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Die neue Welt · 1929-08-30 · Heft 102 (30.8.1929) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 102 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Dm NEUE WELT Nf. m Wie Petljura mordete. Erinnerung an den Märtyrertod B6 jüdischer Jünglinge. Es war im Hochsommer 1919, als in der Ukraine neue revolutionäre Stürme losbrachen. Die Bolschewiken waren gezwungen, Kiew, die Hauptstadt der Ukraim* sehen Sowjetrepublik, zu räumen, als die weißen Armeen unter Führung Denikins und die ukrainischen Banden Petljuras sich der Stadt zangenartig näherten. Kiew war ohne militärischen Schutz, ohne jegliche Miliz geblieben, weshalb die Stadtverwaltung beschloß, eine Garde aus jungen Freiwillligen zu bilden, zu denen auch der sechzehnjährige jüdische Knabe BorisSafra gehörte. Diese Miliz wurde in die einzelnen Bezirke ver* teilt, mit der Aufgabe, in der Stadt für: die; Aufrecht* erhaltung der Ordnung bis zur Bildung eines stabilen" Regimes zu sorgen. ' Am 31. August 1919, um 5 Uhr morgens war es, als Petljura von der einen, Denikin von der ande* ren Seite Kiew besetzten. Das erste, was die Petljura* Banden taten, war die Umkreisung des Stadtteiles, in Welchem sich die jugendliche Miliz befand. Diese wurde gefangengenommen und in den Kiewer Vorort De* miewka geführt, wo der Stab Petljuras residierte. Der Stab stellte die Frage: Wer ist Jude? Wer ist Christ? Die Christen wurden freigelassen, die Juden, ',' 36 junge Leute, wurden Ins offene Feld geführt und erschossen! Am gleichen Tage brach der Wirrwarr in Kiew los. Ein Wüten der Banden ließ die Stadt nicht zur Ruhe kommen. Erst gegen 3 Uhr nachmittags wußte man, was vorge* fällen war. Es wurde in der Wohnung des Jakob Safra, des Vaters eines der Ermordeten, ein Komitee gebildet, das sich, unter Führung des genannten Safra zum Stab' nach Demiewka begab, um zu eruieren, was vorgefallen war. Unter'großer Mühe, umringt von Petljura*Banden. kamen sie zum Stab durch, der ihnen erklärte, daß die jungen jüdischen Männer beim „h i m m tischen S'itab" seien. Auf weitere Fragen wollten Petljuras Ge« seilen mit Jakob Safra kurzen Prozeß machen, wagten es aber nicht, da dieser mit einem diplomatischen Paß der norwegischen Regierung ausgestattet war. Am 1. September wendete sich das Komitee wegen der Bestattung der Leichen an Denikin. Und obwohl dieser ihnen eine Begleitmannschaft zum Suchen nach den Leichen mitgab, konnte sie nichts erreichen, da in der ganzen Gegend noch Petljuras Banden herumstreiften. Erst am nächsten Tag gelang es dem Komitee, mit einem Wagen vom Roten Kreuz hinauszufahren und die Leichen zu finden. -Ein erschreckender, erschütternder Anblick bot sich ihnen dar: Die Leichen waren von Hunden zerfressen! .Man fand bei den toten Märtyrern Zettel, auf weis ..chen sich grauenerregende Abschiedsworte vor dem f t Tode befanden! Am 4. September endlich wurden die Toten unter ruch** loser Störung-durch Denikins Banden beerdigt. Die jüdi* sehe Gemeinde in Kiew hält den 31. -August als Trauertag. Die jüdischen Geschäfte bleiben, bis Mittag geschlossen und die gesamte Judenschaft der Stadt geht auf den Friedhof, um die 36 jugendlichen Gefallenen zu ehren. , » Von besonderem Interesse ist es, daß Jakob Safra, der Vater des ermordeten Boris, auch im Prozeß S c h a# lom Schwarz hart, Paris 1927, eine wichtige Rolle gespielt hat. Nachdem eine Reihe von Theoretikern und Historikern (Dr. Goldstein, Dr. Schloßberg, Wladimir Tjomkin) eine Darstellung von den Greueln der ukraini« sehen Petljura*Banden gegeben hatte, trat von den 100 angemeldeten Zeugen Jakob Safra als erster auf und machte durch die