Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 141 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. m genheiten z. B. einer Aerztin anvertraut werden. Eine solche Beschränkung beeinträchtige die Würde des Richterstandes. Wird Tripoli Endpunkt der Mossul-OeMtöhrenleitnng? Jerusalem, 20. Mai. (J. T. A.) Der Präsident der unter französischem Mandat stehenden Libänensischen Republik Gharles Debbas machte, wie die Beiruter Presse meldet, Mitteilung, daß der Endpunkt der Mossul« OelsRöhrcnleitung nach dem syrischen Tripoli und nicht nach Haifa verlegt werden würde. Er fügte hinzu, daß Tripoli in kurzer Zeit eine große Luftfahrt* Station erhalten soll. Arabische Boykott-Tendenzen. Jerusalem, 18. Mai. (J. T. A.) In Jerusalem wurde eine Gesellschaft zur Entwicklung von Handel und Indiu strie unter den Arabern gegründet, deren gegen die Juden gerichtete Boykott<Tendenz klar ist. — Araber in Amman gründeten eine Gesellschaft für Versorgung der Stadt mit elektrischer Kraft und Lich t, deren Aktionäre nur Transjordanier sein sollen. Wiederum Heuschreckengefahr in Palästina. Jerusalem, 22. Mai. (J. T. A.) Palästina ist wiederum von einer Heuschreckeninvasion heimgesucht. Riesenschwärme erscheinen in verschiedenen Teilen des Landes. Es werden Notmaßnahmen zur Bekämpfung der Heuschreckenplage ergriffen. Ein mit einem Funkapparat ausgerüstetes Polizeiauto ,&hrt im Lande herum und berichtet über die Bewegung der Heuschrecken; dadurch wird es möglich, die mit der Abwehr beschäftigten Arbeiter schnell an die gefährdeten Stellen zn bringen. Die Schönheit der Haifa-Bucht übertrifft die der Bucht von Neapel. Jerusalem, 20. Mai. Professor Leslie Patrick Abercrombie, die bekannte Autorität auf dem Gebiete des Städtebaues und Professor für Städtebau an der Universität Liverpool, der während seines Aufenthaltes in Palästina als Berater des Jüdischen Nationalfonds und der Palestine Economic Corporation in der Angelegenheit der architektonischen Gestaltung der Haifa-Bucht-Böden fungierte, erklärte Vertretern der Presse gegenüber, daß die Haifa-Bucht an Schönheit sogar die berühmte Bucht von Neapel übertreffe, für die das Wort geprägt wurde: „Neapel sehen und sterben". Die zukünftige Stadt, die sich auf diesem Territorium erheben wirdi fuhr Prof. Abercrombie fort, wird'durch mehrere außergewöhnliche Merkmale ausgezeichnet sein. Es ist hier Platz für eine schöne Gartenstadt mit Obstplantagen sowie ferner für ein Seebad von enormen Möglichkeiten., Prof. Abercrombie sprach sich sehr lobend über die Anlage der jüdischen Siedlungen im Tale J e z r e e 1 und in J u d ä a aus. Er wies energisch die These zurück, daß . die von den Juden betriebene Entwicklung des Landes den Reiz dieses Landes beein- ' trächtige. Im Gegenteil, sagte er, die jüdir schen An 1 agen, und Gebäude erhöhen die Schönheit und das Ansehen Palästinas. Professor Abqrcroinbic schloß, das, was er von jüdischer Arbeit in Palästina gesehen habe, habe einen solchen Eindruck auf ihn gemacht, daß er entschlossen sei, sich von jetzt ab intensiver mit der zionistischen Bewegung zu befassen.; > tiiiilHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM An die Freunde und Leser des Blattes!; Wenn Sje. der Ansicht sind, daß die „Neue Welt" ein empfehlenswertes Blatt ist,^ geben Sie uns freundlichst die Adressen von Freunden und Bekannten an. Wir werden denselben die „Neue Welt" durch mehrere Wochen zur Brpbje gratis zukommen, lassen* Wenn wir uns bei der Werbung auf Sie berufen dürfen, bitte dies ausdrücklich zu bemerken. Aus der Zusendung erwachsen weder Ihnen noch* den Empfängern irgend welche Verpflichtungen. Die Verwaltung der „Neuen Welt". UlllllllllllllilP Das jüdische Erziehungsproblem. Von Oberlehrer Julius Steiner, Graz. Der Verfasser ist der Leiter der ein* zigen jüdischen Gemeindeschule in Oesterreich." 