Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 132 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen V. Da b« REVU E BEZUGSBEDINGUNGEN. Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.- : urnimercDcn. n/^ncn-r ctdipi/cd Rumänien monatlich Lei 40.-vierteljährig Lei 120.-. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER _____________„ ___________ Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephons A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Jahrgang 4 Freitag, den 28. März 1930 Nr. 132 ©etftigc Arbeiter- "\ V. Stauest/ 9i»r»8ff, SadttUavlt, tfart'ei&lge cfTen im eigenen Sfntexeffc iftg« litt) Da« bunfle 0imottdbtot. JHeia an ^dötfo'nen unb Cttorafnen. 3tt bflnnen Senilen mit ©ultet «ine 2>e(ifatrffc. Seftc bequem: ®tmon»6roto<icfct)ftt in Scftrt-itftt. 3n aDea fluten SftinMbanblungen unb QAdcteien etbflltttd). StmottSbrotfabrtfc S$teit*&ag«an 11 Sftgitdjer ^oftfterfand — @iport Verband demokratischer Z ionist en. Samstag, den 5. April um halb 9 Uhr abends im Hotel Continental Großes Meeting. 1. Balfour und das jüdische Volk. Referent: Dr. Alex. Sonne. 2. Nach der Sitzung des A. C. Referent: Robert Stricker. Ein Mann der Weltgeschichte. Lord Balfours Leben und Tat. ' Der Weg des britischen Imperiums ist ein halbes Jahrhundert lang durch den Namen Lord Artur Balfour, den letzten victorianischen Staatsmann, gekennzeichnet. 50 Jahre europäischer und asiatischer Geschichte stehen im Zeichen des Mannes, der im Alter von 82 Jahren am 19. März um 8V4 Uhr morgens die Augen schloß. Der junge Staatsmann. Artur James Balfour wurde im Jahre 1848 in Whittingehame als Sohn des James Maitland Balfour und der Lady Blanche Gascoique Cecil, der jüngsten Tochter des Grafen Salisbury, geboren. Zum erstenmal wurde er im Jahre 1874 vom Kreis He r. t f ja r d ins P a r 1 amen t entsandt. Als Sekretär seines Onkels begleitete" Mr. Balfour den Lord Baconfield und den Lord Salisbury zur Friedenskonferenz im Jahre 1878, wo Graf Bismarck die Hauptfigur war. Bisher bloß als politischer Dilettant, wenn auch als hochbegabt angesehener, bewies er seine staatsmännische Energie im Jahre 1887, als er der tatsächliche Gouverneur für Irland wurde, gerade zu einer Zeit, da sich das Land im Freiheitskampf gegen England befand und die Grundfesten des britischen Imperiums zu erschüttern drohte. Der elegante, sport- und wissenschaftbegeisterte, Philosophie betreibende junge Diplomat, die „schöne F a n n y", wie man ihn damals nannte, verwandelte sich in seiner kühlen, zielbewußten Haltung zum „brutal and'biloody Balfour", zum brutalen und blutigen Balfour. Der neue Gouverneur regierte Irland mit eiserner Energie und glättete die hochgehenden Wogen des Aufstandes mit Ruhe und Kaltblütigkeit. Aber diese Epoche brachte auch einen Aufschwung für Irland: Balfour schuf nützliche Landesgesetze, das bekannte von ihn ins Leben gesetzte irische Autonomierecht, durchzog das Land mit einem Eisenbahnnetz, führte eine umfassende Agrarreform durch, die für die verarmten, in primitiven Verhältnissen lebenden irischen Volksmassen von weitestgehender Wirkung war. 1 In einer weltgeschichtlichen Epoche. Nach dem Tode von W. H. Smith im Oktober 1891 trat Balfour an die Spitze der konservativen Partei des Unterhauses und wurde in den Homerule-Kämpfen die heißumstrittenste Figur Englands. Nach der darauffolgenden Niederlage seiner Partei trat er als deren Führer zurück, um von Bonar Law abgelöst zu werden. Im Buren krieg und im Russisch-Japanischen Krieg stand