Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 103 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seite n DIE NEUE WELT Nr. 103 Copyright 1928 b* „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. R o s e n h a 11. (40. Fortsetzung) Wenn ich ihr Mitgift geben könnt', einem Bräutigam das Maul verstopfen mit wenigstens ein paar hundert Rubeln, war sie schon längst bei mir eine Braut! An Bräutigams ist kein Mangel. Müßt ich so für alles Gute sorgen, tausend auf einen; denn sie wird jeden Tag schöner, würdest anschauen ein Mädel nicht zu versün« digen, wurdest sie nicht erkennen, sie grüßt Dich sehr freundlich und ich bitte Dich, mein Heber und getreuer - Herschbär, in Gottes Namen sollst Du ihr bald schreiben, t was Du machst, und die Hauptsache von Deiner Gesund* |heit,- denn ich weiß schon nicht mehr was nachzudenken yund; sei gesund wie es wünscht Dir Deine Mutter zu sehen an Dir viel Freude. Sore Broche Holzman." Diesen Brief ließ, sichi Holzman1 durch den Kopf gehen, insbesondere die Worte „nicht zu versündigen, würdest sie nicht erkennen". ,,Und es hörte nicht auf, ein Gedanke in ihm zu bohren. Wenn sie wirklich so ist, wie 'die Mütter schreibt, wäre es vielleicht eine Idee, daß die Älte^ mit iljr hierhergefahren; komme,: sie möge mit dem Burschen bekannt, werden, vielleicht'gefällt sie. ihm, ,was kann, man, wissen, bricht.man dann Teller, macht, Ver* lobung,, «nd zwar sogleich eins, zwei, drei, vier Stangen,, ein Traualtar, und dann pfeift er auf die ganze Welt. So Wird gesprochen Amen. Und Holzman sperrt sich geheim mit dem Souffleur ein und diktiert ihm eine Antwort an die Mutter wie folgt: „Hör* mal, mein Teurer, schreiben sollst du ihr so. ,Än meine Mutter, die Teure, die Reine, Frau Sore Bröche, sie soll leben. Und an meine Schwester, die Teure, die Reine, Fräulein Sladkes, sie soll lehen. Wisse, daß ich gottseidank" bei bester Gesundheit bin und spiel nicht mehr gottzudanken Theater. Ich habe schon gottzudanken ein eigenes Theater mit einer eigenen Truppe und ver« diene gottzudanken schönes Geld und lebe gottzudanken wie ein Mensch und zieh' mich an wie ein Mensch und sehe aus wie ein Mensch und habe.. gottzudanken ein Stückchen Namen auf der Welt. Nur eines, daß ich hääi* lieh nirgends zuhause bin und kein Heim habe. Deshalb l.)jC> 't -X.'-i ■■ ■ ' ■ ■ haß ich' beschlossen, meirie teure' Mütter, daß Du nicht lange'zögerst, Sladke nimmst und "mit ihr daher zu. mir gefahren kommst, wirst Frau im Haus seih und Freude haben im Alter. Genug schon für Dich zu stehen bei fremden Oefen. Zeit, daß Du Deine alten Beine ausruhst und von der Welt zu sagen wissest. Und wegen Sladke brauchst Du Dir keine Sorgen zu maöhen. Ich hab für $ie ein bißchen eine schönere Partie als Josse! Tischlers Söhn urtfji ,seib$t als ^den Fleischerkerl Rüben. Sieh also, teure Jjiutter, in Gottes Namen so rasch, wie Du diesen Brief bekommst, nicht zu zögern, Sladke zu nehmen und di her gefahren zu kommen hierher zu mir, zu Deinem Sohn ' Bcrhard Holzman, _ Direktor des Theaters Holzmari, Schwalb et Comp." Nachdem der Brief abgeschickt war, erwartete .Holzman jeden Tag die Gäste. Seip Warten aber war vergeblich. Statt der erwarteten Gäste erhielt Holzman einen Brief von der Mutter, daß „sie seinen Brief erhalten habe und daß sie gottzudanken bei* bester Gesundheit ist, Sladke gottzudanken auch bei bester Gesundheit ist nicht , zu versündigen ein Mädel, würde er sie sehen, würde er sie nicht erkennen, und was er schreibt, sie soll gefahren kommen, würde sie gewiß zu ihm fliegen, wenn