Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 137 (2.5.1930)
- Date
- 1930-05-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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pSfrrucm «o^pta/ ßO#V#V£r/V z»d> pflAnzliche ENTFETTUNGSMIT TEL. Die „Judenrepublik in Sibirien. Moskau, 26. April. (J. T. A.) Die an der Kolonisierung von Biro-Bidschan im Fernen Osten durch Juden interessierten Kreise geben offen zu, daß der Biro-Bidschan-Plan sehr gefährdet sei, weil der Zuzug von Juden nach Biro-Bidschan fast vollkommen aufgehört hat. Komzet gab seinen Abteilungen in Weißrußland und in der Ukraine telegraphisch die Weisung, so schnell als nur möglich i 0 0 0 Juden als Lohnarbeiter nach Biro-Bidschan zu schicken; aus beiden Ländern kam die Antwort, daß trotz eifriger Werbung sich kein einziger Jude zur Reise eintragen Heß. Der geplante Häuserbau in Biro-Bidschan wird deshalb nicht durchgeführt werden können. Die Gesellschaft Ozet gibt bekannt, daß sich nun jeder, auch Deklassierte und frühere Händler, zur Reise nadh Bdro-tBidsohaai eintragen lassen können. * Bisher waren „Deklassierte", das heißt ehemalige Kaulleute und ihre Kinder von der Kolonisation ausgeschlossen. In dem Bestreben, den Schwindel von der „Judenrepublik" an der chinesischen Grenze aufrecht zu erhalten, greift man jetzt auf diese, sich in verzweifelter Lage befindlichen „Deklassierten" zurück. „Morning Post" sagt für Juni 1930 neue Unruhen voraus. London, 26. April. (J. T. A.) Der Palästina*Sonder« korrespondent der antizionistischen „M o r n i n g Po st" führt in seinem Blatte aus, unter Engländern, Juden und Arabern in Palästina herrscht Uebereinstimmung darüber, daß man mit weiteren Unruhen in Palästina als mit einer Tatsache zu rechnen habe. Im Juni 1930 wird eine Zeit der Unruhe beginnen. Die Orangen*Saison wird dann vor ihrem Ende stehen. Ende Mai werden die Ernten an Weizen und Gerste eingebracht sein, die in klimatischer Hinsicht kritischeste Zeit des Jahres, der „fünfzigtätige Wind", wird vorübergegangen sein. Die Geister werden dazu frei werden, sich politischen Betrach* tungen hinzugeben. Allgemein herrscl.t in Palästina die Ansicht, daß nur die Anwesenheit der britischen Garnison im Lande die Ordnung seit den Unruhen im' August 1929 aufrecht erhielt. Der „Morning Post"*Kor* respondent. berichtet ferner, daß der Waf f enschmug* gel aus .Transjordanien nach Palästina an* dauert und daß Viehraub längs der Grenze an der Tagesordnung ist. Die lange Grenzlinie und die Tatsache, daß der Jordan leicht zu überschreiten ist, machen die Aufgabe; der trans jordanischen Grenzmacht, zu einer wenig beneidenswerten, und es gibt heutewenige Juden besonders im Landinnern, die nicht ihre Pistole zur Sicherung bei sich haben, und nur wenige Araber, die nicht ein brauchbares Gewehr, aufbewahren für den Fall, daß „der Tag wiederkommt": ■ * Der Palästinaregierung ist die Lektüre der „M o r* n i n g Pos t" dringend zu empfehlen. Sonst wird sie wie* der in die Lage kommen, sich nach lang vorbereiteten Revolten mit „Unkenntnis" zu entschuldigen. Indische Moslems und Palästina. Bombay, 24. April. (J. T. A.) Am Montag, den 31. April fand in Bombay eine Konferenz von Delegierten der allindischen Liga der Moslems statt, in der der Vizepräsident der indischen gesetzgebenden Versammlung, Maulvi Mohamed Yakub, die englische Politik in Palästina scharf kritisierte