Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 118 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 118 tive auch für die Massenversammlungen in Tel-Awiw verantwortlich war. In der von dieser Versammlung gefaßten Resolution ist von einem ..jüdischen Staat" die Rede; daraus ist zu ersehen, daß die Zionisten die Ambition haben, Palästina zu einem jüdischen Staat zu machen. Braude erwiderte: Diese jungen Leute stehen nicht unter zionistischem Einfluß: sie haben wiederholt zionistischen Weisungen gegen Einzelaktionen nicht Folge gelistet. Auni Bey: Wollen Sie sagen, daß sich auf zehntausende Juden in Palästina der zionistische Einfluß nicht erstreckt? Dr. Braude: Die ganze Versammlung war kindisch; wahrscheinlich hat irgend ein phantasievoller JüOfling, der als Vcrsammlungssekretär fungierte, die Worte „jüdischer Staat" hilleingeschrieben. Wir maßen der Sache keine Bedeutung bei. Die Aussage Dr. Brandes und die hebräische Presse. Jerusalem, 13. Dezember. (J. T. A.) In der hebräischen Presse Palästinas wird die Aussage Doktor Braudes vor der Untersuchungskommission einer scharfen Kritik unterzogen. »Doar Hayoni" wendet sich dagegen, daß Braude da9 jüdische Staatsideal, als kindisch bezeichnet hat. „Dawar" schreibt, Braudes Aussage sei eine große Enttäuschung gewesen. Hoofiens Aussage. Jerusalem, 13. Dezember. Heute erschien vor der Untersuchungskommission Herr H o o f i e n, Direktor der Anglo-Palestine Bank, der mit Dr. Braude und Doktor Horowitz in den Unruhetagen die aus Palästina abwesenden Mitglieder der Zionistischen Executive vertrat. Hoofien sagte zunächst über die jüdische Demonstration an der Klagemauer am Tischa b'Aw aus. Schon die Tatsache, daß Mädchen in größerer Zahl in der Prozession geschritten sind, beweise, daß die Kundgebung friedlicher Natur war; es wurde über die Vorsichtsmaßnahmen in der Umgebung der Regierungsbureaus und darüber, daß ein Polizeikordon die Eisengittertore bewacht hat, gescherzt. Sir Walter Shaw, der Vorsitzende der Kommission, machte auf die seltsame Tatsache aufmerksam, daß die Polizei die Regierungsämter scharf bewacht habe, obwohl dort eine Unruhe nicht zu erwarten war, aber die Prozession zur Klagemauer erlaubt hatte, obwohl diese — mag sie, wie Herr Hoofien sagte, in der Absicht harmlos gewesen sein — durch einen Zufall unglückliche Konsequenzen hatte haben können und sie, leider, auch gehabt hat. Hoofien kam dann auf das jüdisch-arabische Wirtschaf tsproblena zu sprechen und führte aus, die Juden haben 45 Millionen Pfund nach Palästina gebracht und in der Wirtschaft des Landes investiert. - Allein die zionistischen Institutionen Keren Hajessod und Keren Kajemeth haben bis jetzt 6,5 Millionen Pfund hier investiert. Aus dem Einströmen des Geldes sowie dem durch ihn bedingten wirtschaftlichen Aufschwung haben die Araber materiell Gewinn gezogen. Viel jüdisches Geld ist in arabische Hände geflossen. Die jüdische Einwanderung war also für die arabische Bevölkerung von großem Nutzen. Die Juden haben den von ihnen in Benutzung genommenen ländlichen und städtischen Boden voll bezahlt; sie kauften den Arabern Waren ab, leisteten ihnen ansehnlichen Kredit u. a. m. Allein in Haifa betragen die von jüdischen Mietern an arobische Grundsiückbesitzer gezahlten Mieten 55.000 Pfund jährlich. Der Anwalt der.Araber, Silley, der an Stelle des wegen Krankheit abwesenden Stoker das Kreuzverhör mit Hoofien führte, führte aus, die Juden erstreben in Palästina die Errichtung eines jüdischen Staates; aus taktischen Gründen