Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 132 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 132 DIE NEUE WELT Seite 5 bestehenden mißlichen Zustände denke, sage ich Ihnen nun, indem ich gleichzeitig hinzufüge, daß dies meine private Meinung ist, die ich mit niemand besprochen habe: Es wird ein geheimer Rat gebildet, zu dem die Juden und die Araber je vier Vertreter senden, welche nicht von einer politischen Instanz abhängen dürfen. Zusammensetzung auf jeder Seite: i Arzt, gewählt von der Aerztegesellschaft, 1 Jurist, gewählt von den Rechtsanwälten, 1 Arbeitervertreter, gewählt von den Gewerkschaften, 1 Geistlicher, gewählt von den Geistlichen. Diese acht Leute kommen einmal per Woche zusammen. Sic verpflichten sich, nicht Intercssenvcrtreter ihres Berufes und ihrer Nation sein zu wollen, sondern nach bestem Wissen und Gewissen das Gedeihen der ganzen Landesbevölkerung ins Auge zu fassen. Die Besprechungen sind geheim und es darf über sie absolut nicht berichtet werden, auch nicht privatim. Wenn ein Beschluß über irgend etwas zustandegekommen ist, dem mindestens drei Männer von jeder Seite zustimmen, so kann der Beschluß der Bekanntgabe gefaßt werden, die aber im Namen des ganzen Rates geht. Ist einer nicht einverstanden, so kann er aus dem Rate austreten, aber er wird von der Pflicht der Geheimhaltung dadurch nicht entbunden. Wenn eine der genannten wählenden Gemeinschaften mit einer Resolution des Rates unzufrieden ist, kann sie ihren Vertreter durch einen anderen ersetzen. Wenn dieser „g eh e i m c Rat" auch keine bestimmten Kompetenzen hat, so wird er doch dazu führen können, daß allmählich die Differenzen ausgeglichen werden und daß eine gemeinsame Vertretung der Landesinteressen gegenüber der Mandatarmacht entsteht, welche über die Tagespolitik erhaben ist. Ich sende Ihnen diesen Brief in deutscher Sprache, weil ich nicht in der Lage bin, ihn selbst in englischer Sprache zu schreiben und weil ich für denselben allein die Verantwortung tragen will. Sie haben gewiß die Möglichkeit, sich denselben durch einen jüdischen Freund der Verständigung übersetzen zu lassen." Dieser bedenkliche Weg, der sich dem des Rektors Magnes zu nähern scheint, ist geeignet, Gefahren hervorzurufen, wie sie bereits durch die Tätigkeit Magnes' entstanden sind. Der „Falastin" hat die Magnes-Broschüre mit diabolischer Schadenfreude seinen Lesern täglich vorgesetzt. Auch jetzt geht er im Fall Einstein scheinheilig auf dessen Argumentation ein, indem er kommentiert: „Man würde geradezu eiß Verbrechen begehen, wollte man nicht alle Kanäle erkunden und alle Möglichkeiten ausschöpfen, die eine Chance für Herbeiführung einer Zusammenarbeit der beiden Völkerschaften in Palästina bieten. Heute besteht ein unglücklicher Spannungszustand. Ein gut Teil Glück liegt in dem Umstände, daß Professor Einsteins Name mit dem Vorschlag verbunden ist, der sonst irgend welchem Verdacht ausgesetzt sein könnte." Zu der Ansicht Professor Einsteins, daß der arabisch-jüdische geheime Rat, der zu bilden wäre, aus Persönlichkeiten bestehen sollte, die von jeder po-< Rüschen Körperschaft unabhängig sind, bemerkt „Falastin": „Die Verhältnisse in Palästina sind solche, daß es unmöglich wäre, eine Person zu finden, die sich der Politik ifernhält. ■ Wenn zwei werdende Nationen sich in einem sehr kleinen Lande miteinander messen, so ist beinahe jeder Angehörige dieser Nationen ein potenzierter Politiker." Der Vorschlag Einsteins —;,wie et. selbst betont; ein persönlicher — zeugt von politischer Naivität, wie sie so