und eine Abkehr von der Politik des Jüdischen Nationalheims in Palästina fordert. An Stelle dieser Politik, sagte er, müsse eine Politik treten, die die Selbstverwaltung durch Errichtung einer demokratischen Regierung fördert. Es wurde beschlossen, eine Abordnung indischer Mohammedaner nach London zu entsenden, die zugunsten der arabischen Politik in Palästina wirken soll. Der arabischen Palästina-Delegation, die gegenwärtig in London weilt, wurde eine Resolution übermittelt, in der es heißt: Das Heilige Land Palästina wurde der gesamten mohammedanischen Welt gegeben; die indischen Moslems fordern die Zurückziehung der Baliour-Deklaration, die Beendigung des Mandates und die Einsetzung einer unabhängigen Regierung, die nach dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes aus den ursprünglichen Einwohnern Palästinas sich zusammensetzen solle. Zehn Jahre nach San Remo. Am 24. April 1920, also vor zehn Jahren, haben die Vertreter der Alliierten Mächte auf der in San Remo abgehaltenen Tagung des Obersten Rates der Alliierten beschlossen, die von Lord Balfour im Namen der britischen Regierung erlassene Deklaration über die Schaffung'eines jüdischen Nationalheims in Palästina den der Türkei zu unter* breitenden Friedensbestimmungen einzuverleiben; gleich« zeitig übernahm Großbritannien formell die Verwaltung _DIE NEUE WELT des Palästina*Mandates im Namen des Völkerbundes. Nach Annahme dieses Beschlusses in San Remo sagte der damalige britische Premierminister Lloyd George dem Vertreter der zionistischen Organisation Prof. Ch. Weizmann: „Wir haben Euch eine Chance gegeben; nun ist es an Euch, die in Euch gesetzten Erwartungen zu erfüllen." In der gesamten jüdischen Welt hat die Nach» rieht über den San Remo*Beschluß ungeheure Be* geisterung hervorgerufen; er wurde als epochal in der jüdischen Geschichte bezeichnet. Der Beschluß kam fast unmittelbar nach den ernsten anti jüdischen U n* ruhen und dem Blutvergießen in Palästina in der Osterzeit des Jahres 1920. Damals wurde Jabotinsky wegen Organisierung einer jüdischen Selbstverteidigung zu einer langjährigen Gefängnisstrafe durch ein Militärgericht (Jabotinsky war damals Leutnant der britischen Armee) verurteilt; das Urteil wurde kurz darauf aufgehoben. Dr. Weizmann hatte in einer Botschaft, die er dem San Remo»Korrespondenten des „Manchester Guardian" gab, die Verurteilung Jabotinsky als „monströs" be« zeichnet. Die hebräische Tageszeitung „Haarez" schilderte damals, wie die Nachricht aus San Remo in Palästina auf« genommen wurde: „Der Tag begann mit Fasten. Die aschkenischen und sephardischen Rabbiner von Jerusalem hatten einen Fasttag als Ausdruck der Trauer um die Vernichtung jüdischen Lebens, Verbrennung der Gesetzesrollen und Entweihung des Namens Gottes propagiert. Die jüdi* sehen Läden waren geschlossen, die Synagogen von An* dächtigen überfüllt. Wir wußten, daß unsere V e r t e i d i* ger Strafen verbüßten, während viele des M o x* des Beschuldigte freigelassen wurden, an» dere, die an den Morden beteiligt waren, nach Abgabe ihres Ehrenwortes sich frei bewegen durften. Wir wußten, daß ein junger jüdischer Selbstwehrmann, Male ha, der sich dem Gerichte stellte, zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde; wir kannten die Aussage von Arabern vor dem Untersuchungsgericht, die Aussage des Fahnen* trägers am Tage der Pogrome, die Aussage arabischer