Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 149 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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' Seite 8 beiterregierung es nicht verabscheut, im Kampf gegen ein unterdrücktes und schwaches Volk Methoden zu verwenden, deren sich sonst nur die schwärzeste Reaktion bedient. Gewiß, es gibt eine bolschewistische Gefahr: die Koalition von sowjetistischen Komintern« Propagatoren (der jüngste Kongreß der III. Inter* nationale hat sich von Stalin eine diesbezügliche Resolu* tion diktieren lassen) mit den arabischen Effen« dis und mit den Vatikanvertretern gegen den Zionismus, eine Koalition, die bei der MaoDonald* Regierung willig Gehör findet. Klausenburg hat einen judisdi* nationalen Bürgermeister« In der letzten konstituierenden Sitzung des Gemeinderates der Stadt C1 u j (Klausenburg wurde der Herausgeber und Chefredakteur des zionistischen Tagblattes „Uj Kelet" Dr. Ernst Mar ton zum zweiten Bürgermeister gewählt. Dr. Marton ist der erste Jude, der in Klausenburg die Stelle eines Bürgermeisters bekleidet, ein Fall, der sich selbst als Siebenbürgen noch zu Ungarn gehörte, trotz der langen sogenannten „liberalen" Aera im alten Ungarn niemals ereignet hat. Bürgermeister Dr. Marton ist einer der mutigsten und unerschrockensten Vorkämpfer des Zionismus und jüd'i s ch e n N a t i ona Iism us in N e 11 r u m ä n i e n. Sein Leben stand deshalb wiederholt in äußerster Gefahr. Sein Tagblatt „Uj Kelet" wurde wegen seiner mutigen Sprache im Interesse der politischen und nationalen Anerkennung des Judentums in Rumänien von antisemitischen Horden zweimal gestürmt, die Druckerei verwüstet und die Redaktion ausgeplündert. Dr. Marton verlor darob nicht 0 seinen Kampfesmut, er richtete sein Blatt immer von neuem auf, war Wegweiser und Führer in der nationalen Organisierung des Judentums in Siebenbürgen und dem Banat. Bei den letzten Wahlen und der. ' l | ,M ,l' Jerusalem, 15. Juli. In der Sitzung der Klagemauer-Kommission vom 14. Juli wurden von jüdische r/.Seite neue wichtige Dokumente vorgelegt, die bei der Durchforschung türkischer Archive in Konstantinopel von einem Beauftragten der Jewish Agency, L e b a n o n, entdeckt wurden; Es handelt sich um Fi rmane (k a i s e rlichev Verordnungen) der Sultane Abdul Med seh id und Abdul Hamid aus den Jahren 1841, 1889 und 1893. In dem Firinan von 1841 werden dem ersten Oberrrabbiner, dem Chacham Baschi Abraham Chajim Gajin, nach Wieder-, eroberüng Palästinas durch den Sultan Abdul Medschid aus der Hand Mohammed Alis von Aegypten im Jahre 1840 besondere Rechte und Privilegien zuerkannt. In diesem Edikt verbietet der Sultan den Soldaten, die Juden bei der Ausübung ihrer Religion, zu belästigten, und verfügt, daß die Juden das Recht haben sollen, in ihren Synagogen oder an anderen Bet- oder Pilgerstätten ihren Gottesdienst frei abzuhalten und ihr Ritual auf ihre Weise zu erfüllen, wobei sie niemand hindern darf. Der Erlaß wurde bei der Bestellung der nachfolgenden Oberrabbiner, zuletzt im Jahre 1893, erneuert. Das Dokument zeigt klar die türkische Haltung gegenüber den Stätten der jüdischen Religion einschließlich der Klagemauer. Die Nachforschungen Lcbanons förderten ferner verschiedene andere Dokumente zutage, die den Wortlaut der erwähnten Firmane. wiederholen und' jedesmal vom Obersten Staatsrat bestätigt sind. Dieser Rat stand unter dem Vorsitz des obersten Mufti des Staates,, dessen Rang und Würde zu jener Zeit ungefähr der eihes.; Ministerpräsidenten entsprach. Die Kommission vernahm weiter zwei christliche Patres als Zeugen des Anwalts der arabischen