vermeiden sie es aber, dies klar zum Ausdruck zu bringen. Hoofien sagte, die Juden wollen nichts anderes als ein jüdisches Nationalheim. Silley wies auf die am Vorabend des Tischa b'Aw in Tel-Awiw abgehaltende Versammlung hin; in der von dieser Versammlung angenommenen Resolution heißt es: „Die Klagemauev ist unsere Heilige Stätte." .Das ist sie auch, erwiderte Hoofien in festem T o n e. Hoofien bezweifelte es, daß viele Teilnehmer an der Prozession zur Klagemauer dem Brith Trumpeldor angehört haben, da ihm die Leitung von Brith Trumpeldprt in Tel-Awiw auf seine Bitte versprochen habe, keinen Zug nach Jerusalem zu organisieren.? Der Behauptung des arabischen Anwalts, daß die Zionistische Organisation den Brith Trumpeldor subventioniert, trat Hoofien mit der Erklärung entgegen, daß nicht ein Pfennig jüdischen Geldes, das nach Palästina fließt, für Propaganda in Palästina ausgegeben wird. Hoofien stellte fest, daß die Juden in Palästina pro Kopf das Vierfache an Steuern leisten als : die Araber. Auch sind die Juden an der Einfuhr mit : 55 Prozent beteiligt. Der Anwalt der Jewish Agency Sir Boyd Merri-; man legte vor der Kommission dar, daß die jüdische Einwanderung und der jüdische Beitrag zu den Regierungseinkünften es der britischen, Administration möglich macht, das Land gut zu verwalten. Die Vorteile der f$disctaa Einwanderung sind: 1. Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben, 2. Abzahlung des Palästinaanteiles an der ottomanischen Staatsschuld, 3. Militärpflidit oder Militärsteucr ist entbehrlich, 4. bessere Kommunikationen, 5. gute Verwaltung und gute Rechtspflege, 6. stark verbesserter Gesundheitsdienst,?. verbesserter Landwirtschaftsdichst, 8. erweitertes Eisenbahnnetz, 9. erweitertes Post- und Telephonnetz? 10. offentlicher Unterricht, 11. richtig kontrollierte Finanzkammer. Hoofien bemerkte noch, daß die jüdische Importziffer pro Kopf 25 Pfund beträgt und um das Sechsfache die arabische Importziffer pro Kopf übersteigt; dies, weil die Juden als kolonisierende Bevölkerung Maschinen und Baumaterialien ins Land bringen. Silley bemerkte: Aber der jüdische Bauer verdrängt den Araber. Das ist nicht der Fall, erwiderte Hoofien; im Gegenteil: in vielen Fällen ist der arabische Bauer mit Hilfe des vom jüdischen Käufer erhaltenen Geldes in die Lage versetzt worden, den ihm verbliebenen Boden besser zu bearbeiten. Zu einer erregten Auseinandersetzung kam es, als der Anwalt der Araber, Silley, die Greuel in Hebron zur Sprache brachte und auf das von der stellvertretenden. Zionistischen Exekutive am 28. August nach London gesandte Telegramm hinwies, in welchem davon die Rede ist, daß den Opfern Nase, Finger und Brüste abgeschnitten wurden. Hoofien erwiderte, er persönlich habe das Telegramm nicht abgefaßt; seine Kollegen Horowitz und Dr.. Braude haben ihre Informationen aus,der gewiß vertrauenswürdigen Quelle der jüdischen Gesundheitsorganisation Hadassah erhalten. Uebrigens handelt es sich nicht um Verbreitung von Nachrichten, sondern um die Erstattung eines Berichtes, und es war Pflicht der zeitweiligen zionistischen Exekutive, den Bericht der Hadassah nach London weiterzugeben. Sir Walter Shaw fragte Hoofien: Sind Sie persönlich von der Unwahrheit der Berichte über Verstümmelungen nicht überzeugt? Nein, antwortete Hoofien, ich bin nidit davon überzeugt. Sir Boyd Mcrriman verlas die vom Oberkommissar Sir John Chancellor nach seiner Rückkehr nach Palästina erlassene Proklamation, in der vou „unaussprechlicher Roheit" die Rede