Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 110 (25.10.1929)
- Date
- 1929-10-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ff fette 12 Dm NEUE WELT Nr. HO Copyright 1928 by hüit Neue Welt", WIeif. Nachdruck verböten. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (44. Fortsetzung) Und wie die Ausforschung mit den Zeugen mir zeigte, ist die Wahrheit wie Oel auf dem Wasser hervorgeschwommen, daß es nichts anderes sei als Seht schupp aks Arbeit, und daß er keinen anderen Weg vor sich gehabt habe als Rumänien. Also schlugen wir die Richtung ein gegen Rumänien. So war's. Nach Jassy gekommen, du hörst oder nicht, haben wir bei Juden nachzufragen begonnen. Habt ihr nicht solche und solche jüdische Schauspieler gesehen, verschleppte Kränk, einer mit einem idiotisch gefalteten Gesicht, den anderen einen Kleinen mit Schelmaugen, der, wenn er geht, tänzelt? Erfahren wir da, du hörst oder nicht, daß man viele jüdische Schauspieler, Schlcmihle, verschleppte Kränk gesehen habe, und alle haben sie idiotische Gesichter und Schelmaugen. Aber was doch? Ob sie tänzeln im Gehen oder gehen im Tänzeln, daß, sagen sie, haben sie zu beobachten vergessen. Wenn Gott will, das nächstemal, so versichern sie, du hörst oder nicht, werden sie schon besser zusehen. Was sagst du zu solchen Moldawaer Mützen? Hör also, was weiter. Als wir sahen, daß in Jassy der gestrige Tag sei — schlecht, was tut man?, gingen wir, du hörst oder nicht, weiter und weiter, bis wir bis nach Bukarest kamen. Wie wir so fahren, sagt zu mir dein Bruder Anschel, sein Name soll nicht Ansehet heißen, wenn er euch nicht erwischt. Geb Gott, säg ich, aus deinem Mund in Gottes Ohr. Also so war's. Nach Bukarest gekommen, hat dein Brüderchen, Anschel heißt das, du hörst oder nicht, aufzuhauen begonnen, daß Gott oben alte Juden davor bewahre. Geld hatten wir doch mitbekommen einen vollen Hut, — was geht's ihn an? ,Wo nur ein Theater, wo nur ein Kaffeehaus, wo nur eine Schenke, du hörst oder nicht... Da red ich auf ihn ein. Anschel, sag ich, um Gotteswillen sag ich, was tust du, sag ich, du verpulverst, sag ich, das Geld. Macht er zu mir:1 Es ist nicht deines Vaters Sache, schweig. Schlecht, was tut man? Schweig ich. Es vergeht ein Tag und zwei ünd drei, Geld schmilzt wie Schnee. Bald keine Pari mehr da.- Sagt er: Schreib dem Vater, er soll Geld schicken. ,\Jtfend ich ein:. Anschel, um Gotteswillen sag ich, was .wird sein, sag ich, der Sinn von dem Ganzen? Macht er zu mir: Esist nicht deines Großvaters Sache, man sagt dir schreiben, schreib. Schlecht, was tut man? Schreib ich. Unterdessen sitzen wir so einmal in einer Art Theater oder Schenke, das man da „Paradies" ruft. Spielen da Mädeln, tanzen und singen und irgend eine, Marinesco* Milänescp nennt man sie, ein ganz, hübsches Frauens zimmer übrigens, du hörst oder nicht, eine gute Zigeunerin auf Geld hinauszuziehen, (hier verschob sich die Oberlippe des Sischenswe«Simche wie zum Lachen ein wenig, das erstemal während der ganzen Nacht) ich werf einen Blick, idu hörst oder nicht, akkurat bei der Tür stehen zwei so etwas wie bekannte Figuren, beide feiertagsmäßig ange* zogen. Ich seh genauer hin — hätte schwören können, daß du es bist, Lebl heißt das, ja er ist es, denk ich mir, das ist er, wie ich ein Jude. bin. Und ich spring auf und ruf deinem Bruder Anschel zu: Anschel, sag ich, siehst du, sag ich, er ist da, sag ich. Sagt er: Wer? Sag ich: Lebl! Sagt er: Dir träumt, sagt