er in Opposition.zur offiziellen englischen Politik und beherrschte, durch seinen Einfluß immer mehr den Aktionsradius der konservativen Partei erweiternd, die öffentliche Meinung seines Vaterlandes, der er schließlich Geltung verschaffte, indem er dem britischen Imperium in mancher heiklen, ja gefährlichen Situation' den Weg wies. , Zwanzig Jahre lang, von 1891 bis 1912,' war er Führer der mächtigsten englischen Partei, die größte parlamentarische. Persönlichkeit seiner Zeit, eine Charakteristik, die von Bonar Law selbst stammt. Von da ab bis zum Kriegsausbruch stand er im Hintergrund, indem er seinen privaten Lieblingsbeschäftigungen, der Literatur, Musik, und Philosophie, nachging und die Resultate seiner Studien in mehreren Büchern niederlegte. Balfours Mission im Weltkrieg. Als Mr. Asquith nach Kriegsausbruch die erste Koalitionsregierung (1915) schuf, ■ berief er Lord Balfour zum Ersten Lord der Admiralität, der hier erstaunliche Fähigkeiten an den Tag legte. In Lloyd Georges Kabinett wurde er 1916 Außenminister, wo seine gewaltigen Kenntnisse der internationalen Lage den Sieg der Entente in die Wege leiteten. Von ausschlaggebender Bedeutung war es, daß es ihm durch die Kenntnis der amerikanischen Mentalität, durch seinen Charme und durch seine diplomatische Geschicklichkeit gelang, den Eintritt Amerikas in den Krieg auf der Seite der Entente herbeizuführen. Der Krieg war entschieden, als Lord Balfour als erster ausländischer Staatsmann seine berühmt gewordene Rede im Weißen Haus zu Washington hielt. Das Losungswort von der Freiheit der Nationen und ihrem Selbstbestimmungsrecht gab der europäischen Politik eine neue Grundlage, deren Auswirkungen gerade heute lebendig sind und in. dem von ihm mitgeschaffenen Völkerbundgedanken ihren Niederschlag gefunden haben. Im Jahre 1922 zog er sich vom Unterhaus gänzlich zurück, wurde in den Earlstand erhoben, blieb aber immer noch politische Figur ersten Ranges, als Lord des Präsidentschaftsrates im zweiten Kabinett Baldwin 1924 und als Initiator der zahlreichen Flottenabkommen der letzten Jahre. Ein „Gerechter der Völker" in der Geschichte Israels. Balfours Berührung mit der Judenfrage geht in die Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Damals hatte er Gelegenheit, ein Chowewe-Zion-Memorandum zu studieren, worin eine umfassende jüdische Palästina-Kolonisation vorgeschlagen war; er bekam durch verschiedene Proteste und Eingaben jüdischer Körperschaften Einblick in die Situation des Judentums im zaristischen Rußland. Schon damals stand es, wie er sich später äußerte, für Balfour fest, daß nur nationale Konzentration und wirtschaftliche Normalisierung die Lösung der Judenfrage sein könne. Er glaubte damals allerdings, daß jede Art von Territorium zu dieser Lösung führen könne, weshalb er in den Jahren 1901 und 1902 das Projekt seines Kabinettskollegen Joseph Ghamberiain, das bekannte Uganda-Projekt, unterstützte., Von entscheidender Bedeutung in zionistischem Sinne war seine Begegnung mit Weizmann im Jahre 1906. Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen AfrUtf* Die führende schwedische Weltmarke Im Verlauf der Jahre gewann-Balfour tiefe Einsicht in das jüdische Problem, er wurde, wie er selbst sagte, Zionist; ein hundertprozentiger Zionist, der die ganze Ideologie der jüdischen Befreiungsbewegung in sich aufnahm. Den politischen und den kulturellen Inhalt der Bewegung hatte er sich völlig zu eigen gemacht. Er beschritt den Weg zur Verwirklichung, indem er als Minister des Aeußern im November 1917 die berühmte Deklaration der jüdisch-nationalen Heimstätte schuf und mit ihr die neue Aera der Betrachtung des jüdischen Weltproblems einleitete. Für Balfour war die Lösung der Judenfrage im zionistischen Sinne ein Stück seiner Weltanschauung: „Für mich ist die Rückgabe Pa 1 ä- Alie im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügte« C bezeichnet, \/Lud ed Mcuife Jjvawfweibjen tuur r. Mssiansßy-öcnum /»/Är VII.KAISERSTR.il6 («3»otf stinas an dieJuden keinAkt opportunistischer Gesinnung, sondern die Tilgung einer weltgeschichtlichen Schuld", anwortete er im Unterhaus einem Abgeordneten, der Englands Interesse an Palästina mit der Notwendigkeit dieses Landes für das britische Imperium motivierte. Diese Einstellung führt Balfour zu jener Konsequenz, die er in den letzten zwölf Jahren in allen Palästinafragen bekundete. Der greise Staatsmann eröffnete die erste hebräische Universität mit einem hebräischen Satz, bezeichnete seinen Aufenthalt im jüdischen Palästina im Jahre 1925 als die schönsten Tage seines Lebens, sprach als wahrer, unverfälschter Zionist überall dort, wo es erforderlich war, krönte sein Werk im Augenblick höchster Gefahr, damals als die Grundfesten zu wanken schienen, indem er gleichsam als sein politisches Vermächtnis die zweite Deklaration mit Lloyd George und General Smuts, seinen zionistischen Mitkämpfern, nach den blutigen Augusttagen erließ, die eine Revision der verfehlten Administrationspolitik in Palästina in sich schließt. Lord Balfour wird, mag die Welle der Weltgeschichte in künftigen Jahrhunderten wie immer abrollen, einer der „Gerechten der Völker" bleiben, unauslöschlich im Gedächtnis des Volkes, das von Jahrtausenden zu Jahrtausenden geht. * Dank der Nichte Lord Balfours. Als die Nachricht vom Tode Lord rMfours das.gerade in London tagende Zionistische Aktionskomitee' erreicht 'hatte, bemächtigte sich aller Mitglieder der Tagung unbeschreibliche Trauer und Ergriffenheit. Der Vorsitzende, Präs. Motzikin, und die anderen Redner würdigten die unvergeßlichen Verdienste des großen Zionisterifreundes mit erschütternden Worten. Die Sitzungen wurden unterbrochen. Am 20. März erschien die Nichte Lord Balfours, Mrs. Dugdale, Im Verhandiluingssaail des A. C, wo sie von Präs. Motzkin Im Mannen des A. C. begrüßt wurde. Mrs. Dugdade dankte für die der Familie Balfour gewidmete Tdtoatomie und führte aus: „Ich komme zu Ihnen vom Totenbett Lord Balfours. Es war mir Bedürfnis zu kommen., denn ich weiß, daß an diesem Tage jeder in diesem Saale mit uns fühl*. Ais mir Dr. Weizmann gestern erzählte, wie Sie die Nach-» riefet vom Tode Lord Balfours aufgenommen haben, fühlte Ich, daß ich kommen muß, denn ich will'Minen etwas sagen: Wir dürfen anläßlich seines Hinscheid ens in dieser schmier z* vollen-Stunde die große Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, das Werk, das Ihm so sehr am H e r z e n i a g, fortzuführen, Sie wissen, seine Gefühle für das jüdische Volk basierten auf starkem Glauben und unerschütterUchem-Vertrauen in das jüdische Volk. Er war vorkommen' überzeug^ daß Ihre Sache Erfolg haben werde. Er glaubte an Sie und an das Volk, das hinter Ihnen steht. Und er glaubte, daß. Sie das Werk zu Ende führen. werden. Er glaubte, daß Sie einig sein werden, und daß diese Einigkeit jenes Ding sein werde, das Erfolg bringen muß. Und wir dürfen dieses sein Vertrauen nicht zuschanden machen. Das ist es, was ich Ihnen sagen wollte, und deshalb wünschte ich die Erlaubnis, vor Ihnen 1