mancher groBc ÖeleMfe gelegentlich an den Tag legt. Die Schaffung eines geheimen Rates, kurzum die gemein* samc Interessenvertretung von vier zu vier mit dem Charakter dunkler, platonischer Funktion, ist ein Unding, zumal doch heute iltt Verkehr zwischen Volk und Volk kein Platz mehr ist für undemokrntisches Zeremoniell. Wir Ziohisten waren bis jetzt gewöhnt, alle unsere Absichten öffentlich vor der ganzen Welt (16 Zionistenkongresse!) kundzutun. Wir sind überzeugt, daß dergleichen Friedensversuche bei den Arabern auf unfruchtbaren Boden fallen werden. Sie sind höchstens geeignet, jeweils! das Wesen des „arabischen Verständigungswillens" zu offenbaren. In der gleichen Nummer des „Falastin", in welcher die scheinheilige Antwort an Einstein abgedruckt ist, erscheint ein Artikel mit folgendem Passus: „Zehn Jahre Blutvergießen, R e c h 11 o s i gkei,t uud unausgesetzter Herrschaft von Haß, Terror und Not sollten genügen, um die Unmöglichkeit eines politischen jüdischen Staates oder eines jüdischen Nationalheims im Heiligen Lande zu erweisen. Es gibt keine Verhandlungsmöglichkcit zwischen Arabern und Zionisten, dem Araber hat sich die wahre Natur des Zionismus, sein politischer Extremismus, enthüllt. Es würde nicht nur sonderbar, sondern sogar selbstmörderisch erscheinen, wenn Araber den zionistischen Versprechungen vertrauen und ihren Beteuerungen guter Absichten und guten Glaubens Gehör schenken würden." Das ist der wahre Reflex der Intervention der jüdischen Friedensstifter. Wird Einstein, dessen gute zionistischcAbsichtenüberjedenZweifel erhaben sind, seine Korrespondenz mit dem „Falastin" fortsetzen? Oder wird er sich von der heute im deutschen Zionismus und einigen anderen Gruppen noch maßgebenden Richtung rechtzeitig emanzipieren? Es wäre zu wünschen, daß,: Einstein seine alte Orientierung wieder findet. Den Brief an/den „Manchester Guardian" hat ein ganz Großer in Israel geschrieben. Die Legende von den jüdischen Angriffen in Hnifa. Jerusalem, 22, März. Col. Bury, das englische Unterhausmitglied, der durch wiederholte a n t i z i o ui-; sti.sche Anfragen im englischen Parlament bekarü& geworden ist, hat ain 25. Februar während der Palästina--- Debatte im Unterhaus behauptet, daß das englische Kriegsschiff „B arhain" nach Haifa beordert wurde, um die Araber dort vor den Juden zu schützen. Da diese Behauptung schon früher in der, arabischen Presse Palästinas verbreitet wurde, hatte. man sich von jüdischer Seite über den Sachverhalt in Haifa selbst erkundigt und folgendes Schreiben von dek Kommandeur des K vi e g s s c h i f f e s „B a rh a m" erhalten: < „Sie erwähnen ein Gerücht, nach welchem das Kriegsschiff „Barham" die Araber vor den Juden in Haifa schützen mußte. Als ich das Kommando in Hajfa übernahm, waren die Haupturmilien vorüber und es hat zu keiner Zeit irgend eine Frage gegeben; die A-rabcr vor einem A n g r i f f durch die Juden zu Schützen" dem Verfasser sichtlich die umfassende Kenntnis der neueren Musikliteratur. „Von der Gegenwart der jüdischen Musik kann man nicht sprechen, weil sie einfach . . . nicht vorhanden ist! Wir können vielleicht darüber sprechen, auf welche Weise die Juden an der Pflege der abendländischen Musik teilnehmen oder teilgenommen haben. Doch diese Musik, die diese Juden kultivieren, — ist keine jüdische Musik, sie ist die Musik des Westens, die niemals dadurch zur jüdischen Musik wird, daß einzelne ihrer genialen Pfleger gerade Juden sind!" Insofern sich diese Auffassung ausschließlich auf die gänzlich assimilierten Komponisten wie