sie Flügel hätte, wie kann sie aber kommen, wenn es so viel öeld kostet, für zwei Menschen Reisespesen, dann erst die Grenze, hätte sie das, was die Bahn allein kosten muß, würde sie schon lange Sladke verheiratet haben, wegen eines Bräutigams hat sie keine Sorge, tausend auf einen, nicht zu versündigen ein;Mädel, würde er sie sehen, würde er sie nicht erkennen" usw. Das regte Holzman so sehr auf, daß er ihr sofort Geld schickte und ihr sehr streng schrieb, sie solle sofort kommen, es nicht wagen, auch nur eine. Minute wegen einer Partie nachzudenken, sondern Sladke nehmen und in Gottes Namen'sogleich gefahren kommen. Nach diesem Brief ging noch ein Brief ab, bis Gott endlich half. Einmal an einem Spätsömmerabend — im Theater, in einem kleinen Städtchen Galiziens war es, eine Minute bevor der .Vorhang aufgehen sollte — hörte man draußen Lärm. Was ist da los? Irgendeine Frau, eine" arme, mit einem Mädchen, fragt nach Holzman und wollen hinein ins Theater ohne Geld, man läßt sie aber nicht.' •■ „Der Teufel in eures Vaters Grab hinein! Kerle! „Das sind doch meine Gäste", schrie Holzman seine Kol« legen an und lief hinaus. „Deine Gäste? Gehört dir^doch ein. Glückwunsch! Gottes Hilfe für deine Gäste", antworteten ihm seine Kollegen und folgten ihm, seine Gäste zu sehen. 7 5. Kapitel. Arme Brejndele Kosak. Draußen war ein klarer, ein wenig kühler Herbst* abend. Der Mond war aus seinem Gezelt noch nicht herausgetreten, die Erde zu beleuchten. Aber die Sterne, die einzeln, einer nach dem andern sich zu zeigen be< gannen, genügten, um dies' Dünkel des Abends soweit zu erhellen, daß man die Gestalten der Gäste Holzmaris sehen konnte. . : •. Zuallererst war sich eine höhe dürre knochige Frau irr die Augen, die den Anblick einer "dürren" abgearbeitet ten Stute\ bot. Zerrissen, zerschlissen, mit Bettzeug bc* laden, rriit Flaumsäckeh, Kissen, Decken und alten Fetzen überhaupt, blickte sie jedem direkt in die Augen, -suchte, wer in dieser Gesellschaft ihr Söhn sei, neben ihr wie ein Füllen, dicht bei der Schürzei stand ein junges Mäd* cheri, ■ fast noch ein Kirid mit erhitzten frischen Warigen, mit1 einem "spitzen kindlichen Näselten und mit dichter! Augenbrauenüber ihreH . verschänVten Augen, die zu Bödenblickten. Angezogen war -'sie in" ein einfaches Zwirnkleid mit grüner 'Bluse," darüber einen alten gelb« liehen'Kragen, der nicht gut zuging und rundliche Formen sehen ließ — ein Zeichen, daß hier nicht mehr ein Kind steht, sondern ein erwachsenes Mädchen. , : Die Truppe Schauspieler, die für eine Weile hinaus», gegangen waren, Holzmans Gäste anzuschauen, ließen die Alte, die schließlich an den Augen erkannte, wer unter ihnen ihr Sohn sei, und sich auf ihn mit Gewein und männlicher Stimme stürzte und so loslegte: „Oh, ein, Donner hat mich erschlagen.' Oh, ein Geschwür ist mir ... Weh der Mutter, das bist wirklich du, Hersch* bäiy Sohn meiner, teurer!" Die Schauspieler gingen lieber ans Betrachten des: jungen schönen Mädchens, das ihr zu engen Kragen bei« seite stand und auf den Bruder wartete. Seltsam anmutig schien ihnen das junge naive, ein* fach angezogene Wesen mit den erhitzten Wangen und den dichten Brauen über den gesenkten Augen. Ihre ganze Figur erzählte von Jugend, von Frische und von Unschuld. Keiner der Bande sprach ein Wort, außer Schwalb, Hol* mans Kompagnon, der unter der Nase aus dem dicken Bauch heraus hinwarf: „Ein Aepfeichen das! -— mit soll sein ..." Diese Weisheit des Isaak Schwalb war jetzt in den Wind gesprochen, als hätte es niemand gehört. Dort wo immer nur