Sache. Der eine, Pere Dressair« vom Orden der A,ssumptionisten, bezeugte, er habe die Klagemauer häufig,, besucht, habe aber nie Geräte gesehen. Pater H a i d e 11 e vom Franziskanerorden, der seit 1880 in. Jerusalem ansässig ist, machte eine ähnliche Aussage, bestätigte aber, Lampen gesehen zu haben; er sagte auch, er habe die Bezeichnung „el Burak" für die Klagemauer nie gehört. * Jerusalem, 17. Juli (J. T. A.) Fünf vom arabischen Anwalt als Zeugen geführte christliche Geistliche sagten übereinstimmend aus, daß sie als häufige Besucher der Klagemauer keine von den Gegenständen gesehen haben, von denen die Juden behaupten, daß ihre Verwendung an der Mauer üblich ist. $ach^ihnen wurde Scheich Ismael Abdutl, der oberste Richter des Moslemischen Gerichtshofes in Jerusalem (Sharai), über die Unverletzlichkeit des für Wohltätigkeitszweckc gestifteten Wakf-Eigentums vernommen. Die Vernehmung des Scheich Abdul leitete Mohammed Ali Pascha, ein ägyptischer Jurist. Der Zeuge versuchte _^_DIE NEUE WELT_ Schaffung des Bündnisses mit der gegenwärtigen Regierungspartei hat Dr. Marton eine sehr wichtige Führerrolle gespielt. Die jüdische Bevölkerung von Klausenburg ohne Unterschied der Parteirichtung hat die Wahl Dr. Martons zum Bürgermeister mit großer Genugtuung aufgenommen. Kol Nidre und Hatikwah in das neue amerikanische Reformgebetbuch wieder aufgenommen. New York, 15. Juli. (J. T. A.) Die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbinen (R e f o r m r a b b i n e r) hat mit 64 gegen 58 Stimmen beschlossen, das Kol Nidre in das neue Reformgebetbuch wieder aufzunehmen. Ferner ist beschlossen worden, die Hatikwah neu hereinzunehmen. Der Beschluß, Kol Nidre in die Reform« liturgie wieder einzuführen, erstreckt sich jedoch bloß auf die traditionelle Melodie und die ersten beiden Worte des Textes. Rabbi Nathan Crom vom New Yorker Temple Emanuel sagte in der Diskussion, für die Wieder« aufnähme des Kol Nidre Partei nehmend: Wir sind schon über, den Standpunkt des orthodoxen Gebetes hinaus« gekommen. Nach den ersten beiden traditionellen Worten soll das Kol*Nidre»Gebet, neu ergänzt werden durch Sätze aus den Psalmen oder man sollte B i al i k bitten, daß er mit den alten ersten beiden Worten einen neuenText schreibt. Rabbi David Philipson widersetzte sich der Wiederaufnahme von Kol Nidre mit der Begründung, daß das- Gebet an Zeiten der Verfolgung erinnert. Dagegen hob Rabbi Stephen Wise hervor, daß das Gebet eine Folge und nicht eine Ursache jüdischen Mar« tyriums war. Isaac Landman, der Herausgeber des „Ameri« can Hebrew" sagte, es sei irreführend, den traditionellen Namen für ein Gebet zu benützen, das in seinem Inhalt ganz anders sein wird. Der Vorschlag, die Hatikwah in das neue Reformgebetbuch aufzunehmen, wurde von Rabbi Stephen S. Wise gemacht, mit der Begründung,, daß die* Hatikwah von Juden in. der ganzen Welt mit Be* geisterung und Ergriffenheit gesungen wird und ihr . Streben nach neuem jüdischen Leben ausdrückt. zu erweisen, daß keiner Macht der Welt das Recht eingeräumt ist, die Bestimmungen der moslemischen Wohltütigkeitsstiftungen abzuändern. Das gilt auch für jeden König oder Kalifen und für jede durch Nichtmoslems getroffene Entscheidung. Die Aussage des Scheichs gipfelte in einer Verherrlichung der Heiligkeit der Aksa-Moschee und der sie umgebenden Mauern. Er , argumentierte, daß die Mauern der Moschee Teile der Moschee sind und daß die für eine Mauer geltende Regel auch für die andere gilt. Die Zeugenaussage enthielt eine verschleierte Warnung an vdie Kommission, sich auf den im jüdischen Memorandum enthaltenen Vorschlag einzulassen, demzufolge die jetzt dem Mughrabi-Wakf gehörigen Grundstücke geräumt und die Wakf-Behörden als Ersatz'ein neues Grbäude an einer anderen passenden Stelle in Jerusalem erhalten sollen. Der Scheich legte Nachdruck darauf» daß Nichtmoslems jüdischen Gottesdienst saüf Wakf-Eigentum nicht erlauben dürften, nicht nur, weil das den Bedingungen der Schenkung widersprechen würde, sondern auch deshalb, weil der jüdische Gottesdienst den ■moslemischen beeinträchtigen würde.