Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 111 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711727--1466-2714685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5s f Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. Iii Regierungsstellen zwecks bequemet nnd erfolgreicher Unterdrückung und Exploitation der arabischen Massen, die durch den allgemeinen ökonomischen Aufstieg des Landes unter der Mitwirkung der jüdischen Kolonisationstätigkeit sich finanziell und politisch von der Herrschaft der Feudalen allmählich befreien. 2. Das zionistische Bürgertum erscheint formell durch die Balfour-Deklaration als Schützling und Verbündeter des englischen Imperialismus. Ich betone, formell, weil im Grunde doch die Interessen des englischen Imperialismus in Palästina im Widerspruch zu den Interessen der jüdischen Einwanderung stehen, was in der Hemmungspolitik der Regierung gegenüber den Einwanderungsbedürfnissen der jüdischen Massen und des jüdischen Kapitals klar zum Ausdruck kommt. Darüber, daß England an Palästina kein direkt ökonomisches, sondern ein politisch-strategisches Interesse bindet (die ein wenig geschwächte Position in Aegypten, der freie Weg nach Indien usw.), ist wohl eine Diskussion überflüssig.. Dementsprechend ist auch die Politik der Administration gegen die industrielle und überhaupt wirtschaftliche Entwicklung des Landes gerichtet. Denn mit der Entwicklung der Wirtschaft in allen ihren Zweigen verschärft sich die Gefahr der sozialen Bewegungen, was natürlich keine lockende Perspektive für die Positionen der imperialistischen Herrschaft bedeutet. Die Interessen des angeblich prozionistischen England lassen sich mit den Interessen der feudalklerikalen arabischen Clique also sehr wohl in Einklang bringen. Die Tatsache der fortschreitenden Verständigung zwischen den arabischen und jüdischen Massen durch den Ökonomischen Regulator veranlaßte die englische Administration, diesen Ueberfall geradezu zu provozieren und in verschiedener Form zu unterstützen. Beweis: die Ausrufe der Anführer: „Die Regierung ist mit uns" und ähnliches. Und daraus folgt: > 3. Die politische und ökonomische Schwäche der aufsteigenden, revolutionären bürgerlichen Gesellschaftsordnung der jüdischen Aufbautätigkeit ermöglichte das historische „Wunder", daß die eigentlich dem Untergange geweihte Klasse des arabischen Feudalismus als der angreifende Teil auftritt. Im Lande vollzieht sich der Prozeß der permanenten ökonomischen Entwicklung, die allmählich, aber mit unfehlbarer Sicherheit die Grundlagen der alten feudalen Ordnung erschüttert und zerstört, die untergehende Klasse befindet sich im letzten Stadium ihres Kampfes, wobei sie von einem wichtigen politischen Faktor, der imperialistischen Regierung, dank der Identität ihrer Interessen, unterstützt wird und deshalb aggressiv sein kann. Die Opposition der Effeqdi-Schichte gegen die Palästina-Regierung ist eine bloße S c h e i n o p p o s it i o n, welcher Umstand es ihr ermöglicht, unter dem Deckmantel angeblich nationalarabischer Interessen zeitweilig eine nationale Einheitsfront aufzustellen und vorwiegend die religiös-fanatischen Instinkte gegen die Juden, a|s den Trägern des modernen Kapitalisierungsprozesses, aufzuhetzen. Dies um so mehr, als es eine eigentliche industrielle arabische Bourgeoisie, die gesellschaftlich-politisch irgendwie kristallisiert wäre und als progressiver sozialer Faktor in der Entwicklung des Landes in Betracht käme, nicht gibt. Die arabische Handels boürgeoisie basiert hauptsächlich auf dem Import ausländischer Industrie pro d'u k t e und hat kein Interesse an der industriellen Entwicklung des Landes. Der Kriegszustand und die Gefahr bewaffneter Üeberfälle sind nun vorüber. Soweit eine Boykott- Stimmung, besonders in den ersten Tagen, breite jüdische Massen erfaßt hatte, wurde ihr durch die Propaganda und| Aufklärungsarbeit, in Wort .und Schrift erfolgreich entgegengearbeitet. Dies blieb aber ohne Wirkung auf das arabische Lager, wo der