Halevy, Meyerbeer, Rubinstein, Mahler, Schönberg usw. bezieht, kann ihr zum Teil zugestimmt werden. Die Musiker, die in ihrer Anpassung an die sie umgebende Kultur in dieser Klassisches hervorbrachten, repräsentieren gewissermaßen eine eigene Schicht, eine Vergangenheit. Man findet jedoch auch bei diesen Musikern typisch jüdische Elemente. Sind die Einflüsse der Landschaft, der Umgebung uud der Erziehung auf den schöpferischen Menschen nicht zu leugnen, so spielen Ahnenschaft und Volk, Blut und Geist gerade beim Entstehen eines musikalischen Werkes eine eminente Rolle. Diese Beziehungen sind für das Kunstwerk mitbestimmend und wesentlich, ihre Auswirkungen greifen tief in das Innere des Werkes jedes einzelnen Komponisten. Während die äußeren Bedingungen vielleicht die Form, die harmonische Struktur, die Richtung angeben, bilden die inneren unbewußten Kräfte, die seelische Anlage, das Temperament, die Substanz und den Rhythmus der Schöpfung. Aber wir haben bereits auch eine Gegenwart in der jüdischen Musik. (Dr. Lauko benennt sie „Zionistische Musik") Wir besitzen eine große Anzahl von Werken jüdischer Komponisten, die von eigener Wesensart durchdrungen sind. In diesen Werken ist das Erwachen des jüdischen Geistes, das Pulsieren des jüdischen Blutes,, die Regung der. jüdischen Seele und der Phantasie nicht>zu überhören. Gewiß soll „die neue hebräische Musik auf dem Boden des neuen hebräischen Staates erwachsen"^ aber die Entwicklung der neuen jüdischen Musik dokumentiert eine Sonderheit, die kaum in der Musikgeschichte eine Parallele haben dürfte. Es \ ist wiederholt vorgekommen, daß aus dem Erwachen des Volkstumbewußtseins auch eine eigene Musik sich Bahn brach. Bei den meisten dieser Völker lag und:'. liegt die Nührquelle ihrer neuen Musikgestaltung in der heimatlichen Atmosphäre, in der Geschlossenheit des Völkswillens. Ganz anders bei uns. Die jüdische Musik entstand und entsteht gerade durch die Galuth- J u d e n, fern von einem »heimatlichen Boden", nicht aus der Geschlossenheit eines Volksempfindens, sondern aus einer glühenden Sehnsucht, aus dem wachen Traum nach Hehnut und Zukunft. In den großen westeuropäischen und amerikanischen Städten zerstreut lebend, aber mit dem inneren Blick nach Palästina ge-' richtet, schaffen die jüdischen Musiker aus sich selbst, heraus Werk um Werk. Wir stehen erst am Beginn; der Entwicklung. Vorderhand sind es natürlich' nur Teile, Fragmente einer neuen Orientierung, die erst ' später, bei einer historischen Wertung, aus der Perspektiye des bereits Geschaffenen den ihrer Bedeutung entj sprechenden Platz finden werden, Es wächst eine junge! Generation jüdischer Musiker heran, die von der Musik j als sittlichem Ideal erfüllt ist, die an die erzieherische (. und läuternde Kraft der Musik glaubt uud auch für ihr' eigenes Volk eine eigene, in ihrem Innern Echo findende Kunst schaffen will und wird.; Ungeachtet der obigen Einwendung besitzt Doktor t Laukos Werk einen Wert, der ihm weitestgehende Yer- [ breitung sichert. | Joachim S t u t ö c ü e w s k y. ■ t/tt/ngjcuUuii/ unter Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners 5. Ehrenfeld tu Matierabttrg wird das Speisefett Kunerol hergestellt. & Kunerol ist reines Kokosnubfett und kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendet werden. Unerol 100% REINES KOKOSNUSSFETT Die Rolle der Luftstreitkräfte bei den Palästina- Unruhen. London, 22. März. Bei der Einbringung des Budgets der Luftstreitkräfte Im Unterhause führte der Minister für das Luftwesen, Fred M o n t a g u e, aus, daß bei