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Die neue Welt · 1930-03-07 · Heft 129 (7.3.1930) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 129 (7.3.1930)
Date
1930-03-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seife 8 DIE NEUE WELT Nr. 129 die Juden von Hebron warten, dieses Gebot, was da* Blut betrifft, erfüllen zu können, weil die Regierung die gräßlichen Spüren' des Mordens solange erhalten mußte, bis das Gericht und der Untersuchungsausschuß des britischen Parlaments die Arbeit beendet hatten. Nun erst kamen die Juden, zum erstenmal seit ihrem Auszug, in ihre Häuser zurück. Stiegen, Fußböden, Mobiliar, in einem Hause sogar die Zimmerdecke waren mit Blut übergössen. Gestocktes Blut in allen Winkeln, wohin sich die Opfer verkrochen hatten. Alt dieses Blut, wo immer man es fand, wurde sorgfältig abgekratzt und gesammelt. Dann schlössen sich die Männer der heiligen Bruderschaft zu einem Zug zu« sammen und begaben sich' auf den Friedhof zu den Gräbern der Märtyrer. Erschütternde Klage erhob sich zum Himmel. Die Trauer schnürte ihnen die Kehlen zusammen, so daß die übliche Leichenrede, der Hesped, zu ein paar kurzen, die ganze furchtbare Tragödie inf wenigen Worten andeutenden Sätzen zusammenschrumpfte. Dann wurden die letzten aufgefundenen Reste der Siebenundsechzig der Erde übergeben. Aber nicht allein das Blut wurde begraben, sondern auch die blut« r'ostigen Dolche und Messer, die Stöcke, unter denen die Opfer gefallen waren, und selbst einzelne Steine, auf denen ihr Blut klebte. Als dann diese seit Jahrhunderten wohl nicht mehr notwendig gewesene furchtbare Zeremonie beendet war, wollten die Trauern* den zur Höhle Machpelah ziehen, um am Grabe Abra« hams zu beten. Da stellte sich ihnen aber Polizei ent* gegen, den aus Jerusalem war der Befehl gekommen, dies unter jeder Bedingung zu verhindern, da man Zu» sammenstöße zwischen den namenlos erregten Angehört gen der Ermordeten und den Angehörigen der verhafteten Mörder fürchtete. _ Die Aufteilung der Horowitz- Millionen. Wir berichteten vor kurzem, daß in Amerika ein gewisser H u b e r t, der ursprünglich Horowitz hieß und sein riesiges Vermögen für allgemeine wohltätige Zwecke verwendet sehen wollte, zu Testamentsvollstreckern den gewesenen Präsidenten der Vereinigten Staaten C o olidge, den ehemaligen Gouverneur des Staates New York und Präsidentschaftskandidaten bei den letzten Wahlen AI. Smith und als Dritten den jüdischen Philanthropen Julius Rosenwald bestimmte. Die drei * Testamentsvollstrecker, an welche viele Hunderte vbn Gesuchen der verschiedensten Organisationen und In-. s.tHute gelangt waren, haben sich über die Aufteilung der nach Abzug ' der Verwandtenlegate zur Verfügung stehenden sechs Millionen Dollar geeinigt. In größeren Teilbeträgen sollen 36 Vereine und Anstalten aus dem Horowitz-Hubert-Nachlaß bedacht "werden. Es scheint jedoch, daß die Liquidierung dieses Beschlusses noch größere Schwierigkeiten zu überwinden haben wird, denn im letzten Augenblick haben sich die Verwandten, an welche laut dem Testament zwei Millionen Dollar zu entfallen hätten, zu einer Inter-> essengemeinschaft zusammengeschlossen und. fechten das Testament sowie die Beschlüsse der Testa-. inentsVollstrecker an, indem sie behaupten, daß Horowitz-Hübert, der zeitlebens ein Eigenbrötler war, zur Zeit der Errichtung des Testaments nicht vollsinnig gewesen sei, Nebenbei bemerkt, befinden sich unter den von den Testamentsvollstreckern namhaft gemachten 36 Anstalten nur sehr wenige jüdische Institute, denen nur verhältnismäßig geringe Beträge zugedacht werdend Unter solchen Umständen mußte die Aufteilung des Nachlasses bis auf weiteres inhibiert werden; Der Zigeunerprimas und das Kol-nidre« Der am Montag der vergangenen Woche in Budapest in Anwesenheit von mehr als