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Die neue Welt · 1929-10-18 · Heft 109 (18.10.1929) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 109 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nrlf s'Yki, 192$ by „Die Ntue VfttW-Wien. >!E NEUE WELT »^fr^iV^- rjih'Vi'.MVt iah •. '......i Nr. 109 Nachdruck verboten. Wem zuliebe?'Nur der Schwester zulieb, der Prima« donna. Seit einer Zeit'aber hat die Primadohna selbst auch begonnen, aus der Mode;zu kommen,; Seitdem man die besten Operetten auf den Haufen geworfen hat, wegen des .Uriel Acosta und noch solcher dummen Sachen, gibt es nur Rafalesco und Rafclesco und wieder Rafalesco. Na, t ihn selbst, Schwalb, hat das., nicht gestört. Uriel Acostä — ist eben Uriel Acosta. . Aber die Schwesterl Was. mif der Schwester tun?. Sie will auch, sagt sie, Applaus, Da hat er sich's übrelegt, und einen Brief ah seinfn;,Bfuder Nissl nach London geschlickt, die ganze Geschichte, so; und;, so. Er, Isaak Schwalb, macht das im* mer. sö. :Hat er;et>vas, so hetzt er einen . Brief an seinen Bruder" nach fcöndoh.. Trottel von einem Dummkopf, schteibt'ihm sein Brüder-Nisst aus Lqhdon,wie lange noch sich herumschleppen von Perl zu BetI, lieber, schreibt er, nimm idie Schwester und kommt beide hergefahren nach London. Ich hab', für euch hier, schreibt er, ein Geschäft, ein Gold. Wir haben hier, schreibt er, ein Theater, eine Puppe. Pavillon*Theater heißt das bei uns. Das ist aber ein; Theater. Und Schauspieler, schreibt er, einer wie der anders* Stangen, Kolben, Holzklötze. Und trotzdem scharrt man Gold mit Schaufeln. Renn das Publikum, schreibt er, ist hier sehr kein inteligentes Publikum. Was man ihm gibt, ißt es und leckt sich die Finger ab. Ich hab' schon gesprochen, schreibt er, mit wem man soll, und der sagt: Soll nur dein Bruder mit der Schwester herkommen, mit - der Primadonna, wir werden sie schon teuer auf« heben.- Wir haben, sagt - er, von ihr . schon gehört und ge> lesen in den Zeitungen! Gutes läßt sich auch von ferne vernehmen, Na, und noch und noch schreibt ihm sein Bruder Nissl aus London. Darauf geht er, Isaak Schwalb, hin und setzt ihm einen Brief: So und so; fahren ist keine Kunst; -man muß wissen, wozu .man fährt; Konditionen, Garantien, Kontrakte. Kommt wieder eine Antwort von seinem Bruder Nissl. aus London:. Dummkopf, schreibt er, der du bist, wenn ich dir sage, sollst kommen, darin ist doch gewiß alles da,, schreibt er, was man braucht: Koni ditionen und Garantien und .Kontrakte Da geht er, Isaak Schwalb, .hin ,und setzt ihm noch einen Brief: So und so. Bekomm' ich so viel, und so viel) und die Schwester so viel. und. so viel, ' — soll er telegraphieren, sie werden gleich gefahren kommen. Ist nun djeses Telegramm an* gekommen* u ........". ' /"; ';•:: .'^Na,;. was wirst du etwas über meinen Bruder sagen?" ZVIacht'Schwalb zu seinem Kompagnon und stellt ihnr das rote Gesicht entgegen. f" / V •*' .-.S'fWas ^3olliqh sagen.?."- antwortet Holzman mit ge« spielter Kaltblütigkeit und blickt auf seine Fingerspitzen. Y;Icb.,hab' dir schon '.lange gesagt, da,ß dein Brüderchen ein:-:bräver, jfCeri.'