- Nachher wurde Jemal Husseini, der Sekretär der arabischen Delegation in London, vernommen. Jemal Husseini sagte als Zeuge, daß er an der Klagemauer Gegenstände, "von der Art, wie die Juden sie dort benutzt zu haben behaupten, nicht gesehen habe und daß ihm nicht bekannt sei, daß die Juden vor dem Jahre 1 91 9 an der Klagemauer gebetet haben. (!) Die von der Palästina-Regierung im vergangenen Jahre verfügten provisorischen Regelungen haben die arabische Exekutive so sehr aufgebracht,, daß sip den transjordanischen Arabern Mitteilung machte, die Juden wollen den Platz vo* der Klagemauer in eine Synagoge umwandeln. Dadurch wurde eine große Erregung in Transjordanien verursacht, die eine sofortige Zusammenkunft des britischen Residenten in Transjprdanien, Colonel Cox, mit dem damaligen Chief Secre^ry yr,C.: Lu ke notwendig machte. Luke bat damals Jemal Husseini, das: Telegramm der .arabischen Exekutive, abzuändern. Es wurde dann der P r o t e s t s t r e i § in Palästina und Transjordanien gegen die provisorischen Regelungen veranstaltet. An dieser Stelle unterbrach der Vorsitzende der ■^#%|ni a||ba*i nach Gemälden berühmter Dell 1151miUeher Hatmr HERZL-Gobelins «rzeugtAtelier Zahradllik Wien, V., Anzengrubergässe Nr. 30 Telephon U-40»9-17 _Nr. 149 Kommission, Loefgren, den Zeugen und sagte: Unsere Pflicht ist es, unter Ausschluß aller politischen Fragen allein die Rechte zu untersuchen. Es ist bedauerlich, daß die arabische Exekutive sich der gesetzlichen Verordnung der Palästina-Regierung, in der der jüdische Gottesdienst an der Klagemauer provisorisch geregelt wwde, widersetzt hat. Die Kommission aber kann sich davon nicht beeinflussen lassen. * Jerusalem, 18. Juli. Am 16. Juli wurde der Distriktsgouverneur von Jerusalem, Keith Roach, als erster Zeuge aus Regierungskre"sen vernommen. Keith Roach war es bekanntlich, der am Jörn Kippur 1928 die Beseitigung der Scheidewand und der Bänke anordnete. Er sagte, das Wachstum der jüdischen Bevölkerung seit der britischen Okkupation Palästinas sei die eigentliche Ursache des Klagemauerstreites. Das türkische Regime befolgte eine Politiik des Laisser faire, weil die Zahl der die Klagemauer besuchenden Juden gering war. Er bestätigte, an der Klagemauer früher Feldsessel gesehen zu haben, deren Gebrauch die Palästina-Regierung duldete, bis die neuen Regelungen de<s High Co mm issioner Sir-John Chancellor in Kraft traten. Keith Roach ist der Meinung, daß in der Art der jüdischen Gottesdienste an der Mauer im Laufe seiher Amtszeit igewisse Veränderungen vor sich gegangen sind.'Der zur Trennung zwischen Männern und Frauen dienende. Wandschirm wurde beim . Gottesdienst an der Klage-. mauer zum ersten Male am jüdischen Neujahrsta'g 1928 aufgestellt. Er, Keith Roach, wurde auf diese Neuerung, zuerst am Versöhnungstage aufmerksam gemacht und ordnete die Beseitigung des Wandschirmes an. Die Regierung hat die Benützung von Stühlen an der Mauer nicht gestattet, weil dadurch das Wegerecht beeinträch-; tigt worden wäre und bei den Juden die Vorstellung hätte erzeugt werden können, daß sie an der Mauer Eigentumsrechte haben. In Beantwortung einer Frage