hunderttausend Teilnehmern in einem Ehrengrab bestattete berühmte Zigeunerprimas Bela Radics war in der Vorkriegszeit 4er! Primas der ungarischen Aristokratie. Aber es gehörte auch zum guten Ton, daß die jüdischen Finanz* und Industriebarone bei den Veranstaltungen in ihren Salons die Musik gleichfalls durch Bela Radics und seine Bande besorgen ließen. Radics war nicht nur ein ausgezeichneter Musiker, sondern auch ein pfiffiger Geschäftsmann, und so hatte er sich für seine lieben jüdischen Gönner stets das Kol-nidre als Schlager zurechtgelegt, das er allerdings, wie behauptet wird, in einem Solo zum Vortrage brachte, wie es kein zweiter Künstler jemals zuwege gebracht hat, Radics gastierte lange Zeit auch in Paris, wo er - in dem vornehmen Saal des Pavillon d'Armenonville, dem Sammelpunkt der in Paris weilenden leichtlebigen ungarischen Aristokratie, spielte. Aus dieser Zeit wird jetzt die folgende Geschichte aufgefrischt: Eine große Gesellschaft ungarischer Grafen verschwendete ihr Geld in überlauter Unterhaltung, Bela Radics gelang es, durch seine Zigeunerweisen die gute Laune der magyarischen * goldenen Jugend wach zu erhalten. Da begann Bela ^PMPWHHOTWMMMWMMMMOTi Neue Sprachschule Kqttag dpn 9, JUtz 1930 wird dl«' neue, vom Wiener StadUchulrat koweMjwUrfc fchule für die „englische und franzö«i»cne Sprache für weiblich« Pertonen ig „Dr. Krücer.Helm", Wien. Ii.. Malzeasse 7, Tel £!«*M0 (10 bis 12 Uhr und 3 bis 5 Uhr), eröffnet. Kurse IQr Anfinger und Vorgeschrittene, an Nachmittage» und Abenden. Spe« U«U|- »»dirfwffS. Erprobte, erstklassige Lehrerinnen. Billige Kurs» bittri». mmmm^mmmmmmmmmmmmmammmmmmmm Treffpunkt aller Zionisten 11, Taborstr. 10 Monumentalstes Kafffeehaus Wiens I Radics sein berühmtes Solo, das auf die Anwesenden einen so tiefen Eindruck übte, daß einer der Magnaten den Zigeunerprimas an sich heranwinkte und ihn fragte: „Was war das für ein Lied, das du, lieber Bela, jetzt so herrlich gespielt hast?" — „Das war das Kol-nidre, Euer Gnaden", antwortete der Zigeuner. Der junge ungarische Magnat befahl nun dem Primas, dieses Lied nochmals, aber ausschließlich für den Grafentisch, aufzuspielen. „Verzeihung, Euer Gnaden", antwortete Bela Radics devot, aber entschlossen, „dieses Lied kann ich bei champagnerbeladenem Tisch nicht spielen, dieses Lied ist auch mir heilig, ich habe es gestern bei Baron Rothschild gespielt, und alle, die wir dabei waren, weinten und es herrschte eine heilige Stimmung." Radics schritt wieder an die Spitze seiner Kapelle und abermals erklangen die wehmütigen Töne des unsterblichen Kolnidre-Liedes, das allerdings zu Unrecht von den Assimilanten jüdischer und christlicher Konfession als das jüdische Nationallied angesehen und verehrt wird. Der jüdische Gemeindepranger. Die jüdische Kultusgemeinde von Alberti-Irsa in Ungarn begeht dieser Tage das Jubiläum ihres zweihundertjährigen Bestandes. Aus diesem Anlasse veröffentlicht der Rabbiner der Gemeinde Siegmund B ü c h 1 e r eine Anzahl historisch interessanter Dokumente, die auf das Leben der damaligen judengemeinde lehrreiches Licht werfen. Zu Beginn des vorigen Jahr- . hunderts besaß der PrU$ident einer jüdischen Gemeinde \itto&-e:-.^-&c^^\a^0)\f^v)-mii der Exekutivgewalt den Gemeinä^mitgliöder^gegenüber ausgestattet. Er hatte das Recht, widerspenstige^ in den Karzer '^u schließen, de"'r öffentlichen Beschämung auszusetzen, indem er sie in den im Synagogenhof aufgestellten Pranger, „das Halseisen", steckte. Die Stuhlrichter deckten in der Regel die Autorität des Kultuspräsidenten. Rabbiner Büchler zitiert unter anderem einen aus dem Jahre 1800 stammenden Erlaß in deutscher Sprache, der folgenden Wortlaut hat: „Auf die Klage der Richter der Judengemeinde zu Irsa, daß; viele Starrköpfige von der Gemeinde ihre Gerichtsbarkeit nicht anerkennen