Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 151 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S I.5Ö, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—^ t>olen monatlich Zloty 2.—. vierteljährig Zloty 6.—: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljahrig Kc. 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel (ihrig Dinar 40.*-: " ' ■ ' " sllihris R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien tnianatüeh Lewa 40.-, vierteljährig Lewa 1.20. Hillen monatlich Lire 5.-, vierteljährig Lire 14.-. Schweix und die übrigen Länder monatlich Schwel2er Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4,50. Rumänien monatlich Lei 40.- vierteljährig Lei UM.-; HERAUSGEBER: R0BERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Vniversitätsstrüße 6--8 Telephon: B~48-504 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 4 Freitag, den 8. August 1930 Nr. 151 m Gegen das Totschweigen* Die PalästinaeDebatte im Unterhaus verhindert. — Eng« lische Parlamentarier protestieren dagegen. — Der Ruf Englands gefährdet. — Die Juden sind kein obskurer * afrikanischer Stammt London, 3. August. "Während noch vor kurzem angenommen wurde, daß die Palästina«Debatte im briti* sehen Unterhaus noch vor Beginn der Par 1 a« mentsferien durchgeführt werden würde, ist es jetzt so gut wie sicher, daß dies nicht der Fall sein wird. Ueber die Begleitumstände der Vertagung der Debatte ist folgendes zu berichten: Die Regierung hat eine Debatte über Palästina nicht auf die Tagesordnung des Unterhauses gesetzt, der Ministerpräsident stellte aber der konservativen Opposition anheim, wenn sie die Frage noch vor Ende der Parlamentssession zur Sprache bringen wolle, dies an einem der Ergänzungstage zu tun, die üblicher* Weise der Opposition zur Verfügung gestellt werden, um Fragen, deren Behandlung sie wünscht, noch zur Sprache bringen zu können. Nach Rücksprache mit dem High Gommissioner Sir John Chancejlor hat dann aber das Kolonialamt den Führern der konservativen Partei enip* fohlen, k ei n e Palästinä«Debatte herbeizuführen, solange > id^ißetf «ht-Sir John |iop* SS mpso n s ^Icht vorlagt*• :. ' '* . ■ Eine Kundgebung des aus Parlamentariern aller Parteien bestehenden B r i t i s c h e n P a 1 ä s t i n a* Komitees nimmt anläßlich des Abschlusses der Pars lamentssession am 1. August durch die folgende Er* klärung zu der Hinausschiebung der Falästina«Debatte im Unterhaus Stellung: Am i. August wurde das Parlament geschlossen, ohne daß eine Debatte über Palästina. Sta11gefanden hat; dies, obwohl seit den Ünruhen fast ein Jahr verflossen ist. Zwar kann die Palästina* Frage noch auf Grund der Appropriation Bill der Ge« Schäftsordnung an' einem Ergänzungstag zur Sprache gebracht Werden. - Das gilt aber; ingleicher Weise für jeden anderen Gegenstand, und wenn in einer Debatte mehrere Fragen angeschnitten werden, liegt es im Be* lieben des Ministers, zu bestimmen^ auf welche Frage er antworten will. Es ist für ihn dann nicht schwer, über einzelne Punkte zu schweigen oder nur Unwesentliches über >sie zu sagen. Palästina ist aber nicht ein Punkt, über den ein Minister mit L e i c.h t i g k e i t-hinweggehen darf. Ist das nicht der triftigste - Grund für das Parlament, sich über diesen Gegenstand in angemessener und gründlicher Weise auszusprechen?' Indem wir diese Frage stellen, haben wir nicht die Interessen einer einzelnen Partei im Auge, sondern wir gemahnen die Unterhausmitgliedef o h nftjUn t er s c h i'e'd d e r . Pa r t e i an ihre ' Pflicht, die Handlungen der Regierung zu k r i t i s i e r e n und zu kontrollieren. Schweigt das Parlament, dann herrschen die Beamten, denn die Minister s.ind bei noch so, guten Absichten ohne Hilfe des Parlaments nicht stark genug, um ihrem Willen das; Uebergewicht zu verschaff csn, Die Regierung' Palästinas;leidet in diesem Augenblick