des jüdischen Anwalts Dr. E 1 i a s h sagte Keith Roach, daß die von den Moslems neu eröffnete Tür an der Mauer-Passage vielleicht eine Neuerung darstelle. Es sei ihm aber bekannt, daß zwei Beamte den gleichen Durchgang schon bei früheren Gelegenheiten benützt hatten. (!) Einer Frage des arabischen Anwalts Auni Bey Abdul Hadi entsprechend, verlas Keith Roach ein Schreiben des Oberrabbiners Kook an den damaligen Gouverneur von Jerusalem Sir Ronald S t o r r s. Das Schreiben enthält die Bitte des Oberrabbiners, die Aufstellung von Bänken an den hohen jüdischen Festtagen vor der Mauer zu gestatten. Er verlas ferner ein Schreiben, des früheren Chief Secretary H. C. Luke an den «i^ürgerni:eis}ter von> Jerusalem if Nashashibi, in dem >die jüdische Beschwerde, daß> die Moslem6 die Mauer beudelt haben, weitergegeben wird. * Jerusalem, 18. Juli. (J. T. A.) Die Internationale Klagemauer-Kommiesion drängte die Vertreter der beiden Parteien, die Verhandlungen durch die beiderseitigen Plädoyers Donnerstag, den 17. Juli, zum Abschluß zu bringen, damit die Kommission Palästina am Sonnabend verlassen könne. Zugleich bemühte sich der Vorsitzende der Kommission, Loefgren, zwischen Juden uud Arabern im Klagemauerstreit eine friedliche Einigung zustande zu bringen, oder doch wenigstens eine Einigung mit den Moslems in der Richtung zu erzielen, daß sie die Entscheidung der Kommission anerkennen. Die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, daß Loefgren in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag viele Stunden lang mit dem Großmufti von Jerusalem und seinen Freunden konferierte. Während der Sitzung am Donnerstag verließ Loefgren die Sitzung, deren Vorsitz dann Barde innehatte, um mit dem stellvertretenden High Commissioner zu beraten. Doch sollen die Aussichten, auf eine Einigung mit den Möslems gering sein, da der Mufti trotz aller privat und öffentlich an ihn ergangenen Appelle der Kommissionsmitglieder sich vom Anfang der Kommissionssitzung an unzugänglich zeigte. In seiner einstündigen Ansprache vor der Kommission wies David Y eil in auf den intoleranten Fanatismus der moslemischen Agitatoren hin und pries die im Gegensatz dazu stehende Toleranz ihrerVorfahren. Er berief sich auf das Schriftwort: „Es sei kein Streit zwischen uns Vettern", und führte aus, daß dieses besonders in religiösen Fragen Geltung habe, in denen politische Erwägungen keine Rolle spielen sollten. Zu den Moslems hingewandt, sagte er: „Es ist wahr, daß die islamische Welt entflammt ist, aber ihr seid es, die sie entflammt haben." Er wies dann darauf hin, daß die an den Verhandlungen beteiligte sogenannte persische Delegation zugegeben hat, Persien noch nicht einmal besuchsweise gesehen zu haben, und daß die Delegierten von Java zugestanden haben, vom Burak erst jetzt durch die Zeitungen erfahren zu haben. Dr. Yellin legte noch einmal Nachdruck darauf, daß keine einzige moslemische Autorität die Identität des Burak mit der Klagemauer stützt und daß die moslemischen Theologen niemals gegen das Beten der Juden an der Klagemauer Einwendungen erhoben haben. Selbst der Mufti hat ureprünglic h nur im Namen der mughrebinischen Anwohner protestiert und nicht wiejetztimN amen von 300 Millionen Mohammedanern. Die Moslems haben keinen Zeugen dafür führen können, daß Mohammedaner je an der Mauer ge- Um die Klagemauer* Schlußsitzung der Klagemauer-Kommission:« —• Für die Juden günstige Dokumente aus der Turkenzeit» — Hinterhältige Aussagen des Distriktsgouverneurs Keith Roach und katholischer Geistlicher. — Die Araber unterwerfen sich nicht« -— Zur Geschichte der Klagemauer» \