ist. Sir Boyd legte der Kommission fünf Photographien vor, die in Hebron begangene Greuel wiedergeben. Die Mitglieder der Kommission sind vom Anblick sehr erschüttert Wir, bemerkte Sir Boyd, wollten dieses furchtbare Thema der Greuel nicht zur Sprache bringen,' aber unsere Gegner zeigen sich bestrebt, den Umstand, daß wir dieses grauenvolle Thema meiden, dazu auszunutzen, der Zionistischen Exekutive schlechten Glauben anzudichten. Sir Walter Shaw sagte, soviel er wisse, habe die von der Regierung angestellte Untersuchung die Frage der Verstümmelungen in Hebron beigelegt; er sei erstaunt, zu hören, daß ein Mitglied der Zionistischen Exekutive trotzdem weiter behauptet, daß Verstümmelungen stattgefunden haben. Sir Boyd erwiderte, die Jud eil' haben .den betreff end en Regierungsbericht nicht akzeptiert. Sir Boyd Merriman schloß die Diskussion mit der Erklärung ab, daß er immer noch daran'»festhalte, daß Greuel, auch sexueller Natur, vorgekommen seien. Bei weiterer Erörterung des Wivtsehaftsprobleins sagte Hoofien aus, die einzigen Unzufriedenen unter den Arabern seien die Großgrundbesitzer, die gewohnt waren, de« arabischen; landwirtschaftlichen Arbeitern niedrige Löhne zu zahlen, und die nun sehen müssen, daß nach dem jjeispiel der Juden auch der Lebens- . Standard der Araber steigt. Sir Walter Shaw bemerkte/ er höre zum erstenmal, daß über so etwas Klage geführt wird. Hoofien entgegnete, dies,.-wären- Klagen, die vor die TJntersuchungskoinmission nicht .gebracht werden. Das liberale Kommissionsmitglied Hopkins Morris fragte, ob jüdische Arbeitgeber arabischen Arbeitnehmern niedrigere Löhne zahlen als ' jüdischen Arbeitnehmern. Ja, erwiderte Hoofien, aber die arabische Lohnskala steigt infolge der Agitation der jüdischen Arbeiter. Sicher aber ist, daß die jüdischen Bodenbesitzer arabischen Arbeitern höhere Löhne zahlen, als dies die arabischen Bodenbesitzer tun. Ueber wirtsehaftlidie Angelegenheiten weiter befragt, erklärte Hoofien, GKHHITZTAtllROL Sehnellzugitatlon Stelnoch am Brenner, Wunderschön«» Sklselände mit günstigen SchneeverhHItnlsienvon Mitte Dezember bi* Ende März. Skikurs», Rodelbahn, Eis. rl leufplaU. Behaglicher Aufenthalt Im HOTEL UND PENSION TRINtEBHOF 1214 m D.d. M., In sonniger Lege, neu er* baut, modern und gediegen eingerichtet, 60 Betten, fließende» Kalt» und Warmweiter, Zentralheizung und Bjfder, gr»t< ktaulge Wiener Küche. Penstonepreis ab Mk, 7.29. Auf Verlangen Prospekte. imiimmmnrnmfmTnTiniimmnmnrnm —*TT—TTf-r i fTifiiirrif Ii lliiiii iirrrntTrii riiiin............ tiMmimifffliiimmtrimnmiromiffflm SIEGM. KORNMEHL Ii GROSSFLEISCHHAUEREI ij Zentrale IX., Bergga«3e 19, Te'nphon 17-3-99 u. 16-9-34 Ii Lieferant ü r Heilanstalten]] Abteilungen für ng^f leisen unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien Autosustallung kostenlos IX. Berggasse 15 / XVIII., Wäiirlngerstr. 97 v ^MHtHNmirrrmfmmwrmmffHw^ ifmiimtiuitmnrimiimimrtmfiHnmimniMim^ Palästina könne 20.000 jüdische Einwanderer jährlich absorbieren. Es sei nicht wahr, daß Araber von ihrem Boden vertrieben wurden. Es sei auch keine Erhöhung der arabischen Auswanderung zu verzeichnen. Hoofien legte an Hand von Zahlen dar, daß im Jahre 1928 sich die Juden Palästinas an der Ausfuhr mit 27 Prozent beteiligt hatten. Transjordanien. Aus Amman, 14. Dezember, meldet Reuter: Der Nationalkongreß von Transjordanien hat eine Resolution zugunsten der vollständigen Unabhängigkeit angenommen, in der eine sofortige Verbesserung des Unterrichtswesens verlangt wird, weiters eine