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Die neue Welt · 1930-08-08 · Heft 151 (8.8.1930) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 151 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 16__ Die Palästina-Regierung bemüht sich um Einigung im Klagemauer-Streit, Jerusalem, 1. August. Die PalästimuRegiefung setzt die von der Klagemauer*Köttimission ins Wetk ge* setzten Bemühungen zur Erzielung einer gütlichen Einigung zwischen Juden und Arabern fm Klage* mäuer*Streit fort. Auf jüdischer Seite ist man bereit, b e« dingungslos das Eigentum der Mos!ems an der Klagemauer und dem Platz vor der Klagemauer anzuerkennen, verlangt jedoch von' den Moslems die A n* erkennung des Rechtes zur Ausübung des jüdischen Gottesdienstes auf'dem Platz vor der Klagemauer. Die Einigungsverhandlungen sind bisher nicht weiter gediehen, weil die Haltung der Partei des Mufti unverändert abweisend ist. „Doar Hayom" wieder revisionistisch. Jerusalem, 31. Juli. (J. T. A.) Nach dem Bruch zwischen den Herausgebern des „Doar Hayom" und der revisionistisqhen Partei, der siclTzuerst in einem Streik des Redaktionsstabes und dann in einer Erklärung der palästinensischen Revisionisten, daß ihre Beziehungen zum „Doar Hayom" abgebrochen sind, offenbarte, haben verschiedene Gruppen, unter ihnen die Lehrerorganisation und der Misrachi, wegen Uebernahme der Redaktion mit den. Besitzern der Zeitung verhandelt. Nachdem alle diese Verhandlungen zu keinem Ziele geführt haben, ist nun* mehr die Wiederherstellung der revisionistischen Redaiktionsführung des Blattes sichergestellt. Die arabische Arbeiterorganisation verlangt den Achtstunden-Arbeitstag. Tel-Awiw, 29. Juli. Die kürzlich gegründete arabische Arbeiterorganisation Palästinas ruft die Arbeiter auf, dem Beispiele der jüdischen Arbeiter zu folgen, die den achtstündigen Arbeitstag errungen haben und höhere Löhne beziehen als die arabischen Arbeiter. Die jüdischen Unternehmer seien nicht besser als die arabischen, aber die jüdischen Arbeiter verstehen die Nnotwendigkeit des Schutzes ihrer Interessen. Die Aufforderung schließt mit der Frage: Sind wir denn schlechter als die Juden und ist eine Sicherung unserer Rechte etwa überflüssig? Die arabische Bewegung in Pulästina nach indischem Vorbild, Jerusalem, 5. August. Der starke Einfluß, den die Formen und Methoden der indischen Unäbh än g i gkeitsbewegung, wie auf die meisten Länder des Orients, so jetzt auch immer mehr auf die arabische Bewegung in Palästina" ausüben, kommt in der Ausschreibung eines Preises für den Entwurf einer charakteristischen E i n'h e i t s - B e k 1 e i d u n g für die. arabische Frau zum Ausdruck. Dieser Preis ist vom Vollzugskomitee der ,,,G e s e 11 s c h a f t ä r a b i s c h e r F r 4 U e n'V ausgeschrieben worden, die jetzt aüdi einei^ Kongreß der arabischen Frauen Palästinas einberufen hat, an dem Delegierte aus Jerusalem, .Jaffa, Haifa, Nablus, Deschenin usw. teilnehmen werden; Die Ausschreibung des Preises für den Entwurf eines Einjieitskostüms geschieht nach dem Vorbild der durch Gandhi in Indien hervorgerufenen „H ei m sp iu n"-B e w eg ung, die als Mittel zur Bekämpfung des europäischen Industrie^Imports dienen soll. Arbeiterkonferenz in Palästina* Die Palästina*Regierung gegen die jüdischen Arbeiter.; TelsAwiw, 2. August. In TeUAwiw fand eine Kon*; fereriz der Vereinigten jüdischen Arbeiter? partei zur Beratung der Fragen jüdischer Arbeit im Lande, statt. Die Konferenz stellte festj daß die S'us* pefjdierung de r- Ei n wander u n g zusammen mit der politischen Unsicherheit den Ausbau jüdi« scher Unternehmungen hemmt und, verlangt von den öffentlichen jüdischen Institutionen einschließlich des Palästina»Hilfsfonds die Intensivierung und Beschleuni* gung ihrer Tätigkeit und die Ermutigung*des privaten; Kapitals. . . Die Konferenz forderte ferner die Durchführung des vom Administrative' Committee der Jewish Agency beschlossenen A n-s-i'e'd lungsplanes für t au« send Familien. Es wurde festgestellt, daß die Arbeitslosigkeit in den Städten lediglich darauf zurückzuführen sei, daß unbeschäftigte Koloniearbeiter in die.