Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 146 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711764--1924-2715175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
r Seile 8 DIE NEUE WELT Stimmung der Staatsanwaltschaft zur Huligan«Aktion. Dieser selbe Oberstaatsanwalt berichtete telegraphisch an das Innenministerium, daß die Juden einen cuzistischen Bauern bis aufs Blut gemartert haben. Scharfe Auseinandersetzung zwischen Ängfrelescu und de? Delegation* Als der Unterstaatssekre^Sr^ A tf^h e!*s eti de* Delegation eine ausweichende Antwort gab ' und an der Version festhielt, daß die Juderi provozieren, protestierten die Delegierten gegen diese Zumutung. Depui tierter Mata erklärte: Wenn die Behörden Ruhe schaffen wollen, gelingt es ihnen, wie es ihnen gegenüber den Kommunisten gelungen ist. Wenn das Innenministe* rium aufrichtig wollte, konnte es die antisemitische Hetze verhindern. Entweder das Ministerium tut seine Pflicht oder man läßt der jüdischen Bevölkerung das Recht auf Selbstverteidigung. _ , Anghelescu erwiderte; mit,-heftigen Worten, es kam zu einem stürmischen Wortwechsel, die Delegation verließ empört das Büro. f av , ,-jDie.: Delegation begab stell \ hierauf;,'',, zumi_ Justiz;* nftinsfer J u n i a n": und' verlangte' Maß^^ Orierstaatsahwalt' Päcuraru.^gegen" den sie' formell "die Be* schüldigiihg'/erhoo^'d'aß er »'die cuzistischen Agitatoren^ begünstige; ^usiitzminister^Juhian erwiderte-* mit den,- Stereo*'-; typen Worten der Regierung:- „M a n w i r d e i n e U rft e n Nr. m iuchu n g - ein leite n un d,;* -die S c h ü 1 d'i g'e n1* b ei i'tx.afe,4" ■" '" •. '■ ■'■ ' '• " '■ Cuza■'droht im 'Parlament'mit' weiteren Pogromen. .Bukarest; 29. Juni. In'der, Generaldebatte der Kammer sprach auch der Antisemit A. C. Cuza zur Abänderung des Administrativgesetzes. Dabei stieß er Schmähungen gegen die Juden aus und drohte auch mit Pogromen. Er entwickelte dabei sein bekanntes Programm: Austreibung der Juden, Konfiszierung ihres' Vermögens usw. Cuza schloß: Als oberster Präsident der Antisemiten-Liga bin ich mit dem Projekt des Herrn Innenministers Vaida-Voevod vollkommen einverstanden, es entspricht den Prinzipien, die ich anzuwenden gedenke, wenn ich zur Macht gelange. —- Der Deputierte Rosenberg (Notionalzaranist) stellte fest, daß Cuza im Parlament offen mit Pogromen droht, ohne vom Präsidium oder von der Ministerbank ziirechtge^ wiesen zu. werden. Neue antisemitische Exzesse in Bielce. Bukarest, 20. Juni. Die Jassyer Zeitung „Opinia" berichtet, daß es in Bielce zu erneuten schweren anti* semitischen Exzessen gekommen ist. Die Cuzisten fielen;mi£:>|£> o 1 c h e n bewaffnet über die Juden her und füg« $£^:mehreren Juden schwere Stichverletzungen zu. Der jiiWge Jude Landau erhielt mehrere Dolchstiche, d;e;n e n er in der Nacht erlag, ein anderer junger Jude, Benzion Chawis, liegt mit schweren Kopfver* lefzimgen.vjim Hospital, , während mehrere andere Juden schwerverletzt in * ihren- Häusern darriiederliegen. In' der $t^Ht herrscht * große Erregung. Die Polizei hat eine Untersuchung zur Feststellung der Schuldigen eingeleitet Deklassierte Juden sollen aus Rußland auswandern dürfen. Moskau, 27. Juni. Dem ITA-Vertreter wird aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt, daß die Sowjetregierung sich gegenwärtig mit dem Projekt; befaßt, solchen'jüdischen „L i s c h e n z e s" (Wahlrechtslosen), die keine Hoffnung haben, je in Rußland das Wahlrecht zuybekommen, die Auswanderung aus Rußland radikal zu erleichtern. Solte dieses Projekt verwirklicht, werden, so werden vor allem Rabbiner und ändere' r'e 1 i g-i:ö s e. F u nk t i ön'ä r.e, ebenso einstige G r 0 ß k a u f 1 e u t e aus Rußland ' auswandern dürfen. Jüdische Kommunisten bekämpfen