Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 151 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE NEUE WELT Nr, 151 GRABSTEINE F RIEDL ÄND EH & DEUTSCH Wien, /. Set., SeitentteHetqpite 2, Tetephon 0-28-7-28 XL, Zentralfriedhof, neb. d.i. Tor, Telephon U-18-0 85 Sportwagen $12* Kinderwagens32^ *» M. ENOELBERG, XX.» WallenafelnplaU 3 (Eingang Bluerfegasse 1) Filiale* *X., klosterneuburgerstraße 91 Telephon A-4L406 und A-47-4-97 . , Kauloge gratis ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihiiimiitniS | Qegründttt$82 i Ubensuersittierunss- DUliUlY' i | Gesellschaft »rnUlllÄ | | Zentradirektion: WIEHL, Riemergasse Nr. 2 | S KwiidwniniüMtiRä 2 «Hirtin Sdünq Z x VoBotaaszifttttt 4JHm~ S*ffiB8 Pride«- und Ztototiflubmea in m m 9/ M\«m SdMR&ia s s Gifldtitniiiel lüde 1928 242 HlHinien f&fllinq s JunMoitiu u als VenUwtm * JiviII18 265 s Tätigkeitsgebiet: Oeittrrtich, Dtuttchas Reich, Frantreieh, s s Btlglen. 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Die Königin*geriet so sehr außer Rand und Band, daß sie ihn auf ihre Rechnung im größten rumärnV sehen Theater, studieren. ließ. Der junge Rafalesco aber strebte immer zur jüdischen Bühne. Ich bin, sagt er, ein Kind des - jüdischen Volkes. Ich muß, sagt er, meinem Volk dienen, meiner" Sprache^ nicht JPremden. Und ein* mal, an einem schönen Frübmorgen, ging er mit einer jüdischen Wandertruppe davon,; die . zu jener Zeit in Rumänien .von Stadt zu Stadt wanderte. > Der Direktor jener Truppe war ein bekannter Schauspieler und-'hochgelehrter Dramatiker, , ein gewisser Hölzmann. Bernhard Hplzman, der .berühmte Verfasser des berühmten Werkes „Uriel Acosta''.' . r '.'•'' i ' '■ Hier mußte ihn der Reporter unter brechen. . „Excuse, tnc, Mr. Schyfiilb", 4er .Verfasser von Üri'cl Acosta ist nicht Holzman, sondern .'Kaül-Gutzkow.'' ' Nissl Schwalb gehört aber nicht zu jenen, die sich; verlieren! Er entschuldigt sich." ' > I"--: '" v ,r ' " „Ich/weiß, daß der Verfasser . Karl1 Gutzkow ist, ich mpinc den Uebersetzer ins Jüdische." „I beg you pardpn'Vunterbricht;ihn \»;ieder>. der hartnäckige Reporter, ,kd«r Uebersetzer, fvon Uriel-Acosta ist nioht Holzman, son^öfn losef'X^eri" V.•._ Nissl Schwajb haut weileri " ■■ „Ich weiß, daß Lerner. ferner war der erste Uebcr* se^zer. Holzman;,war abernicht. züfneden: mit dieser Üebersetzung. Einmal eines (sp)iö^ sich hingesetzt für eine ganze. -Nacht und Jjat; das. gan?c Werk ganz neu 'übersetzt/Vsblgziell für Rafalesco, und es ist ihm auch sehr gelungen.' l^ijaand:;:^ j?ä.t soürie^ Acosta übersetzt' wie Holzmäii, Mn^ ^rem|irfd hati&ot-' diese .Rolle gespielt AV'ie Rafalesco. Sic k^rien* ös' wühl" äus "der Tat? sache begreifen, daß in Wien eintnal Sonnenthal, der große Sonnenthal, RafalesCp ii^ der,J(^Qlipi;uVefi/^Üriel. Acosta gesehen 'und losgeWeint haff'*'*wie . eih.^■kl^iies'-vKjjrfd'vtuid gesagt hat: Ein für allemal, .Schluß. Er, spitjlt nicht mehr diese Rolle. Und: was glavbefi Sie? Er h^t Wort' gehalten, er hat sie auch wirklich nichtgespielt." bis; zu'.seinem Tod ,— ich soll so aller Menafchen-Gutes halben."' ' Diej amerikanischen Reporter,,'sind 'k&rfc;uWschuldis gen .Kinder. Sie •wissen,, >va^ Bluff heißt. Wichsten das «lies,, was sie von Nissl Schwalb gehört hatten, auf, das lyeißt, etwas warfen sie hin4u8f<;'^)i^' füjgt'^ii-s sie hinasu,; und^eSykarn e|ne^wüjrtderb^re;'^^^^^;>■_..; 1' Am nächsteh1 .Tag, a|s, Rafalesco das , Blatt auf» schlug, las. er seine eigene Biegraphic, die in riesenhaftem Kopf mit hohen' Lettern dföBe--Titel; hatte: ' ' . , - Ein neuer Stern auf -dW jüdiVehen Bühne! 'Garineir •§3t!.#:-^a"(fer '•'siöh!-. '• ' Königin krönt jungen; StarJf - . Sonneiithal^e^ta^^n)'<''b.