, in der Krim, in der Ukraine, in der Rothschildschcn Kolonisation, bloß Ob* j.ek.t der Kolonisationstätigkeit war, sich in Palästina zu ihrem Herrn gemacht hat. Auch in Palästina be* stand eine'Zeitlang die Gefahr, daß die Arbeiterschaft / ohne Einfluß auf die Gestaltung der Siedlung bleiben werde. Diese Gefahr wurde durch den ersten Streik gegen das Palästina-Amt gebannt. Heute sitzen die beiden Gegner im damaligen Kampfe, Dr. Ruppin und er, Katzenclson, im gleichen1 Beratungssaal. Besondere Bc* deutung für die Ermöglichung einer sozialistischen Kolo*f nisation haben die F i n a n z i n s t i t u t e d e s Z i o n i s* in us. In der blauen Büchse des Nationalfonds liegt ein Stück Befreiung der Arbeiterschaft, Die Arbeiterschaft hat für fiic Reinhaltung der ursprünglichen Nationalfonds* Prinzipien gekämpft. Ohne Nationalfonds wäre aber auch die Entstehung spezifischer Formen der Arbeitersiedlung unmöglich gewesen. Der Keren Hajessod ist nach einem Ausdruck Syrkina dazu bestimmt, das s o z i a U* s t i s c h e B u d g e t für Palästina zu werden. Vergleicht man schon heute das Budcgt des Keren Hajessod mit irgend welchen Regierungsbudgets, auch mit solchen von Arbeiterregjerungen, so wird man finden, daß es. viel weniger bourgeoisen Charakter trägt als jene. In der Nachmittagssitzung vom Montag hielt Joseph, Sprinzak sein Referat über die zion.isti« sehe. Belegung und die jüdische Arbeiter» s.chaft. Dje Beteiligung der jüdischen Arbeiterschaft an der Zionistischen Organisation sei nicht eine Koali* t i o n. mit *ijer Bourgeoisie, sondern eine Verbindung^ mit dem gesamten jüdischen Volk. Diese Verbindung sei nicht auf Gefühlsmomente zurückzuführen, sondern auf g c g en s ei t i g e s I n t e r e s s c. In der am Dienstag eröffneten Generaldebatte auf dem Kongreß für das arbeitende Palästina sprach als Erster der Fraktioqsvorsitiendc der Linken Poale Zloe, | VORNEHME FAMILIENPENSION § 1 vormals Dr. GRÜNBERG 1 AM SEMMERING I HOCHSTRASSE Nr. 43 (BEI HOTEL PANHANS) | § Pension von S 12.— aufw. Karfeehaus und Tanzg I Gelegenheit im Hause Besitzer: ECKSTEIN Tel § 1 Pemmering Nr. 11 Fliellende* Warm» u. Kalt* p H wsuer in jedem Zimmer g f|||||llllllllllllllllllllllllllll!ll!lllll!lt!l!llllllll!ll!llllllllllIIII!!llill!ltllllilllU^ Nir. Er führte ungefähr aus: Der Vorstand der Hista* druth hat der Zentralregicrung jener Mandatarmacht, die wir Okkupationsmacht nennen, keinerlei Schuld an den Ereignissen vom August 1929 beigemessen, sondern nur der Palästina*Administration; dies, obwohl die gesamte palästinensische Arbeiterschaft ganz anders dachte. Englands Interessen in Palästina sind: Schutz des Suez» Kanals, sonstige militärische und wirtschaftliche Inter« essen, da Palästina das Uebcrgangsgcbiet nach den Oela feldern von Mossul ist; Aufbau des jüdischen National« 1 heims ist nur Vorwand. Wäre es anders, so hätte der Hafen statt in Haifa, dem Ausgangspunkt der Bahn nach Bagdad und der Oelleitung, in Jaffa gebaut werden müssen, von wo der jüdische Orangenexport ausgeht. Wie in Indien und Aegypten sät England auch in Palästina Z w i e* t r a c h t zwischen den einzelnen Teilen der Bevölkerung, und alle Kommissionen nach Palästina sind entsendet worden, um den Gegensatz zwischen Juden und Arabern zu verewigen. Es wird keine Verständigung mit den Arabern geben, so lange die Okkupation andauert. Wir wenden uns gegen die von Brith Schalom gesuchto Vera ständigung mit den Arabern als Gesamtheit. Das arabische Volk ist nicht einheitlich, es besteht aus Klassen. Die Leitung der Histradruth ist aber dem Verständigungswillen