Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 136 (25.4.1930)
- Date
- 1930-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen V« b» b« BEZUGSBEDINGUNGEN; Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugo« slawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— : Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—, REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlieh Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20, Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—-8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 4 Freitag, den 25. April 1930 Nr. 136 RUNDSCHAU Die armen, ausgebeuteten Araber. — Jüdisches Rauschgift. — Ein vergessenes Menschenrecht. — Die rauhen Sitten edler Germanen. Die Araber Palästinas sind urplötzlich Gegenstand des Mitleids einer halben Welt geworden. Die Untersuchimgskommission, welche weniger Wert auf die Untersuchung der Verbrechen legte als auf liebevolle Prüfung des Seelenzustandes der Verbrecher, hat für die Entstehung dieses Mitleids trefflich gesorgt. In ihrem Berichte steht ja — teils wörtlich, teils andeutend — geschrieben, daß die Juden wie die Heuschrecken in Palästina eingedrungen sind, und die armen Araber mit Recht fürchten, daß sie ihnen das letzte Stückchen Mark aus den Knochen saugen werden. „Arme, mißhandelte Araber!" rufen die Antisemiten aller Länder. „Arme, mißhandelte Araber 1" seufzen die. antizioniytische» Juden. Alles ist gerührt] Wie es um die Ausbeutung und Mißhandlung der Araber in Palästina bestellt ist, das beweisen die grausamen Ziffern des Budgets der Palästina- Regierung. Greifen wir einen. Posten heraus: Erzieh a n g! Im Jahre 1928 hat die Regierung 137.115 Pfund für Schulzwecke ausgegeben. Hievqn^erhielten die arabischen Schulen mit " 321.187*""' "Kindern 117.179 Pfund, die jüdischen Schulen mit 18.860 Kindern 19.936 Pfund. Die Regierung hat daher für ein arabisches Kind 5.53 Pfund, für ein jüdische s Kind 1.07 Pfund ausgegeben. Also für ein arabisches mehr als das F ü u f f a c h e dessen, was auf ein jüdisches Kind entfiel. Die Differenz von mehr als 100.000 Pfund, welchedas jüdische Schulwesen erforderte, haben die Juden aus eigener Tasche bezahlt. Natürlich gibt die Regierung nichts aus eigener Tasche her, sondern greift in die Steuerkassa. Obzwar die Juden nur etwas über 18 Prozent der Bevölkerung bilden, zahlen sie 44 Prozent aller Steuern. Von dieser Seite her gerechnet, ergibt sich, daß der arabische Steuerzahler für die Erziehung eines jüdischen Kindes 0.95 Pfund pro Jahr zu zahlen hat, der jüdische Steuerzahler aber für die Erziehung eines a r a b i s c h e n Kindes 2.45 Pf und leisten muß. Also mehr als das V i e rf'aehe! Schmarotzende Araber! Juden! Arme, ausgesogene „Nicht nur in kultureller Beziehung hat sich das Judentum die Vergiftung aller Völker zum Ziele gesetzt. Verfolgt man die Spuren der Verfallserscheinungen, die heute bei allen Völkern der Welt auftreten, so wird man auf Juden stoßen!" — So leitet das Organ der Wiener Hakenkreuzler einen Polizeibericht ein, welcher die Festnahme einer großen Bande von R a u s c h g i f t h ä n dl e r n meldet. Die Verbrecher, welche einen großen Teil des Orients, Aegypten, Syrien usw., mit Heroin, Morphium, Kokain und anderen schrecklichen Giftstoffen versorgten, sind tatsächlich durchwegs Juden, russische, österreichische, polnische, ägyptische, palästinensische Juden. Abwehrend könnte man den Hakenkreuzlern entgegenhalten, daß Rauschgift kein jüdisches Monopol ist. Hunderte Jahre lang haben englische Händler hunderte Millionen Ostasiaten mit Opium versorgt, fromme Protestanten haben mit giftigem Fusel Indianer und Neger beteilt und ausgerottet, in der einen Hand das Evangelium, in der anderen die Schnapsflnsche. Wer erzeugt Rauschgifte und gibt sie „unter der Hand" ab? Deutschlands mächtige chemische Industrie! Aber hier handelt es sich nicht um Abwehr. Wir haben es nicht notwendig, abzuwehren. Wir haben dasselbe Recht auf Verbrecher wie die anderen Völker. Hier handelt es sich um anderes. Daß jüdische Menschen ein Gewerbe treiben, das so schändlich ist wie der Sklavenhandel und der Mädchenhandel, ein Gewerbe, das notwendigerweise darauf gerichtet ist, andere Menschen in den sicheren, qualvollsten Tod zu treiben. Hier muß die jüdische Gesellschaft einsetzen, indem sie selbst die Verfolgung aufnimmt und unerbittliche, strenge Verfolgung. Hier wird die Angeberei zum ehrenvollsten Gewerbe. Kein Pardon den jüdischen Rauschgifthändlern. Nicht