Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 154 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 8 DIE NEUE WELT Nr. 154 LAURANA ab— Orlhod. kosch. Pension WEISS neu eröffnet Erstklassige Küche Mäßige Preise Auf Wunsch Prospekte Leben von Seiten des Staatsbudgets zur Verfügung stehem. So wurden heuer für diese Zwecke 800.000 Goldfrancs ausgeworfen, hievon für das jüdische Schulwesen allein 625.000 Goldfrancs umd für den jüdischen Kindergarten in Riga (60 Kinder) 30.000 Goldfrancs. Das Budget hat die Tendenz zu wachsen, insoweit als sich die Juden nicht auf Philanthropie konzentrieren, sondern im das städtische Budget ednzingliedern versuchen. Das wichtige pädagogische Hebräische Institut wird vom Staat erhalten. Das jüdische Theater in Riga erhält vom Staat 6000, von der Stadt 3000 Dollar Jahressubvemtion, ist völlig steuerfrei und nach fünf Spieljähren im Ausbau begriffen. Im Sejm ist das Judentum Lettlands durch fünf Abgeordnete, und zwar durch zwei Misrachi, einen Hitadhduth, einen Agoidah, einen Bund, vertreten. In politischen Fragen mangelt es an einem Zusammenschluß, während in Fragen jüdisch-kultureller Arbeit das Uebergewicht der zionistischem Vertreter eine Entwicklung sichert. Im letzten Jahr hat das zionistische Leben an Intensität gewonnen, hauptsächlich durch das starke Anwachsen der zionistischen Jugendbewegungen, die in ihre Einflußsphäre auch die ältere Generation einzubeziehen beginnen. Diese Intensivierung zeitigt ihre Früchte. Bisher abseits gestandene Massen besuchen zionistische Meetings und nehmein Interesse an zionistischen Problemen. Allerdings könnte eine einheitliche zionistische Organisation größeren Einfluß in der jüdischen Gesellschaft üben, als dies bei der jetzt herrschende^ Zersplitterung der Fall ist. Deshalb haben noch, da und dort assimilatorische und' sogenannte „unparteiische" Elemente Positionen inne, aus denen sie unter anderen Umständen schon längst verdirängt worden wären. Durch die starke Anteilnahme der Jugend an den .zionistischen Fonds sind diese in der letzten Zeit um das Fünffache gestiegen. Die zionistische Parteigruppderung zeigt in den Jahren nach dem Kongreß von 1927 folgendes Bild: An der Spitze marschieren die Revisionisten mit 34 Prozent; die Hitachduth besitzt 20 Prozent, der Misrachi 17 Prozent, die Poale Zdön 15 Prozent, die Allgemeinen Zioni6ten 14 Prozent. Diese Parteiengestaltung wird voraussichtlich bei den kommenden Kongreßwahlen eine Verschiebung erfahren, da ja wie überall auch in Lettland die Opposition im Wachsen begriffen ist. Aü§dhluß und Anleihe* .' Von Ludwig B a t o. ■ ' Vor ungefähr fünfzig Jahren hat in Ungarn die Idee -von der Alleinherrscaft des Magyarentums die Oberhand gewonnen und damit begann sich im Kreise der ungarischen Judenheit eine Wandlung zu vollziehen, die schließlich zur vollständigen Abgeschlossenheit und Absonderung von der gesamten jüdischen Welt führen mußte. Die jüdischen Führer in Ungarn waren in diesem halben nJahrhundert peinlich darauf bedacht, jeden Verkehrmit dem Judentum im Auslande abzubrechen, um solcherart vor ihrem Wirtsvolke als hundertprozentige Magyaren gelten zu können. Dieses ängstliche Versteckenspiel ging ja bekanntlich so weit, daß sie aus Anlaß des tausendjährigen Bestehens des ungarischen Reiches eine „wissenschaftliche" historische Arbeit in Bestellung gaben, die den Nachweis er- bringen sollte, daß die ungarischen Juden nicht