Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 121 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seffe 9 Oer lateinische Patriarch Barlassina kauft Boden neben Beth Alpha. Jerusalem, 1. Jänner. (J. T. A.) Das lateinische Patriarchat teilt mit, daß es 14.000 Dunam Boden erworben hat. Diese Böden schließen an die Böden von Beth Alpha an und sollten durch den Keren K ajcmeth erworben werden. Das Patriarchat schloß den Kauf ab, während der Keren Kajemeth bemüht war, eine Anleihe von 50.000 Pfund zu erhalten, durch die ihm der Kauf dieser Böden möglich geworden wäre. Dies ist der zweite wichtige Bodenkomplex, den Monsignore Barlassina in den letzten Monaten erworben hat, wahrscheinlich für die Zwecke einer armenischen Siedlung. Die arabische Kampagne gegon die Tote-Meer- Konzession. Jerusalem, 1. Jänner. (J. T. A.) In einem Kabel an das Colonial Office in London protestierte der Groß-Mufti gegen die Erteilung der Tote-Meer- Konzession an Ingenieur Novomeysky und Major Tulloch. Die palästinensische Bevölkerung, sagt der Groß-Mufti, muß über ihre Wünsche befragt werden, bevor die Konzession gewährt wird. Er protestiert im besonderen dagegen, daß die Konzession den Juden übertragen wird, „deren geheime, gegen die mohammedanische Majorität in Palästina gerichteten Ziele jetzt so greifbar und klar bloßgelegt worden sind". Waffenschmuggel in Palästina. — Ein Jude freigesprochen. Jerusalem, 5. Jänner. (J. T. A.) Am 2. Jänner wurde m Tel-Awiw der Steward eines griechischen Schiffes, der im November in Haifa verhaftet worden ist, wegen Verkaufes von Feuerwaffen, verurteilt. Er wurde in Jaffa von einem Geheimpolizisten ergriffen. Bei der . Verkündigung des Urteils erklärte das Gericht, daß der unberechtigte Waffenhandel in Palästina in dieser Zeit ein sehr ernstes Vergehen' bedeutet. Von dem MiHtärgerioht in Beirut in Syrien wurde ein des Waffenschmuggels naöh Palästina angeklagter Jude, namens Nacfoman Hermoni, freigesprochen. Bedrohung judenjfreundlicher Araber. Jerusalem, 1. Jänner. Die Häuser der Araber Kawar und Tawil in Tiberias, deren Zeugenaussagen vor der Untersuchungskommission zugunsten der Juden ausfielen, müssen von britischer Polizei beschützt werden, nachdem heute am frühen Morgen verdächtige Personen in der Umgebung des Hauses von Kawar gesehen worden sind. Einbruch in das Universitätsgebäude in Jerusalem. Jerusalem, 2. Jänner. (J. T. A.) In die Bibliothek und das mathematische Institut der Universität Jerusalem wurde ein Einbruch verübt. Der Kanzler der Universität Dr. I. Magnes leitet persönlich mit Hilfe von Polizei und Polizeihunden die Suche nach den Tätern, die Geld und dem Wächter gehörige Kleidungsstücke erbeutet haben. Man befürchtet, daß an den Bücher- und Archivbeständen der Universität durch die Einbrecher Schaden verübt worden ist. Der Hanpfmörder von Safed verhaftet? Jerusalem, 2. Jänner. (J. T. A.) Ein Araber aus Safed, d$r verdächtigt wird, das Haupt der Bande zu seih, durch welche unlängst die Jüdin Lula Farjoun auf der Landstraße ermordet worden ist und der nach den Unruheni' verschwunden war, konnte jetzt verhaftet werden, [nachdem er in sein Haus zurückgekehrt, war in der Meinung, daß die Polizei die Suche nach ihm eingestellt habe. Man fand in dem Hause des Verdächtigen Feuerwaffen und Munition, einschließlich Bomben und Handgranaten. Das englisch-russische Propagandaabkommen gilt 'fnicht für Palästina. £ Jerusalem, 2, Jänner. (J. T. A.) „Haarez" beschäftigt sich in einem Aufsatz mit der kommunistischen und proarabischen Agitation Moskauer Agenten und ihrer palästinensischen Verbündeten jener Araber und kommunistischen Juden, die auf der schwarzen Liste der Regierung stehen. Bei dieser Gelegenheit wird festgestellt, daß . das englisch-russische Propagandaabkommen zwar auch für die britischen