Polizisten, die Aussage der'Agenten Reuters u. a. m. Niemand dachte an San Remo an diesem Tage des Fastens und. der Trauer. Im Lande wüteten Kämpfe. Un# sere Siedlungen in Obergaliläa waren in Gefahr, der Be« duinenkrieg dehnte sich auf Untergaliläa aus. Ein jüdi* Nr. i$? LAURANA Äbb^ä Orthod. kosch. Pension WEISS neu eröffnet Erstklassige Küche Mäßige Preise Auf Wunsch Prospekte scher Kolonist aus Milhamiah wurde getötet, wir lebten in Furcht und Ungewißheit. Um 2 Uhr erhielt das Zioni* stische Komitee in Jerusalem telegraphisch die Nach« rieht über den Beschluß in San Remo. Um drei Uhr betrat Ussischkin die Synagoge Jehuda Hachassid, um den Juden Jerusalems mitzuteilen, daß das jüdische Nationalheim von den Großmächten beschlossen sei. Hinter ihm drängte eine ungeheuere Menge, die von dem San RemoxBeschluß schon erfahren hatte, in die Churva* Synagoge. Die Synagoge war gesteckt voll. Als der Rab* biner seine Predigt geendet hatte, hielt Ussischkin di« folgende Ansprache: Ich bin heute Ueberbringer einer historischen Botschaft. Brüder, Rabbi Kook hat eben zu Euch von der Diaspora, von unseren Leiden und unserer Not ge» sprochen. Ich überbringe Euch die Nachricht von unserer Erlösung, unserer Zukunft, von neuem Leben. Als Ussisch* kin schloß, erhoben sich sämtliche Andächtigen und san« gen dsa „Ha 11 e 1 u j a h". Zum Schluß sangen alle, Ortho« doxe und Fortgeschrittene, die „H a t i k v a h". Von dort begab sich Ussischkin in die überfüllte sephardische Synagoge „Rabbi Jochana ben Sakai", wo sich die gleichen Szenen abspielten. Von dort begab sich eine überwältigende jüdische Prozession zur Klagemauer, durch die Gassen, in denen kurze Zeit vorher die blutigen Ueberfälle auf die Juden sich abgespielt hatten. Dort wurden die üblichen Gebete über die Rückkehr zu Zion gesprochen. Für die Opfer der Pogrome und für die Seele Dr. Herzls wurde das Gebet „El Moleh Rachamim" gesprochen. Zum Schluß stimmte die Menge spontan das Lied „Hatikvah" an der Klage* mauer an." Antisemitismus in Amerika.!y ■ . Der Jude ist kein Am$rikaä,er. Noch immer Christusmörder. — JucUbnreine Üniversitäten. — Erstarken des jüdischen Nationnlgefühls. In der Breslauer ,ijüdischen Zeitung" entwirft E. K o n i g aus New York ein Bild des gesellschaftlichen Verhältnisses zwischen Juden und Amerikanern: „Der J u d e n h a ß in/ den Vereinigten Staaten hat weder seinen Anfang noch sein Ende mit der verstrichenen Aktivität des Auto-Magnaten Henry Ford gefunden. Der Schwerpunkt des amerikanischen Antisemitismus liegt vielmehr in der Vergangenheit des verhältnismäßig jungen Landes, oder klarer ausgedrückt: mit dem ersten Juden betrat der erste Antisemit den Boden des neuen Weltteiles. Wo Juden vorhanden sind, dort gibt es auch Judenhasser. Dies ist eine unerschütterliche historische und soziale Erscheinung des jüdischen Volkes in der Diaspora. Mag die Ursache verschiedenen Charakter schattieren, das Endresultat bleibt dasselbe: man haßt, verfolgt oder .verachtet den Juden. Dieses gilt für Lemberg (Steiger-Prozeß) so gut wie für Atlanta (Leo Frank-Prozeß), bloß die. Taktik der Judophobie ist verschiedenartig. In manchen europäischen Ländern ist der Antisemitismus das Hauptkapital des Regierungsprogrammes oder die Farbe einer Partei (Nationalsozialisten, Christlichsoziale), in Amerika ist er weder das eine noch Zionisten und Zionistinnen! Am 13. Mai sind die Wahlen