von den aus Palästina exilierten Juden abstammen, sondern vom Stamme der Chazaren, die mit den Magyaren gemeinsam das heutige Ungarn eroberten , . . Die wenigen alten Herren, die noch aus der guten alten Zeit her der Alliance Israelite angehörten, starben allmählich aus, die zionistische Bewegung, die den-Wiederanschluß an das Weltjudentum bedeutet hätte, fand in der magyarisch-chauvinistischen Athmosphare nur wenig Anklang und so blieb die ungarische Judenheit in einer Art splendid isolation, die ihr Jahrzehnte hindurch gar nicht zum Bewußtsein kam. Die Enttäuschung der Nachkriegszeit, das Anwachsen der zionistischen Bewegung, der Aufbau Palästinas, die zur Mode gewordenen Reisen ins Ausland ttnd die hiedurch erfolgte Fühlungnahme mit ausländischen Juden, al) diese Faktoren ließen in weiten Kreisen des ungarischen Judentums in immer wachsenden Maße den Wunsch nach Anschluß an das jüdische Volk aufkommen. Diesem Drange ist es, auch zuzuschreiben, daß ein Teil der ungarischen Judenheit in die Jewish Agency eintrat. Diese aktive Bestrebung umfaßt aber nur einen Teil der ungarischen Judenheit, der größere Teil verhält sich noch immer verständnislos den großen Fragen des jüdischen Volkes gegenüber. Die Folge ist, daß die ungarische Judenheit nicht nur nach innen, sondern auch nach außen hin isoliert dasteht. Taucht irgend eine Frage, sei es kultureller oder sozialer, nationaler oder religiöser Art, in der jüdischen Welt auf, denkt niemand daran, die ungarischen Juden heranzuziehen. Sie zählen nicht, sie sind ausgeschaltet, denn sie haben sich selbst ausgeschaltet. Als vor kurzer Zeit die Delegierten der Rabbinerverbände aus allen Ecken und Enden Europas in Paris zusammentraten, um den jüdischen Standpunkt in der Frage der Klagemauer zu beraten und darzutun, fehlte das ungarische R a b b i n a t. Deswegen interpelliert, meinte ganz offenherzig der Grandrabbin von Frankreich, Israel L6vy, er hätte die ungarischen Juden nicht eingeladen, weil sie ja kein Interesse an Palästina haben. Nun kommt plötzlich aus Ungarn die Nachricht, daß vier prominente ungarische Juden nach Paris reisen, um dort mit der Alliance Israelite Universelle Verhandlungen zur Wiederanknüpfung von Beziehungen zum ausländischen Judentum einzuleiten. An diesen Besprechungen sollen Baron Adolf Kohner, Präsident des Verbandes der neologen jüdischen Gemeinden, Hofrat Samuel Stern, Präsident der neologen jüdischen Gemeinde in Budapest, Hof rat Josef V 6 s z i, Chefredakteur des Pester Lloyd, und Dr. Ludwig S;z a b o 1 c s i, Chefredakteur des Egyenlös6g, teilnehmen. Der Wunsch der ungarischen Judenheit, sich wieder mit dem jüdischen Volke zu vereinigen, an seinem Freud und Leid teilzunehmen, ist gewiß von jedem aufrecht denkenden und fühlenden Juden mit Sympathie zu begrüßen. Und doch entstehen bei der Lektüre der obigen Nachricht große Bedenken, die in der Wahl der Unterhändler ihre Begründung finden. Vor allem fält auf, daß mit der Alliance, die eigentlich in der jüdischen Welt heute nur mehr eine geringe Rolle spielt und sich in der Hauptsache auf ihr Schulwerk im Orient zurückgezogen hat, verhandelt werden soll. Noch viel größere Bedenken muß aber die Person der ungarischen Delegierten erregen. Baron Kohner beteiligt sich erst seit, kurzem am jüdischen öffentlichen Leben und hat sich erst jüngst dadurch bemerkbar gemacht, daß er bei der letzten Tagung der neologen Gemeindevertretung eine Resolution