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Die neue Welt · 1929-11-08 · Heft 112 (8.11.1929) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 112 (8.11.1929)
Date
1929-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 35 Üre V. b. b. Dlk MEUE WELT BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zioty 6.~; Tschechoslowakei monallich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinär 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien monatlich Lire S.~, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die üb {Igen'Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 3 Freitag, den 8. November 7929 Nr. 112 fiie Untersuch Seite 6 Zu den Krawallen auf der Wiener Aula. Von studentischer Seite wird uns berichtet: Die jüngsten Krawalle in der Universifiitsaula und auf der Rampe. werden zum größten Teil f u 'l s c h uud w i d u rsprechend dargestellt. Zunächst ist die. Mitteilung der Deutsclinationalen unrichtig, daß* sie sich bemüht hätten, die j ü d i s c h c n Studenten gegen die Angriffe der 11 a k e u Je r e u z l e r zu schütze n. Man sah zwar einen jungen Manu in Heimweh runiform, der/einzelne jüdische Akademiker aus dem Knäuel löste und sie zur Rampe heruntergeleitete, im ganzen und großen aber waren die jüdischen Studenten gegen die mit Stöcken und Knüppeln bewaffnete UcbermacUt wehrlos. Tatsache ist, daß viele jüdische Studenten durch die vollbesetzte Rampe durchgeprügelt wurden, aus Mund und Nase bluteten und bis zum Rand des Pölizeikordons gedrängt wurden. Von einem Schutz seitens irgend einer Gruppe kann keine Rede sein. Vielmehr liegen die Dinge so, daß die Führer deutscher,. Studenten zuerst zu Gewalttätigkeiten hetzen, dann ab e i1 Öf f eh t Ii c h z u r R ü h e m a h n e n und sich damit jeder Rechenschaft entziehen. Auch die katholisch e . Studentenschaft bleibt hinter ihren deutsclinationalen Kommilitonen nicht zurück Mittwoch, den 7. November, am Tage der Rektorsinauguration, ging die Wache energischer vor und räumte die Rampe, wobei; der exzedierende Sohn des bekannten Prof, Othmar Spann von der Wache abgeführt. wurde. So wird äußerlich die 'Ruhe wieder hergestellt, um den zur Inauguration i vorfahrenden Behörden-ein Bild der Disziplin zu bieten, in Wirklichkeit wird unter Billigung* dest Rektor ats hinter den Kulissen weitergewühlt und immer wieder eine neue „Judcnhatz" vorbereite^.; — Die jüdische Studentenschaft gedenkt, die nötigen Schritte einzuleiten, um diesen empörenden Zustände ein Ende zu machen. Zum Halsmannprozeß. Ein anständiger Sachverständiger wird beschimpft. Ein Professor der Innsbrucker* Universität hat es gewagt, für den ostjüdischen Angeklagten einzutreten und gegen die belastenden Gutachten seiner Kollegen wissenschaftliche Einwendungen zu erheben. Das hat ihm übel bekommen. Seine Hörer haben stramm gegen ihn Front gemacht. — Aus Innsbruck wird gemeldet: Der Ordinarius, für. experimentelle Psychologie an der' t Innsbrucker Universität Professor; E r i s m a n n hätte v.ori Beginn: des zweiten Prozesses gegen Philipp Halsmanu erklärt, es sei u n m'ö g 1 i c h, aus der C h ar a'kie'r vicrtatfifl a g;u h g rllalsmtmus < seine Täterschaft'abzuleiten oder sie audi nur mit seinem Charakter in Einklang zu bringen. Professor Erismann »IIIIII imrnnr Verband demokratischer Zionismen ,'M|tiwpeh, .!den;iä. November 1929. um 'halb 9 Uhr ' -abendsAm. Ca»6 Produktenbörse, IL, Taborstr. 10 Ver s M m m lu n g ' . , ., Gegenstand: Berichte über die Lage in Oesterreich und in Palästina! t Freie Amiprachel , JI«kjliiNM I Die Versammlungen finden MCfflf Uil9 5 wieder im €af© Produktes!. IlllllllUllflllilltllillll börse, II. Taborsfr. 10, statt litit audi dem ersten psychiatrischen Fukultäisgutaditen eine ausführlidie wissenschaftliche Abhandlung gegenübergestellt. Darüber hinaus hatte Professor Erismann am Todesorte Mordechai (Morel uch) Hals'mann's Versüdie mit einer 80 Kilogramm sdiweren P u p p e Vorgenommen, um experimentell zu beweisen, daß ein -mörderischer Ueberfall von einer dritten Person auf Morduch <IIalsmann in der von den gerichtsniedizinischen Sadiverständigen angenommenen Art innerhalb woniger Minuten vorgenommen werden konnte. Auf diese Stellungnahme des Gelehrten geht eine Demonstration gegen ihn zurück: als er vor einigen Tagen den Hörsaal zu einer Vorlesung betrat, fand er an der Tür folgende Inschrift: „Morduch Erismann gibt h e u t e P u p p e n s p i e 1 e." Die Inschrift, ist von II a k enkr euzst udeuten ..angebracht .i?örd.en. 1 -. , . * ~- In n s b r u c k, 6. November. Die hiesigen Studenten liaben v eihp; tneue Demonstration gegen jene Professoren veranstaltet,.