unter zuviel Ver* waHurig un.d zu wenig -Inspiratiop., 1 /•Das Parlament i.war- Palästina; g?genub.er-:hinstchtH'ch '•■ der, aufgewandten Seit .nicht*sehr großzügig. Es ha'Jte schön seit Jahren nicht'ein en ganzen Tag fijrf , eine 'Falä'stinäiDeb&tte übrig}* die r fragmentarischen Qfcjjröisiö'n/eh,':'die inzwischen stattgefunden haben, waren* yijn \ geringem Nutzen; Aber die Schwierigkeiten, mit ' dfchen wir;es hier-zuntün haben, sfyd solcher Art, daß ste'^nur durch eine erschöpfende . Parlamentsdebatte be* leuchtet; werden können. Wir haben, es nicht mehr < mit , dem offenen Frontangriff gegeh d$s Mandatsprinz,ip zu^ tVin, und die Forderung, Palästina im Interesse der Wirt» Schaft zu räumen, erledigt sich durch ihre eigene Absurdität. :;. Die Schwierigkeit beginnt erst, wenn wir uns fragen, was die Pal*sfcina»R«fierung faktisch geleistet hat, um das Natleiialheim für die Juden vorwärts zu bringen. Gerade in der letzten Zeit hat sich die negative Haltung der Regierung, wie wir in dieser Hinsicht beobachten konnten, in eine gegnerische verwandelt. Die Administration scheint es als ihre Aufgabe anzu* sehen, nicht das Ziel der nationalen Heimstätte für, die Juden zu fördern, sondern dieses Ziel so weit zu begrenzen und zu hemmen, bis es nichts mehr zu bedeuten hätte, als was schon unter türkischer Herrschaft faktisch bestand. Das Ansehen Englands leidet. Das nach der Balfour*Deklaration England zugewandte Vertrauen ist nun, infolge des Zauderns der bisherigen PalästinasVer* waltungen, im Schwirid'en begriffen. Man be* schuldigt uns des Vertragsbruches, die Massen in Amerika und Osteuropa, die uns früher zujubelten, klagen uns jetzt an. Haben Wir denn so viele andere Freunde in der Welt, daß wir es uns erlauben können, auf diese Freunde zu verzichten? Sind denn, die Juden irgend ein obskurer afrikanischer Stamm; daß/ wir gefahrlos' die Erfüllung feierlicher V^sprechunge« an sie allein davon abhängig,,, machen'^kc^hiren^ ,waa für uns ini Vi:"'-^' ,- Augenblick bequem ist? " Gibt nipht die Tatsache zu denken, daß England von der , permanenten Mandatskommission in deren letztem Bericht formal gerügt worden ist? Sind wir nun Anhänger der Lehre von dem „Fetzen P a p i e r" geworden, einer Lehre, die wir früher mit dem Preis von Hunderten; und Tausenden unserer besten, jungen Menschen entrüstet bekämpften? Hätte das Parlament Gelegenheit gehabt, unsere Paläa'ina^Pc'iLk systematisch zu beleuchten, dann hätten die Fragen, wie diese, nicht gestellt werden müssen, Für und gegen die Begnadigung Urphalis. Jerusalem, 2. August. (J. T. A.) Nachdem der Privy Council in London das Appellationsgesuch' des zum Tode verurteilten Jaffaer Juden:Joseph Urphali aus formalen Gründen ablehnend beschieden hat, nimmt nun die Presse Palästinas zu der Forderung nach Begnadigung Urphalis Stellung. Die Arbeiter-Tageszeitung „Dawar" schreibt: Sollte Urphali hingerichtet werden, so wird die Exekution nicht einen Mörder treffen, sonderneinen vollkommen Uuschuldigen, an dem der Staat ein Justizverbrechen begangen hat. — Die arabische Zeitung „El Jamea el Arabia" schreibt: Nachdem die Regierung drei unglückliche Araber hat hinrichten lassen, erfordert es die Gerechtigkeit, daß auch Urphali hingerichtet wird, leider der einzige von den jüdischen Mördern, der zum Tode verurteilt worden ist. * Der einzige im Zusammenhang mit den August« ereignissen des vorigen Jahres in Palästina zum Tod« verurteilte Jude, Joseph, Urphali, hat, nachdem seine Ver<- urteilung auch in der zweiten Instanz bestätigt wurde, beim Privy Council, der obersten Appellatiöns« behörde des britischen Reiches, Berufung, gepeu das Urteil eingelegt. Die Berufung vertrat., Sir Bqyd M e r r i m a n, während^die palästinensische Justizbehörde) durch Free dy'vertreten war. Der Privy Council .erklärte sich für unzuständig, da er kein Appellatiansgericht für