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Die neue Welt · 1929-08-23 · Heft 101 (23.8.1929) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 101 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis 30 Groschen R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; nrniirrnrnen nAncrtT CTnirveD Rumänien monatlich Lei 40.- vierteljährig Lei 120.-. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX.» üriiversitätsslräße 6—8 Telephon: A2S-2-82 — Erscheint jeden Freitag BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schwerer Francs 1.50, vierteljährig Schwerer Francs 4.50. Jahrgang 3 Freitag, den 23. August 1929 Nr. 101 Alle Im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Der Bürgerkrieg und die Juden. Es ist vielleicht voreilig, von einem Bürgerkriege in Oesterreich zu sprechen. Aber die Vorbedingungen sind geschaffen. Der Aufmarsch der bewaffneten christlichsozialen und deutschnationalen Heimwehrleute und der sozialdemokratischen Schutzbündler hat an einem Sonntagnachmittag in einem kleinen steirischen Flecken drei Tote und zirka 80 schwer und leichter Verletzte ergeben. Wenn man in Betracht zieht, daß die Oesterreicher gutartig veranlagt sind und nicht zu Gewalttätigkeiten hinneigen, ist das Resultat geeignet,' schwere Besorgnis hervorzurufen. Der Umstand, daß die staatliche Schutzmacht sich in diesem Falle als unfähig erwiesen hat, dem vorbereiteten und strategisch geleiteten Blutvergießen* wirksam zu begegnen, vertieft die Besorgnis. Wenn es den Führern der bewaffneten Organisationen, gelingt, eine größere Stadt oder gar . die Millionenstadt Wien zum Schauplatz des Treffens zu machen, dann ist der Bürgerkrieg da.? , Ein Bür£erjerieg .m O^ ungleich . schwerer, sdiadigen^'äls - irgerid einen anderen Bevöikeningsteil. -Di^ fast'7i|^chne6lfäi:vM'' Handel und1 in der Industrie tätigen Juden werden durch die Unterbindung des •Verkehres und die Erschütterung des ohnehin schwachen Kredits in ihrer: wirtschaftlichen Existenz am härtesten getroffen. Vor allem aber muß damit gerechnet werden, daß ein Bürgerkrieg in Oesterreich unausweichlich zu schweren a n t i s e m i t i s ch e n A u s s c h r e it u E g e n führen w i r d. Schon jetzt nimmt das. Judenpröblem in der Diskussion der Kampf Parteien einen breiten Raum ein, wenn sich auch manche Führer aus gewissen Gründen bemüssigt fühlen, Judendebatten auszuweichen. Das antisemitische Gefühl läßt sich; eben schwer unterdrücken. Dazu kommt, daß sich die Juden in Oesterreich politisch stark exponiert haben. , Der unselige aus dem Ghetto mitgenommene Hang, der Macht des Tages nachzulaufen, hat die politische Haltung der österreichischen Juden bestimmt. Wie sie seinerzeit blinde; Knechte der am Ruder befindlichen liberalen Partei waren, so sind sie heute willige Handlanger der in Wien regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Gut achtzig. Prozent : der jüdischen Stimmen kommen bei allen Wahlen der sozialdemokratischen Partei zugute. Bei der: überwiegenden Majorität dieser Juden. hat die politische Haltung mit politischer Üeberzeugung I und sozialer Erkenntnis nichts, zu tun.' Leder- und Weinhändler, Juweliere, Börseaner, Fabriks- und Bänkdirektoren,; A.4vpkaten organi- ] sieren sich' sozialdemokratisch, und bleiben sonst, was sie sind, bleiben beim Handel mit Leder, Wein, Juwelen; Aktien und. Recht. - Nur daß sie .-sich, beim, Kartenspiel und in : Karlsbad und .Gastein, vielleicht auch an hohen Feiertagen im -Tempel, per „Ge-; nosse *;anreden. Bei einigen stecht die Sucht nach Profit und Versorgung dahinter, bei der großen Masse wirkt" der politische Herdentrieb, die Anbetung des Siegers vom Tage, die niedrige Ehrfurcht vor dem'Erfolg des AugenWickes. .; Sor stellt sich die ''jüdische Gesellschaft« den: Gruppen'dar; welche jetzt."die Macht in .Oesterreich;; mit Mitteln der Gewalt an 'sich/ reißen wollen'. Für sie f ist der - Kampf ' gegen* die -herrschende' Partei identisch" mit dem Kampfe 'gegen das Judentum. Da^. '■ zu kommt,- daß