sachliche, aber eindringliche; Art seiner Aussage einen so tiefen Eindruck auf > die Geschworenen, daß der Anwalt Schwarzbarts auf weitere ■ Zeugen, ver* zichtete und einen einstimmigen Freispruch für Schwarz* hart erzielte. Zehn Jahre sind seit dem Tod der 36 Kiewer jüdi*' sehen Jünglinge verflossen. Die jüdische Welt gedenkt ihrer und schreibt sie ein in das Buch ihrer an Märtyrern so reichen Geschichte. Rußland will das Schächten verbieten. Antisemitische Schlagworte. Wie der Moskauer J. T. A,*Vertreter erfährt, wird jetzt in gewissen Kreisen der Sowjetregierung ein. Vor* schlag ventiliert, der darauf hinausgeht, das Schächten nach jüdischem Ritus f ür aMe Länder der Sowjet» Union zu verbieten. Anreger des .Vorschlages ist der stellvertretende Handelskommissär Ch. Tschuchrit, der ins Treffen führt, daß" die Uebung der religiösen i Schächttradition die ganze Prozedur Ides FeH* a b s tr e i f e n s und d e c F1 e i s c h b e ar b e i t u n g verzögert und dadurch die Kosten erhöht. In ande» ren Kreisen der Sowjetregierung tai. man der Ansicht, daß man an die Frage des Verbots der jüdischen Schach.» tung nur mit größter Vorsicht herangehen müsse; würde man eine freie Diskussion zulassen, so würden dadurch die antisemitischen Stimmungen unter der xüchtjüdischen Bevölkerung ermutigt werde», und ebenso falsche wie schädliche Ausdeutungen des jüdischen Ri* tuals Platz greifen. Der Korrespondent der Jüdischen Telegraphen* Agentur'hatte Gelegenheit, Einblick in zwei Projekte über Schechitäyerbot zu erhalten. In einem derselben wird be* ' hauptet, daß in keinem Volke'. so barbarische Methoden der Tiertötung bestehen, und daß man,die öffentliche Meinung dagegen mobiliseren müsse. In Rand* bemerkungen von Sowjetführern zu diesem Projekt wird darauf hingewiesen, daß. in den Ausdrücken wie Barbaris* mus des «jüdischen Volkes ein unbewußter Antisemitis* mus zum Ausdruck kommt. Es wird daran erinnert, daß noch vor 30 Jahren unter dem Z a r i s m u s die Anti« semiten eine. Kampagne für Schechitaverbot geführt haben, mit der Begründung, daß die Schächtmethode bar« barisch sei. Diese Kampagne fiel ins Wasser, als wissen* schaftliche Autoritäten festgestellt haben,' d<;n die SchäcntrrwMde ganz und gar nicht barbarisch sei. 22.000 Juden I^Odessa ohne Wahlrecht. Die statistische Kommission der Gesellschaft O. R. T. hat festgestellt, d>ß in Odessa 22.000 Juden, frühere Kaufleute .und Hauseigentümer, kein Wahlrecht besitzen,! obwohl ein sehr; großer Teil von . ihnen heute ein Handwerk ausübt, andere in Staatsanstalten tätig sind. Die relative Zahl der jüdischen Wahlentrechteten übersteigt die der nicht jüdischen um das Vierfache. In den kleineren Städten des Odessaer Rayons ist die Zähl der wahlentrechteten Juden proportioneil noch größer als in Odessa und beträgt relativ das Siebenfache der Zahl der nichtjüdischen Wahlentrechteten. Die Zahl der jüdischen Nervenkranken ist in Odessa zweimal so groß als die. der nicht jüdischen; in der Odessäer-Irrenanstalt befinden sich 98 Juden. Die jüdische Arbeiterschaft Amerikas und Palästinas. Palästinabewegung.'— Assimilation in Amerika. — Wirtschaft und Antisemitismus. Der angesehene, jüdische Arbeiterführer Schipjakoff, der seit' einem Menschenalter in der jüdisch-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und in der amerikanischen Sozialistenpartei tätig ist, hat sich nach Teilnahme an der Konstituierung der Jewish 'Ägency in Zürich, wo er die propalästinensische'jüdische Arbeiterschaft vertrat, nach Polen begeben. In einer Pressekonferenz J|ny Warschau, erörterte er eine Reihe aktueller politischer ünd^wirtschäftlicher Fragen der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas. „Die