Strafsachen sei. Er könne ein Urteil nur dann aufheben, wenn der Gang des p r d e n 11 i c h e n QGerichtsverfahrens verletzt worden ist. Dies? treffe aber in diesem Falle nicht zu. Nach Ablehnung der Appellation hat Sir Boyd Merriman es übernommen, ein Gnadengesuch au den High Commissioner zu verfassen, dem uun die letzte Entscheidung zusteht. Das Gericht zweiter Instanz hat, als es das Todesurteil gegen Urphali bestätigte, einen Gnadenakt empfohlen. RUNDSCHAU Bücher, an denen Blut und Fluch klebt« — Was man aus einem Berichtigungsproxe ßerföfirt« Eine Menge jüdischer religiöser Bücher und Ritualute 11 siliqn sind eines Tages in> Europa und Amerika aufgetaucht. Aber nicht etwa in Synagogen und Lehrstätten, sondern auf dem Markt der Händler. Darunter befanden sich mitunter überaus seltene Stücke, die von ihren Besitzern treu gehütet und von Geschlecht zu Geschlecht vererbt werden. Woher stammten diese Kostbarkeiten? Und wer macht den Ausverkauf?' , . ■ -■ 1 ■ . Es gibt em Land in Europa, das diese Fragen beantworten kann. Ein freies Land, so frei, daß es nicht nur.... mit. seinen ßürgern, sondern . auch mit G o 11 K r i e g f ü h r t. Es sperrt dessen Häuser, verbannt oder erschießt dessen Verehrer, weil aus ihnen kein- Kapital, herauszusehlagen ist. Aber — mit den ihm" gewidmeteu Büchern macht es,. das, freie, Land, gute Geschäfte., Ins Dollarland Amerika schickt es ganze' Schiffsladungen mit Sefaf im, Thorarollen und; anderen gottesdienstähnlichen Geräten und über-r < läßt sie dem Meistbietenden. G e k o sie t h a-lj'e n: sie diese Dinge nichts. Ein Griffin eine alte Bibliothek, in eine jüdische Schul, in; ein alte% .' jüdisches Haus, in eine historische - Synagoge, in alle diese „Brutstätten der Reaktion" und Kapital bleibt dem -russischen: Sowjetkom^ missür in der Hand, So ein Büch, so; eine Thora-'; rolle, was könntenv sie nichts alles erzählen. De£ ganze blutige. Roman des jüdischen Leids in Soy'wjetrußland, die Zertrümmerung eines wertvollen* Teilte der Weltjudenheit klebt an Deckel und Pergament. Das jüdische Amerika erschaudert vor dem Anblick dieser stummen Zeugen für das Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt-; liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. . neuzeitliche jüdische Martyrium. Die Presse zeichnete die heuchlerische Blutfratze #er russischen Befreier, die Rabbiner schalteten für ' sich einen Fasttag ein, die religiösen Behörde^ erließen Issurim (Verbote) gegen jene, die etwa damit Spekulation treiben würden. Man denke: als kommunistische Exportware Weizen, Holz,. ' Benzin, Raubtierfelle und Thorarollen! Und d\e Jewsekzia' reibt sich grinsend die Hände. Auch eine europäische religiöse Behörde, in : Wi.lua vergammelte Rabbiner, erließen , einen _ diesbezüglichen Issur. Die Wiener „Jüdische , Presse", das Organ der Aguda, verzeichnete ihn,; nannte diesen von den sow jetistischeu Handelsgesellschaften im Ausland gebandhabten Betrieb einen Schacher mit geraubtem Gut — eine Feststellung, die keinen von uns zu über- . raschen geeignet ist. Ueberrascht nur tat ein Händler, ein jüdischer * Händler. Er berichtigte. Er fühlte sich 'im Geschäft geschädigt. Dr. Joel Pollak, der 'verantworte , liehe Schriftleiter der „Jüdischen Presse", der nicht annehmen konnte, daß auch in Wien Hancjel getrieben werde mit Gegenständen, auf denen — wie. er'im Gerichtssaal erklärte —. Blut und Fluch lastet, verweigerte den Abdrück der Berichtigung« Ein gegen ihn von jenem Händler angestrengte Berichtigungsprozeß belehrte ihn eines Besseren, eines Schlimmeren. Es gibt solche Händler. Auch in Wien sehen wir den kleinen, hemmungslosen Schacherer Arm in Arm mit dem Sowjethändler. Die Sache kam vor den Präsidenten Dr. Christof Höfelmayr. Dieser österreichische Richter stand dieser Materie anfangs etwas befremdet gegenüber, begriff aber alsbald die groteske Situa-