Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 109 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711725--1440-2714657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seffeft t>!£ HEUE WELT Nr. 109 tfMIMIIWIIW^ l^titymln „Srez-torael" Wien II, Zlrkusqasse 33 Montag, den 21. Oktober 1929, halb 8 Uhr abends Festsaal Hotel Post I. Fleischmarkt (Oraohengasse) Glesse MDBdge&ong an i jistfie Jugend unter Mitwirkung des hebräischen Dichters SaulTschernichowsky Regiebeitrag Rcicbeitrag! mniinmnmmBmmniMummimimmii^ tat:-Gesamtzahl-der Inskribierten 565. hievon Juden 148 (im Vorjahr Gesamtzahl 545 ~ Juden i?7). Mathematisch - n n tu r w i sg e n sc h a f t Ii c he F a k u 11 ä ti Gesamtzahl 228 — Juden 148: (im Vorjahre Gesamtzahl 227 — Juden 99). H u raVni s tisc he Fakultät: Gesamtzahl 390 — Juden 190 (im Vorjahr Gesamtzahl 584 — Juden 175). An dieser Fakultät wurde ausnahmsweise der Numerus clausus nicht angewendet. Medizinische Fakultät: Entgegen der Ankündigung des Dekan, daß in diesem Jahre die Gesamtzähl der zur Inskription Zugelassenen um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahre erhöht werden wird, beträgt die Zahl der diesmal zugelassenen Juden 1.3; im Vorjahre belief sie sich auf 18. Die Ziffern beweisen, daß der Numerus clausus zur dauernden In^ stitution der - Universität in Lemberg geworden ist und daß er im Verhältnis zum abgelaufenen Hochschuljahre sich noch verschärft hat. Der Tag von Hebron. Hübsche Goldschätze — und „Schöne Judenweifoer". Von Hotelier M. S c h n e u r s o n. lieber den Tag des Grauens in Hebron berichtet uns der Hotelier Herr M. S c h n c u x> söhn, der wie durch ein Wunder mit dem . . Leben davongekommen ist, in. folgender \ Weise: Freitag früh den 23. August erhielten wir die ersten Mitteilungen über die ersten Unruhen in Jerusalem. Wir hatten begreiflicherweise Angst, daß sie sich auch auf Hebron ausdehnen könnten. Wir fragten in Jerusalem telephbnisch an, erhielten von dort die beruhigende Ant« wort', daß wir in Hebron nichts zu befürchten, hätten, weil die .Araber von Hebron die bittersten Gegner des muselmanischen Oberrats in Jerusalem wären. Um zwei Uhr nachmittags erschien ein junger arabischer Agitator aus Jerusalem auf einem Motorrad in Hebron, wo er auf dem Hauptplatz anhielt und der ver« sammelten arabischen Menge verkündete, daß die Juden in Jerusalem mehrere hundert Araber hingemordet haben, weshalb es die Pflicht der Araber .von'Höbron sei, diese Schandtat der Juden zu rächen. [jWir fühlten sofort, daß durch diese Hetzrede unsere Lage;.auch in Hebron kritisch geworden war, weshalb beschlossen wurde, daß der Leiter. der -hiesigen Filiale der :Anglp*Palästina*Bank, Herr , A. D. S1 o n i m, welcher unter den hiesigen Arabern sehr beliebt war, mit mir zusammen den Chef d e r h i e s i g e n Polizei auf* suchen und ihri um ausgiebigen Schütz für die Juden ersuchen^soll. Aber schon auf dem Weg zum Polizeiamt sahen, wir, daß wir-yicJJeich^ kommen. Wir begegneten einem ^raber^ c ih c'sJii'd'en trug" -und uns zynisch zurief: Schade, daß ich in der Jeschiwah nur einen Juden angetroffen habe, aberVda? tut nichts. Ich7 bin noch'nicht fertig,yich''.werde noch andere bekommen!" ' ' Der Polizeichef; .empfing .uns 'raußerordentlich -kalt Und riet uns, daß wir uns alle in einem Haus versammeln mögen. Wir widersprachen dem mit der Begründung,, daß wir "v dadurch, den Arabern sofort verraten würden, daß .wir V?or-Rinnen; Angst haben, wodurch ihre Angriffslust und; Raubgier nur, noch gesteigert würde. Unterdessen hatte einer der Oberrabbiner von Hebron den Gouverneur aufgesucht, der