^iijieiil;;4. Uriseru •'• jungen / Helden Vergriff / - ein «, solches Ge* lachtet daß1 man ihn kaum beruhigen könnte. 32. Kapitel.. > ...... In der. „Kibe.tzartü". „Kibctz", das ist ein j[udjsch^nierikan^ g6bo^$n 'su| amerikanischem;' öoden,. in., den Sphären -der |0of9'6oeB'.tP««9se und' dee«jüdiisii5heii:'TJicatew;- ■ - . Um das Wort in unsere Sprache zu übersetzen, muß ich eine ganze Reihe von Worten und Begriffen heranziehen und versuchen so zu sagen: , V « Kibetzen heißt: sich hämisch zurufen, aus dem Stegreif intrigieren, übel verleumden von Aug zu Aug, sich in die ..Knochen hineinfressen,, sich in die Gedärme hineinlegen, sich bis an die siebente Rippe einnisten, ein Ohr aushöhlen, mitten hinein in. den Augapfel treffen, auf/ die Wunde Salz streuen, die lSjngeweide putzen, die Haut herunterschäjen, die Pulsadern aufschneiden, das Leben verschmieren, ein süßes Ende bereiten, neun Ellen tief, unter die Erde legen, freundlich zum Galgen bringen, unter Küssen die Seele aus dem Leib zerren — oh, unsere jüdische Sprache ist gottseidank reich genug. Doch koin» men leider alle diese Begriffe 'zusammengenommen nicht an das eine Wort „Kibetz" hieran, das solcherart nur auf einem starken eigenartigen amerikanischen Boden auf* blühen und emporwachsen konnte. Und da dem so .ist, fürchte' ich, daß . ich .evteh nur schwer werde wiedergeben können, was das ist „Kibetzarni". . Die Kibetzarni, das ist eine Art Klub oder eine Art Kaffeehaus im IX. Distrikt von New York, wo eine gewisse Klas.se vcfh IntellekikueUjsnV zusammenkommt, die eine -Beziehung haben,; 'zur Literatur, zum1 Theater, zur ^Politik.' :- - ... ■'• •'•;';;" :. Das sind größtenteils Menschen aus verschiedenen Lagern und allerhand Parteien, 'meistenteils Gegner, häüfig Konkurrenten und fast ohne Ausnahme heftige Feinde, Sie. sind nicht nur Eeinde, fürs Leben, die einander hassen, sich nicht in die Fratze 'blicken, nicht des Andern Namen hören können. ( Nein, l'.düs- '■ sind .. derart fc^bittierte Feinde, daß . der. eine,,, .weain der .andere vpn>ihnen ' be* wahre das Auge schießt, auf. dessen Grab ciii „Frejliohs" tanken ginge. r . .. Zu einer bestimmten''Zeiti ^kommen diese Personen in'"'' der.- Kibetzarni' zj-isä^mmen,/ nehmen ihxe^ Stamin>plätze ein, jeder an seinem Tischchen, umringt von ihren Parteiä" > »äqigeri> undi,Untertdxieu. iMan nimmt -etwasvipideiv^wud, man raucht eine Zigarre, und es beginnt di^jKi^etzerci, das'heißt, man': beginnt - guten Muts von einem Tisch zum andern.' irgendwie mit' Komplimenten -um sich zu-werfen, init Hohn Worten üiid Särkasmen,- mit Witz' und Tratsch, mit Gescheitheiten und Redereien, und sich gegenseitig die. Schmutzwäsche zu waschen mit ein wenig zu. scharfer und übertriebener Kritik und Humorvolle Aufschneides rel<2n, .so im yorübi^r.gehe^i'ddem andern gerade dort, wo es wehtut, eins zu versetzen, mit Vergnügen anzusehen, wie der andere sich windet und zappelt, fast einen Gehirnschlag kriegt — und das alles für billiges Geld, nur * so zum Scherz, mit lieblichem Lächeln oder! mit schallendem Lachen. Die Kibetzarni, das .ist eine Art. off,ene Hölle,, ,-w.o Menschen sich über dem Feuer braten und rösten, eine Art Schwitzbad, wo einer den-andern mit dem Besen . reibt.'Hh?r in der Kibetzarni werden Extreme geschaffen, Meinungen und Leumunde fabriziert, die Kalriejren von . Schriftstellern, Schauspielern ynd Künstlern festgelegt. Die1 Kibetzarni gibt ihre erste Meinung kurz und scharf zum Guten oder zum Bösen. Die Kibetzarni f,allt ihr Verdikt — tot oder >rpt! . Die- Kibe'tzajrni: 'stempelt:'■ ab: allright oder abtreten! ' Jetzt, da ihr schon wißt, was Kibetzarni ist, werden wir euch bitten, mit uns