- sdjesich für die U n schuld, •Philipp Halsmanns eingesetzt e haben. Auf dem Schwärzen ,G RA MO LA' SPEZIALHAUS |Ä. WEICHSELBAUM MARIAHILFERSTRASSE 31 JETZT AUCH I., Q R A BEN 16 All Brette in der Universität, wo die Mitteilungen, der Studentenschaft angeschlagen werden, wurde gestern auch ein Zettel befestigt, der die Wor£e enthielt: Es wird bekanntgegeben, daß in den nächsten Tagen die Gründung einer Halsmann-Gesellschaft stattfindet. Professor Rittler, Professor Erismann, Professor Kastil und Kogler. Die Genannten hatten seinerzeit sich für die Schuldlosigkeit Halsmanns eingesetzt.' Die Universitätsbehörden veranlaßten sofort die Entfernung des Zettels. Das britische Militär iu Palästina. Auf eine im Unterhaus von Peter Maedouald gestellte Frage erwiderte Minister Tom Shaw im'Namen der Regierung: In den Etat wurden 30.000 Pfund als außerordenilicfre Ausgabe im Zusammenhang mit der Entsendung von Truppen nach Palästina eingestellt. Es;sind , im großen ganzen drei Bataillone Infanterie und eine Abteilung Panzerautos, nach Palästina entsandt worden. Ein Infanteriebataillon und Panzerautos wurden inzwischen zurückgezogen. Es ist noch nicht entschieden, schloß Tom Shaw seine Erklärung, von wem dieser außerordentliche Kosten* aufwand zu tragen sein wird. i Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein jbeJseftigtevE Zeichnet. .. KOHLE KOKS ANTHßACIT höchster Qualität BÄSCH. IV. Argentinierstraße 22 <rAiomo.MM Ü-46-403 Telephon u.41.2.87 Akademische Freiheit! Die Dinge nehmen in Oesterreich den normalen Verlauf. Zwei große Parteien ringen um die Macht. Es ist also ganz natürlich, daß die Juden die . Zeche bezahlen müssen. Und es ist wieder nur ganz natürlich, daß nicht etwa jene Juden dran glauben müssen, welche hüben und drüben eine gewisse Rolle spielen, bei den; Rechten als Geldgeber, bei den Linken als Wortführer, und bei beiden als Journalisten. Die sitzen alle im Warmen uud Trockenen und beziehen. Gehälter, und rühmliche Anerkennung. Die jüdische Aligenieinheit muß . herhalten. Sie ist es, die beschimpft wird, sie.' ist es,; gegen die gehetzt wird. Die Rechten schreien:'„Die* Juden sind die Volksverführer!", und die Linken Vierden nicht müde, ihren Massen zu predigen, daß „jüdisches Geld", daß •„jüdisches Kapital" hinter den Feinden der Rechte der Arbeiterschaft ' steht' und' wirkt. So wird eine Gewitterstimmung geschaffen,: welche sich über jene Juden entlädt, welche gerade bei der Hand sind, über jene Juden, welche mit den: Dingen nichts zu tun haben, über jüdische Gewerbetreibende, Kaufleute, Angestellte und Studenten. Vorläufig sind die jüdischen Studenten an der Reihe. Seit Wochen spielt sich in Wien Tag für Tag' ein ganz abscheuliches Schauspiel ab. Mit Schlagringen und Stöcken stürzen akademische Raufbolde in die Hörsäle und treiben die Juden hinaus und lassen jüdische Studenten und Studentinnen Spießruten laufen. Feige Raufbolde, denn sie greifen nur, ah, wenn sie in mindestens fünfzigfacher Ueberzahl; beisammen sind, und wenn einer zufällig, vor Gericht gebracht wird, dann schwört er tausend aka-, demische Falscheide, daß er nicht dabei war. ,Feige; Raufbolde, denn sie wissen, daß ihnen nichts , geschehen kann, daßein alter, jetzt; ganz schändlich; verunehrter Brajich sie schützt: A k ade in i s c h e Freiheit! '. Akademische Freiheit war einstens eine Einrichtung, dem forschenden Geiste und der aus dem Dunkel des Aberglaubens und dumpfer Vorurteile , hinausstrebenden geistigen Arbeit Schutz vor der Reaktion zu bieten. Ein Ort sollte vor dem rohen Eingriff der despotischen Machthaber und der Dunkelmänner bewahrt -bleiben, die Universität.* Das .war einstens die akademisdie Freiheit. Was ist heute die akademische Freiheit? Was bedeutet sie heute? Straflosigkeit für. Strolche, Schutzlosigkeit für jüdische Studenten. Akademisdie Freiheit ist, wenn Rektoren und Professoren den ihr Recht fordernden Juden achselzuckend und kühl erklären, daß sie nichts tun können, weil Gewaltanwendung dem „akademischen Geiste", zuwidqr ist. Akademische Freiheit ist, wenn die Träger der staatlichen Gewalt und Hüter der öffentlichen Ordnung, wenn die Polizisten untätig . ein Haus umstehen, aus welchpm Lärm und."Hilferufe dringen, in welchem eine rohe Bande eine Minorität daran hindert,. das erworbene und' bezahlte Recht, aufs Lernen auszuüben, in welchem eine rohe Bande auf Wehrlose eindrischt, die Gesetze des Staates plump zertritt. Geh' zur Regierung und Polizei und rufe sie zu ihrer Pflicht 1 Sie ' antSvbrten: Akademische Freiheit! 1 ,' Aber audi die jüdische Gesellschaft dieser Stadt ßte.ht da, zuckt die Achseln: „Akademische Freiheit!'! Und tut nichts. Sie sieht es ruhig mit an,: wie; ihre Jugend mißhandelt, täglich und stündlich ihres

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