Dominien Gültigkeit besitzt, aber die Mandatsgebiete nicht miteinbe greift. Entlassung jüdischer Regierungsbeamter in Palästina. . Jerusalem, 5. Jänner. (J. T. A.) Zwei jüdische Architekten, von denen der eine schon seit vielen Jabrcn seine Stelle bekleidet, sind vom Regierungsdepartement für öffentliche Arbeiten entlassen worden. Eine Begründung für die Entlassung ist nicht gegeben worden. Es erregt die öffentliche Aufmerksamkeit, daß diese Entlassung zu einer Zeit geschieht, in der viele Neueins t e 1Jungen im technischen Departement in Verbindung mit oem Bau des Hafens in Haifa und anderen Unternehmungen erfolgt sind. Ein neues hebräisches Kurzschriftsystem. Jerusalem, 5. Jänner. (J. T. A.) Ein Angestellter des Hauptbüros des Keren Hajessod in Jerusalem, Maiman, hat' ein neues System hebräischer Kurzschrift erfunden. Nachdem er es bei. vielen zionistischen Tagungen und Kongressen erprobt und nach den Ergebnissen der Experimente vervollkommnet hat, faßte er es jetzt in einer Publikation zusammen, die demnächst erscheinen wird. Damit wird das dritte* System einer hebräischen Stenographie vorgelegt. DIE NBtJE WEL^__ An die Freunde und Leser des Blattes! Wenn Sie der Ansicht sind, daß die *Neue Welt" ein empfehlenswertes Blatt ist, geben Sie uns freundlichst die Adressen von Freunden und Bekannten an. Wir werden denselben die „Neue Welt" durch mehrere Wochen zur Probe gratis zukommen lassen. Wenn wir uns bei der Werbung auf Sie berufen dürfen, bitte dies ausdrücklich zu bemerken. Ans der Zusendung erwachsen weder Ihnen noch den Empfängern irgend welche Verpflichtungen. Die Verwaltung der „Neuen Welt". Zwangstürkisierung der Juden. Konstantinopel, 1. jÄtihV. Die türkische Regierung hat einen Gesetzentwurf über Erziehung in die Nationalversammlung eingebracht, der zweifellos zum Gesetz erhoben Werden wird. Danach werden alle Kinder türkischer Staatszugehörigkeit, Griechen, Armenier, Juden ebenso wie Türken, gezwungen sein, im Alter von 7 bis 12 Jahren türkische Elementarschulen zu besuchen. Es wird ihnen nicht erlaubt sein, eigene Minoritätsschulen zu besuchen, und auch der Besuch solcher Schulen, die von ausländischen Stellen eingerichtet sind, wird ihnen verboten sein. Die nichtmohammedanischen Minoritäten protestieren gegen die Verfügung auf Grund der im Vertrag von Lausanne garantierten Rechte hinsichtlich der Anwendung von Minoritätsspradien und des Rechtes der Minoritäten auf Erziehung*;Man erwarter, :. daß auch die ausländischen Missionen und andere am. Er2|jfehungswerk in der Türkei beteiligte Institutionen der Verfügung Widerstand entgegensetzen werden. Mit der jetzt mitgeteilten Gesetzesvorlage der türkischen Regierung wird, sobald sie zum Gesetz erhoben wird, eine Entwicklung abgesdilossen sein, deren Anfänge im Jahre 1924 liegen und die die Türkisierung der hauptsächlich in Konstantinopel ansässigen Minoritäten durch das Schulwesen zum Ziele hat. Soweit es sich um die jüdische Minorität handelt, sind die Stationen der Entwicklung die folgenden: Im Jahre 1924 wurden die Konstantinop ler Schulen der Alliance Israelite Universelle geschlossen. 1926 kam von der Zentralregierung in Angorä die Instruktion an die Konstantinopler Behörden, daß die Elementarerziehung, von nun an nur in türkischen Schulen und in türkischer Spvr äche gegeben werden soll. Im August des gleichen» Jahres verzichteten die türkischen Juden in feierlicher Erklärung auf die ihnen im Vertrag von Lausanne gewährten Minderheitsr echte, wofür sie damals von Louis Marshall scharf angegriffen wurden. Im November 1928 gab die türkische Regierung die Erlaubnis für eine neue in Konstantinopel gebildete Organisation zur Förderung der jüdischen Erziehung und zur Einrichtung jüdischer Schulen und Handwerkerschulen. Im letzten Monat wurde die Verwendung der hebräischen Sprache in den Schulen als Unterrichtssprache verboten. Zweite Paiästiöäreise 5690. 