gegen die .Einwanderungsperre in Palästina mit der Begründung ablehnte, daß die Vertretung der Gemeinden „neutral" bleiben müsse. . Hofrat Samuel Stern steht erst seit einem Jahre an der Spitze der Budapester Gemeinde und kam als unbeschriebenes Blatt; in das Getriebe des jüdischen Lebens. Bei seinem Amtsantritt versprach er feierlich, der Gemeinde, die auf einem plutokratischen Kliquewesen fußt, eine demokratische Verfassung zu geben. Bisher hat er sein Wort nicht gehalten und alles deutet darauf hin, daß er es beim alten bewenden lassen werde. Am meisten verdächtig sind aber die beiden letzten Delegierten: Veszi und Szabolcsi. Veszi ist der Prototyp des servilen jüdischen Journalisten aus der liberalen Zeit, von dessen Gesinnung das alte Witzwort gilt: „Ich möchte die Regierung sehen, der ich keine Gefolgschaft leisten werdel" Und so ging Herr Veszi nach dem Sturze des Liberalismus zur Horthy-Regierung über und ist heute ihr getreues deutsches Sprachrohr. Er war es, der die Untaten des weißen Terrors zu beschönigen suchte, der auf das heftigste die ausländischen Juden angriff, die sich vermessen haben, gegen den an den ungarischen Hochschulen herrschenden Numerus Clausus Stellung zu nehmen, er war es, der im Vorjahre, als der Assimilant Paul Sändor gegen die Teilnahme der ungarischen Juden an der Jewish Agency Einspruch erhob, die Stange hielt, Er \ war stets einer der gößten magyarischen Chauvinisten und hat seinen Einfluß im jüdischen Öffentlichen Leben immer in diesem Sinne ausgeübt. Ünd Szabolcsi? Wer kennt ihn nicht, diesen edlen Juden, der die haarsträubendste Form der Assimilation vertritt, der jede Kooperation mit ausländischen Juden auf das entschiedenste ablehnt, der die zionistische Bewegung seit jeher mit allen Mitteln zu verunglimpfen J und die Palästinaidee in Mißkredit zu bringen sich bemüht? Es ist also klar, daß diese vier Männer nicht nach Paris fuhren, um das ungarische Judentum in das jüdische Volksganze wieder einzuschalten; nein, ganz andere Motive haben sie veranlaßt, sich mit den französischen Juden an einen Tisch zu setzen. Die Reise nach Frankreich hat einen ganz anderen Hiritergrvm<L Orth. -TOD « | VORNEHME FAMILIENPENSION | | vormais Dr. GRÜN BERG 1 AM SEMMERINGl | HOCHSTRASSE Nr. 43 (Bll MOTU PANHANS) | H Mäßige Preise / Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im I | Hause / Besitzer: tCKSTIIN / Tel. Semmering Nr. 11 § g Fließandes Warm« u. Kaltwatter | in jadam Zimmer I Die Placierung der neuen Anleihe verursacht der Regierung große Sorgen und da hat sich der edle Graf Bethlen seiner braven, ihm mit „homogialer" Treue ergebenen Juden erinnert. Er lud sie freundlichst ein, klopfte ihnen auf die Schulter und verlangte, daß sie flugs ins Ausland gehen, um den Boden für die Begebung der ungarischen Anleihe vorzubereiten« Die Juden hätten ja überall gute Beziehungen, er wisse es sehr gut, und er erwarte, daß sie ihre patriotische Pflicht erfüllen. Das Vaterland rechne damit. Punktum. Die Herren Juden verbeugten sich dienstbereit, gerieten aber in große Verlegenheit Jüdische Beziehungen? Woher? Wir haben uns doch im Dienste am Magyarentum systematisch vom Auslande abgesperrt? Da kam aber einem von ihnen die erlösende Idee: Wenn wir noch keine Beziehungen haben, können wir uns ja welche schaffenl Es heißt ja ohnedies immer wieder, daß wir ungarischen Juden verlassen seien und uns daher an das ausländische Judentum