'Wir 'gewähren dem verdienst* vollen Fachmanne gerne Gelegenheit, seine Ansichten zu entwickeln. I. Haus und Schule. Man mag von welcher Seite auch immer an die Fragendes Judentums in der Gegenwart heran* treten, stets führen diese Betrachtungen und Erwägungen zum Erziehungsproblem hin. Und dies mit Recht. Denn all das, ^ajp^eme^G5«eraitföni an unerfüllten Wün*; sehen, Forderungen und Idealen hegt, hofft sie in der Zukunft von ihrer Jugend realisiert zu sehen. Diese Zu* veM^t bietet auch einen kleinen Tro^fü.^ den Jiangd «igSfen Tuns, lenkt die Aufmerksamkeit vom eigenen .Unvermögen ab auf die Zukunft. So wurden auch anläß* afch der Budgetdebatte in der »Wiisafir Kultus*., gemeinde die Fragen der jüdischen Jugenderziehung in der Oeffentlichkeit im umfangreichen Maße behandelt. Da Wien die größte jüdische Gemeinde Mittel* und Westeuropas ist, kommt diesen Darlegungen weitgehende Bedeutung zu, denn sie sind, schon zahlgemäß, für den größten Teil der jüdischen Jugend berechnet und sollen auch für die kleineren Gemeinden richtunggebend sein. All diese Programme gehen von einer Erkennt« nis aus, von den unhaltbaren Zuständen in der Er« ziehung und Heranbildung der jüdischen Jugend. Aus Mangel an voller Erkenntnis oder aus Mangel an Mut wurde aber nirgends klar und scharf ausgesprochen, daß es sich dabei nicht nur um die Rettung der jüdischen Jugend, sondern im weitesten Sinne um die Rettung des Judentums handelt. Die Not der Stunde gebietet, nichts zu beschönigen, sich nicht selbst zu täuschen oder täuschen zu lassen, sondern furchtlos den Tatsachen ins Auge zu sehen und rücksichtslos die Wahrheit einzugestehen. Und diese lautet: Die Jugend geht uns verloren, ist uns schon zum Teile verlorengegangen. Parallel mit den Fragen der Erziehung befaßt man sich mit dem numerischen Rückgang der Judenheit, der sich aus dem Mißverhältnis zwischen den G e b u r t s* und Sterbeziffern, aus dem Abfall ergibt. Dem jüdischen Volke wird der Untergang prophezeit. Nicht von dieser Seite droht die Gefahr. Das Judentum hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte Epochen mitge* machti die es an den Rand des Unterganges brachten. Es.hat diese Zeiten kraftvoll überdauert.'Es wird; auch die Drangsale unserer Tage, die Verfolgung des Bolsche« wismus, die politische und wirtschaftliche Notlage in anderen Ländern überstehen. An diesem Glauben müssen wir festhalten, wenn wir an die. Lösung der Erziehungs* fragen' herantreten. Aber eine Voraussetzung muß ge* geben sein. Der Rest, die verminderte Anzahl muß von einem starken jüdischen Bewußtsein erfüllt werden. Und daraus ergibt sich ein Zusammenhang, dieser beiden Fragenkomplexe, die gegenwärtig die Judenheit bewegen. Die vorzüglichsten Quellen, aus :- denen unsere Jugend Erziehung und Bildung zufließen, sind Haus und S c h u 1 e. Das jüdische Haus war noch für uns, die ältere Generation, die Pflegestätte jüdischer Sitten und, Ge* brauche, ein Altar, auf dem das Feuer jüdischer Frömmig* keit brannte. Da wurden die zarten, aber festen Fäden geknüpft, die fürs ganze Leben ans Judentum. binden. Sofern es' sich nicht urri orthodoxe Kreise handelt, ver*' sagt heute das Haus in der jüdischen Erziehung voll* ständig. Wohl gibt es noch Familien; hauptsächlich im Mittelstande, in denen .jüdische Gebräuche geübt, -die Feiertage beachtet werden, doch auch hier nur f o r» m e 11, mehr