25. Februar bis 25. Marz 1930, Veranstalter: Verband demokratischer;|Zioni$£h; jihd Palestine Touring Club Wien. Die Seefahrt wird ab Genua mit dem Luxus- Expreßdanipfer „Ausonia" Mi „Sitmar"- Linie zurückgelegt. Besucht werden Genua, Neapel, Syrakus, Aufenthalt in Palästina 14 Tage,/Durchquer ung des ganzen Landes mit Automobilen, größerer Aufenthalt in Aegypten. Gesamtarrangement von Wien bis Wien III, Klasse spezial S 1525, II. Klasse S 2125. Auskünfte und Prospekte durch Frau Paula Stricker, Wien, IL, Hollandstraße 10, Tel. R-45-6-89, und Frau Berta Taubes, Wien, IL, Bpcklinstraße 92, Tel. R-45-905. Die Juden von Cuba. Von Arnold Ro,ller (Havana). ■ ., ';;' \ ' l '. . . Wie die Juden nach Cuba kamen. Die meisten der gegenwärtig in Cuba lebenden 10.000 Juden kamen in den letzten dreißig Jahren auf die Insel. Die jüngste Einwanderung kann man in drei Phasen einteilen: zunächst das Jahr 1898 für jene Juden, die aus U. S. A,« kamen, um sich nach Erlangung der Freiheitsrechte in Cuba anzusiedeln; ferner das Jahr nach Abschluß des Weltkrieges für diejenigen Juden, welche in den Reihen der amerikanischen Armee gekämpft haben; schließlich für die sephardischen Juden, die aus Konstantinopel, Adrianopel und Marokko um das. Jahr 1910 eingewandert sind. Dazu kommen noch die Ostjuden, die in der Hoffnung nach Cuba kamen, um sich einen leichteren Uebergang nach Amerika zu verschaffen. Wenn auch die große Masse der eubanischen Juden aus der jüngsten Zeit stammt, so ist doch die jüdische Ansiedlung in Cuba sehr alt. Es ist Tatsache, daß Cuba von zwei Juden aus der Mannschaft des Columbus. entdeckt wurde, und zwar von Louis de Tones und Roderigo de~ J e,rez, die der Insel den Namen gaben. In ihrem Bericht über die Expedition, erzählen die schlauen jüäischejft Matrosen u. a„ daß. sie vom .König von Tartari empfangen worden seien und mit ihm einen außerordentlich günstigen Bündnisvertrag für Spanien abgeschlossen ___Nr. 12i_ hätten. Sie teilten Columbus mit, daß das Land von ihnen Cuba genannt werde, da Cuba auf maurisch „schön" bedeute. Es heißt, daß Tones sich dort angesiedelt habe. Das Zusammentreffen der Entdeckung Amerikas mit der Vertreibung der Juden aus Spanien veranlaßte viele Juden, die zwangsweise das Christentum angenommen hatten, die Kolonien aufzusuchen, da hier eine verhältnismäßig geringe religiöse Verfolgung herrschte. Viele dieser Marannen waren uhter den Eroberern der Insel Cuba und viele der wichtigsten Städte danken ihre Existenz jenen Männern, welche in innigem Kontakt mit der ökonomischen Entwicklung des Landes standen. Im 18. Jahrhundert war der Tabak- und Zuckerhandel hauptsächlich in ihren Händen. Ein sehr geachteter Maranne, Hernando Castro, hat, so sagt man, mit dem Anbau von Zuckerrohr am Ende des 17. Jahrhunderts begonnen. Die Marannen, die der größeren religiösen Sicherheit wegen in dieses Land gekommen waren, mußten sich bald vom Gegenteil überzeugen. Die Inquisition blühte und die Verfolgung horte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht auf. Die Berichte der Inquisition zeigen, daß der Flammentod für die Bekenner zum Judentum nicht selten war. Vollständig religiöse Freiheit kam erst, als die Insel von der spanischen Herrschaft befreit wurde. Inzwischen hatten die Marannen von Cuba Revanche genommen, indem sie die Plünderungen der französischen und englischen Seeräuber an dem spanischen Handel in Westindien finanzierten. Als geschlossene Gruppe sind die Marannen von der Insel vollständig verschwunden. Viele haben untereinander geheiratet, und obgleich die jüdischen Spuren bisweilen noch festzustellen sind, leben sie heute ganz und gar als Katholiken. Händler und Farmer. Eine große Zunahme der jüdischen