P aI ä s t i n a b e w e g u n g unter den jüdischen sozialistischen Arbeitern Amerikas ist im ganzen einige Jahre' alt. Obzwar : der sozialistische Arbeiter- Ring unter dem Einfluß der Bundisten'steht, nehmen die Führer ah der Gewerkschaftskampagne für Palästina teil. Angesehene sozialistische Führer, wie Botwinik, Alex. Kohn und der Generalsekretär des Arbeiter-Rings Baskin, arbeiten mit. Selbst der berühmte amerikanische Sozialistenführer Norman Thomas, ein Nichtjude, der nach Webbs der populärste amerikanische Arbeiterführer ist und Präsidentschaftskandidat für U. S. A. war, besucht unsere Konferenzen. Große Verdienste um die Pro-Palästina-Stimmung "in der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas hat der verstorbene Arbeiterführer Max Fein, der der Schöpfer der Aufbringung landwirtschaftlicher Geräte für Palästina war. Früher hat das Organ der amerikanisch-jüdischen Arbeiterschaft „V ö r w ä r t s" keine Berichte über unsere Arbeit gedrückt, .während seit kurzer Zeit dort Pro-Palästina-Nachrichten und so- gar Artikel erscheinen. Es ist sogar so weit gekommen, daß der '„Vorwärts"" die' Memoiren des Ziönistenführers Dr. Schmarja Lewin bringt." „Wie ist das Verhältnis der amerikanisch-jüdischen Arbeiterschaft zur Frage des Jiddisch in Palästina?" fragt ein linker Poale-Zionist. „Die jüdische Arbeiterschaft Amerikas, betrachtet das als innere Angelegenheit Palästinas und. hat nicht die Absicht, sich einzumengen. Sie sagt sich: Wenn das Gros der jüdischen Arbeiter in Palästina Hebräisch als die herrschende Sprache betrachtet, so ist das ihr- Recht, mit dem man rechnen muß." „Wie steht es um das Judentum in Amerika?" „Die Assimilation geht mit Riesenschritten. Die zweite, Generation spricht nur englisch, und der; dritten Generation wijd r!.;de.r Klang der, jüdischen. Sprache ganz fremd sein.JPas-ist .die.traurige Wirklichkeit; und die das nicht' wahrhaben wollen, betrügen sich selbst. Die amerikanischen Zionisten haben auf, i^rer; Konferenz * einen Beschluß angenommen,' ihre Kinder *.;'•:• ' WC <}'.'••'.' ,•>"' ••••«,:;' •' i ,•* f: -.. wird 'rSiäröI^&uf! bmucM Ztt»«Hrm«n unter „47904" an ««• Ädm.d. W, Hebäisch und alle anderen jüdischen Gegenstände lernen zu lassen. .Wenn das . verwirklicht wird« wäre es von Wirkung. Die jüdischen Schulen des Arbeiter-Rings und des nationalen Arbeiterverbändes tun, wassie können. Sie sind aber nicht imstande, die Lage zu ändern. Es gibt auch Nachmittag-Talmud Thoraschulen, aber dort lehrt man die Kinder nur den Kaddisch und die Segenssprüche." Ueber den gegenwärtigen Stand der ökonomischen Lage in Amerika äußert sich Schipjakoff: „Die ökonomische Lage hat sich in det . letzten Zeit bedeutend verbessert. Die Arbeitslosigkeit verringert sich, so daß es im ganzen Lande höchstens eine Million Arbeitsloser gibt. Die höchste Ziffer der Arbeitslosen findet sich bei der Textilbrauche, in der die Juden nur schwach vertreten sind. Dagegen hat sich die Lage der Seidenfabriken in Paterson, die in den Händen von Lodzer und Biaiystbker Juden sind und in den letzten Jahren schlecht standen, erheblich gebessert« In den letzten Jahren findet bei den amerikanischen Juden eine Umgruppierung der Arbeitspositionen statt. Die Juden; verlassen massenweise das Schneidergewerbe und wenden sich elektrotechnischen und ähnlichen Berufen! zu. Ein sehr ansehnlicher? Prozentsatz der jungen jüdischen Generation Amerikas ergreift freie-Berufe, sie tritt, in Geschäfte und Banken ein, obwohl die Verdienstmöglichkeiten geringer sind. Es gibt keine Hoffnung auf Erleichterung der Einwanderung nach Amerika, denn fast alle Amerikaner, Arbeiter wie