Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 122 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen «■X V. b. b. 'Wblfr BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—. vierteljährig Zloty 6.— . Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. REVU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20. Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—. Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweher Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. ■ mivmu »Ii wa« »v«- »*»aju«a* MW* —» a m mmm t\I » W mm* W mm» ■ * mm* " »^ »"% ■ *• . <«vi>vijMiM»^ wu#v» » *iv#vr« Redaktion and Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag mmmmmmmmmmmmm^^ JahrgatiB 4 Freitag, den 17. Jänner 1930 Nr. 122 Die Juden um Clemenceau Seite 2 KOHLE—KOKS ANTHRACIT höchster Qualität BÄSCH. IV. Argentlnlerstrafta 22 Telaahan U-««-403 Teiepnon u.4%m2.B7 Nur eine Kleinigkeit! Eine Welle blutrünstigen Hasses und niedrigster Verleumdung gegen die Juden geht über Deutschland. Die Lebenden — siehe Rathenau — werden niedergeknallt, und selbst die Toten läßt man nicht ruhen: fast 100 Friedhof Schändungen der letzten Jahre bezeugen das wüste Treiben weiter Schichten in Deutschland. Diese Bewegung, an deren Spitze die Nationalsozialisten unter der Marke „N a t i o n a 1 s o z i a 1 i s t i s c h e A r b e ite. r.pa rt e, (" stehen, ist zu.einem, Faktor im poli- ^fechejj,. sozialen, und , wirtschaftlichen . Leben Deutschlands geworden. Ihn zu leugnen, heißt vor der Gefahr die Augen schließen, das Anwachsen der nationalsozialistischen Erfolge übersehen, heißt Tatsachen nicht anerkennen wollen. Erschreckend und beunruhigend sind die Ziffern, die jüngst über den antisemitischen Ring in Deutschland bekannt geworden sind. Während die Hitler-Partei im Jahre 1920 nur über eine einzige Ortsgruppe von 64- Mitgliedern verfügte, bestanden 1928 schon 1200 Ortsgruppen mit mehr als 100.000 Mitgliedern. Bei der letzten Reichstagtswahl erhielt Hitler 800.000 Stimmen, bei den jüngsten preußischen Stadtratswahlen über 500.000 Stimmen. 300 nationalsozialistische Redner sprachen in mehr als 20.000 Versammlungen. Die Presse der nationalsozialistischen Arbeiterpartei, vor allem der „Völkische Beobachte r'\ nimmt an Verbreitung zu. Ihre Tageszeitungen, Wochenschriften, Büche? und Broschüren überschwemmen Deutschland und versuchen, es zu vergiften. Ja noch mehr, die Führer der antisemitischen Bewegung in Deutschland-beschränken sich nicht auf eine interne Tätigkeit. Sie spannen ihre Netze auch über die anderen Länder, die sie durch ihre Propaganda für; den Antisemitismus und. die ihm entspringenden Aktionen reif gemacht haben. So ist Deutschland der Herd des internationalen Antisemitismus geworden, das Arsenal,, aus dem die anderen Länder ihre antisemitische Ideologie, ihr „geistiges" Rüstzeug, beziehen. So stehen die Dinge in Deutschland. Ein erschreckendes Bild politischer Verwahrlosung, scharnjoser Reaktion, niedriger Zersetzungsarbeit! Pie politischen Parteien, denen die Verantwortung für d[e innere Ruhe, für den moralischen und materiellen Schutz aller Staatsbürger obliegen sollte, schweigen, während die nationalsozialistische Propaganda weiter um sich greift, um Deutschland einem Chaos zuzuführen. In dieser von Unheil gesättigten Atmosphäre ergreift ein Republikaner, ein ' Sozialdemokrat, der preußische Minister des Innern G r z e s i n s k i, in einer vom republikanischen Reichsbanner veranstalteten Kundgebung das Wort, um die aktuellen Probleme der innerdeutschen;Politik zu beleuchten. Man würde erwarten, daß .ein'sozialistischer