dieses Projekt, das. einzig und allein jüdische :„Lischenzes" berücksichtigt; es besteht aber begründete Aussicht für "Annahme des Projektes. Linke' Pöale-Zion-Fährer werden nickt in; die kommunistische Partei aufgenommen. ' ' Moskau, 27. Juni. Das Zentralkomitee der kommu- 'nistischen Partei'' Rußlands hat es 'abgelehnt, 'jene 24 früheren Führer der linken Poale Zion, die vor kurzem "sich öffentlich vom' Zibnismu's-lossagten und f ü r d e n K o m m u n i s m u s erklärten, in die kommunistische Partei aufzunehmen. AIIS PALSSUNA. Unterdrückung der zionistischen Presse in v Palästina. Jerusalem, 30, Juni. Bekanntlich hat die Regierung zwei arabische Blätter und das hebräische Tagblatt »Doar Hajom" eingestellt. Inzwischen hat die Regierung die beiden arabischen Blätter wieder freigegeben! „Doar Hajom" aber vorläufig nicht. Dafür hattsie der Druckerei dieses Blattes einen, Prozeß' angehängt. " Der Inhaber des Druckereibetriebes „Hasojer, White, "der Drucker des „Doar Hajojn", wurde angeklagt wegen der Veröffentlichung von (Artikeln gegen die Palästina-Regierung. Nach der kürzlich erfolgten Suspendierung des „Doar Hajom" hat der Betrieb^ niit "dem gleichen Personal und in der , gleichen äußeren Form die Zeitung unter anderen wechselnden Namen veröffentlicht. White wurde nun zu einer Geldstrafe von Pfd. 30 und zur zwangsweisen Schließung der hebräischen Druckerei für drei Tage verurteilt. Er mußte ferner Pfd. 100 deponieren als Bürgschaft, daß er während der Suspension des „Doar Hajom" keine andere Zeitung unter anderem Na<men ohne Bewilligung der Regierung herausgeben wird. Die Verhandlung erfolgte auf Wunsch des Angeklagten unter Ausschluß der Oeffentlichkeif. Die palästinensische hebräische Presse nimmt gegen dieses Urteil Stellung. Sir Steward Spencer Davis stellvertretender High Commissioner. Die Ernennung des Leiters der Finanzabteilung der Regierung, Sir Stewarts, zum stellvertretenden Chief Secretary, bezw. nach Urlaubsantritt des High Cömmis« sioners zum stellvertretenden High Commissioner, wurde offiziell verlautbart. — Sein Vorgänger ist der berüchtigte Luke. „Doar Hayom" erscheint wieder. — Dr. y. Weist Mitglied der Redaktion? Jerusalem, 29. Juni. Die kurze Zeit verboten gewesene Jerusalemer hebräische Tageszeitung „Doar Hayöan" erscheint seit Freitag, den 27. Juni wieder. Wie es -heißt, wird der bekannte Orient-Schriftsteller und Orient-Berichterstatter; großer mitteleuropäischer Z^tungeri Dr. vV.^tylM, dem, Redaktionsstab des „Doar JtJayom'f •beitrietißnll^V. Weisl ist bekanntlich einer der 'Führer'i-der: 'ZioMs'te'n^evisionisten. .ä Die Baubewegung in Tel-Awiw. ' Die,. Baubewegung in Tel*Awiw zeigt indiesem Jahre ein deutliches Steigen gegenüber dem Vorjahre: Im ganzen Jahre 1929)jhai die: Stadtverwaltung von Tel* Awiw 134 Lizenzen fü|' die Errichtung von 3 68 Zim* m e r^n und 80 * L ä;d im' mit einert Gesamtfläche von ■16^9127 ^Quadratmetern erteilt. Nebst den Lizenzen für die Vergrößerung von Baüten (99 Lizenzen für 266 Zimmer ••üritfijlS 5Laden mit eirter Fläche von 8688 Quadratmetern) betrug; die Gesamtzahl 6M Zimmer und 95 Läden. Dem« gegenüber wurden im ersten Drittel von 1930 Lizenzen zur>Erricbitung, von .4 2,0', Z i m m e r n und 7 0 L a d e n erteilt, was eine Zunahme von etwa 50 Prozent darstellt. Eine neue arabische Partei. ■ •* L)r. Rtisendi '' T a mritei, Raschad Abu Gharbia Abd*ul Ghani el Karmi (gewesenes Mitglied des Zentral« komitees^ der komm tyn is t rs c h e n P a r t e i Palä» stinas, gegenwärtig Redakteur des „El Nafir") und Sahil Saka haben beschlossen, eine neue Partei in Haifa zu gründen. Juden und ''|U«i^r ^^{en'^jueh' gegenseitig Hilfe. Jerusalem, 26. ißini. In dem arabischen Dorfe S a f r i a in der Nähe von Jaffa gerieten ein Haus