wollen, sich auf ihre Zitation nicht stellen und so das Ansehen der Judenrichter vor den Klägern zu vermindern suchen, wird der Gemeinde zu wissen gegeben, daß iclr das Ansehen der Judenrichter in allen Sachen, die zu ihnen gehören, wie auch in allen Streitsachen, die sie bisher entschieden haben, kräftig unterstutzen werde — daher auf ihre Zitation sich ein jeder stellen und ihnen zur Rede stehen muß. Sonst wird der Entgegenhandelnde mit 2 4 Stockschlägen bestraft. Die Appellation aber zu mir wird immer zugegeben. Welche meine Ordnung der ganzen Gemeinde vorgelesen werden muß. Gegeben zu Jirsa den 21.-Dezember 1800, Andreas v. Fay, Stuhlrichte r." Es gibt wohl auch heute noch manchen Kilewpascha, der. sich nach' jenen Exekutivgewalten sehnt, mit denen der Präsident der Judengemeinde von Irsa im Jahre 1800 ausgestattet war. v „Der Verfall des Wiener Judentums". Unter diesem Titel veröffentlicht der Professor am Wiener Rabbinerseminar Dr. Samuel Kraus? in der Jubiläumsnummer des ungarisch*jüdischen Assimil'anten» blattes einen längeren Aufsatz, der schon deshalb hier wiedergegeben) werden Söll, weil er beweist, was in einem sonst so kritischen Hirn wie in dem des Professors Krausz vorgeht, wenn an sein magyarisch*chauvini8tisches Gefühl gerührt wird, aber auch deshalb, um zu zeigen, wie von einem sonst so seriösen Gelehrten Wahrheit und Dichtung durcheinandergerüttelt werden können. Prof. Krausz schreibt: „Man hört sehr oft die scherzhafte Bemerkung, daß Wien die größte ungarische Stadt sei. Das stimmt wohl schon lange nicht, besonders seitdem Buda* pest sich so schön entwickelt und magyarisiert hat. Aber es ist wahr, daß nach Budapest Wien die meisten unga* tischen Juden beherbergt. Diese Juden sind ein sehr lautes Volk und demonstrieren mit ihrem Magyarentum, Man kann sie auf Schritt und Tritt hören, besonders in den Straßen der Leopoldstadt, wo auch ich wohne. Jen spreche nicht vom fluktuierenden Volke, das nur Ein* kaufe zu besorgen hat und sich in Wien unterhalten will, sondern von jenen, die in der ersten oder zweiten Gene* ration hier stecken geblieben sind und sich niedergelassen haben, Diese bilden einen sehr ansehnlichen Teil des heutigen Wiener Judentums, man kann sagen, den bts* seren Teil. Das Wiener Judentum bildet kein einheitliches Element, sondern ist ein großes Mixtum compositum. Aehnlich ist es übrigens in jeder großen Stadt. Neben den geringen, erbgesessenen Wiener Elementen finden wir hier die wertvollen mährischen lind böhmischen Ein« wanderer, jene, welche die glanzvolle Haupt« und Resi* denzstadt des Vorkrieges umschwärmten wie der Schmetterling das flammende Licht. Zusammen mit dem wahren österreichischen Judentum bilden diese das bodenständige Element. Wehe dem, der nicht zu dieser privilegierten Klasse gehört. Mißachtung und Verdächtigung werden ihm zuteil. Das ist auch das Schicksat des eingewanderten ga Ii zischen Volkes, das während des Krieges und nach dem Kriege die glänz* vollen Straßen von Wien in Massen überflutete, das sich klüger, spitzfindiger und mächtiger erwies als alle in* ländische Intrige und Pohzeigewalt. Wurden diese Gali* zianer hundertmal ausgewiesen, so blieben sie doch tausendmal hier. Das ungarisch*jüdische Element wird natürlich anders betrachtet, aber man kann nicht sagen besser behandelt. In Wien hat man den ungarischen Juden nicht geliebt und hat ihn auch heute nicht gern. Auch er wird nicht in die Kategorie der Boden« ständigen aufgenommen. Was ist der Grund hiefür?. Der ungarische Jude ist ein wenig temperament« voll und laut. Er besitzt überdies eine Offenheit und Vornehmheit, die ihn vom Paktieren zurückhalten. Außer* dem neigt er auch zu Extremen. Das zeigt sich beson« ders in religiösen Fragen. Ist der ungarische Jude fromm, dann ist er es in höherem Maße als der inländi« sehe