Entschließung zugunsten eines arabischen Bundesstaates sowie eine Entschließung, in der gegen die Balfour-Deklar a t i o n und gegen die Haltung der Regierung gegenüber den Arabern in Palästina während der jüngsten Unruhen protestiert wird. Ein kommunistisches Mitglied der Assefath Hanivcharim verhaftet, Jerusalem, 9. Dezember (J. T. A.). Isaac Chofs c h i, das einzige kommunistische Mitglied der jüdischen Nationalversammlung Palästinas (Assefath Haniw- / charim), der in Tel-Awiw lebt, erhielt den Befehl, sich, für die Dauer eines Jahres unter polizeilicher Aufsicht in Tiberias aufzuhalten und ferner 60 Pfund als Bürgschaft für gutes Betragen zu erlegen. Als Chofschi sich weigerte, diesem Befehl Folge zu leisten, wurde er v e rhaftet und in das Gefängnis von Acco eingeliefert. — Bekanntlich ist die Regierung auch gegen den Jaffaer arabischen Kommunistenführer Hamdi el Husseini in ähnlicher Weise vorgegangen, indem sie ihn nach Nazareth verbannte. Drei Bemerkungen zum Delegierten tag der deutschen. Zionisten. Von Dr. Paul Arnsberg (Frankfurt .a. M.).. I. Die zionistische Bewegung ist allenthalben in Gefuhr, die Verbindung mit dem Volksganzen zu verlieren; nirgends aber ist sie in der Tat so „volksf r e m d" wie in Deutschland. Dabei soll gar nicht an die Haltung des Zentralorganes, der „ J ü d is c h e n Rundschau" gedacht werden, bei der ein „volksfrenider Intellekt" höher im Kurse steht als der „volksnahe Instinkt", sondern es soll auf einen Spezialfall hingewiesen werden, nämlich unsere Stellung zur antisemitischen Bewegung. Auch dem Blinden ist es deutlich geworden, daß wir vor dem ungeheueren Anwachsen des Antisemitismus stehen, mit akuter Gefahr für unser Gegenwartsleben, besonders in Deutschland. Eine volksnationale Bewegung, wie es der Zionismus sein soll, hätte darauf eine praktische Antwort zu geben: er gibt sie nicht, sondern begnügt sich mit der theoretischen Erkenntnis, etwas über die Entstehungsursachen des Antisemitismus zu wissen und verweist von Zeit zu Zeit auf die einzige Möglichkeit der Lösung der Judenfrage, nämlich Erez Israel. Damit ist in der Tagespolitik nichts getan und es bedeutet eine typische Vogelstraußpolitik, sich nicht um die Tagesnöte der jüdischen Diaspora zu kümmern. Uns, denen nichts Jüdisches fremd sein soll und die wir den Anspruch erheben, der legitime Anwalt jüdischer Interessen zu sein, müssen auch bei der Bekämpfung des Antisemitismus die Ini'tiative ergreifen. Wenn schon nicht aus prinzipiellen Gründen, die Not des jüdischen Alltags kann uns nicht unempfindlich lassen, so schon aus taktischen Gründen. Die breiten Massen der Juden werden sich von einer ideologischen Sekte abgestoßen fühlen, die sich nicht um die Realität der Gegenwart kümmert, sondern nur Rezepte für eine leider sehr fernliegende Zukunft gibt. (Die Vorwürfe des zu langsamen Fortschrittes unserer nationalen Konzentraton in Palästina gehören nicht an diese Stelle.) Wir müssen dem Durchschnittsjuden das Empfinden beibringen, daß der Zionismus volles Verständnis für seine Gegenwartsnöte hat und daß er nicht in einem Augenblick der Gefahr (volksfremd gestikulierend) abseits steht. Bekommen wir wieder den Zusammenhang mit dem Gesamt Judentum, dann können wir mit Recht eine starke Interessiertheit an unserer Erez-Israel-Arbeit verlangen. Es ist eine Stunde greifbarer Gefahr und der Zionismus hat, wenn er noch einen Rest von Aktivität verspürt, auch bei der Abwehrbewegung an die Front gehen. Es handelt sich auch hiebe! nicht um eine Ideengemeinschaft