ihm die Versicherung gab, daß kein Grund zu Befürchtungen für die Juden vorhanden wäre. Die Freitagnacht verging ohne bedeutendere Ruhestörung. Samstag früh sammelte sich ein großer Haufen 'Araber, die alle stark bewaffnet waren, und begann in die Häuser einzudringen, in denen sie Juden vermuteten. Als sie unter' Führung des S h e i k s Ta 1 ib Maraka, eines der führenden arabischen Notabein von Hebron, zum Hause Slönhns gelangten, schrie der Scheich der Menge zu: „Hierher! Hierher! Hier werdet Ihr große jüdische Goldschätze finden. Hier drinnen findet Ihr etwa zwanzig Amerikaner, deren Eltern Millionäre sind. Hier wohnt der Direktor der Anglo*Palestine«Bank. '. Da drinnen werdet Ihr. auch den Sekretär der Jeschis wah finden, der uns so viele Juden in die Stadt ge« . bracht hat. Und vor allem werdet Ihr in dieser - jüdischen Burg viele schöne, sehr schöne Frauen •: finden ..." Kaum hatte der Scheich seine Hetzrede beendet, als aus dem Tnriern schon herzzerreißendes Schreien und Hilferufe herausdrangen. Später fanden wir in diesem Haus 18 bis zur Unkenntlichkeit verstüm» mclte Leichen, und 50 Schwerverletzte, die mit dem Tode rangen. Ich und noch einige Gäste meines Hotels fanden Schutz int Nachbarhause bei einer arabischen Frau. Ich muß ihrer mit Dankbarkeit gedenken, denn sie. erwies sich" wirklich als eine Frau von gutem Herzen und uner? hörtem Mut Als der aufgehetzte arabische Mob vor ihrem Haus erschien und einer der Führer sie fragte, ob sich in ihrem Hause keine Juden bänden, antwortete sie mrt den Worten: „Ich wäre froh, wenn ichjetzt hier einige Juden bei mir hätte, ich würde mit Wonne jetzt ein Gks Jüdenblut austrinken!" i , ' .; Bald darauf, nachdem die Bande von hier abgezogen war, und wir gerettet waren, sandte die Frau ihren jüngsten Sohn in den Raum, in dem wir-uns verborgen hielten, um, auch damit zu beweisen/ daß sie nichts. Böses mit uns vorhabe. Die Pogrombanden stürmten von Haus zu Haus, untersuchten jedes Loch nach" Juden, plünderten, mordeten, steckten jüdische Häuser in Brand und als nach zwei Stunden die Pogrome abgeflaut waren, erschien der Gouverneur in unserem Haus, der mit t zynischer Ruhe erklärte, es sei alles schon vorüber. Als wir endlich uns auf die Gasse wagten, war der jüdis sehe Stadtteil ganz verwüstet* Frauen durchzogen, von Wahnsinnsänf allen gepeinigt^ wehklagend die Gassen. Mitten in der Gasse lag der Schames der Synagoge tot, mit zerspaltencm Kopf. 'Unter dem-Schutz von drei Polizisten machten wir dann die Runde durch die Stadt der Verwüstungen. Das Betti Hamidrasch mitsamt der Bundesladc und den Thoraroljen war in Flammen aufgc* gangen. Die Hadassaklinik war? ein Trümmerhaufen. Einen grauenvollen Anblick bot die FamiHc H a s s a n, eine der ältesten jüdischen Familien in Hebron. Ihre Körper lagen. furchtbar ■ zugerichtet auf dem Fuß* boden und ein Augenzeuge dieser Mordtat erzählte uns, daß die Plünderer, zumeist Araber aus dem Orte, die eiserne Kasse eröffnete^, if.Qß palästinensische Pfund in barem raubten und die vorhandenen Wechsel der Araber, die Hassan- Geld schuldig waren zerrissen, über die Leiche des Ermördeten verstreuten und anzündeten. - »•>'■ Unvergeßlich wird mir unsere Fahrt zum Friedhof bleiben, wo bereits eine große Zähl der aufgelesenen Leichen zur Agnoszierung -Iftg. Der Weg zum Friedhof führt über einen. Bergf mit gewunderten Pfaden und schlecht. '.fähtbÄre-n^^Vege^.