Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 100 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Copyright 1923 byt „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von SchaJom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (39. Fortsetzung) Das waren Holzmans Worte, als er mit Rafalesco in einer ganz annehmbaren. Equipage zu Sonnenthal fuhr. So wie sie aber vor das großartige Hotel vorgefahren kamen, wo Sonnenthal wohnte, und, ihnen irgend ein Lebewesen in einer Livree mit goldenen Knöpfe« entgegentrat, änderte Holzman seine Meinung und bemerkte zu seinem jungen Freund Rafalesco: „Der Teufel in des! Gelds Vater hinein." Und dem Lebewesen mit den goldenen Knöpfen gab er kund, sie möchten Sonnenthal sehen. Die goldenen Knöpfe betrachteten das Besucherpaar von oben bis unten und gaben ihnen kund, daß man Sonnenthal nicht sehen könne. „Warum zum Beispiel?". „Weil Sonnenthal nicht empfängt." „Was heißt, er empfängt nicht?" Diese Frage ließen die goldenen Knöpfe; ohne jede Antwort und drehten sich zum Abgehen um. »Da rief Holzman mit stolzer Ueberlegenheit aus, sie hätten zu Sonnenthal einen Brief einer sehr vornehmen Person, die vielleicht nicht weniger besitzt als der gnädige Herr. Er solle nicht glauben, daß sie ein irgendwer sind; vor! allem sind sie selbst auch Schauspieler. Hier griff sich Holzman an den Zylinderhut, zog die Handschuhe aus, um sie sogleich wieder anzulegen und ließ dem Lebewesen mit den goldenen Knöpfen einen festen Schlag auf die Schulter zukommen. Die goldenen Knöpfe wurden über ein solches Benehmen ein wenig verwirrt, nahmen ihnen den Brief ab, gingen hinauf, ließen unsere Besucher auf der Stiege hübsche paar Minuteri warten und kamen mit der klaren Antwort zurück, daß! Sonnehthal sich' sehr entschuldigen lasse. Er s<# gerade? mitten im Einstudieren einer neuen Rolle. Wenn sie durchaus mit ihm sprechen wollen, können sie heute ins Theater kommen, hinter die Kulissen, in den Zwischenakten.! Mehr konnte man aus diesem Wesen nicht herausbekommen. Denn bevor sie noch den Mund zum Reden öffneten, ließ schon das Lebewesen mit den goldenen Knöpfen unsere Besucher sehen, daß es hinten ieselben goldenen Knöpfe trage wie vorn. : „Was mir diese Nacht und jene Nacht und Nächte des ganzen Jahres geträumt hat, soll über Sonnenthal mit dem Lewiathan und allen Mäzenaten der ganzen Welt kommen. Aber, da nun einmal, mein teurer Spielvogel, -st und iil, still!"! So sprach Holzman zu Rafalesco, während sie nachhause fuhren, und ihre Gesichter brannten wie Feuer. 68. Kapitel. Vergebliche Hoffnungen. ) Von der vornehmen Visite wie vor den Kopf gestoßen zurückgekommen, bekamen unsere Visiteure einen schönen Willkomm von der Schauspielertruppe, die ihnen; entgegentrat mit einem lauten Scholemalechem: i .„Nun?" | „Was nun?" | | foWas gibt es Neues beim großen Sonnenthal?" )}Was soll's geben!" antwortete Holzman gedehnt und machte dabei eine gleichgültig -naive, Miene. „Ihr könnte euch malen. Das ist schon ein Sonnenthal." Und Holzman faßte Mut, schlug los, erzählte von! Sonnenthal Wunder, wie großartig er wohne, was für. goldener» Mensch das sei und wie er sie aufgenommen und wie er ihnen Tee, Bier und Zigarren verehrt habe, Jede Zigarre so groß!"! Und Holzman steckte mit beiden Händen die Länge der Zigarren ab, die man ihnen dort gegeben habe und fuhr mit der einen Hand direkt in Schwalbs rotes Gesicht hinein. Schwalb, der bekanntlich Spezialist in Zigarren ist, könnte die Bemerkung nicht zurückhalten, daß es solche Zigarren, wie Holzman angebe, überhaupt auf der Welt nicht gebe, denn wer kennt so gut den Artikel wie erj der doch sein Lebtag mit dieser Ware gehandelt hat. i,Es ist auch schade wahrhaftig", schnitt ihn Holzman ab, „daß du bei deiner^Branche nicht geblieben bist» hättest doch lieber bei deftf;Zigarren bleiben sollen, - wäre die jüdische Bühne um eine Holzstange ärmer." 