Jude, er ist es ehrlicher und hat auch mehr Wissen. Daher kommt es, daß zum Beispiel die Gemeinschaften nach dem Muster der „Schiffschul'* fast ausschließlich aus ungarischen Juden zusammengesetzt sind. Von hier spinnen sich die Fäden zur intransigenten süddeutschen Orthodoxie. Ein großer Teil der ungarisch*jüdischen Ge« Seilschaft bleibt jedoch diesen Gesellschaftsschichten be* dauerlicherweise fern, meidet überhaupt jede Gesellschaft, die ihn mit dem Judentum verschmelzen könnte. Diese ungarischen Juden machen den denkenden und führenden Kreisen große Sorgen, da es sich um zweifellos wertvolles Element handelt." Nach einer Würdigung der Mitarbeit dieses ungarisch*jüdischen Elementes setzt Professor Dr. Krausz seine Ausführungen in folgender Weise fort: „Neben der Armut spielt sich einer der größten Kämpfe des Wiener Judentums in der Form der Zurück« haltung vor dem polnischen Element ab. Früher wagte der* polnische Jude hier in der prachtvollen westlichen Metropole kaum sein Haupt zu erheben. Jßx fristete in der Vorstadt ein unbemerktes Dasein und, so* lange er sich in Kleidung, Sprache und Gedankenrichtung nicht geändert hatte und unzivilisiert blieb, sprach man mit ihm überhaupt nicht. Das war sozusagen die unter* irdische Bevölkerung von Wien. Sie intrigierte, unter« minierte, aber zur Macht und an die Oberfläche ist sie nicht gelangt. . Die meisten dieser „Fremden" standen im Zionis» mus und auch hievon wollten die Machthaber nichts wis* sen. . Diese Oberflächlichkeit, um nicht zu sagen Dumm* heit, hat sich gerächt. Besonders unter der Aera des ver« storbenen Oberrabbiners Chajes war es unmöglich, das zionistische Element zu ignorieren. Die arbeitsame, be* geisterte zionistische junge Generation hat sich aus der Ver« Senkung in die Höhe gearbeitet, forderte laut die Herr« schaft in der Kulitusstube schon deshalb, weil sie ein Pro« gramm hat, während die andere Partei, eine schwer« fällige Masse, programmlos ist. Die Kampfparole der Er* oberung der Kultusstube ging wohl auch bis heute nicht in Erfüllung, aber die Früchte dieses Kampfes sind be« reits da: Zerklüftung, Hader und Parteienhaß. Das ist seit zwei Jahrzehnten der Fluch der großen Wiener jüdi« sehen Gemeinde. Das ruhige, besonnene Element bildet wohl das rückschrittliche, altmodische Judentum, aber das begeistertere, agilere und in gewissem Sinne wertvollere Element ist in der zionistischen Partei zu finden. Hinter ihr steht geschlossen" die Jugend, nach ihrer Meinung ge« hört dem Zionismus die Zukunft, während die andere Partei abgewirtschaftet hat hat. Dieses Wort hat eine sehr odiose Bedeutung, denn das Wiener Judentum steht dank der weisen Führung tatsächlich am Rande des wirt* schaft liehen Ruins." In der weiteren Folge be* schäftigt sich Prof. Krausz mit dem polnischen Element, dem er in keiner Weise gereoht zu werden vermag. Wir werden in einem zweiten Artikel auf die Ausführungen zurückkommen. b. s. Theater, Kunst und lEEUMtusuiiitsiuinuiLimimimiiuiiinuiut l^ml:^va.±mAV „Grüne Felder." Wilnaer Truppe. Eine frühe Komödie Perez Hirschbeins, voll' Lust und Sonne und heiterer Menschen,' eine seltene Gattung — Dorfjuden in der Natur, zwischen Feldern und Gärten und Ställen, sonnverbrannt, erdverbunden, mit primitiven Instinkten und ebenso primitiven Manieren; Menschen, denen die Worte nicht leicht vom Mund' kommen und denen die Fäuste näher liegen als die Zunge. In dieses Milieu tritt ein junger Melämed aus jder Stadt, und um ihn, den Gelehrten, den AUtagsfremden, spinnt sich eine Idylle, ein Werben seitens der beiden jüdischen Dorffamilien A1 k o n e und David N o a c h, ein ländlicher Streit, der schließlich zum Guten führt. Herschbär bekommt seine Stere, und Zine bekommt ihren Melamed Levy Jizdiak.

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