Boykottkampf mit häßlichen Mitteln (blutige Üeberfälle auf arabische Kunden vor jüdischen Geschäften) fortgesetzt und eine Hetzagitation durch die Presse geführt wird. Die hohe Obrigkeit wird gegen die?e gefährliche Hetze nichts Wirksames unternehmen. Angesichts dieser Tatsachen könnte, man zu trüben Schlußfolgerungen bezüglich der Verwirklichung unserer Bestrebungen in Palästina gelängen. Wir sind jedoch alles andere eher als pessimistisch. Wobei wir keineswegs Vogel-Strauß-Politik betreiben und die vorhandenen Gefahren nicht unterschätzen. Man kann diese Zuversicht leicht begreifen, wenn man einen Vergleich zwischen den Ereignissen von 19 21 und 1929 anstellt Im Jahre 1921 waren die Losungen, mit welchen man die Massen zum Pogrom hetzte, rein ökonomische und politische: „Die Juden wollen Euch den Boden wegnehmen, euch aus eueren ökonomischen Positionen und aus dem Lande vertreiben." Die jetzigen Losungen gehen mehr auf das religiöse Gebiet über, wobei kulturelle Rückständigkeit der wildeu Beduinenstämme und Fellachen eine günstige Resonanz abgeben. Anders hätte, man den Fellachen,, deren ökonomischer Wohlstand gerade durch die nahe Berührung und Anknüpfung von Austauschbeziehungen mit den nahegelegenen jüdischen Siedlungen sich gehoben hat, nicht kommen dürfen. Und tatsächlich konnten wir die Beobachtung machen, daß diejenigen arabischen Dörfer, die sich in der Nähe des konzentrierten Siedlungsgürtels befinden, an den Ueber füllen nicht teilnahmen, Ferner: lllillM MITBEWOHNERIN I (Jflditt, ftlleinetehende Frau) wird zu alterer Frau mit erwachi sener Tochter 1 gesucht. I Wohnung besteht aus Zimmer. Kflche, Kabinett. Zuschiiften unter I „Out bürger.ich" an Annoncen-Exp. Schalek, I., Wolzeüe lt. »iimimmMBmmimwiiawiM^ wo die Juden in konzentrierter Form siedeln, wurden die Angriffe mit Erfolg zurückgeschlagen. Daraus folgt, daß mit dem Fort sc h reiten der jüd ischen _ Kolonisationsarbeit, und d e m Weit e r e n t wi ck el n d e r gege n s ei t i ge n ökonomischen Beziehungen allmählich die Gefahr eineseinheitlichenAuftretens der Araber bei Pogromüberfällen schwindet, und die soziale Isolierung der feudalklerikalen Effendi-CIique fortschreitet. Dies diktiert den Kampf um die freie Einwanderung und. ebenso energischen Kampf für die Eni wie k 1 u n g s m Ö g I i c hkeit des jüdischen Privatkapitals. Ideologisch ist natürlich auch große Aufklärungsarbeit unter den Arabern erforderlich. Aber wir dürfen die große Rückständigkeit des arabischen Bauern und Arbeiters nicht übersehen. Da neuerliche Aufstandsversuche nicht ausgeschlossen scheinen, ist ein Selbstschutz unbedingt erforderlich und in dieser Richtung wird mit großer Energie gearbeitet. Wir haben allen Grund, optimistisch zu sein. Die „Karlskrone" in Brody. Vor kurzem hat ein langwieriger Prozeß zwischen der polnischen Liquidationskommission und dem österreichischen Staat seinen Abschluß gefunden, durch welchen die jüdische Kultusgemeinde in Brody wieder in den Besitz ihres wertvollsten Thoraschmuokes, der unter, dem Namen „die Karlskrone" bekannt ist, gelangt ist. Die Karlskrone aus der Brodyer Synagoge, hat eine recht romantische Kriegsgeschichte.; Es war im Jahre 1916, der Weltkrieg hatte seinen Höhepunkt erreicht, die Stadt Brody wurde eben von den im Rückzug, begriffeneii -nissischen Truppen evakuiert. Nicht weit von Brody entfernt stand die österreichischrussische Front. Böhm-Ermolt war Kommandant der zweiten Armee, 'welcher bekanntlich fast der gesamte österreichische und ungarische Adel zugeteilt war. Stadtkommandant: von Brody war der Inhaber des vierzehnten Husarenregiments, von Kundegrab er. Auch der Platzkommandant war ein Mitglied des hohen Adels; seine Frau, die einstige "Erzieherin des Thronfolgers und späteren Kaisers Karl, war Leiterin des im jüdischen Spital untergebrachten'>Feldspitals. Etiles Tages erschien in der Kanzlei der jüdischen Gemeinde ein Offiziersdiener beim Gemeindesekretar Holzlager und ersuchte ihn, am" die Straße zu .kommen, wo zwei