^tädte kommen. - 'A. Di« Konferenz erhob Protest dagegen, daß die * l^erung,, entgegenihren Versprechungen, Juden zu beschäftigen, dies nicht in ausreichendem Maße tue. Gegenüber 1400 Arabern sind bei den Arbeiten der Regierung nur 73 Juden beschäftigt. Eine Delegation der jüdischen Arbeiterorganisation brachte beim Distrikts« kommissär eine Beschwerde darüber ein, daß bei. den öffentlichen Arbeiten in Haifa neben 300 Arabern bloß 40 Juden beschäftigt werden. Die Gefidudite des Klage« ntauer§treites* Von Dr. Wolfgang Weisl (Jerusalem). Die Klagemauer ist der westliche Teil jener gewaltigen Mauer aus Kalkquadern von phantastischer Größe, mit denen der ursprünglich sanft ansteigende Berg, Moriah umgeben und zu einer fast uneiuuehmbareö Festung gemacht worden wur, seit SaIomot DIE NEUE WELT_ Esra und Her öd es über der Felsplatte auf seinem Gipfel den Tempel erbaut hatten. Nach der Zerstörung des letzten Tempels blieb unangetastet nur die Westmauer übrig, die den Berg Moriah vom Tal im Westen schroff schied. (Nicht die Mauer des Tempels also, sondern nur die Mauer des Tempelberges.) Die Juden Palästinas, soweit sie die Zerstörung des Tempels überlebten, verehrten diesen armseligen Ueberrest der verlorenen Herrlichkeit als heilig. Unter kühnster Auslegung eines Bibelverses lehrten sie schon im dritten Jahrhundert nach Christi, daß die „M a j estüt Gottes im. Westen des Tempels.ruh t", und daraus folgte die Auffassung, daß der Geist Gottes bei der Zerstörung seines Tempels sich in die Westmauer zurückgezogen habe, wo er nun residiere. „Gottes Majestät hat nie die Weßtmauer verlassen", lehrten die Weisen des Talmuds schon im dritten Jahrhundert nach der Zerstörung des Tempels, als den Juden noch das Betreten Jerusalems formell verboten war, und der heilige Hieronymus schildert, wie die Juden des Heiligen Landes — „ein trauriges Volk, elende, geringe. Weiber, alte Männer, mit. Fetzen bekleidet" — sidi versammeln, um über den Ruinen des Tempels zu weinen, während die Schildwachen von ihnen Trinkgeld fordern f ü r d i e Er- 1 au b n i s, „e in paar Tränen mehr zu vergießen". Von diesen Tränen, die über die uralten Steine seit damals ununterbrochen geflossen sind, erhielt der Westwall den Namen „Klage-Maner"; hieher wandten sich die Juden der ganzen Welt im Gebet; die Kabbalisten lehrten später, daß Gebete vor der Klagemauer besonders gottgefällig seien, und unter mohammedanischer Herrschaft entstand die Sitte regelmäßigen , Gottesdienstes vor den verehrten Ruinen. Die Kalifen erlaubten den Juden sogar, auf dem Tempelplatz ein Lehrhaus zu errichten; Sultan Sa lad in, der Saladin von „Nathan dem Weisen", lud 1190 die Juden zur Rückkehr nach Jerusalem ein, das,er den Kreuzfahrern abgenommen hatte; die t ü r k i s c h e n S u 11 a n e b estätigten und erweiterten die Rechte der Juden, vor der Klagemauer Gottesdienst zu halten. Vor dem Weltkrieg war dieses Recht selbstverständliche Gewohnheit geworden: Bänke und Stühle wurden den Besuchern zur Verfügung geslellt, ohne daß die Araber etwas dabei fanden. Nur einmal — im Jahre 1912 — verbot ein Kadi den Juden, Bänke vor der Mauer aufzustellen. Dieses Verbot wurde, aber von der türkischen Regierung widerrufen. Die Klagemauer blieb, was sie seit Jahrhunderten war, eine heilige Stätte für fromme Juden, eine Sehenswürdigkeit für Touristen, bis sie allmählich ein Zankapfel zwischen Juden und At.ab'ern wtfrde. Kleine, lächerliche Reibereien 'zwischen . beiden wurden zu Haupt- und Staatsaktionen aufgebauscht, die in