/ist^ Bist seine Schuhsohle nicht wert. Ge» wift' .ist...es! gut,-; in; Czernowitz zu . sein, wenn man einen Bruder in. London hat, aber was doch? Ich hätte Lust, daa; Telegramm. zu,seheh,." < .Schwalb tut..einenj Schluck aus dem ••: i „Kannst .denn les^n?" , ' ' „Ich muß nicht lesen. Ich will nurso einen Blick werfen;" \ " ' ';: ■;" .' . '„Was. hast, du, da .nicht geseh'n? Ein Telegramm '.-wie. -.alle 'Telegramme," /.sagt Schwalb, ur^dzeigt ihm das Telegramm gegen: das: Straßenlicht. Und; eh* sich's Schwalb Versah, war das Telegramm schön in 'Hölzmans Händen. Eine .Minute später, wurde, Hplzmans Sekretär herbei« gerufen; ..der - ,;Mensch: mit Bildung" und das las er im Telegramm: „Wenn. kommen'; dann nur, mit Rafalesco." Der; Direktor. Holzman machte, seinem Kompagnon •keinen" Vorhalt, sagte ihm kein" Wort. Nahm das Tele? gramjn und schmierte es ihm über das rote Gesicht von oben bis ."herunter. ( Roman von Schalom Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. 8 0. Kapitel, Wer ist der Mensch? (43. Fortsetzung) Die berühmte Wändertruppe Hölzman, Schwalb & Comp, war bereits im Begriffe, Czernowitz zu verlassen und ihre Wanderung fortzusetzen. Nissl . Schwalb hatte ihnen, auch schon aus. London eine jüdische Zeitung zu* geschi&kt, wo auf der ersten Seite in fürchterlich schreien« den 'Lettern eine große Anzeige gedrückt stand: : 1 tfSjen/atioh 11 " , w f l I yeberraschen,4| Neuigkeit!!! Leo Rafalesco] fre^gröMe jüdische Star,' der die ganze' Welt 'inf Erstaunen versetzt hat —. demnächst'in London im Pavihön«Theatert!! Man -war sogar .schon dapan, jSich/auf den Weg zu machen, es war nur noch ein? Vorstellung in Czernowitz als Benefiz des Rafalesco zu erledigen. Zu diesem Benefiz traf die Czernpwitzer Jugend mit dem Verein der Akademiker ihre Vorbereitungen. Die Karten waren von den jungen Leuten, bis %auf .(ji(c Ie'tzte ausverkauft Es kamen aus den benachbarten, kleinen Städtchen junge Leute nach Czernowitz gefahrein, von dort her, wohin sich ein jüdisches Theater seit Adams Zeiten bis auf den heutigen Tag noch nicht ,verirrt hat. Ein Vollgefüllter. Saal ist. für einen Schauspieler die Garantie des Erfolgs. Besonders aber für einen Schau* spieler wie Rafalesco, der bei, jedem Auftritt im selben Feuer entbrannte, als trete er . zum erstenmal auf die Bühne und. wolle, dem Publikum zeigen, was er vermag. Rafalesco fühlte sich schon lange nicht so wohl wie an diesem Abend. Er wandte alle Kraft seines blühenden Talents auf und schuf diesmal im Uriel Acosta einen aus« gezeichneten stillen einsamen, Philosophen, einen wirk« liehen ■ Spinoza. Rafalesco selpst ging nicht darauf aus, aber, es glückte ihm gefühlsmäßig. „Kraft' seiner üngewöhn« liehen Natur zeigte er, was Sieg heißt, daß nicht der ein Held ist, der den andern besiegt, sondern der sich selbst zu bekämpfen und zu besiegen,.,vermag. Es ist möglich, daß irgendwo anders sein Spiel an diesem Abend nicht so; gefallen .hätte,, wie es in Czcrno« witz, gefiel, da der Vqrsteljimg,.,,Elemente" beiwohnten, die" selbst im. Stillen . Krieg jgegen. die Finsternis führen. Diese geheimen Helden siegeivpfher selten, sie fallen als Besiegte, wie Uriel Aco.sta,f|e;lr,Das. Theater bog sich vor rauschendem Applaus tund /unerhörten Ovationen/ Die studierende Jugend trug den', Benefizianten Rafalesco auf den Händen heraus,.