aus Tradition als aus innerer Notwendigkeit. Diese, häuslichen ^Andachten sind k e i n e' E r 1 etwi'-rs s e für die Kinder^ '4enn sie?. fühlen, daß diese Zere* monien neben dem Leben dahergehen und keinem see* lischen Bedürfnisse entsprechen. In den ärmeren Schichten, die heute der So* z i a 1 d e m o k r a t i e angeschlossen sind, herrscht eine geradezu feind 1-iche Einstellung zum Juden* tum. Da trifft man ein bewußtes Niederdrücken jedes jüdischen ,Gefühls, eine Verspottung und Verachtung, gegenüber den jüdischen "Gebräudien und religösen In* stitutionen. Da herrscht jener Dünkel, der für sich, das, Privileg nimmt, auf die anderen wie auf Geis'tesai-me , stolz hferabzublicken. Jenes Freidenkertum, das in Wirk* lichkeit ein b 1 oßer Mangel an Denkert u m ist und sich im mechanischen Nachschwätzen Wissenschaft* lieh aufgeputzter Phrasen äußert. Was kann man von den Kindern aus solchen Kreisen an Judentum voraussetzen? Sie kennen, nicht die, Feier des Freitagabends, nicht die weihevolle Stimmung : des Sabbats, die Freude an den Festtagen, nicht den heiligen Ernst der hohen Feiertage, ihnen leuchten keine Chanukahlichtlein, sie haben weder einen Purim noch einen Tischo*beaw. Man versündigt sich an diesen ■ Kindern, indem man sia der schönsten Freuden beraubt. Ihr Judentum schlummert verborgen in einem Wjnkel der, Seele und ,wartet vergeblich auf Erweckung. Dafür ver sucht man in ihr Leben fremde Gebräuche und Sitten einzuschmuggeln. Doch Kinder kann man nicht betrügen. Sie fühlen, selbstjv.eiin ihre Augen. anfangs>aufleuchten, ganz sicher und deutlich,- daß die fremdreligiösen Einrichtun* gen, die auch die jüdischen Freidenker gerne gelten , lassen, nicht zu ihnen gehören. Ihre Jugend ist freude»,; leer, liebeleer. In diese Häuser wird nie und nimmer jüdische Festesstimmung einkehren. Das sind verlorene Positionen. Die Eltern aber, die noch heute ihre Kinder jüdisch erziehen wollen, sollen und müssen in ihren Be* Strebungen gestützt werden. In Wort und Schrift, in Versammlungen, von der Kanzel, an Elternabenden muß ständig darauf hingewiesen werden, daß die religiöse Erziehung im Hause ein Grundpfeiler für die Erhaltung des Judentums ist. Mit dem bloßen Bekenntnis zum Judentum, wie wir es bei manchen Zionisten finden, ist nicht viel getan. Worte sind nichts, Taten beweisen, Der Umstand« ist» um so gefährlicher, da er bei der Jugend die Meinung be* stärkt, die Zugehörigkeit zu einem Vereine, das. Tragen eines Abzeichens oder einer Tracht sei schon genügende Leistung im Dienste des Judentums und enthebe von allen anderen Pflichten. Den jungst gehörten Stimmen ist zu entnehmen, daß die ganze Verantwortung auf die Schule über* wälzt, sie allein mit der Schuld, belastet wisds Die Schule ist, zwar ein maßgebender, aber nicht der alleinige Faktor, Bedeutet in unserem Falle „Schule" lediglich zwei Stün* defiv Religionsunterricht* den die Kinder an den öffent« liehen Scliulett genießen. Im übrigen Unterricht erfahren sie nicht! vom Judentum. Durch die Forderung der Wiener sozialdemokratischen Schulreform nach Boden« s t ä n d i g k e i t und Schöpfung des Lehrstoffes aus dem Erleben des Kindes, witd vielfach der Unterricht dem jüdischen Kinde ffenid, sogar feindlich. Ein Blick in die Lehrbücher und die politische Einstellung vieler Lehrer sind genügende Beweise. Auf jeden Fall wird das jüdische Kind in der Entfaltung seines Judentums eher gehemmt als gefördert. Aus dieser seelischen Not führt nur ein Weg, der Weg zur jüdischen Volksschule. Ist es den Führern der Wiener Gemeinde ernstlich um das Wohl der Jugend zu tun, wollen sie dem