Offiziere ihn zu sprechen wünschten. Nur ungern folgte der Sekretär der Aufforderung. Als er dann doch auf die Straße ging, warteten dort: zwei Herren auf ihn, ein Offizier und ein Mann in Uniform mit den Intelligenzstreiien mit dem Ausdruck „Kunst". Der letztere stellte sich als Kriegsmaler Professor Adams vor. Der Offizier teilte hierauf Sekretär Holzsäger mit, daß am. -iselbsn Abend die Ankunft des auf einer Inspektionsreise •befindlichen' Thronfolgers Erzherzog Karl erwartet werde, dem zu Ehren im Sokolsaal ein feierlicher Empfang bereitet werden soll. Das Empfangskomitec befinde sich wegen der Dekoricrung des Saales in großer Verlegenheit, und da den Offizieren bekannt sei, daß die Brodyer* Syiiagonen .fjber viele wertvolle Synagogengeräte aus Edelmetall söwije zahlreiche kunstvoll gearbeitete Vorhänge iiiid Deckeir verfügen;1 stellen sie an die jüdische Gemeinde das Ersuchen, einige dieser Gegenstände, für die. Dekorie-; rungdes Sokolsaa-Ies zum Empfang des Thronfolgers hefzuleihen. : Der Gemeindes&kretär gab. seine Zustimmung und, bat die Offiziere, ihm in' die große Brodyer Synagoge zu folgen; Der' Tempel 'bot damals einen recht traurigen Anblick. Kein wertvoller Vorhang, keine Tischdecke auf dem Almemor und auch keine der teuren silbernen Geräte war zu sehen. Der Sekretär erklärte dies freimütig damit, daß die Gemeinde, als die Invasion der Kosaken bevorstand, alle wertvollen Kultgegenstände in einer Kassette unter der Diele der Synagoge vergraben ließ, um sie vor den Plünderungen der Russen zu sichern. Nun wurde diese Kassette wieder ausgegraben. Die österreichischen Offiziere : standen sprachlos da, als sie dieser unschätzbaren Gegenstände ansichtig wurden. Unter den verschiedenen Silber-'und goldgestickten Vorhängen fiel ganz besonders die für den Almemor bestimmte Tischdecke auf, die unter dem Namen „Kardinalsmanjer* In der Schatzkammer 4er Gemeinde gehütet wird. Es soll das das Geschenk eines Kardinals sein, der vor mehreren Jahrhunderten auf diese Welse seine Freundschaft für die Juden bekundet habe, und den Wunsch äußnrte, daß aus diesem Mantel eine Decke für Jenen Tisch verwendet werden solle, auf welchem die Thora * zur Verlesung gebracht wird und die heiligen. Akte - des Gottesdienstes vollzogen werden. .;'. Die Offiziere wählten die schönsten Stücke,"dar-» unter auch die herrliche Th'orakrone, für die Dekörierung des Sokolsaales aus, und nun handelte es sich darum, diese Gegenstände auch unbemerkt zum Festsaal zu bringen. '• Daverfiel Sekretär H o lz s ä g e r auf eine Qrögi* nelte Idee, Er lud die gewählten Gegenstände auf «Ine Totenbahre, bedeckte sie mit dem schwarzen Bahrtuoh und schaffte sie mit Hilfe seines Bruders an den Bestimmungsort In der Stadt dachte man nicht anders, als daB der Sekretär mit seinem Bruder eine „arme Leiche" auf den Friedhof schaffe, und so gelangten die' seltenen Dekorationsstücke aus der Brodyer Synagoge in den Sokolsaal. Der Empfang für den Thronfolger an jenem Abend verlief In sehr gehobener Stimmung. Nach dem Bankett hielt Erzherzog Karl Cercle, im Verlaufe dessen er den Vertreter der Kidischen Gemeinde über den Schaden, den die Juden der Stadt durch die Russeninvasion erlitten haben, befragte und das Versprechen gab, daß der Schaden gutgemacht werden würde. Der Thronfolger besichtigte nun die einzelnen Dekorationsstücke und blieb wie gebannt vor der herrlichen Thorakrone stehen. Lange 'betrachtete er dieses seltene Kunstwerk und meinte schließlich, als er erfuhr, daß es von der jüdischen Gemeinde beigestellt wurde: „Die Krone ist ein prachtvolles Stück. Sie gefällt mir außerordentlich, ihr Platz wäre eigentlich im Wiener Hofmuseum." Die anwesenden Vertreter der Judengemeinde blieben wie versteinert, als sie diesen befehlsartigen Wunsch des Thronfolgers vernahmen. Bald hernach wurde eine Kiste unter besonderen Schutzmaßnahmen von Brody nach Wien befördert. In der Kiste befand sich wohl auch eine herrliche Thorakrone, aber es war nicht diejenige, welche im Sokolsaal zur