für eine Weile dort einzutreten. ♦ Das war an einem herbstlichmebligen Tag, an einem jener Tage, da der unsichtbare Himmel New Yorks von den hohen,. unförmigen Mauern verdeckt, die man dort Wc kenkratzer nennt, und von den stählernen Hoch« bahnen, die dort AUwater heißen, vertränt und verraucht ist Mid fast w5^ der Londoner Himmel aussieht. Und das war in der Zeit des Vormittags, da die zweitgrößte Stadt der Welt gerade den höchsten Grad ihres Lärmens erreicht hat: alles ist busy — alles rauscht, alles arbeitet; alles rennt, alles kauft, alles handelt, alles wirbelt. Mit einem Wort,; es ist ein Kessel und es kocht. Trotz der stärksten BusysZeit war die Kibetzarni gesteckt voll. Alle Tischchen waren besetzt. Nicht eine Nadel zu Boden'zu werfen. Blauer Rauch stand, nicht mit dem Messer zu durchschneiden. "Alles redete, plauderte, ratschte. Kurz, die Leute waren im richtigen KibetzeTr. '• An einem der Tischchen saßen drei Persbtwm; tranken Bier und waren in ein Gespräch vertieft,-, daß isie gar nicht hörten, wie sie gerade im Augenblick in aller Munde waren, von' den Leuten gekibetzt würden in d'ei' schärf steh Weise. Diese drei Personen redeten darauf Iqs, eine.zur andern, erzählten große Dinge,-rühmten sich und schnitten. Lügen, . was das Zeug hält. . Von diesen drei Personen, die sich im Lügen prüfteh, waren - z^yei, die uns noch aus der alten Welt, aus London, sehrgut bekanntsind. Das waren sie, unsere besten Freunde, Mr. Klamcr und Nissl Schwalb. Jetzt müssen wir nur noch die dritte Person kennen lernen, die kein Londoner ist, sondern ein echter Amerikaner. Einen Amerikaner könnt ihr auf eine Meile weit erkennen. Ein anderes. Aussehen, eine andere Aussprache, eine andere .Haltung, ein anderes..B£«< nehmen. ''Während der Engländer * "ein"' versorgter,4'' ver« spleenter; Melancholiker ist, ist der Amerikaner ein leb* hafter fröhlicher Yankee mit klugen scharfen •A'ugen, mit freien angenehmen Manieren, mit falschen aber, goldenen Zähnen./.- . •.'...»-,;' ..; k;;; : >;;■■ Die ,Persou, die wir .hierbeschreiben, -."werden, ist ein jüdischsamerikanischer Theatermanäger , und sein Name, ist; .Nickel:r-; j;•, ...; f, ,v:.r >;:. r-.o-.r^t Nipkel ist eine, der populärsten Persünlichkeitea, im jüdischen 'Ne.w,.Xork.' Einer jener braven,'. lieben *Mehs sehen,.'die. m'a^'Jii^^merika ,,a göoef bqy."'..henntv In un* serer Sprache' wird 'das. so viel wie, „ein. braver' Junge'* heißen .oder' '„ein.: braver Junge bis hinauf", ein weiches Herz! Das'Henid'vom Leib. Immer werdet ihr. auf seinem ewig,'jungen..offenen fröhlichen Gesicht ein freundliches Lächeln antreffen. Immer hat er ein gutes Wort für" euch. Oft auch eine freigebige Hand — wenn er nur hat. Nicht immer aber hat er. Es'kommt häufig' vor,' daß^Nfckel selbst eine Anleihe braucht. Er ist1 immer knapp. Denn seihe „Misses4.4 hat bei > ihm die Hosen an. Sie(is;tn det Mann. Alle wissen das. Seine Feinde und Konkurrenten nützen das in'der Kibetzarni so weit wie riiöglifch 'aus. Ihr könnt euch malen; daß sie noch dreifach übertreiben. Aber er 'schert ■ siöh darum wie 'um ihre Großmutter. Wenn Nickel sich "alles zu Herzen nehmen wollte -r wo würde er schon hingeraten sein? Nickel weiß, daß; man ihn für den größten Bluffer in Greater*New1 York "hält; Nickel weiß, wenn einer in der Kibetzarni auf* schneidet, fragt ihn der andere: „Wer sägt -das? Nickel?" Nickel weiß, daß die Kibetzarni über ihn Dinge; aus« denkt, die ni,cht ersonnen, nichtgesponnen sind. .'.,! (Fortsetzung folgt.) Eigentümer. Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Kedakteur Uberbaurat Robert Stricker. Druckerei» und Veriag*»A.-G, Ignaz SteUmaaa, beide Wien, IX» UalversJtätsitraße 6—&