Ausbruch der Unruhen in Palästina innerhalb weniger Staden mittel« Flugzeugs Truppen aus Aegypten herangebracht werden konnten. Das prompte Eintrefifen von 50 Soldaten auf dem Luf.twe.ge, hat viel zur Verhinderung weiterer Unruhen beigetragen, aber die Haupttätigikelt der Luitmacht war während der Unruibeipericde darauf gerichtet, durch PatrouTlIenflügc die Behörden über alle größeren Bewegungen vom Aufrühreru ' In Palästina und jenseilts der Grenze zu informieren. In einigen' Fällen konnten die Flugzeuge Angriffe von Arialbern auf isolierte Jüdische Kolonien zurückschlagen und die Angreifer bis zum Eintreffen von Landtruppen in Schach halten. Offenslvuinternehmungen aus der Luft wurden in elf Fällen, hei denen es sich um die Rettung wehrloser Gemeinschaften gehandelt hat, durchgeführt; In keinem dieser Fälle (hatten unbeteiligte Personen zu leiden. Die Störungen der jüdischen Andacht an der Klageinauer hören nicht auf. Berlin, 24. März. (J. T. A.) Verschiedene europäische Nachrichtenagenturen und Zeitungen bringen Meldungen über neue Konflikte in Jerusalem, die dadurch entstanden sind, daß Moslemiten den jüdischen Gottesdienst an der Klagemauer a>m vergangenen Freirta« abends durch u n g eh e u r e.n Lärm gestört haben. Wie der J. T. A. aus Jerusalem telegraphiert wird, handelt es sich nicht um irgend einen neuentstandenen Konflikt,.sondern mm die seit einigen Monaten u n aus gesetzt vor sich gehenden Störungen des jüdischen Gottesdienstes durch die vton den Moslemiten an der Klagemauer eingeführte'sogenannte „Zikr", die angeblich eine Andachtsübung sein'soll, die sich unter ohrenbetäubendem Lärm mit verschiedenen Instrumentenvollzieht. Von Regie rungsseite wird erklärt, daß bis zum Eintreffen der Ktegemauenkomimisslon des Völkerbundes, keine Vorkehrun g e 11 zur B e- .hebung dieses Zustandes er gri.ffe n. werden würden. Die deutsche Reichspost und die Juden. Köln, 22. März. In einem Beleldlgungsprozeß, der vor dem Kölner S c h ö i >f e n g e r i c h t safctöand, wurde ein recht interessantes Licht auf die Zustände bei Kölner Postautobetrieberi geworren. Em Privatunternehmer, Levy, hatte einen Autodienst nach dem Köfner Ausflugsort Frankenforst eingerichtet, der um 10 Pfennig billiger fuhr als die ReiC'hspos't. Die Reichspost versuchte zunächst, dem Unternehmer die Konzession entziehen zu -lassen, und nahm die Hilfe der Polizei in Anspruch, die die Wagen L e v y s beschlagnahmte. Es gelang dem Fuhrunternehmer, der seine Konzession schon Jahre vor der Post gehabt hatte, mit Hilfe eines Urteils des Kölner Landgerichtes seine Wagen freizubekommen. Nun versuchte es die Post mit anderen Mitteln. Wie du der heutigen Verhandlung durch eidliche Zeugenaussagen erwiesen wurde, wurde auf dem Heumatrkt In Köln ein Pdft» Schaffner aufgestellt, der an die Passanten, die den Wagen Levys besteigen wallten, herantra<t uud sie mit den Worten anrief: „Fahren Sie nicht mit dem Juden pack, fahren Sie mit der Reichsipost!" Levy, der bei seinem Wasen stand, wurde durch die Worte erregt und ließ sich seinerseits zu Beleidigungen hinreißen. Bei der heutigen Gerichtsverhandlung wurde der Fuhrunternehmer Levy zu 75 Reichsmark wegen formaler Beleidigung verurteilt. Das Gericht bezeichnete das Verhalten des Angeklagten durch die unlauteren Konkurrenzmanöive'r der Reichspost als „erklärlich". Der Jude wird von einem Amtsorgan niederträchtig beschimpft. Er gerät in „erklärliche" Aufregung. Dafür wird er bestraft und die Reichspost geht als Stegwio weg. Ihr ist nichts g^scheibeu. Es geht nichts über Gerechtigkeit!