den Unruhen des vorigen Jahres gipfelten. Erst ,ein Jahr, später erschien die Mission des Völkerbundes in Jerusalem, um „zu studiere n, zu definieren und zu entscheide n". * : •'. ' ' ' Der Völkerbund hat sich dazu reichlich Zeit gelassen. Vor fünf Jahren war es zum ersten schweren Zwischenfall an der Klagemaiier^ gekommen. Am heiligsten Tage der Juden, am Versöhnungstag, erschienen damals a r a bische Polizisten vor der. Klagemauer, stießen mit Gewalt d i e b e t e n d e n Männer und Frauen von ihren Si t z e n u n d-B ä n k c n und trugen die Bänke weg. Die Juden unterbrachen sofort in begreiflicher Aufregung den Gottesdienst und zogen, in ihre Gebetmäntel gehüllt, zum Gouverneur, um zu protestieren. In demselben Zimmer, in, dem jetzt die Kommission des "Völkerbundes tagt, empfing damals der Gouverneur die Klagcfiihrenden. Er berief sich auf das Verbot des Kadi von 1912:>D i e J ü d c u dürfen vor der Rlagemaner nicht auf .B ä n k e n sitzen, nur Petroleumbleche, Kisten und dergleichen seien gestattet! /! Das war vor fünf Jahren! Seither beschäftigt der Streit um die Klagemauer die Maudatskom ni i ssi 0n des V ö 1 ker buu des. Vor vier Jahren forderte, sie die englische Regierung auf, „alle A n s t r e ng u n g e n zu machen, um ein Einverständnis herbeizuführen". Vor zwei Jahren führten diese „Anstrengungen" der Regierung dazu, daß abermals am Versöhnungstag die Polizei die Andacht störte , diesmal, um während des Gottesdienstes einen improvisierten Wandschirm zu entfernen, der Männer von Frauen trennt. Dieser Zwischenfall war die Ursache zu den " blutigen Unruhen des vorigen Sommers. Für Europäer ist es unfaßbar, daß triviale, geradezu burleske Fragen wie die, ob man auf II o 1 z b ä n k e n sitzen darf oder nur auf Holzkisten, ob mau nur einen Tisch und einen Schrank au einer Mauer aufstellen dürfe oder auch eine spanische Wand, Anlaß zu ernsten Erörterungen selbst vor einem Polizeiwachtmeister geben können. In Palästina ist aber alles möglich. Noch heute kommt es hier zu Schlägereien zwischen Geistlichen verschiedener christlicher Sekten wegen des 'Besitzrechtes auf einen Quadratfuß von Pflastersteinen in der Grabeskirche. * Die Regierung hat offenbar Angst, durch eiue Zurückweisung der Ansprüche der Araber zahllosen V o i 11 d c 11 Englands i u m o h u m ni e d a n i s o h e n Ländern billigen Vorwund für erneute unti- 1 Nr. 151 englische Agitation 211 geben. Der Sultan zum Beispiel hat die erwähnte Entscheidung des Kadi über den Gebrauch von Bänken vor der Mauer sofort annulliert, die Engländer aber bestätigen dieses Verbot. Seit unendlichen Zeiten blasen die Juden an ihren Feiertagen vor der Klagemauer Widderhörner und tragen Palmenzweige; im Jahre 1929 aber verbot plötzlich die englische Regierung diese religiösen Gebräuche. Es dauerte noch ein Jahr, ehe sich der Völkerbund entschloß, eine Sonderkommission zur Regelung dieser Fragen nach Jerusalem zu schicken. Wenn aber erst einmal die Klagemauer zu einer religiösen Frage des Islams gemacht wurde, war es wirklich besser, daß der Völkerbund sich ihrer annahm, statt Englands, das sich eine Belastung seines Schuldkonto, s wegen Indien nicht erlauben konnte. Schließlich ist ja der eigentliche Souverän Palästinas der Völkerbund, und es ist durchaus erfreulich, daß seine Souveränität über die Mandatsländer endlich einmal praktischen Ausdruck findet. * Die Ankunft der Sonderkommission in Palästina ist in dreifacher Hinsicht ein historisches Ereignis. Zum erstenmal in der Weltgeschichte unterwerfen sich die Vertreter zweier Religionsgemeinschaften in einer religiösen Angelegenheit dem Schiedsspruch eines Gerichtshofes, der ausschlieslich aus Bekennern eines dritten Glaubens zusammengesetzt ist. Zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte übt der Völkerbund eine direkte