der Antisemiten wegen... * Bis vor zwei Jahrzehnten galt das Recht der ¥ r eizü gigkei t d es Menschen als heiliges Menschenrecht. Kein liaild darf d**hi Fremdenden Eintritt und den Aufenthalt verwehren, wenn er nur ehrlich arbeitet und sich den Gesetzen des Landes fügt. Die Erde für alle Menschen. Die soldatische und bureaukratische Reaktion hat. gegen die Freizügigkeit des Menschen und für die Heiligkeit der Grenzen und Ausweispapiere gekämpft, Fremdenverfolgung war ein. Wahrzeichen des Despotismus. Die großen Revolutionäre, das freiheitliche Bürgertum und; allen voran, das organisierte Proletariat haben für die Freizügigkeit gekämpft. Sie haben im „Fremdenrecht" ein Bollwerk aus finstern mittelalterlichen Zeiten erblickt und gestürmt. Bis vor zwanzig Jahren! Heute liegen die Dinge anders, ganz anders. Eine Meldung aus London, beweist es. Die jüdischen Arbeiterorganisationen in England haben innerhalb der großen Labour Party, welcher sie alle angehören, einen besonderen Verband gebildet, zum Zwecke der Erfüllung besonderer Aufgaben. Eine der Hauptaufgaben ist der Kampf gegen die F r e m d e ngesetzgebung und für das Asy 1 r ech t. Es ist eben notwendig geworden, unter der organisierten Arbeiterschaft für ein Menschenrecht zu wirken, das früher dieser Arbeiterschaft als heilig galt. Sie hat daran vergessen. In England, Amerika, Südafrika, Australien sind barbarische Einwanderersperren errichtet und schäbige, kleinliche Gesetze gegen den Ausländer, welcher ehrlich arbeiten will, erlassen worden. In Oesterreich und den Nachfolgestaaten desgleichen. Nicht gegen den Willen der organisierten Arbeiterschaft, mit ihrer Zustimmung, vielfach über ihr Drängen. Die Lehren der großen Revolution und die Satzungen der Internationale sind weggewischt. Jüdische Arbeiter müssen wieder um das Recht des Menschen auf Freizügigkeit und ein Asyl kämpfen. Nicht gegen die bürgerliche Reaktion, sondern gegen die eigene Organisation. Ein trauriges Zeichen des vielgerühmten Zeitgeistes! Alle im redaktionellen Tel! befindlichen entgeltüöhen Notizen sind durch ein beigefügt«« E bezeichnet. VERBAND DEMOKRATISCHER ZIONISTEN VWVVV^/VVWVV»/NA*VVVVVV\A/^VV%AA/VVVV\A/%A/VV^ VORANZEIGE * 70, GEPURTSTflQ AM I. MAI 1930 UM HALP NEUN UHR ABENDS IM CONTINENTAL-SAAL GROSSE GEDENKFEIER REDNER: HEINRICH T0RK-5TEINER DER FREUND UND MIT¬ ARBEITER DK FÜHRERS ROBERT STRICKER GROSSES KÜNSTLERISCHES PROGRAMM Preise der Karten: 1. und 2. Reihe S 5.—, die übrigen Reihen , S 3.—, 2.— und 1.50. Stehplatz S 1.—. Karten zu haben bei: Brüder Schiffmann, II., Taborstraße 48, Paul Alter, V., Arbeitergass* 18, Cafö Produktenbörse, II., Taborstraße, Administra ion der „Neuen Welt". Bestellungen auch tel -phonisch bei Frau Elsa Nebeuzahl, HL, RasumofsKygasse 1, Telephon Nr. U-12-2-16, und bei Frau Paula Stricker, II., Hollandstraße 10, Telephon Nr. R-45-6-89. Bei der Beratung des Budgets für Rechtspflege im preußischen Landtage brachte der Abgeordnete Kuttner einen Fall aus dem preußischen Rechtsleben dem hohen Hause zur Kenntnis. Er erzählte: „In Ostpreußen gibt es für Beleidigungen einen seltsamen Tarif. Zu alleroberst stehen die Richter selber. So sind in zwei von dem Redner namentlich aufgeführten Fällen für Beleidigung eines Richters zwei Jahre bzw. eineinhalb Jahr e Gefängnis verhängt worden. Ganz untenan stehen in diesem Tarif republikanische Minister, die Republik und die Jude n. So hat ein T i 1 s i t e r Gericht einen ostpreußischen Gutsbesitzer freigesprochen. Dieser hat einen jüdischen Händler, der nach mehrfacher fruchtloser Mahnung Geld bei ihm einkassieren wollte, mit dem Stock geschlagen, ihn „dreckiger Jude" tituliert und den Hund auf ihn gehetzt. Das Tilsiter Gericht hat erklärt, daß der jüdische Händler „d i e bekannten rauhen Sitteu der Tilsiter Niederun gi! habe kennen und sich danach richten müssen. Die Bezeichnung „dreckiger Jude" sei nur ein Scherz des Gutsbesitzers gewesen. Ein! unbeteiligter Zeuge hat zwar ausgesagt, daß der prügelnde Gutsbesitzer durchaus Ernst gemacht hatte, aber das Gericht läßt sich auch durch diese Aussage nicht vom Freispruch abbringen: der Gutsbesitzer habe eine so große Gestalt und tiefe Baßstimme, daß ein Unbeteiligter seine Scherze für Ernst halten könne. Es ist noch ein wahres Wunder, daß das Gericht nicht den Juden bestraft hat." Das hohe Haus ward durch diese Erzählung so tief erschüttert, daß es sich außerstande fühlte. chste Ausgabe vom 2. Mai 1930 erscheint als HERZL-SOft4DERNÜI^MiER ♦