-, bewarf .ihn mit. Blumen, legte ihm Geschenke hin, die die Schauspielertruppe betrachtete und Hölzmaneinsteckte. Ein paar junge Leute lasen Be? grüßungstexte, die niemand; anhörte, "außer der' Schar Studenten — kurz, es wir ein Triumph, den auch ein so verwöhnter Schauspieler wie Rafalesco selten zu genießen bekam. ,; . Nach dem ersten. Akt. bemerkte Hölzmäii, der Wache steht und achtgibt, unter den jungen Leuten, die sich ja gern'hinter den Kulissen herumtreiben, irgend ein sonderbares Wesen* bewachsen, mit einem bekannten schläfrigen Gesicht und bekannten, trüben Augen. Dieses Wesen gefiel unserem Ho^man vom ersten Augenblick an nicht, schon deshalb,nicht, weil es hinter die Kulissen kriechen, sich , vordrängen ,, imd. %u Rafalesco sich durch« schlagen wollte, u,nd Ho^man bat es, gefälligst zurückzu« treten. „Vetter " sagte,.er: ,ih!ui in, sanfter Art, „seid nicht das, : was grunzly und: kriecht nicht dorthin, wohin man nicht soll.". Nach dem. z>veite^ Akt dasselbe. Das veri schiafene Wesen mit den trüben . Äugen drängte sich zu Rafalesco hin und tjolzman wies ihm die Richtung mit ein paar-stichfesten Worten: „Ein Jüd, ein Schwein. Wenn man ihm sagt, wohin kriechst du, tut er,' als war . er krepiert." Nach dem dritten Akt erwischte ihn Holzman gar schon bei der Tür, zwei Schritte vor Rafalesco, packte ihn hinten am Kragen, warf ihn ohne jedes Zeremoniell hinaus und segnete ihn mit einer „Cholera in die linke Bauchseite", ihn und alle finsteren Frömmlinge, die zwi« scheu den Beinen stolpern, das schwarze Jahr weiß, was sie dort suchen!... Ersf viel später, am Schluß schon; als die Schauspieler sich bereits umkleideten,' bemerkte Holzman von ferne dasselbe verschlafene Wesen, das trotz alledem durchgerutscht war und sich direkt zu Rafalesco. jn die Garderobe hineingestohlen hatte* Wie ein gereizter Tiger tat Holzman einen Sprung hin,, aber bevor er es noch am Kriegen packen konnte,, hatte das Wesen den Burschen schon umarmt und beide küßten und halsten einander wie zwei leibliche Brüder. . Holzman öffnete Mund und Augen und blieb wie eingefroren stehen. Wäre sein Vater aus der anderen Welt zu ihm gekommen, würde er nicht mehr erstaunt gewesen sein. Holzman sah in dieser Minute aus wie ein Stück Lehm, wie eine unfertige Statue,, in die der Bild* hauer Schreck hineinlegen wollte, ohne daß es ihm gelang* Sein, seltsam verzogenes, blatternarbiges Gesicht sah überaus komisch aus und seine spitzen Augen sprachen! Juden, reißt mich in Stücke, werft mein Fleisch vor die Hunde> aber sagt mir, wer ist der Mensch, der sich mit dem Burschen küßt! 81. Kapitel. Die Mutter gestorben. Wer erinnert sich an Benje Rafalowitschs Kassier, an den verschlafenen, melancholischen jungen Mann aus Holeneschti mit den trüben Augen, den man mit dem schönen Namen Schischen«we«Simche ruft? Das war der Mensch, der sich mit Rafalesco so innig küßte. Wie kommt er näch Czernowitz? Woher und wes* wegen? Was gibt's in Holeneschti? Was tut Benje Rafalo« witsch mitsamt seiner Familie? Was macht. Israel der Chasen, Lea, die Chasenfrau und deren Töchterchen Resl? ~ Ueber all das hat Schischen«we<Simche