Minister die Gefahren erkannt hat, die einer demokratischen Republik seitens *eine> . hemmungslosen reaktionären Propaganda drohen; erwarten, daß ihm die lawinenartig anwachsende antisemitische Bewegung der Nationalsozialisten und des Stahlhelms Bedenken einflößt." Aber Grzesinski läßt sich/ darüber kein graues Haar wachsen. Mit einer leichten Handbewegung, mit einer oberflächlichen Betrachtung setzt er sich über die Tatsachen hinweg. Grzesinski ist ruhig. Er sieht schon im Namen der nationalsozialistischen Partei eine Lüge: „Diese Partei ist weder Arbeiterpartei noch hat sie sozialistische Tendenzen. Es ist eine ganz ordinäre antisemitische Konjunkturpartei." Und er drückt eine sehr optimistische Prophezeiung aus: „Ich bin überzeugt, daß diese nationalsozialistische Welle genau so verebben und versanden wird wie ähnliche Bewegungen in früheren Jahrzehnten." Für Herrn Grzesinski bedeutet die antisemitische nationalsozialistische Welle „nur eine Kleinigkeit". Uns aber zwingt die Geschichte, weniger optimistisch zu sein. Uns ist es gleichgültig, unter welchem Parteinamen das Judentum beschimpft, besudelt, attackiert, in seinen menschlichen Rechten eingeschränkt und zum Opfer blödsinnigen Hasses und tierischer Verleumdung gemacht wird. Uns beruhigt auch nicht die Hoffnung, daß sich etwa viele heute dem Hitlertum verfallene Arbeiter wieder besinnen und der „Ordinären antiseniitschsn Kphjünkturpartei" den Rückeh^; kehren werden. Grzesinskis Zukunftsmusik; Ifeann d|e.t gegenwärtigen Peitschenhiebe nicht übertönen. Denn hier geht es nicht um die blinde Schar der Anhänger, mögen sie Bürger oder Arbeiter sein, sondern um deren Führerschaft. Jeder denkende Mensch •— und auch Herr Grzesinski— weiß, daß gerade die „geistige E1 i t e", die Professoren, Richter, Anwälte, die akademischen Funktionäre des Reiches, die Führer der antisemitischen Bewegung in Deutschland sind und daß an den Universitäten und Hochschulen die nationalsozialistischen Bäumchen gepflanzt und gezüchtet werden. Nur eine Kleinigkeit, Herr Grzesinski? Eine Kleinigkeit, wenn der Reichsredner der Nationalsozialisten Gengier in einer Schrift „Juderigier und deutsche Frauenehre" dem deutschen Volk vormacht, daß in den „Protokollen der Weisen von Zion" die planmäßige Verdirnung der deutschen Frau gefordert werde? Nur eine Kleinigkeit, wenn deutsche Professoren einen Verein „zur Entlarvung des Juden Einstein" gründen? Eine Kleinigkeit, wenn unter ständiger Gewaltandrohung geistig arbeitende Juden für die Erhaltung der demokratischen Freiheit in Deutschland „verantwortlich" gemacht werden? Wir sehen die Dinge nicht so harmlos wie Herr Grzesinski. Für uns sind sie keine Kleinigkeit. Wir können uns nicht mit platonischen Betrachtungen begnügen. o. r. Der Völkerbund will die Angelegenheit der Klage» mauer bereinigen. lu der am 14. Jänner stattgefundenen Sitzung des Völkerbundrates wurde auch die Angelegen hei t der Klagemauer in Jerusalem erledigt. Es wurde der „vom Berichterstatter Procope eingebrachte neue Autrag mit allen gegen die Stimme des persischen Delegierten angenommen. Nach diesem Antrag sollen die drei Mitglieder der einzusetzenden Kommission nicht englische Staatange« hörige sein. Der persische Delegierte hatte die Erklärung abgegeben, daß er sich diesem Antrag wohl nicht widersetze, ihm aber auch weder persönlich noch im Namen seiner Regierung, des einzigen im Völkerbund.6 vertretenen mohamra edanischen Staates, niehit z u.s t i m in e n könne. Henderson dankte für die An* nähme des Antrages und erklärte, daß sich die englische. Regierung der Verantwortung gegenüber allen beteilig» ten Staaten voll bewußt sei. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügte* E bezeichnet. SBemt Srijmerjen... 2o9ttl-2ablcttcn! $08al*$aofetteit finb unübertroffen gur öeffimöfung rheumatischer, gichtischer und nervöser Schmerzen, Kopfschmerzen, Erkältungskrankhelten. Xogal treibet bie ftatnfäure ou£ tmb getjt batyer bireft jur SSurjet be* Uebel« l Jßenn Saujenbe tum Siebten biefe« ÜHittel perorbnen, tönnen aucr) Sie es bertrauenSöotl laufen, fragen Sie $f)ren Ärjtl 3n aflen Styotftelen, ffrciS S 2.40.__ 0 83/84 Die Agency-Sitzung in Amerika abgesagt. Felix Warburg bedauert. — Die Führer der Opposition gegen Weizmann zu Besprechungen geladen. — Die Verteilung der Gelder. Felix Warburg, der Vorsitzende des Rates der Jewish Agency, versendet ein Schreiben an die Mitglieder, in welchem er der Londoner zionistischen Exekutive die Verzögerung, respektive Vereitelung' der Sitzung anlastet. Er schreibt unter anderem: „Soeben habe ich erfahren, daß trotz meiner am 23. Dezember telegraphisdi übermittelten Bitte, von London aus Einladungen an alle europäischen Mitglieder des Administrative Commiffee der Jewish Agency zur Sitzung des Komitees am 1. Februar unverzüglich hinausgehen zu lassen, die Einladungen erst am 6. Jänner verschickt worden sind. Dadurch ist es für viele Mitglieder unmöglich geworden, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Ich bin daher gezwungen, die Sitzung bis zu einer weiteren Mitteilung abzusagen." „Ich bedauere es, wenn Ihnen daraus Unannehmlichkeiten erwachsen. Ich war mir meiner Verantwortung und der Notwendigkeit voll bewußt, die Tragkraft aller Gruppen der amerikanisch-jüdischen Öffentlichkeit für die erweiterte Jewish Agency'zu gewinnen und zu organisieren. Zu diesem Zwecke habe ich beständig Beratungen nicht nur mit den Füb rem der sogenannten Joint Distribution Committee-Gruppe, sondern auch mit jenen Persönlichkeiten abgehalten, die in der Vergangenheit in den Reihen der Zionistischen Organisation Amerikas oder außerhalb derselben ihre besten Kräfte für den Wiederaufbau des Heiligen Landes hergegeben haben. Nach Beratung mit dem großen und ergebenen Palästinafre u n d J u d g e L oui s I>. Brandeis habe ich am 24. November 1929 eine Reihe führender Männer der praktischen Wirtschaft zusammengerufen, die in der einen oder anderen Form ihr Interesse an einer palästinensischen Investitions- Organisution auf geschäftlicher Grundlage bekundet haben; ich habe ferner die folgenden Herren eingeladen, dem Komitee anzugehören, das die zukünftige Organisation einer angemessenen geschäftlichen Körperschaft prüfen wird: Dr. Lee K. Frankel, BernardF1 exncr, Israel B r o d i e, Edmund Kaufmann (Washington), Aaron Strauß (Baltimore) und Judge Julian W. Muck." „Ich selbst werde, ungeachtet anderer Verpflichtungen, diesem Komitee natürlich ebenfalls angehören und ihm meine besten Kräfte widmen. Viele Probleme in Palästina harren ihrer Lösung. Das Programm konstruktiver Aufbautätigkeit, dem ich meine Aufmerksamkeit zugewandt habe, wird gegenwärtig formuliert. Aus diesem Grunde hielt idi es für wichtig, eine Sitzung des Administrative Committee für den 1. Februar einzuberufen. Die Sitzung sollte auch die Aufgabe haben, eine wirksame und glatt verlaufende: Arbeit der Jewish Agency zu ermöglichen und die Funktionen und Befugnisse des Administrative Committee festzulegen. Ich bedauere tief, daß es infolge der vorangegangenen Umstände notwendig geworden ist, die Sitzung abzusagen." < * - . Erst jetzt ist, wie aus New York gemeldet wird, eine Verfügung über die" in Amerika gesammelten