und eir Dreschtenne in Brand und es bestand Gefahr für das ganzQiDorf. Dief riei willige Feuerwehr von TelvA^iw eilte än?die Brandstätte und konnte nach kurzer Zeit'das Feuer-lokalisieren,' Die' Mukhtars der arabischen Dörfer Kaslot und Dorajah trafen mit Vertretern der jüdischen K olo.ni-e n des Distriktes Afuleh zusammen, um den Plan einer gemeinsameil> Aktion zur Bekämpfung der F e 1 d m $ u s e p 1 a g e> auszuarbeiten. Er wurde ein aus drei Juden und zwei Arabern sich zusammensetzendes Komitee .gewählt, das von der Regierung die Abschaffung der Boden- und Zehentsteuer für dieses Jahr, in dem die Ernte zu 90 Prozent vernichtet wurde, die Gewährung von Darlehen und Saatgut sowie die Dur c hführung energischer Maßnahmen gegen die Mäus^plage fordern s.ojl. ' . * ••' "[ ' 't/i ' ■' ■ v " .'.' * ' * * ''vi-*.' Es sei hier erinnert, daß die Regierung den jüdi-J sehen Kolonisten bisher untersagte, die JÄäuseplage mit modernen Hilfsmitteln, vor allem nüt Bazilleiu zu be-, kämpfen; Sie behauptete, daß lüedurch arabische Brunnen gefährdet würden. Nun ■scheinen die Araber ' die Fürsbrge der Regierung löswerden zu wollen. Die Seidenraupenzucht in Palästina. . Am> 13. Juni fand in Nablus eine Zusammenkunft von 25 Leitern und Lehrern von Regierungsschulen .statt, in der dje Förderung der Seidenraupenzucht be* bandelt ^urde. An" der?" Konferenz nähmen seitens der Regierung u. a. Herr Stewart, der neuernannte Fach« mann de^ Erziehuhg^Departements für Förderung von Kunstgewerbe und Handwerk in den Schulen, und Herr de Leon i (Ben Jehuda), Instruktor für Seidenraupenzucht, seitens ~ des landwirtschaftlichen Departement«' der Re» gier^ftg t|il. Die Konferenz dauerte drei'Tage. E>( würden einige Vorlesungen über die Arten der Speiden* raupenzucht und die .Web sei de gehalten. _ <Ziko> Lucien Wolf und Graf Bethlen* Geschichte einer Erpressung und Lüge, VI? letzte Nummer des Budapester Assiinilanfeublattes ,,E g y e n 1 ö s e g" bringt auf 4 der erste» Seite unter (Jer Ueberschrift „Sensationeller. Brief Lucien Wolfs an Ludwig Szabol.es.i"' eine Mitteiluijg, die auf Eingeweihte nicht so sehr sensationell eis vielmehr äußerst betrübend wirkt, Szaijolcsi erzählt, daß er, als der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen seinen Besuch in London machte/sich' an den Führer der englischen Judenschaft ku cie Wolf mit einem Schreiben gewendet habe, in welchem er Wolf bat, Graf Bethlen in London aufzusuchen, um zwischen dem ungarischen Regierungschef und dem englischen Judentum jene Verständigung zu schaffen, auf welche Ungarn heute so sehr angewiesen sei. Gleichzeitig hat Szabolcsi Lucien Wolf ersucht, durch seinen Einfluß dahin zu wirken, daß die englisch-ungarische Freundschaft, deren Besiegelung die Reise des Ministerpräsidenten gewidmet sei, so stark als möglich werde und sohin die englische freisinnige öffentliche Meinung sich in möglichst innigster Freundschaft und Liebe dem so schwer leidenden Ungarn zuwende. Lucien Wolf hat diesem Ersuchen Szabolcsis bereitwillig entsprochen und verständigte hievon Szabolcsi in einem Brief, dessen Wortlaut „Egyenlöseg" im englischen Original und in ungarischer Uebersetzung wiedergibt. Daß Szabolcsi sich an Lucien Wolf mit dem angegebenen Ersuchen gewendet hat, ist ihm weiter nicht zu verargen. Er stand vielleicht unter einem starken Drück von oben und mußte beweisen, daß die Behauptung, die Juden der ganzen Welt hätten sich unter geheimer Zustimmung der ungarischen Juden gegen Ungarn zusammengeschlossen, eine Verleumdung sei. Das aber, was sich dann im Absteigquartier des Grafen Bethlen zwischen ihm und Lucien Wolf, dem führenden Geist der zwei für die allgemeine jüdische Politik in England so wichtigen Körperschaften, wie „Jewish Board of