er, du schläfst. Hin*her, bis ich hinauslief. Aber bis schon, du hörst oder nicht, keiner mehr da ist. Schlecht, was tut man weiter? Unterdessen kommt ein Brief aus Holeneschti, daß deine Mutter ge# fährlich krank ist und daß Anschel nach Hause kommen soll, so rasch wie möglich. Sag ich zu Anschel: Fahren wir? Sagt er: Schreib einen Brief, daß wir schon auf dem richtigen Weg sind, sojl' man noch Geld herausschicken. Sag ich: Anschel, sag ich, um Gotteswillen sag ich, ent« .weder fahren wir nach Haus oder fahren wir weiter. Eins von beiden. Macht er zu mir: Nicht deiner Großmutter Sorge. Man sagt dir schreib, sollst du schreiben.'Schlecht, .was tut man? Geh ich hin und schreib einen Brief, du hörst oder nicht, einen Brief nach Holeneschti, zum Vater heißt .das, versteht sich, verstellt. So und so schreib ich, ist die Geschichte. Ihr sollt wissen, schreib ich, daß unsere;Reise, schreib ich, herausgeworfen ist, geh und such denVgestrigen Tag. Es kostet nur Geld, umsonst und um nichts, und tun tun wir nichts. Und das, was ich euch bis "jetzt geschrieben habe, schreib ich, daß wir die Welt zuunterst kehren, hab ich euch nur geschrieben, weil Anschel, schreib ich, mir so zu schreiben befohlen hat. Was soll ich tun, schreib ich, ich bin doch nur ein ange» stellter Mensch, man heißt mich schreiben, schreib ich. Deshalb also sollt ihrmetnv schreib >ich, kein Geld schicken. Und wenn ihr aufhören" werdet, Geld zu schicken, schreib ich, werden wir doch schließlich nach Hause kommen müssen. So hab ich geschrieben verstellt, was denn hätt ich tun sollen? Sag vielleicht, daß ich Un» recht hatte? Hör also weiter. Es vergehen, dü hörst oder nicht, acht Tage, kommt ein Telegramm zu uns nach Bukarest, ein kurzes, aber ein gutes. Im ganzen drei Worte. „Sofort kommen die Mutter vorbei"... Kaum hatte SchischenswoSimche diese Worte aus« gesprochen, als ihn Rafalesco bei beiden Händen faßte. „Was, was sagst du?.i; die Mutter?" „Sie möge drüben glückselig sein. Wie denn, Kind« chen, hätt' es anders sein können? Eine Kleinigkeit, was sie ausgestanden hat. War sie doch auch schon so, sie verzeih mir, Haut und Knochen, kaum daß sich die Seele im Leib hielt und das viele Gute, daß sie beim Vater hatte, mußt du in Betracht ziehen, und da auf einmal eine Bombe nach der andern! Ich weiß nicht, . wen von euch beiden sie mehr lieb hatte, dich oder Anschel, Denn so« lang Anschel in Bukarest saß, hatte sie noch die Hoff« nurig, daß er mit dir zusammen zurückkommen wird. Aber als sie erfuhr, du hörst öder nicht..." Nein. Rafalesco hörte nicht mehr. Er warf sich zu Boden,, verbarg den Köpf und weihte und jammerte wie ' ein kleines Kind. Schischeh«we«Simche war wie verloren. Trpsten, zum Herzen reden, ein gutes Wort sagen, das war ihm, nicht gegeben. Da begann er sich die Finger zu brechen und zu sich' selbst zu sprechen; „Schlecht, schlecht, was tut man?*;Unterdessen,-' hörte.. man Ra« falescos Weinen vi den anderen Zimmern. Und -man kam dahergelaufen, zuerst Holzman, dann -Sore Broche, dann Sladke, es entstand ein. Lärnv ein Trübe], ein Huna. . „Was ist? Was ist hier geschehen?" stürzten::alle , drei: hinehi. ''' , „Meine. Mutter gestorben", stieß Rafalesco aus und ficFHolzman weinend um den Hals. Da konnte sich -Holz» . man nicht zurückhalten' uhcVmachte eine Grimasse, wie eine Frau, die weihen" will. Ihn so sehend, weinte auch Sladke los und die alte Sore Bröche verkrampfte die Hände und begann zu jamrilern und zu: klagen und in weiberischer Art zu leiern: ' / „Weh ist mir! Schmerzt ist mir! Ein Donner hat mich erschlagen. Eine Mutter von Kindern, von armen, Würm« chen, kleine Vögelchen, wer: wird :sie füttern, wer wird auf sie achtgeben, wem wird der Kopf weh tun über die verlassenen Waisen, die wie auf ' dem Wasser zurück« geblieben sind! Denn solang die Mutter eine Mutter ist, ist der Vater ein Vater. Und wenn die Mutter weg ist, soll-mans lieber nicht erleben*" ' „Ruhe. Was die*^ losgeplatzt haben", fiel Holzman die Mutter an und schrie auf den bewachsenen melancholi« sehen Kassier mit den trüben Augen ein, wegen der guten Bötschaft, die er dem Jungen gebracht hat. „Unglücksmensch, Aver hat Sie darum gebeten?. Wei hat Sie an der Zunge gezogen? Solche Nachrichten bringt doch kein Jude?" Da Schischen«we«Simche,- wie ins Gesicht geschlagen, sitzen blieb, nahm sich Rafalesco seiner an. Er gab zu verstehen, daß Schischen«we«Simche sein Gast -«f und daß er 'ünsche, man solle ihn diese Nacht zur Rühe lassen, diese Nacht nur. Holzman verstand.die, Andeutung, und obwohl er . wenig Lust hatte, den Jimgen al'ein mit diesem Unglücksmenschen zurückzulassen, so fand er doch keinen Ausweg. Es sind nicht mehr die Zeiten von einst. Wenn Jetzt Rafalesco spricht, so ists gesprochen... Holzman forscht in seinen Augen uhd läßt' sein bitteres Herz um Mutter und Schwester' austoben. „Was seid ihr hierhergekommen, zu welchen schwarzen Jahren? Wer hat nach euch geschickt, wer? Sieh nur, wie das losgeplatzt hat. Wer bittet euch, Klage* weiber zu sein, wer?" So wiederholte es Holzman noch einmal,' trieb sie hinaus und glitt selbst langsam aus dem Zimmer, nahm wieder seinen früheren Posten an 4er Nachbartür ein und legte das Ohr an. Und Rafalesco blieb wieder mit Schischen*we*Simche zu zweit und bat den Kassier, ihm alle Einzelheiten und kleinen Züge wieder« zugeben, wie .die Mutter gestorben sei, wann sie gestorben sei und ob sie sie noch vor der Beerdigung angetroffen hätten und wie das Leichenbegängnis gewesen sei. Alles mußte ihm Schischen«wc*Simche erzählen, und nicht nur einmal, sondern mehrcremal. Viele*vielemal. 82. Kapitel. Neues aus Holeneschti. Die ganze Nacht kam kein Schlaf über ihre Augen. Schischen«we«Simche erzählte Neues aus Holeneschti und Rafalesco lauschte seiner monotonen Stimme, die klang und wimmerte wie eine zersprungene Glocke und sich hinzog wie dicker Honig, ohne Pause und ohne Halt, nur öfters von einem „Hör also weiter" und von einem „Du hörst oder nicht" und von einem „Schlecht, was tut man" unterbrochen. Auch Holzman, der arme, ging nicht schlafen. Er konnte sich von der Tür nicht losreißen, nicht einmal vom Sessel aufstehen konnte er, da man sonst vielleicht ein Knarren hören würde. Es gab Augenblicke, da Holzman sein Gebein verwünschte; wie zum Trotz reizt es ihn zum Husten. Er hielt sich mit aller Kraft zurück und saß in bitteren Nöten und hörte,.; wie Rafalesco, Neuigkeiten aus Holeneschti: In jener Nacht, kann man sagen, erfuhren sie beide, Rafalesco und Holzman, mehr Neuigkeiten aus Hb* leneschti als in allen Jahren zusammen, da sie in der großen Welt .herumgewandert waren. " ' Erstens über Ben je. Rafalowitsch. Weh,, weh, wäs aus Rafalowitschs Haus geworden ist. Verwüstung. Von unterst zu oberst gekehrt. Angefangen von RafaloNvitschs Weib, Bejlke. Die kleine, die stille, die schwache Bejike erlosch wie ein Licht. Still, ohne sich bei jemand zu .be* klagen, ging sie von dieser