Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 155 (5.9.1930)
- Date
- 1930-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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f Preis 35 Groschen V« Ii« bt BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—, Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.— , Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 4a-* viertefflhffg Lei 120.—. RE V U E mm W w mm BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—, Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20 Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.— Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Francs 1^/. vkrtellahrtg Schweiret Francs 450 Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: B»48*504 — Erscheint reden Freitag Jahrgang 4. SfiSSSBSSSSS Freitag, den 5. August 1930 Nr. 155 Der Tiefstand erreich!.... Von Robert Siricker» Die in der' Vorwoche in Berlin abgehaltene Sitzung der obersten zionistischen Behörde, des Aktionskomitees, ergab ein Bild des Standes der zionistischen Angelegenheiten,'das auch diejenigen tief» erschütterte, welche Niederlagen vorausgesehen und trübe Berichte erwartet hatten. Die politische Lage ist schlecht.. Was morgen kommen wird, weiß niemand. Die materielle Lage trostlos, sie grenzt an Zersetzung. Die Verfassung des Aktionskomitees, der Versammlung der zionistischen Führer, unsagbar traurig; Kein Neuer, kein Junger. Müde, abgearbeitete, ausgeschöpfte Meuschen,: seit * zwanzig und mehrJähren aneinande* klebend, einander zum Ueberdruß. Bevor er den Saal betritt, weiß jeder, wo der andere sitzen, was er b sagen, wie er stimmen wird. Ohne Entschlußkraft, zwischen Trostlosigkeit und törichtem Glauben an irgend ein Wunder, taumeln sie hin und her. Vormittags raffen sie sich auf und beschließen djesi nachmittags erschrecken sie vor der Mutanwandlung"und beschließen d{is Gegenteil. Und an»: ihrer Spitze ein Mann, dessen politisches Handwerk es;geworderi ist* Niederlagen zu beschönigen, der die Ifrsächen der Mißerf olge^üBSralT sucht, nu r seifest* De^s^ft^^fcfof'd e n tj'l a u b en y e r'l o r e n h a t iupd rj ^ch w e i t e r if'ü'hren will . . » ■ .' , ..... * ■•'VX-;-;- Das Programm heißt: Warten! Präsident Weizmann leitet die Erörterung der politischem Lage durch eine Rede ein. Maßlose Enttäuschung erfaßt " alle, auch seine unbedingtesten Anhänger. Er sagt — nichts. .,Er beriditet Dinge, die vor Wochen in allen Zeitmitgen stand en. Und so,. als hätte er gar kein Verhältnis zu diesen Dingen, als, nätten sich diese unglückseligen Dinge untrer der Führung eines unbekannten Dritten, nicht unter ^seiner Führung ereignet., Sein Programm für die weitere Arbeit; -Wa r t e n 1 Die englische Regierung erklärt, sie,:werde Pläne für die; zukünftige Politik und Arbeit in Palästina veröffentlichen, vielleicht im Winter, vielleicht im nächsten Frühjahr. Auf diese Pläne müssen wir warten! Tatenlos auf die Pläneefoer Regierung werten,, die .bisher alles getan hai, um die zionistische Arbeit zu ruinieren, deren Handlungsweise in, Palästina der Völkerbund; selbst als b ö swil1 i g, und v. q r t r a g s w i d r i g gebrandmarkt hat! Weizmann weiß nichts anderes zu sagen als: Warten! Er .hat das schon einmal gesägt. Nach den y.OQ. den Arabern) ausgeführten und, von englisdien Regierungsbeamten geförderten; Pogromen in Palästina flammte die Entrüstung des jüdischen Volkes auf, ein Protestschrei ging durch das Weltjudentum, Da winkte Weizni^nn ab und sagte; „W arten! Die englische Regierung schickt eine Untersuchungskommission nach? Palästina. Nichts Unternehmen, bevor die Kommission, gesprochen hat! Unser Recht muß selbst sieben. Warten!" Und die Juden gehorchten Weizmann und warteten. Aber die Araber warteten nicht, schrien, arbeiteten in der ganzen Welt, riefen ihre. Forderungen laut , aus,' stellten die Kommission unter Druckt So taten die dummen» unzivilisierten Araber. Wir . k^lijgen Juden folgten, der Weisung unseres - Staatsmannes und , schwiegen und warteten. ,- Danp;hat die Kommission gesprochen, zugunsten der arabischen Mördqr, vernichtend für den 3$ionis^usf letzt; sollen wir wieder warten, tatenlos warten.. Denn Weizmanns Programm ist: Warten! . Nichts gelernt. Die Arbeitereinwanderung nach Palästina ist gesperrt. Die dreitausend zurückgezogenen Zertifikate sind endgültig verloren. Jeden Tag kann eine gesetzgeberische Maßnahme erfolgen, welche das Schicksal der jüdischen Arbeit in Palästina der Willkür einer „gesetzgebenden Körperschaft" preisgibt, in Welcher Araber und antizionistische englische Beamte die überwältigende Majorität bilden. So ist die politische Lage, verhängnisvoll. Nur zwei lichte Punkte: 1. Die Mandatskommission des Völkerbundes hat sich gegen die Politik der englischen Regierung ausgesprochen, sie als Verletzung des Mandates verurteilt. 