die ' wichtigsten Sozialdemokrat tischen Führerposteri, die wichtigsten Kamplppstenr von Juden besetzt sind. Der/allgewaltige Finanz-;; referejjt' Wien — für* Heimwejirer der Wirtschaft-; liehe Dämon des armen Oeisteroceichs — ist der. J.ucje -' Breiiher, ■ der Kommandant des Schutzbundes. , der Jude Deutsch, die Chefredakteure: der sozialdemokratischen. Kampffelättei' die Inden Austerlitzj Braunthal, der geistige Führer des Klassenkampfes der Jude Otto Bauer. Der haßerfüllte Blick trifft immer und immer wieder Juden. Es müßte ein gewaltiges Wunder geschehen, wenn ein Bürgerkrieg in Oesterreich nicht zur Judenhetze ausarten soll. Aber Wuneier geschehen keine. Und sollte es nicht zum Bürgerkriege kommen, der Antisemitismus'ist nun einmal da, gestärkt, giftiger denn je, ■ . Ä Es gibt in Oesterreich eine politische Gruppe, welche ehrlich bemüht war und ehrlich bemüht ist, die österreichischen Juden politisch zu organisieren, aus dem Streite der Parteien hinauszuführen. Die aus dem Zi oni smtis hervorgegangene Gruppe der n a t i o n a 1 e n, j ü d i s ch e n Demokraten. Die Gruppe hatte auch Erfolge aufzuweisen. Es war ihr gelungen, in den öffentlichen Vertretungskörpern Mandate zu erringen, eine Repräsentanz des österreichischen Judentums zu schaffen, der Oeffentlichkeit klar zu machen^ däß es ein Judentum gibt, das nicht einen-gegen den anderen hetzt, nicht der Gewalt dient, sondern nur Recht, für sich und Recht für alle fordert. "Die national, gesinnten jüdischen Demokraten sind aus den Vertretungskörpern verschwunden.-Nicht zuletzt darum, weil Wankelmut uxid; Furcht vor der Macht des Tage.s^ auch in die zionistis^eh^ funden: hat, nicht zuletzt 4!r$£ vergessen; :habgiv daff;^ah^^ hal£,:,p<#^ Diaspora untrennbare Begriffe sind und daran; vergessen haben, daß freies Denken und Handeln in, Palästina, durch freies Denken und Handeln hierzulande bedingt ist. Nie war der Verlust der jüdischen Mandate fühlbarer als jetzt. Und nie die Forderung nach Wiederaufnahme jüdischnatiönäler, demokratischer Arbeit so dringend alsjetzt.. Wie wichtig jetzt nationale, politische Aufklärungsarbeit unter den österreichischen Juden ist; beweist ein Artikel „Der jüdische Wähler", der vor wenigen Tagen in dem die Heimwehr stützenden und die Sozialdemokratie bekämpfenden „Neuen Wiener Journal" an leitender Stelle abgedruckt war. Der Artikel ist von Dr. Fritz L öbri e r-B.e d a. Zum besseren Verständnis sei bemerkt, daß Dr. Löhner seine politische Erziehung im zionistischen, nationalen Lager erhalten hat. Er war einst ein höchst talentierter, eifriger und erfolgreicher Vorkämpfer der jüdisch-nationalen Politik und ist noch heute Mitglied eines der ältesten zionistischen Vereine. Dr. Löhn er geißelt in schärfsten Worten die Erscheinung, daß die Juden sich zu willigen Werkzeugen der Wiener Sozialdemokraten — er nennt sie „AustrobolscHewiken" — hergeben. Er meint, daß ein Grund hiefür die Tatsache sei, daß auf der bürgerlichen, antimarxistischen Einheitsliste Antisemiten, Haken-, kreuzler standen. Er nimmt Heimwehrführer und die Führer der Christlichsozialen" vor dem Vorwurfe des. Antisemitismus in Schutz.r Er fordert; die Entfernung der kleinen Gruppe der Häkenkreuzler und die Aufnahme einer „p r o m i n e nt e n j ü d i s chen Pe r s ö n I i c h k e i t" in ' die Kandidatenliste. Dann? Dann, meint Dr. Löhner, besteht kein1 Hindernis mehr und die Judejr können, sollen und werden gegen die Sozialdemokraten für die> Ghristlichspzialen, Großdeutschen und Heim-: wehrleute stimmen! Das Rezept Dr. Löhuers ist einfach. f$r nimmt die - Neigung der Juden, dem größeren /Haufen nachzulaufen, als gegeben an. Es' fällt ihm nicht * ein/ diese Neigung zu bekämpfen. * Er-'will -nur die Richtung' der Nachlauferei umkehren. Von links nach rechts.1 Er will nicht, daß die Jiiflen ihren ,,w irtschäftlichen, religiösen und kulturellen Tod- ,feinden:', den Sozialdemokraten zulaufen. Aber er/ halt es; für erstrebenswert, sie;den VCTJtrftern der v Reaktion, der Gewalt