richtende Tätigkeit in einem Mandatsland aus und greift dort ein, wo sich die Mandatarmacht als unzulänglich gezeigt hat. Und zum erstenmal seit der Zerstörung des jüdischen Staates erscheinen die Vertreter der gesamten Judenheit vor einem internationalen Forum. Die Juden wünschen, daß „die Klagemauer als eine der ältesten heiligen Stätten Jerusalems anerkannt werde, daß die Regierung die Zugänge zur Mauer in würdigem und anständigem Zustand halte, daß der Platz vor der Mauer nicht als Passage benützt werde, daß die Juden ihren Gottesdienst ohne Störung und ohne Unterbrechung anständig und würdig durchführen können, daß die elenden arabischen Häuser vor der Mauer abgetragen und durch andere, moderne Gebäude an einer anderen Stelle ersetzt werden". Zu diesen Wünschen fügen sie aber ausdrücklich hiezu: „Wir sprechen hier weder von Forderungen noch von Rechten, wir machen keine Anregung betreffs der gesetzlichen Form, in der unsere Vorschläge ausgeführt werden sollen." Seit 1800 Jahren wenden sich die Juden der ganzen Welt nach dieser Mauer in ihren Gebeten, und nun, da endlich die höchste Autorität einer neuen, zivilisierten Welt, der Völkerbund, Richter nach Jerusalem schickt, um über die Ansprüche dieses Volkes zu entscheiden, verkündet dieses Volk: „Wir sprechen nicht von. Rechten, wir stellen keine Forderungen — hier ist die Mauer unseres Tempels und hier sind wir, und jetzt entscheide du, Gewissen der zivilisierten Welt." Was nicht hindert, daß die Vertreter des Gewissens der Welt sich bei dieser Entscheidung sehr zu langweilen scheinen. Zeugen werden verhört, Rechnungen für Pflasterung und . Mistabfuhr, werden vorgelegt, Rechnungsbücher werden angezweifelt, das Datum' von Photographien bestritten und die Richter des Völkerbundes, denen die weltgeschichtliche Aufgabe zuteil wurde, die Ansprüche der Juden auf den letzten Ueberrest des salomonischen Tempels zu entscheiden, lehnen bei diesem gleichgültigen Zeugen verhör gelangweilt in ihren Sesseln und starren auf die hellgetünchte Mauer... Theater/ Kunst und iiiiliiiiiliiiniiiiiiiiiililliiii L i'l erat u r „Wilnaer Truppe". Wie wir erfahren, hat sich .die „W i 1 n a e r Trup p 0" unter Führung, von. Alex. Stein von Karpathorußland in die Slowakei begeben, wo sie jn einer Reihe von Städten ihr erprobtes Repertoire vor« führt. Die jüngst gegründete Gesellschaft der Freunde der „Wilnaer Truppe" bemüht sich, dieses Künstler» ensemble für ein längeres Herbstgastspiel in Wien zu ge« winnen, doch sind die Verhandlungen noch im Zuge. Da die „Wilnaer Truppe" mehrere Gastspielanträge, u. a. auch seitens Berlins, besitzt, läßt sich vorläufig noch nicht sagen, ob sie im kommenden Herbst in Wien zu sehen sein wird. Habima und Ohel im Tonfilm. In Palästina werden Vorbereitungen für eine Reihe hebräischer Tonfilme („Sch'ma*noa" lautet der hebräische Ausdruck für Ton* film) getroffen. Zunächst soll der „Dybuk" der Hahiroa. tonfilmisch aufgenommen werden. Diesem soll Stepftan Zweigs „Jeremias" in der Aufführung des palästinensU schqn Theaters Ohel folgen. — Eine neugegründete Ge* Seilschaft, die „Judea Pictures Corporation", beabsichtigt in Jerusalem einen historischen Tonfilm zu produzieren. „Jüdische Köpfe". Im deutschen Buchhandel ist so* eben ein interessantes Buch unter dem Titel „Jüdische Köpfe" von Samuel Meiseis erschienen. Es entlud Monographien und Essays über Maimonides, Jehuda Halevy, Spinoza, Moses Mendelssohn, Ferdinand Lassalle, Mendele MocheroSforim, Biaük,. Morris Rosen* feld und An*ski. ■ Irma Singer: Licht im Lager. Gedichte aus dem Lande Jisrael. Dr. Max Präger Verlag, Wien und Leipzig 1930. Die Pragerin Irma Singer hat sich als Verfasserin des jüdischen Märchenbuches „Das verschlossene Buch" einen guten Namen gemacht, Vor kurzen»

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