zum Zionistischen Parteitag Höret das Programm und die Forderungen der Zionisten«Revisionisten und kommet in unsere Versammlungen: Donnerstag, i. Mai, 8 Uhr abends; Restaurant Ho* rowitz, IL, Kleine Pfarrgasse 27. Samstag, 3. Mai, 8 Uhr abends: Cafe National, IL, Taborstraße. Montag, 5. Mai, 8 Uhr abends: Restaurant Bayer, II., Venedigerau Nr. 167 (Haltestelle Lustspiel* theater), Mittwoch, 7. Mai, 7 Uhr abends: Studentenver» Sammlung, Cafe Arkaden, I., Universitätsstraße. Mittwoch, 7. Mai, 8 Uhr abends: Cafe Neptun, ' Gaußplatz 7. Redner: Frau Noemi v. Wei.sl. Dr. Paul J. Diamant, Dr. Heinrich G1 ü c k e r. Dr. Dawid B u k s p a n, Benjamin Lubotzky. das andere. Dieser Umstand verhindert es aber nicht, daß Juden gesellschaftlich oder wirtschaftlich boykottiert werden. In Europa legt sich der Judenhaß kein Blatt vor den Mund, er ist schreiend'in der Form physischer Gewalttaten und Schmährufe, wogegen er in den Vereinigten Staaten schweigend ist, was, das Problem zuweilen komplizierter gestaltet. Ein Amerikaner muß doch das Prinzip des traditionellen Gentleman hochhalten, er wird mit dir Busineß tun und eines schönen Tages außerhalb des Bereiches der Selbstkontrolle andeuten, daß du als Jude dort bleiben sollst, wo du hingehörst: „You stay there where You belong." Der Amerikaner spricht in seiner Naivität von zwei Nachbarn, von denen der eine „American", der andere „Jew" ist. Mit dieser Aeußerung ist die Mentalität des amerikanischen Judenhasses trefflich gekennzeichnet: Als Jude ist.man nicht Amerikaner. Während der Judenhaß in Europa zumeist einen ökonomischen Hintergrund auf dem Gebiete der Handelskomkurrenz aufweist, soistinderneuen Welt sein Rückenmark Religion. Die amerikanischen Massen in deren protestantisch-methodisch-baptistischen Majorität sind ein Volk der Kirche, Bibel und Missionärtuon. In keinem Lande der Welt werden so viele Kirchen gebaut, wird so viel Bibel studiert, so viele Missionäre herangebildet als in Amerika. Und wie ein6t ein Führer des Ku-Klux-Klan-Ordens erklärte, beginnt die Antagonie des christlichen Amerikaners gegen die jüdische Rasse im Neuen Testamente. „Wir können denen Golgatha nicht verzeihen!" rief er schäumend vor seiner weißbekittelten, maskierten Zuhörerschaft des K.-K.-K.-Ordens. Zuweilen nimmt die Judenabneigung hier einen ökonomisch-wirtschaftlichen Charakter an, wiewohl von der I20-Milliouen-Bevölker«u(ng der 48 Vereinigten Staaten nur vier Millionen jüdische Seelen, von denen zwei Millionen in New York wohnen, zu zählen sind. Dies ist eine dreiprozentige Lösung, wie man es chemisch ausdrückt, und doch fallen unsere Juden hier auf, da sie überall in der ersten Reihe zu finden sind. In den Provinzstädten haben sie auf den Hauptstraßen die größten Geschäfts'aüslagen, führen das Bankwesen und den Realitätenhandel, ebenso in den Großstädten, wo sie das führende Element der Presse sind, ebenso der Kunst und Theaterkritik. Die ganze Textilindustrie liegt in jüdischen Händen und es erübrigt, hier hervorzuheben, welchen Einfluß sie in der Entwicklung New Yorks an den Tag legten. In der Middle-West und im Süden ist der Antisemitismus mehr verwurzelt als im Osten. Dies erklärt sdoli dadurch, <M im Osten allerhand ausländische Gruppen, wie Italiener, Griechen, Ungarn u. a., ansässig sind und man an den kosmopolitischen Charakter dieser Staaten wie New Jersey oder New York gewöhnt ist.