Welt, in . der sie soviel ihrer Kinder wegen gelitten, von keinem guten Tag gewußt hatte. Die stille Bejlke wollte so still sterben wie sie gelebt hatte, wollte darum, auch niemandem erzählen, was ihr fehle. Und als es sehr schlimm um sie war und alle es sahen, schickte Ben je Gespanne nach allen Richtungen und ließ die besten Aerzte holen, bot alles auf, sagte, man solle ihn bis aufs Hemd ausziehen, wenn nur Bejlke ihm gesund bleibe. Es war aber schon zu spät. Wie ein Knäuel Wolle oder wie ein kleines Kindchen lag die kleine stille Bejlke mit zusammengepreßten Lippen und .mit stark ein* gefallenen weißen, weißen Wangen in ihrem großen Bett. Ganz allein in einem großen Zimmer, in einem großen Bett. Niemand, niemand an ihrer Seite. Benje hatte mit den Aerzten zu tun,, die älteren Söhne mit dem Geschäft, die Töchter .mit Küchendingen, Anschel und Lebl waren nicht da. Nur die eine, Bass*Schewe, die jüngste.'der Töchter, saß in einem Winkel und weinte 'leise,.-damit sie die Mutter nicht . wecke. Nein, sie wird die,: Mutter nicht wecken. Die Mutter. schlief damals schön fest. .Ihre geschlossenen Augen sahen-auf' ihrem weißen,'' allzÜweißen Gesicht wie zwei schwarze Grübchen aus. Ihre blonden, einst sehr schönen Brauen,, die sich auf der weißen,- mit einem Tuch umwickelten Stirn abzeichneten, gaben ihrem kindlichen Gesicht ein kindlich verträumtes Aussehen* (Fortsetzung folgt.) ^mMmmavKnKBmmmmgm^mmm^^mmmmKmmaammmm GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, /. Bei., Selten$ieüenga$$e 2, Telephon ü'28'1'28 Xl„ Zentralfriedhof, neb. d.i. Tor, Telephon V-18-0-85 sfllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllMillllllllllllllllllllllg | Gegründet 1882 | I Ubensuerslcherunss- DUhüllY' I § Gesellschaft pr AUmA | | Zentradirektion: WIEN I., Rieniergasse Nr. 2 5 S VinktauHtatnii 2 wart» fcttliai § S WetogiSltw UMpital Mlim-UMsg s s Pilaleaui taeiniluneD in Jthrc 1928 9/ Mitlinta S«g 3 Mwiflt! Codi 1928 . 242 MBUm* Sftffifag s lanahluita aa dii Vutidiiifiii in Jahre 1928 2$5 ~ niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiir? Pension »Austria Kinderheim Vöslati (OLGA «AD SCH) JigormayorstraB« 10 - TalaphOR 99 Stell« 8 Für Dauer' und Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht im Hause, auch Nachhilfe für öffentliche Schulen besuchende Kinder* - Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin * Erstklassige Verköffflgung. - Mütterliche pflege. - MMIge Preise lllllllll Fräulein I, tüchtjge Pädagogin, der eng- I I tischen, deutschen und hebräV §. 1 sehen Sprache mächtig, erteilt 1 I . auch Schulnachhilfe, § i sucht Betohüftigung | f zu Kindern für einige Nach- § 1; mittag©. — Zuschriften unter § f „Tüchtig* an die Adm. dVBl | RADIO Für S 3.90 Wochenraten erhalten Sie Komplette Radioapparate toih allem Zubehör fn (elnster,Ati8fahrutis und «He Radlp-Bestandtello nur Iin MUSIKHAUS SCHLESINGER, Wien, Vll.lBur^8U8e1^124 tnpparate mit u. ohne Trichter. die neuesten Schlage» m srö&stet Auswahl erhalten-Sie fflr S2.50 WOESenratED, MttslKttaus Stmeslhger S^ri.T4W ^I^PSjp NÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1929 S20.— monatlich ohne Angab«! W%ltif IX. LleciUenstelnstroBe tir. 27 ■^■fLI**. Tal. A 16.3.64 und A M.3.0S " IV. «ledner HoupMeHr.8 Tel. A 30-0*39 SPORT- UNO TOURISTENARTIKIL ElgentOmer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. » Druckereiuud w. . ... yerlagi-A»^. Uuai Steinmasa, beide Wien. IX. UalversltätsstraCe 6-8,