abgebrauchte, gefaltete, angeschmierte Ge* sichter, falsche Zähne, gefärbte Brauen, falsches Haar, ausgestopfte, unnatürlich hohe Büsten, falsches, gekünstel tes Lächeln auf den gefärbten Lippen ihr Spiel treiben, bleibt man vergafft stehen, wenn man ein frisches Gesicht, eine glatte Figur wie aus der Mutter Leib sieht! Und man erinnert sich, daß man vielleicht, auch einmal jung und frisch und natürlich war wie aus der Mutter Leib. Aber dessenungeachtet, daß Holzmans Schwester« chen, scheint 's, einen güten Eindruck auf die. ganze Kpm* panie gemacht hatte, fühlte sich Holzman selbst nicht sehr wohl. Es war ihm unangenehm, daß zu ihm, dem Direktor der Truppe, der „lebt wie ein Mensch, sich anzieht wie ein Mensch und aussieht wie ein Mensch", Gäste gekommen sind, eine Mutter und eine Schwester, die ' aussehen wie Lumpensammler. Dazu war noch wie zum Trotz die ganze Bande zusammengekommen. Sie stehen da und gaffen wie auf ein Wunder. Das verdroß ihn und er schrie die Schauspieler an, beschimpfte sie von oben bis unten, so auch gleichzeitig seinen Gästen zeigend, daß er, Holzman, mit Gottes Hilfe ein Chef, ein Direktor eines Theaters und die Leute ihn fürchtan wie die neunjährige Pest. Und nicht nur :die Schauspieler kann er anschreien und beschimpfen. Holzman, wenn er will,-kann auch seinem Kompagnon Schwalb finster; auf* spielen. Er schrie auf Schwalb los: „Hör nur, du Wasserochs, du Schmerbauch, du Schweinskraxen, du bist auch hier mit allen Kerlen?" In einer Minute war von der ganzen Bande keine Spur mehr da. Die Regie des Theaters übergab Holzman für diesen Abend seinem Kompagnon Schwalb, er selbst nahm seine Gäste mit den Paketen, Flaumsäcken, Kissen, Decken und Fetzen und führte sie in sein Quartier. * r Am Morgen nach der Vorstellung rief Holzman die ganze Kompanie zusammen und spendete Bier'zu Ehren der Gäste, die jetzt bereits festlich gekleidet .waren. Die Alte in ihrem Sabbat*Köpftuch' aus Wollseide sah aus wie ein altes Pferd in einem Schleier und die: Schwester 'Sladke, gewaschen, geputzt und gekämmt, bezauberte alle nicht so' sehr durch ihre Kleidung wie durch die frischen Wangen, dichten Brauen; kleinen Zähne und schamhaften Augen. - , , " . .... „Ein Aepfelchcn", sagte noch einmal': Isaak Schwäjb und diesmal stießen alle ein Gelächtier; aus. J; / ^, Nur zwei lachten nicht. Sie waren nicht" zum Lachen aufgelegt. Das waren die Primadonna Schwalb und die Mme. Tschernjak (Brejndele. Kosak). Den ganzen Morgen hindurch waren die zwei nicht in Ordnung, sei* sam aufgezogen. Henriette Schwalb war im: 'allgemeinen unzufrieden, daß es noch ein schönes Mädchen auf der Welt gibt, und über Rafalesco wütend, daß er 'Äugen macht für diese kleinstädtische Jente mit: den röten Händen und dem Spitznäschen ... In diesem Mädchen erblickte Henriette eine Rivalin. Und wie sehr sie auch an ihr Fehler entdecken wollte, konnte sie doch außer daran, daß ihre Hände rot und das .Naschen spitz,: keinen Fehler finden. Das machte sie noch nervöser. Aber wenn Henriette Schwalb mit Holzmans Gästen unzufrieden war, darf man von der Mme. Tschernjäk be* haupten, daß sie für dieses Anblicken wirklich Gottes Mitleid verdiente. Auf ihrem runden Mondgesicht: er* schienen rote Flecken und an ihren kleinen japanischen Augen hingen Tränen, obwohl sie sich stolz hielt, den Hals reckte und lächelte. (Fortsetzuns fotet.) GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Ben., Seiienstettengasse 2, Telephon U-28~7~28 XL, Zentralfriedhof, neb. d. 7. 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