Ansiedler erfolgte erst nach dem spanisch-amerikanischen Krieg. Sie kam aus den Ghetti des Ostens, und zwar aus Polen, Rumänien und Rußland (der Eintritt in die Vereinigten;Staaten war für jedermann frei), später aus bereits amerika- , nisierten Juden, die in Cuba ein günstigeres Betätigungsfeld zu finden hofften. Dazu traten noch die vielen jüdischen Soldaten, die im Krieg gegen Spanien gekämpft hatten. Ein Jude deutscher Herkunft namens Steinhardt, der im Jahre 1898 als Sergeant der amerikanischen Armee nach Cuba kam, wurde einer der Gründer des Draisinenwagensystems auf der Insel und ist heute einer der reichsten Bürger der Republik.. Ungefähr 200 gut situierte Familien amerikanisch-jüdischer Provenienz sind jetzt im Manufaktorenhandel, im Im- und Export erfolgreich tätig. Die meisten von ihnen leben in ihren Bangalos in Vedado, dem fashionablen Vorort von Havana. Dort befindet sich ihre reformierte Synagoge. Die < Gemeinde lebt sehr, exklusiv und hält sich von den §ns: deren Kindern Israels fern. Die neue Einwanderung der sephardischen Juden begann vor ungefähr dreißig Jahren. Obgleich sie, die so- - genannten Turcos, das mittelalterliche Spanisch sprechen, haben sie nicht den Habitus jener königlichen Kaufleute, die einst so mächtig in Spanien gewesen sind. Sie waren einfache Straßenhändler mit Teppichen, Shals und Umhängetüchern genau so wie die algerischen Juden, wie man sie noch heute in Paris antrifft. Der große Zustrom der Sephardim aber begann erst im Jahre 1911: den Impuls hiezu gab die jungtürkische Revolution des Jahres 1908, deren Sieg sie u. a. auch mit schweren, militärischen Verpflichtungen belastete. Die meisten Turcos sind Händler und Kaufleute. Zu großem Wohlstand brachte es ein gewisser M a 1 o u f, der ganz nach der Art der Emporkömmlinge keine Juden, vielmehr Syrier, Araber, Griechen, und Türken beschäftigt. Die dritte und stärkste Einwanderungswelle begann nach dem Weltkrieg. Damals zirkulierte in Osteuropa das Gerücht, daß man, selbst wenn die Einwanderungsquote für Amerika erreicht sei, immer noch nach Ü. S. A. einwandern könne, "wenn man eine Zeitlang in Cuba gelebt habe. Aber dieser Uebergangsaufenthalt machte die Schwierigkeiten der Einwanderung nach Amerika nicht geringer. Von den 10.000 gegenwärtig auf Cuba lebenden Juden stammt der größte Teil aus dem Osten, die amerikanischen Juden erreichen ungefähr die Zahl 1000, die sephardischen, überschreiten" nicht die Zahl 2000. Ungefähr die Hälfte der Oestier hat sich in der Hauptstadt angesiedelt, während der Rest über das ■ ganze Land zerstreut ist Fast alle gehören der jüngeren Generation an. Sie mußten sich dem wirtschaftlich rückständigen Niveau des Landes anpassen, das noch tiefer steht als die von ihnen verlassenen Heimatländer wie Polen, Rußland, Rumänien und Ungarn. Vor der Einwanderung der „Polaccos", wie die östlichen Askenasis genannt werden, war die Wirtschaft auf Cuba äußerst primitiv. Man kannte nur die Zucker- und Tabakproduktion, die auf patriarchalischer Grundlage gehandhabt wurde. Mit den „Polaccos" kamein alle Wirtschaftsmethoden des modernen Lebens ins Land. Mit ■■ Rücksicht auf die niederen einheimischen Löhne errichteten sie inre eigenen Industrien, in denen ihre eigenen Leute höhere Löhne bezogen. Sie produzierten Artikel, die bisher aus U. S. A. importiert werden mußten, wie Kleider, Wäsche, Krawatten, Schuhe u. a. und hatten auch Erfolg, der sich zunächst in der Zurückdrängung des amerikanischen Imports und später in der Aufnahme des Exports ausdrückte. Einzelne Juden wendeten sich der Landarbeit zu und sind heute Tabakfarmer, während sie sich zur Kultur von Zuckerrüben der geringeren Chance wegen nicht,entschließen. Die Mehrzahl der jüdischen Landarbeiter verdient einen Wochenlohn von 25 bis 30 Dollar« (Ein Schlußartikel folgt.)