-'^nf unserer Begleitung befand sich auch der Polizeichef, der |ich <tfierp$ ein Vergnügen daraus machte, uns 'mit;. .se,in|n zynischen Redensarten noch mehr zu kränken Und |irft so behandelte, als ob wir. schuld; daran wären,' daß derfrWeg zum-kFriedhof .ein; so schlechter ist f „Ihr Juden macht nichts "sp*wie man soll — beklagte sich der Herr Polizeichef. — „Selbst zu Euren Friede . höfenr ist. es. schwer zui; kommen.. Der Weg ist .'.' schrecklich!" . .....• . T Was einem beim Anblick der grauenhaft zuge«>' richteten Leichen sofort auffiel, war, daß keiner,, dieser Märtyrer bloß eine tödliche Wunde aufwies, und daß jeder dieser Ermordeten ,f u r c h t b a r g c p e i nl g .t worden sein müßte. Dabei gingen diese Unmensencn mit einem sadistisch vorbedachten Mordsystem vor. Jeder Jude, der diesen Bestien in die Hände geriet, hatte-ges wfssermaßen einen seiner Beschäftigung im Leben ahge* paßten Tod zu erleiden.* ^So zum Beispiel wurde e;in jüdischer Bäcker, fderi gerade seinen* Backofen -geheigt so daß er bei lebendigem Leib gebraten und gesch'mprt wurde. Einen Rabbiner,;<der» bei seihen Kindern in Hebron zu Besuch War, wurde der, Kopf gespalten und das Hirn, herausgeschnitten. Dieser* TPabbiner war nicht nur ein Gelehrter der jüdischen Wissenschaft, sondern .galt auch als ei n e r d er b cs t en K e nnc r der arabischen Literatur und wurde selbst.von den arabischen Fachs gelehrten als Spezialist der Geschichte der arabischen Philosophie anerkannt. Und so konnte man fast bei allen Leichen die besondere Art der Folterungen feststellen. Ich würde nicht der historischen Wahrheit cht« sprechen, wollte ich es verschweigen, daß es eine hübsch'e Anzahl arabischer Familien in Hebron gibt, die sich nicht nur von allen diesen grausigen Ausschreitungen fern* hielten, sondern. selbst unter eigener Lebensgefahr "den Juden in\ ihrem; Haus Se^tzVboJjen und ihnen vielfache Unterstützungen, angedeifyen ließen. . ' - < Einer dfeser Araber mußte sogar selbst flüchten, als die Pbgromführer erfuhren, daß er und seine Familie' sich den Juden gegenüber freundlich gezeigt hatten. ' yif^iaimn>m»rtifflM7tmttMBMiffiimmnw^^ •— ------- arnimu*:----"---- ft»tiimnfflnmimtimfffiintiittnimifnminmimiiTttiinmmiAiiiiiftin;;rriiw«liuiiiiiiiiliiiiimnifiiimiiiinuini Robert Stricker : Weilt der jüdischen Politik : bin« Sammlung von <\«t»Ät*ea und Reden Soeben erschienen! Verlag R. Löwit, Wien SIEGM. KORNMEHL GROSSFIEISCHHAUERSI Zentrale IX.» Bcrgga«se 19, Telephon 17«3-99 u. 16-9*34 Liefe r ao i rür Heilanstalten Abteilungen für ■^g.Ffigch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kxd* ' tusgemeinde Wien Autosustellung kostenlos IX. Bcrggatso 15 / XVIII., WShrlngarstr. 97 hatte, mit dem Kopf in den überhitzten Ofen gesteckt, Eine Anzahl von Arabern, bei denen die Juden, ohne eine Bestätigung zu verlangen, beim Pogromausbruch Geld deponierten, brachten es, als die Ruhe wieder eingekehrt war, ohne Aufforderung und ohne eine Entschädigung anzunehmen, den Eigentümern zurück. Artuf« Unter den blühenden Kolonien, welche durch jüdi« sehen Fleiß zur. Blüte gebracht und jetzt von den arabis sehen Pogrombanden vernichtet wurden, befindet sich auch die Kolonie der bulgarischen Juden Artuf. Artuf steht auf uraltem historischen Boden. Die Kolonie be« findet sich zwischen Zircah und Eschteol, zwei in der Bibel genannten Städten, in denen nach der biblischen Erzählung der Held Simson seine übernatürliche Kraft bewies und allein hunderte der Erbfeinde, der Philister niederstreckte. Artuf war ursprünglich nicht als jüdische Kolonie gedacht Gegründet wurde diese Kolonie von einer Missionsgescllschaft, mit dem Zwecke, hungernde Juden dahin zu locken und sie der Taufe zuzü« führen. Angeregt hiezu wurde die Missionsgesellschaft zu Beginn der Achtzigerjahre, unmittelbar nach den ersten