Rafalesco eine ganze Nacht lang zu erzählen gehabt. Als die zwei das Theater verlassen und das Hotel „Zum schwarzen Hahn" betreten hatten, gingen sie. in das Zimmer zu Rafalesco, fragten Holzman, ob es möglich sei,, daß sie aliein gelassen werden. , i Ach, mit der größten Schande, sagte Holzman, in* dem er mit den spitzen; Augen der melancholischen, trüb* äugigen Figur zublinzelte, ließ sie zu zweit, befahl laut, daß - niemand, bewahre, es wage, zu ihnen hereinzugehen. Und selbst .setzte sich unser Direktor, es sei ihm. nicht, zur Schande, akkurat hinter die Tür, legte ein phr:. an und horchte gut zu, ließ kein. Wort des Gespräches vorüber, das zwischendem Burschen und" demver« schlafenen bewachsenen Menschen aus Holeneschti ..vor sich ging. . . - , ■ .;- ',, , . •. .•' „Hör'. also, meine Seele, Leb! mein Kind, was .ich dir erzählen werde." So begann Schischen«we«Simche in seiner monotonen Stimme, aber diesmal etwas lebhafter als sonst. „Ich hab* 'dir' zu' erzählen und zu er* zählen. Drei Tage mit' drei Nächten, r du, . hörst aber nicht, reichen! nicht aus. Erstens 'Holeneschti: Es ist nicht mehr das Holeneschti wie einst. Odessa, Warschau, Paris! . Und-' erst die . Menschen. .' Garnicht die Menschen; wie früher. Und wem..haben-wir das alles zu verdanken? Nur dem jüdischen Theater, erinnerst dich? Seit jenem Theater hat sich alles bei uns geändert; ganz geändert, du hörst, oder nicht, anders geworden./Wjje; anders, weiß ich selbst nicht, aber andersUnd von eurem Haus nicht zu reden. Euer Haus ist doch überhaupt zuriiehts geworden.' Vor allem der Herr, dein Vater heißt das. Wie du damals verschwunden bis,t an jenem. Sam'st'äg nachts, erinnerst du dich, sagte er ein«; für. allemal,. man soll dich ausfindig machen; und zurückbringen. Tot odec lebendig, aber man soll dich zurückbringen:?Sind;wir beide, ich und dein Bruder Änschel, du hörst .'oder nicht, in die Welt hinaus, den.gestrigen Tag zu suchen... (Fortsetzung folgt.) ■n GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, l. Bee., Seiten8ietiengas$e 2, Telephon &28-1-28 ■OTS*^ ^llimilllllllllllllllllllllMlllllllllllllllllllilllllllUllllllllllllll: | 0eflrUnd8t 1882 § " S Zentradlrektion: WIEN I,, Riemerga8se Nr. % «5 fatUimMthaitinrf'' ' 7 Uilliinlin SAHfiiin S IJM« - 3 Pflpieu-vpl m ia( iabre 192» _ .....WiW . § Uij^p-y'^y^l!^ 2 MUHirden SdülTutg 4.008.000.- Sdiffllng 5 nm\m SAiUiag S 242 Mflüoneo SAUliog r ^iiimiiiuiiiiiuiMJiiiir.iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiT Pension vftustr ia' Kinderliieipni (OLGA KADISCH) jagarmeyerstraßo 15^• Telephon 99 Stelle 8 Für Dauer'' uftii Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht Im fi^use, auch Nachhilfe für öffentliche Schulen. besuchende ^nder. - Pädagogisch einwandfreie teitüngV durch staatlich geprüfte Lehrerin - Erstklassige Verköstigung. - Mütterliche Pflege. - Müßige Preise Fräulein I tUchtige Pädagogin, der eng- § .1 lischen, deutschen und hebräi- §f .1 sehen Sprache mächtig, erteilt g g auch Schulnachhilfe, ' m I sucht B88chüftigung | . j . ■- . zu' Kindern für einige Nach- § s " .-w. . mittage. — Zuschriften unter 1; „TUchtig" an die Adm. d. 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