Kapitalisten, sind gegen die Einwanderung. Die ersten fürchten Arbeitslosigkeit Und Lohndruck, die zweiten Kommunismus. Man muß offen gestehen, daß sogar die jüdische Arbeiterschaft, wenn sie auch Resolutionen gegen die Immigrationsbill faßt, im Herzen nicht für das Oeffnen der Tore ist Der Antisemitismus vermindert sich; Die Ku-Klux-CIan-Bewegung ist im Absterben begriffen" So schließt Schipjakoff seine interessanten Erklärungen. Das Joint Distribution Commiitee in Zürich. Das Wiederaufbauwerk für die Juden in Osteuropa. Am 15. und 16, August hielten die Führer des Joint Distribution Committee in Amerika und die JoinbDirek« toren in Europa eine gemeinsame Beratung in Zürich ab, die der Aufstellung eines Programms der konstruk* tiven Arbeit für die nächste Zukunft galt Den Beratungen wohnten bei: der Präsident des Joint Distribution Com» mittee Herr Felix M. Warburg, Herr Louis Mars|alLäer Vizepräsident ues' Joint'Farnes" R Rbse^berg, der (zentral* sekretär Josef C. Hyman, Dr. Cyrus Adler, Dr. Jacob Billikopf (Schwiegersohn von Louis Marshall), die Herren David N. Breßler, Dr. Lee K. Frankel, Dr. E. A. Grower, Dr. Morris B.'Hexter, der Leiter des Europa*Werkes des Joint Distribution Committee Dr. Bernhard Kahn,' Deik* tor Salomon Löwenstein, Dr. J. L. Magnes, Dr. Henry Moskowitz (Vorsitzender von O. R. T. in Amerika), der Leiter des Joint*Kolonisatiönswerkes in Rußland Dr. Joseph Rosen, der Vizedirektor und der Generalsekretär des Joint in Europa David J. Schweizer und Dr. Werner Senator, Rabbi Aaron Teitelbaum, Möris L;: Troper. Der Generalsekretär Herr Joseph C. Hyman erklärte, das Committee werde sein Programm des Wiederaufbaus' zugunsten der Juden in Osteuropa und in Rußland mit .ungeschwächter Energie fortführen. Doktor, Joseph Rosen und Dr. E. Grower, die zu den Be< ratungen aus Moskau eingetroffen waren, erstatteten Be* richte über die Lage der Juden in den Kolonien und in den Städten Rußlands und machten Vorschläge betreffend . die Durchführung eines Industrialisierung?« 1 Programms, das große Massen der jüdischen städti« sehen P 'ölkerung in Rußland wirtschaftlich selbständig machen soll. Herr Dr. Bernhard Kahn und Herr David J. Schweitzer, berichteten ausführlich über die Lage dei Juden in den Ländern Osteuropas außerhalb Rußlands und über das Werk des Joint in diesen Ländern. Herr David N. Breßler und der Generalsekretär Herr Hyman, die in. den letzten Monaten eine ausgedehnte Exkursion durch die Länder Osteuropas unternommen und mehr als 30 Städte und Dörfer in Polen, Lettland, Litauen, Ru* mänien, Transsylvanien, Bukowina, Bessarabien, Tsche* choslowakei und Karpathorußland besucht hatten, gaben ausführlich Bericht über die Lage der Juden in den ge* nannten Ländern und unterstrichen d i e N o t w e n d i g« keit ein es Ausbaues des Hilfst und Aufbau«; Wer kes in diesen Ländern.! Einmütig' wurde eine Resolution angenommen, die besagt, daß das vom Joint Distribution Committee in .Rußland und in den übrigen Ländern Osteuropas eingiß*; leitete Wiederaufbauwerk unvermindert fortgeführt wer* den solle. Union der Zlonisten-Revislonlsten, Wien, Am 2. September, halb 9 Uhr abends, im Cafe" Metropple, Wien, \%, Bergga^se 33, Beratung. TeUna'bms'berechtigt sind nur organisierte Revisionisten. Erscheinen Pflidhr. Der Elteruvereln „Tarbuth" gibt bekannt, daß die Einschreibungen In seine Sehnte, Lehrerin Frau Ester Schwarz,. am 1. September von 9 bis 12 Uhr vormittags im Saale, Othmargasse 46. vorgenommen , werden,* ««.4 der ,Unterricht' Jeden Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnert» W' v»t> * W* '•' Uhr nachmittag* stattfinde.

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