Deputies" und „Anglo-Jewish Association", abgespielt hat, ist so niederschmetternd, daß man unmöglich darüber schweigend hinweggehen kann. Lucien Wolf schreibt: „Ich weilte ungefähr 20 Minuten bei ihm (Grafen Bethlen). Unsere Konversation war überaus herzlich. Ich sagte ihm, daß ich mich freue, ihm in England ohne jede Trübung durch Gegensätzlichkeit zu begegnen, und ich beglückwünschte ihn auch zu der Initiative, die er zur Herbeiführung der gegenwärtigen verbesserten Lage durdi Aenderung des Gesetzes vom Numerus clausus ergriffen hat. Graf Bethlen erwiderte, daß das getan werden mußte, und er freue sich, daß er es getan habe. Er fügte hinzu, daß die ungesunde Nachkriegsmentalität glücklicherweise in Ungarn vorüber ist und die Lage, was die Juden betrifft, wieder ganz normal geworden sei. Ich gab meiner Genugtuung hierüber Ausdruck und sagte, daß ich in seinem Besuch in England eine Erneuerung der alten Tradition englisch-ungarischer Zusammenarbeit in der Förderung liberaler Politik erblicke, die so stark in Blüte stand, als ich noch ein Knabe war. Wir sprachen dann noch über die allgemeine Lage in England und schieden dann mit der Versicherung gegenseitiger We:r.ts,cih'.ä.t Z'U-tfg,- voneinander. Ich hoffe, daß die Unte^edjln^b^lei^ sie .^ra^ar, eine Jgjite Wirlätng ausüben werde." ' v ■ ■■■ - *'....... Hiezu wäre nun zu bemerken: Mit dem Wohlverhaltungszeugnis, das gerade Lucien Wolf, der seinerzeit den Kampf gegen den Numerus clausus in Ungarn mit den besten Aussichten auf Erfolg in Genf geführt hatte, dem ungarischen Ministerpräsidenten ausgestellt hat, war einer der schwerwiegendsten diplomatischen Fehler, die jemals gegen das Interesse des Judentums begangen wurden, gemacht worden. Lucien Wolf ist dem Grafen Bethlen glatt hereingefallen, als er seine Genugtuung darüber aussprach, daß sich die Lage der jüdischen Studenten durch' das geänderte Nuraerus-clausus-Gesetz gebessert habe und daß die Situation der Juden in Ungarn nunmehr eine ganz normale geworden sei. Graf Bethlen hat diese Feststellung wider besseres Wissen gemacht. Unter Führung der ungarischen Regierung, das heißt also des Regierungschefs Grafen Bethlen, tobt^ jetzt in Ungarn ein sozialer und wirtschaftlicher Judenpogrom, der die jüdischen wirtschaftlichen Existenzen schon bisher dezimiert hat und sie völlig zu vernichten droht. Das angebliche Schwinden der ungesunden Nachkriegsmentalität entspricht nicht den Tatsachen. Die Mentalität ist njeht geschwunden, bloß die Ordre de bataille hat sich geändert. Bloß diese ist europäischer geworden. Das Judentum soll nicht durch illegale M 0 r d e und P1 ü n d e r u n g e n, sondern durch den geschlossenen Kampf gegen seine wirtschaftlichen Positionen ausgerottet werden. Und in diesem Kampf hat die antijüdisehe Einheitsfront schon bisher erschreckende Siege über die ungarischen Juden erfochten. Täglich brechen Hunderte von jüdischen Existenzen zusammen, die Flucht, aus dem Judentum unter die schützenden Fittiche des Christentums hat wieder panikartige Formen angenommen* und dazu kommt noch,, daß Bethlen mit seiner hinterhältigen Taktik den ungarischen Juden auch moralisch die schwersten Wunden zufügt» indem er ihre Führer, wie das eben der Briefwechsel zwischen Szabolcsi und Lucien Wolf zeigt, unter Druck hält und sie zwingt, seine Position durch Beeinflussung der ausländischen Juden zu stärken, indem er sie zur Fälschung der Geschichte zu seinen Gunsten zwingt. Aber selbst Szabolcsi gchejnt; sjeh* der .Unwahrheiten, die 'Graf Bethlen Lucien Wolf zum Besten gab, jsu schämen. Während Bethlen Jau| djem Schreiben Wolfs erklärte und Wolf die Erklärung mit freudiger Genugtuung zur Kenntnis nahm, daß in Ungarn gegenüber den Juden die Nachkriegsmentalität bereits völlig