2. Die britische Regierung, welche auf die Sperre der Arbeitereinwranderung eine Verfügung folgen lassen wollte, die den freien Landau kau f durch Juden behindern sollte, hat im letzten Augenblick davon Abstand genommen. Der jüdische Proteststurm, der über die ganze Welt ging, hat ihr Bedenken erregt. Das sind zwei Erfolge, welche nicht dank der Politik Weizmanns, sondern i m Gegensatz zu ihr erzielt wurden. Weizmann hat von der Aufklärungsarbeit bei den 'Nationen und der zionistischen Arbeit beim Völkerbund immer geringschätzig, oft verächtlich und höhnisch gesprochen. Sein Gründsatz.; war: l^\,ui^;^ri)fe<l än d i svt m ä ßg e b,e n d!,. Die Bedeutung des Völkerbundes ist Null. Für eine Bewegung im jüdischen Volke in politischem Sinne hatte er kein Verständnis. Er hielt die „anonyme Masse" politisch für bedeutungslos und gar ihre Proteste für unnütz, ja schädlich, weil sie das „große, starke England" kalt lassen oder reizen. ISlun haben sich die von Weizmann immer und geflissentlich vernachlässigten Faktoren, der Völkerbund und die Stimme der „anonymen Masse" als Stützen in höchster Not erwiesen. Trotzdem man fast ein Jahrzehnt achtlos an ihnen vorbeiging und nur in den letzten Monaten der Verzweiflung den Weg zu ihnen fand, haben sie sich bewährt. Hat Weizmann jetzt ihren Wert erkannt? Nein! Seine Stellung zu diesen Erfolgen war kühl und er und sein politischer Referent haben über den Ausbau der politischen Arbeit beim Völkerbunde und im jüdischen Volke kein Wort verloren. Doch eines! Weizmann sagte: „Man darf nicht immer zum Völkerbunde laufen! Jetzt muß man mit den Protesten aufhören! Diese Dinge kommen nur in höchster Not in Betracht!" Also: Keine systematische, andauernde Arbeit! Flickarbeit in den Augenblicken der Verzweiflung. Das war und bleibt das politische Programm. Nichts gelernt! Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Wichtige Neuerscheinung I mr na In unserem Verlage erscheint soeben: MACHSOR (Festgebete Ittr die hohen Feiertage) mit vollständigem, ungekürztem Text, mit einer neuen Uebersetzung von Prof. Dr. Jakob Bronn er, Wien Diese neue Uebersetzun« zeichnet sich vor allen anderen, bisher vorhandenen durch ihren modernen Stil und ihre Klarheit aus. 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Den äußeren Anlaß bot eine Rede, die ich gehalten hatte. Nach dem ersten Referate Weizmanns hatte ein Arbeiterführer gefordert,,; a|le Mitglieder des Aktionskomitees sollen sofort unters Volk; gehen, um es aufzurütteln und aus ihm-die größten Opfer für Palästina herauszuholen^ ' Ich fragte ihn, womit er zum jüdischen Volke g^lien wollfc. Mit Forderunjgen '•-nach ' Kleink6!oiii8.jai||ip^* systematisch unterdrückt. Da gingen das jüdische Volk und seine Jugend von uns weg. Um sie wieder zu bringen, müssen wir wieder den Gedanken vom Judenstaate: unter sie tragen. Er allein Jtann das jüdische Volk zu höchster Opferwilligkeit begeistern. , Diese Worte nahm Präsident Weizmann z\via Anlaß, um rüclchaltlös und heftig gegen; Hqu Jüdenstaatsgedanjfen, gegen den innersten Kern des Zionismus, gegen den Zionismus selbst vorzustoßen. Er sagte: ' * -J. „Nie wird es einen Judenstaat geben! Ip Nebel der Kriegs jähre und der ersten Nachkriegs«- jähre haben Balfour, Lloyd George und icli an den Judenstaat geglaubt. Damals habe ich gesagt: »Palästina soll so jüdisch weiden, wie England englisch!4 Die Nebel sind verflogen. Ich sehe klar und habe den Glauben an den Judenstaat .verloren! Er wird nie sein. Im Mandat .steht:' ,Natiorialheim in Palästina, nicht Palästina als; iSj&tioiialheim!' Das ist kein, Judenstaat. Vom Judciistaate zu reden ist nur gefährlich/ Ich glaube niclit an den Judenstatjt!" ' '; 1 Auf meinen Ruf: „Aber wir glauben!'* hatte der Mann, der an der Spitze der Zionistischen Weltorganisation steht, nijup die ironisch-resigjaierte Antwort: „Ich beneide Sie um Ihren GlaubenP ijjin Führer , des Volkes, der den Glauben verloren hat, Der Sturm gegen -den Präsidenten. Die ungeheuerliche Rede löste starke Reaktion aus. Zuerst trat der alte Herzl-Veteran Josef Co Wen, der Vertreter der englischen Zionisten, auf. Er sagte, daß sich Weizmann mit dieser Rede außerhalb des Zionismus gestellt habe. Auch habe Weizmann die Geschichte des Entstehens der'1 JJaifour-Deklaration und des Mandates verzerrt 'dargestellt. Die Zionisten forderten den Ausdruck: „Palästina als jüdisches Nationalheim" und' Balfour und Lloyd George waren' 'einverstanden. Ueber Drängen der englischen antizionistischen Assimilationsjuden wurde dann der abgeschwächte, zweideutige' Ausdruck „ Jüdisches Nationalheim i n Palästina" aufgenommen. Wenn jetzt Weizmann das „Jüdische Nationalheim in, Polästina" als Endziel setzt v und Van* erkennt, dann spricht und denkt der Präsident der Zionistischen Weltorganisation so, wie antizionistische Assimilotionsjuden sprechen und denken« Co wen schlägt die Resolution vor: „Das Zionistische Aktionskomitee erklärt, daß es mit den Erklärungen des Präsidenten Weizmann nichts ge« mein hat."