Dekoration für den Empfang des Thronfolgers gedient hatte. Diese war als ein nicht nur wertvoller und kunsthJstorisdi seltener Gegenstand, sondern auch als historische Reliquie für die jüdische Gemeinde von so großer Bedeutung, daß sich die Vertreter der Gemeinde nicht von ihr lossagen wollten, und so beschlossen sie, dem Wunsche des Thronfolgers wohl zu entsprechen, indem sie ein in der Aus- (führung und im Wert gleichfalls kau-m abzuschätzende Thorakrone ans Hofmuseum in Wien .beförderten, die andere jedoch wieder in Sicherheit brachten. Hofrat Schlosser vom Hofmuseum erkannte wohl sofort, daß er nicht das richtige Stück erhalten habe, aber auch dieses Kunstwerk hat am Hof große Bewunderung hervorgerufen, was schon aus dem folgenden Dawkbrief ersichtlich ist: „K. K. Statthalterei in Brody. Z. 13.497/1916, den 4. Juni 1916 An den Vorstand der israelitischen Kulfcusgemeinde in Brody! Ueber Wunsch Seiner kaiserlich und königlichen Hoheit übersandte die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde in Brody dem Hofmuseum Kaiser Franz Josefs eine silberne Thorakrone. Seine kaiserliche Majestät Kaiser Franz Joseph befahl, dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Brodv für dieses den Sammlungen des Monarchen gewidmetes Geschenk den Dank auszusprechen, wovon die Statthalterei in Brody den Kultusvorstatid hiermit in Kenntnis setzt." Unterschrift unleserlich. Jm Jahre 1918 war die Befreiung Polens vollzogen und eine Liquidationskommission begann die Verhandlungen wegen Herausgabe aller Kunsteegeristände und wertvollen Güter, die aus Polen stammten und sich im Besitz der früheren Herrscher im Auslände befanden. Ais später in der „Krakauer illustrierten Zeitung" ein Artikel des Rektors der Krakauer Akademie für bildende Künste Graf Micielski sich mit der ka Wiener Hofmuseum befindlichen Thorakrone der Brodyer Synagoge, :die durch ein silbernes Schildchen als Geschenk der Juden von Brody an das Hofmuseum gekennzeichnet ist, eingehend befaßte und den Seltenheits- und Kunstwert dieses Stückes auseinandersetzte, wandte sich die Vertretung der Brodyer Kultusgemeinde an die polnische Liquidationskommission mit dem Ersuchen, unter anderen zurückzustellenden Kunstgegenständen auch die Herausgabe der •Thorakrone der Brodyer Synagoge anzusprechen. Seltsamerweise versuchte die polnische Liquidationskommission sich diese Sache vom Halse zu schütteln. Aber sowohl die eindringliche Mahnung der Kunsthistoriker, als auch die' unausgesetzten Interventionen des Kultuspräsidiums von Brody bewogen schließlich die Liquidationskommission, die Rückstellung der Thorakrone an die Brodyor Judengemeinde ernster zu betreiben. Und als schließlich die Thorakroiie freibekommen werden konnte, verlangte die polnische Liquidationskommission, daß die jüdische Gemeinde von Brody, die Kosten der Transportversicherung des „unschätzbare^ Wertes" selbst, trage. Es. handelte sich um eine riesige Versicherungsprämie, die durch die Spende eines Im Berlin toben* den reichen Juden aus Brody aufgebracht wurde. Vor einiger Zeit nun konnte der Sohn des Brodyer Rabbiner« Steinberg diese nunmehr auch kriegshistorisch berühmt gewordene Thorakrone, die Jetzt unter den? Namen die „Karlskrone" bekannt ist. unversehrt in die Synagoge von Brody zurückbringen. (—<bus.) Dr. Rubinow internationaler Sekretär Her Bnei Brüh.. Herr Dr. Alfred Cohen, internationaler Präsident des Unabhängigen Ordens B'nei B'rith, teilt mit, daß Ddktor Isaak Max R u b i n o w, der bekannt© Sozialfürsorger, sich bereit erklärt hat, das Amt eines internationalen'; Sekretärs de^: Ordens als Nachfolger des verstorbenen Dr. Morls Bogen zu übernehmen. Dr. Rubinow tritt am 1. November sein neues Amt an, Er ist gegenwärtig Exekutivdir-ektor des United Palestine Appeal für New York. Dr.' Rubinow wurde 1875 In Grodno geboren. Er bat viele Schriften über russische Landwirtschaft, Wirtschaftslage der Juden in Rußland, Arbeits* und Gesundheitsver^ Sicherung in verschiedenen Ländern u. a. vertfffentlioot,