von reehtsher r?uzufiihren. Wenn nur der * Hakenkreuzler Dr. R i e h l von d$r Liste, verschwindet und einer?,p r onjinßntgn. .jüdischen Persönlichkeit" Platz macht. Die Juden sollen nicht länger den roten Klassenkämpfern dienen, sie sollen, zur Abwechslung,-der Großindustrie, dem Großgrundbesitz. und. dem Großkapital Wahlknechtschaft leisten,. Daß die Juden als freie Menschen ihrer,eigenen Sache, der nationalen und demokratischen, dienen -könnten, das liegt außerhalb des politischen Gedankenkreises des Herrn Dr. Löhner! Er hat seine .jüclischriationale, demokratische Erziehung gründlich «vergessen. Wenn Dr. Löhner, der jüdischnationale Demokrat von ehedem, zu solchem Schlüsse kommt, wie ist es dann um die Wiener Durchschnitts Juden bestellt? Die Neigung zur umgekehrten Nachlauferei wächst. Man braucht nicht besonders scharfhinzuhören und merkt's. Den Mieterschutz haben die Sozialdemokraten fallen gelassen ... Die Heim»'' wehr hat Geld und Waffen und mächtige (Beschützer . . . Man kann nichts wissen V . /Wie wär's, wenn man es einmal anders versuchte?«.. Ja, es besteht die Gefahr, daß die Mutlosigkeit,7 die politische Gesinnungs- und Charakterlosigkeit die Juden aus cjen Dienern , des Siegers von heute zu Dienern des •Siegers - von morgen machte Aufklarung «ncl, ehrliche jüdisch-politische. Arbeit: ist am; Platze, .mehr denn je.; ..' . .;; r. st.: »^ E£e jüdischen Mipderheitep. Sitzungder Exekutive des Minoritätenrates in: •:' Zürich. ' . In Zürich hielt am 16. August die Exekutive de$.. Rates zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten (Council for the Rights of Jewish Minoritis) eine' Sitzung ab, an der der Präsident der Exekutive Leb Motzkin, der Präsident des Rates Nahum S o k o L o w, die' Vize» Präsidenten, des Rates Abg. J. Grünbaum und Doktor Stephen- S. Wi s e, sowie ferner der Vertreter des Rates beim Völkerbund Zwi Ab'erson, der Ratssekretär Sin der,*-das Mitglied des Pariser Büros Efrojkin, sowie ferner das Mitglied des Rates Dr. Emil MVar* g uli es für die Tschechoslowakei, Dr. Alfred Kl e e aus Berlin, Florentin und Rccanati aus Saloniki, Dok* tor Sil'berschein aus Lemberg, Dr. Helm ann aus -Riga, Dizengoff, Dr. Mossinson und M. M. Ussischkin aus Palästina und ein Vertreter ans Ruß* land, teilnahmen. Dr. Stephen S. Wise gab die Erklärung ab, daß der American Jewish Congress als ein Zweig des Rates zum Schutze der jüdischen Minderheitenrechte in Zukupft die Organisation moralisch und materiell stärker unterstützen und überhaupt der nationalen Arbeit in den Diaspora*Ländern erhöhte Aufmerksamkeit schenken werde- Präsident Motzkin wurde beauftragt, an dem Ende August in - Genf stattfindenden Minderheitenkongrefi» teil* zunehmen. Im Jahre 1930 wird der Council zu einer f>jpn* ferenzzusammentreten. , / Sodann behandelte der Rat die Läge der Juden in Litauen, Rumänien, Griechenland und Ruß* 1 la n d. Die Exekutivesandte an den litauischen'.Minister* Präsidenten Woldemaras das folgende Telegramm, das von Leo Motzkin, Nahum Sokolow und Dr. . Stephen S. .Wise unterzeichnet wurde: „Mit Schmerz und Bestürzung haben, wir von den antijüdischen Exzessen in Litauen Kenntnis genqromen. Wir sind fest davon überzeugt, daß Sie als Schöpfe? des Manifestes über die jüdische Autonomie in Litauen alle wirksamen Mittel anwenden werdeni um ein Repinte der Sicherheit' und Gerechtigkeit zu befestigen und' der - jüdi* sehen Bevölkerung, die mit allen Kräften,an der Schaf* fung des. litauischen Staates mitgearbeitet hat, diev Ent» Wicklung;e|nes normalen Lebens zu ermögltehen"; , . Hinsichtlich-der Neuorganisatiipn der jüdischen Qs* meiniden;in' R u m ä n \ e n beschloß die Exekutive,; Schritte zu unternehmen, um zu erreichen, daß die Einheit?"^er GerÄ^inden [erhalten bleibe. Ferner^erwog die Exekutive, die Ergreifung von MaiJnahmen, m\,,der ant.i.ii-e'm^i't-U' sehen Stimmung in Griechenland, 'insb^e* gQödeig m S.aL9fljkit durch eatspr,eche.nde AuffelSfungs«

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