Verfalle des Judentums mit Erfolg entgegensteuern, so muß ungesäumt an die Errichtung jüdischer Volksschulen in den von Juden, dicht bevölkerten Bezirken geschritten werden* Geschieht dies nicht, so sind alle die schönen Reden nichtssagende Phrasen, hinter denen keine Ueberzeugung steht und die einmal im Jahre bei der Budgetberatung zur Beruhigung des eigenen Gewissens aufgesagt werden,- Schon in dem vorigen Wahlprogramm der zionistw sehen Mandatare war die Errichtung der Volksschulen enthalten. Aber von der Durchführung dieser stolzen For* derung oder vom Versuche einer Verwirklichung hat mari bis jetzt noch nichts gehört. Es gibt natürlich den Ein* wand des Geldmangels, der rasch zur Hand ist und jede weitere Erwägung im Keime ersticken soll. Der kann und darf in diesem Falle nicht gelten. War Geld vornan* den, um prunkvoll ausgestattete Toten*, hallen zu errichten, so muß auch Geld vor*; h an den sein, um junges Leben dem Juden? tum zu erhalten. Und sollte wirklich die Wiener Gemeinde sich das' Armutszeugnis ausstellen und keine Mittel für einige' Volksschulen aufbringen, so muß, so wie anderswo, eiri Jüdischer Schulverein erstehen. Aber es müssen' sich Männer finden, die unermüdlich für dieses edle Werk arbeiten wollen. Was in Prag, Brünn und Graz mög* lieh ist, muß auch in Wien zu erreichen sein. In Prag ver* steht es der Jüdische Schulverein, der schon viele Jahre eine fünfklassige Schule erhält und von der Kultus* gemeinde nur in geringer Weise unterstützt wird, die ge* samte Oeffentlichkeit zu interessieren. Seine gesellschaft* liehen und künstlerischen Veranstaltungen, unter denen eine Festvorstellung im tschechischen Natio* naltheater besonders zu erwähnen ist, sichern ihm allgemeine Sympathien ' und verschaffen ihm die notwendigen Mittel. Die jüdische Volksschule in Graz wird von der Stadtgemeinde subventioniert und erfreut sich des Ansehens und der Förderung der; staatlichen Behörden. Wien zeigte bereits Anfänge eines" jüdischen Schulwesens. Traurig und beschämend ist es, daß man diese Schulen zugrunde gehen ließ. Nur das Gymnasium hat man erhalten, in der falschen Vor* aussetzuhg, daß die Mittelschule vor der Volksschule den Vorzughaben soll. Sollte es aber wirklich nicht möglich' seinr „Mittel für jüdische Schulzwecke in einer nach Hunderttausenden zählenden Gemeinde aufzubringen^ sollte weder die Kultusgemeinde, noch private Institution nen zu der Tat sich aufschwingen, die die Not der Zeit gebietet, sollten sich nicht einmal zehn Gerechte finden, die mit Energie und Begeisterung das Werk in Angriff nehmen, dann müssen auch die Klagen über den Verfall verstummen und die Gemeinde verdient das Los, das sie' sich selbst bereitet. »; , (Ein weiterer Artikel folgt.) PHHPlüililM : JUDISCHE KUmTLSBSPIELE K II, Praterstraße,34 iWMpWiBWBWWWBBMMM ME; ■ Sondervorstellung der he j WILNAER TRUPPE I Frallag; <l«n 30. Mal, >/,9 Uhr K! SiPzuineUf : " , Komödie von Schalom Alejchem H| : Ehrenabend für den Bühnenmeister D. Szafrenko Hb1 - Karten von l1/* bis 6 S Im Vorverkauf und an der Abendkassa j|K | mmmmmmmmmmmmmmm, Tpheater, Kunst und .1 ii»ipiiiii|iiii[iiiii|ii[iii|iiiiiiiie Literatur Wiener, jüdische Konzertvereinigung. * * * , » » » C3* " C? Es herrscht ein reges Interesse für das Konz-e-rt der neugegründeteu jüdischen Konzertvereinigung, welches am Samstag, den 31. Mai d. J., um Jhajh ■% yhv , ftbencjs, im Festsaale des Hotel Continental stattfindet.; Es werden große Kompositionen der Oeffenk lichkeit zum ersten Male vorgeführt. -4 $estliphe Karten sind an der Abendkasse zu haben, -v Dirigent; Kapellmeister Bernhard LY«^dl«j i