anschließen müssen. Wie wäre es, wenn wir unter dem Vor wände der Wiederanknüpfung der Beziehungen zum Weltjudentum die ungarische Anleihe placieren helfenwollten? Die Idee fand Anklang und so fuhren die vier Herren nach Paris, nicht ohne vorher in der jüdischen Presse ihren dringenden Wunsch nach Wiederanschluß an das ausländische Judentum kundgegeben zu haben. Ob sich die Alliance Israelite wird hinters Licht führen lassen? Das ungarische Judentum muß ganz andere Männer ins Ausland entsenden, wenn es den ehrlichen, aufrichtigen Willen hat, wieder als gleichberechtigtes Mitglied des die ganze Welt umspannenden Judentums angesehen zu werden, Männer, die das Vertrauen des jüdischen Volkes verdienen .und vor allem ohne Nebenabsichten den Anschluß suchen. Niemand kann daran etwas aussetzen, wenn Juden bemüht sind, ihrer Heimat ein Darlehen zu verschaffen; wehrt es aber in der Weise geschieht, wie es die Sendlinge der Horthy-Regierung versuchen, so wird ihnen die jüdische Welt von vorneherein mit Mißtrauen begegnen. sowie diverse Käsesorten in feinster Qualität, streng verläßlich, liefert Stauffer * söhne, Ktfsa» fabriken, Sopron, Ungarn Vertretung: Ludwig Schlecne, Wie« «, Prateretrefte 80 Teieehen R Chronik der Wodie* Lucien Wolf gestorben* Samstag, den 23; August, abends, ist Lucien Wolf im Alter von 73 Jahren in London verstorben. Lucien Wolfs Name war überall, wo Juden leben, bekannt, er hatte aber auch in der internationalen politischen Welt einen guten Klang. Lucien Wolf wurde 1857 in London ge? boren. Schon sehr früh widmete er sich der jüdischen Publi* zistik und jüdischen geschichtlichen Studien. Er erwarb sich, auf diesen Gebieten einen geachteten Namen. Später wandte er sich der aktiven Politik im Dienste der j ü d u sehen Interessen zu und wurde ein leidenschaft* licher Kämpfer für jüdische Gleichberechtigung in allen Ländern. Auf diesem Gebiete waren ihm mannigfache schöne Erfolge beschieden. Im Namen des Joint Foreign Committee of British Jews trat Lucien Wolf mit den Regierungen jener Länder in Verbindung, in denen die Juden keine oder nur geminderte Staatsbürgerrechte ge* nossen oder deren Gleichberechtigung angegriffen war, oder wo Juden Angriffen seitens einer aufgehetzten Masse ausgesetzt waren und nicht genügenden Schutz von den Behörden erhielten. Seit Bestehen des Völkerbundes hat Lucien Wolf das Schwergewicht seiner Tätigkeit auf Genf verlegt. Er vertrat die AngloJewish Association auf der Versailler Konferenz und setzte sich als der Vor« sitzende des Komitees der jüdischen Delegationen mit teilweise gutem Erfolg für die Erreichung jüdischer Minderheitenrechte ein. Die von Lucien Wolf im Namen des Joint Foreign Committee dem Jewish Board of Deputies und der Anglo Jewish Association regelmäßig vorgelegten Berichte über die Lage der Juden in den ver* schiedenen Ländern gaben einen Einblick in die unermüd* liehe Tätigkeit dieses Mannes im Dienste des Judentums. Erst vor einigen Tagen übergab er der J. T. A. seine Korrespondenz mit der rumänischen Regierung in der Angelegenheit der letzten Judenverfolgungen in Rumänien zur Veröffentlichung, Sir John Philby zum Islam übergetreten. Jerusalem, (J, T, A.) Aua Jedda wjrd berichtet, daß der englische Orient-Politiker Sir john Philby, der sich wiederholt jüdischen Persönlichkeiten n. a. auch Dr. Magnee genähert hat, um im Namen1 der Araber Veretändigungeangebote zu macheu, zum Islam Ubergetreten ist.