der arabischen Arbeiterschaft nicht entgegengekommen. Organisierung von jüdischen und arabischen Arbeitern in zwei besonderen Sektionen ist eine Farce, weil die Araber nicht imstande sind, sich allein zu organisieren. Die palästinensischen Arbeiterfragen müssen mit Hilfe der außerpalästinensischen jüdischen Ar* beiterschaft gelöst werden, Palästina wird durch Privatkapital aufgebaut, daher muß der Klassen* kämpf dort ebenso, geführt werden wie in allen anderen Ländern. Am Dienstag, den 30. September, nachmittags, sprachen u, a. Morris M y e r*London, die Amerikaner Brown und Sblosberg und der Linke Poale Zionist A b r am o w i t s c h. Der Linken, die sich gegen jede Zusammenarbeit mit bürgerlichen Schichten der zionistischen Bewegung ausgesprochen hat, wurde vorge*' halten, daß selbst in Sowjetrußland auf eine Interessen*, gemeinschaft mit jüdischer Bourgeoisie (Joint) nicht ver* ziehtet worden sei. Die amerikanischen Delegierten; stimmten darin überein, daß eine Ausschaltung der Parteigegensätzc Voraussetzung einer erfolgreichen Arbeit am Palästina«Aufbau sei. Während jedoch Brown der Hoffnung Ausdruck gab, daß der gegenwärtige Kongreß einen künftigen vorbereiten werde, dessen Aufgabe Zu* sammenfassung der jüdischen Arbeiterkräfte in aller Welt und Erörterung des Gesamtkomplexes der jüdischen' Arbeiterfragen sein solle, wendete sich S h l o s b e r g ent*^ schieden gegen eine solche Tendenz. Der Kongreß möge sich auf die Unterstützung der Palästina*Bewegung be«; schränken. Weitergehende Programme würden, besonders' in der amerikanischen Arbeiterschaft, auf energischen Widerstand stoßen, da es nicht möglich sei, von einem Kongreß aus Ziel und Weg der Arbeiterbewegung in den verschiedenen Ländern zu bestimmen. In Amerika könne der Sozialismus vorläufig nur Leitgedanke eines kleineren Kreises sein; es sei dort schon eine revolutionäre Tat, die großen Massen der Arbeiterschaft für einen blossen „Labourismus" zu gewinnen. Abramowicz (Linke Poale Zion) führte aus, auch die Arbeiter* Regierung repräsentiere den englischen Imperialismus, der sich schon seit langem auf die Seite der Araber gestellt hat. Der Arbeiterminister Lord Passfield werde heute in Palästina in einem Atem mit dem zaristischen Minister P1 c h w e genannt. Prole« tarischer Zionismus bedeute nicht Burgfrieden, sondern Kampf gegen die zionistische Bourgeoisie. Rubaschow verlas ein Manifest an die jüdische Arbeiterschaft, die jüdische Jugend und die jüdischen Volksmassen. Der Kongreß proklamiert eine Weltliga für das arbeitende Palästina und konstituiert sich als Gründungskongreß dieser Liga. Der Kongreß der Weltliga soll eine dauernde Institution sein und alle dreiJahre tagen. Die Liga gelobt der Histadruth treue Gefolgschaft, sie wird für deren wirtschaftliche und p 01 i t i* sehe Autonomie kämpfen, und sie finanziell stützen. Ueber Vorschlag von Eliezer Kaplan wurde ein Rat der Liga geschaffen, der 25 Mitglieder zählen soll. 13 davon wurden vom Kongreß gewählt, die restlichen 12 werden, von den einzelnen Ländern entsandt werden. Der Rat, welcher mindestens einmal im Jahre zusammentreten soll; wird sich eine ständige Exekutive wählen und deren Sitz bestimmen. Nach einer Schlußansprache Beu>Guriona» in der er die vom Kongreß geleistete Arbeit und die erzielten Resultate würdigte, wurde der Kongreß am Mittwoch, den 1. Oktober, 10 Uhr vormittags, geschlossen. Der Kongreß stimmte in das Schwuohlied ein, während die Linke die Internationale sang. Unter Absingen des Bialikschen Liedes „Techesaknah" gingen die Teilnehmer am Kongreß auseinander, ,