großen Pogromen in Rußland, als zahlreiche jüdische Pogromflüchtlinge in Palästina Zuflucht: suchten. Damals waren die Juden in Palästina und besonders in Jerusalem einem solchen plötzlichen Zustrom von mittellosen Flüchtlingen nicht gewachsen. Wohl haben die palästinen? sischen Juden, soweit es in ihrer Macht stand, die Flucht* linge materiell unterstützt, aber da es an Arbeit uud Unterkunftsmögliehkeit mangelte, bildeten diese Flucht linge, weiche die ganzen Tage hungernd, verbittert in den Straßen von Jerusalem herumstanden, ein schweres Problem. Diese Situation hat nun eine euglische Mission?* gesellschaft ausgenützt, indem sie die A-erhungerten Flüchtlinge erst mit Geldunterstützungen an sich lockte und dann in Artuf eine große Bodenfläche erwarb, uih die russischen Juden dort anzusiedeln und so ganz in'jbre Gewalt zu bekommen.; ":' ' .".(y r >. In dem Taufgeschäft haben die Missionäre aller« dings große Enttäuschungen erlebt, denn nur., ein ver* schwindender Prozentsatz wurde in ihren Netzen ge« fangen, dafür aber wurden die jüdischen Missionskolonistcn von ihren Brot geh c rn a u f s s, c h ä n d 1 i c h s t e ausgebeutet. Die Juden mußten um einen Hunger l ohn die Aufbauarbeiten leisten, und als die Missionäre sahen, daß ihr Ziel der Seclenrettung bei diesen Juden nicht \ zu .erreichen s,ein wird, vertrieben sie die widerspenstigen Juden aus der Kolonie und duldeten nur die wenigen,' die sich zu einem Renegatentum entwürdigt hatten. Die Folge, davon war, daß Artuf immer mehr dem Verfall. preisgegeben war, so daß die Missionsgesellschaft sich entschloß, ihren Bodenbesitz zu veräußern. Da sich jedoch kein. Käufer finden wollte, wurden die einzelnen Parzellen an Fellachen in Pacht gegeben.?! Wiederholt haben Jerusalemer Jyden. den : Versuch .gemacht, Artuf für die jüdische Kolonisation zu .erwerben und auch einen entsprechend guten Prejs zu bezahlen. Die Missionsgesell'schaft war jedoch, als sich die > jüdischen Käufer meldeten, nicht gewillt, den gesamten Boden zu überlassen und selbst den zu überksser^doii . Teil ihres Besitzes nur unter der Bedingung zu; verkaufen, daß der Kaufschilling nicht auf einmal, sondern in; Annuitäten durch viele Jahre hindurch entrichtet werdq. Die Absicht der Missionäre war klar. Sie wollten wieder bloß eine Anzahlt von Juden , nach Artuf locken, .selbst aber ihren t Einfluß auf die jüdischen Kolonisten weiter behalten. Dieser Plan scheiterte und erst im Jahre 1896' war es möglich, Artuf in j ü d i s c he n . B e s i t z zu bringen. In diesem Jahr bildete sich.in Bulgarien eine 'Gesellschaft „Jispliuw Ercz Israel", deren' Mitgliederzahl täglich wuchs und die von den reichsten und angesehen* sten Juden Bulgariens gefördert wurde, so daß sie bald die Mittel aufbrachte, den Besitz der MissionsgeSellschaft zu erwerben und auch in die Lage kam, neuen Boden anzukaufen und eine große jüdische Kolonie zü errichten. 'Die Käufer kamen'mit der Absicht, selbst;als Bauern zu leben und zu arbeiten. Anfangs gab es manche Schwierig» keiten zu überwinden. Zunächst wollte man in Konstantis nopel den neuen Besitzern die Kaufbriefe nicht ausfolgen und es bedurfte mehrerer Jahre Arbeit und Intervention, bis die türkische Regierung überzeugt werden konnte, daß, da Bulgarien damals noch zur Türkei gehörte, . auch die Juden, welche Artuf erwarben, als türkische' \Jntertandn angesehen werden können und daher das Recht haben, in Palästina Boden zu erwerben. : . .. " . i Die bulgarischen Juden erwiesen sieb als tüchtige ländwirtschaftliche Arbeiter und Organisatoren.' Wohl waren sie in den ersteh Jahren auf Geld und Kredit«