1 Diese Antwort war für einen Schauspieler wie Schwalb ein bißchen zu scharf. Da' wurde sein rotes Gesicht noch röter und er begann zu schwitzen. Schwalb ist aber nicht ein derartiger Mensch, daß er sich sehn beleidigt fühlt und Rachsucht lange im Herzen trägt. Deshalb ist es kein Wunder, daß man sofort wieder Frieden schloß und sogar noch an ,Ort und Stelle abA machte, für. denselben Abend eine Loge ins Burgtheater zu nehmen und alle gemeinsam auszugehen, um Sorinenthal zu hören. Das heißt, es_spricht sich nur so, alle gemeinsam. Gehen werden sie J,flür fünftselbst: beide Direktoren und Rafalesco und Henrietta und Brejndele Kosak. | „Und die übrige Gesellschaft?" I Die übrige Gesellschaft, entschied Holzman, kann ruhig zuhause sitzen und Psalmen murmeln, und zur Npt, wenn sie's unbedingt wollen, können sie in Ehren ganz! hinauf auf die oberste Galerie klettern, was vor allemf viel billiger ist und nebenbei-ist man näher zu Gott.! Kurz, unser Holzman Heß keine Spur eines Mißy. erfolges merken. Im Gegenteil, er war an jenem Morgen lebendiger und gesprächiger1 denn je, trieb allerlei Allotria, sang und tanzte, als ob seinem Menschen das' Glück! begegnet wäre. Ganz anders aber zeigte sich der zweite Visiteur^ Leo Rafalesco. Im selben Mäße, wie Holzman gut ge-; launt war, ging er betrübt und traurig umher, wie kopflos. Alle seine lieblichen Gedanken zerronnen -und alle seine goldenen Träume — gestriger Tag. Der erste Traurii war — seine Begegnung mit des Chasen Mädel Resl oder Rosa' Spiwä'k in Wien, derentwegen er ganze Nächte nicht schlief. Und der zweite Traum war — die Aufnahm^ die er beim' großen Sonnehthal finden" würde. Unisönsf,ha^te''er: sich häch" Wien gesehnt, zur berühmten Sängerin1 Märbella Embrich, bei der sich seine Resl oder- RösS^SjaiWäk'afifhielt. Aü^ allen Nachfragen urid Nachforschungen 'Erfuhr 'er'''nur eine Sache,. daß weder Marcella Embricfi'' noch1'Rosa Spiwa'k in Wien seien. Mme. Tschernjäk, die ihm'früher versicherte^ Rosa sei bestimmt in Wien, und ihm versprochen hatte, sie. ausfindig zu machen, und ihn mit Rösa um jeden Preis1 zusammenzubringen, war in Wien wie: ausgewechselt und begann mit ihm in einer ganz andern Spräche zu sprechen. Jedesmal erschien sie mit eineir andern Neuigkeit. Zu-f erst hatte man ihr gesagt, daß Rosa Spiwak' und Marcella Embrich auseinandergegangen seien und jene mit irgend einem Schauspieler plötzlich "nach Berlin 'abgereist sei. Dann trug sie ihm die Nachricht zu, Rosa befinde sich1 in Paris im .Konservatorium, 'studiere auf Rechnung eines reichen Mannes, eines Mäzensnamens Jean Reszko, eines Christen, > der. sich in die jüdische Sängerin so weit verliebt habe... Später kam sie daher, die röte Pellerihet angetan, rief Rafalesco beiseite und vertraute ihm das Geheimnis ins Ohr, sie wisse gä'nz genau, daß Rosa Spiwak jetzt in London sei, Konzerte gebe zusammen mit einem! berühmten Violinisten, einem; jungen jüdischen Burschen Grischa Stellmach, von dem die Welt voll sei, und man! nehme sogar an, das der Grischa Rosas Bräutigam sei oder schon mit ihr vielleicht Hochzeit gemacht habe. ) „Lüge und Erfindung", entschlüpfte es Rafalesco, „Was ist Lüge und Erfindung?" fragte Mme. Tschernjäk und richtete ihre kleinen japanischen Aeuglein auf ihn. Und auf ihrem funden Mondgesicht zeigte sich ein Lächeln, das sich über den großen Mund mit den großen weißen Zähnen ergoß.; Ach, wenn Rafalesco sich nicht schämte; würde er Hand an diese Hexe legen, so häßlich schien sie ihm in,dieser Minute mit ihrem runden Gesicht, mit ihren kleinen japanischen Aeuglein und mit ihrer tänzelnd-beweglichen Figur in der roten Pellerine, während sie noch vor kurzem in seinen Augen soviel Anmut besaß!... Nein, es ist die Brejndele Kosak, die sie war, ganz und gar nicht. . f 69. Kapitel. Der Mensch ist von Sinne»!. Die Loge, die unsere Kompagnie im Wiener Burgtheater besetzte, beherbergte fünf verschiedene Personen, und jede der fünf reagierte auf die Vorstellung und auf den Auftritt des großen Sonnenthal in ihrer Weise., .1 Holzmans Kopf war ganz vom Publikum und von! den Dekorationen eingenommen. „Das heißt ein Theater!" Wenn ihm Gott zum Beispiel par exemple helfen wollte, ein solches Theater wenigstens in drei Jahren zu bekommen, würde er der Welt schon .zeigen, wer Holzman ist. Es würde schon der Teufel in ihren Vater hinein! Denn, täuschen wir uns doch nicht, Verstand hat Holzman nicht weniger als diese Deutschen. Geld ein bißchen ist auch da. Und an Kräften gottseigelobt fehlt es nicht. Nur eine Sache: Wo nimmt man bei uns ein solches Publikum her? Und Holzmans Augen fallen von der Loge .aufs Parkett, auf das Meer glänzender Köpfe des eleganten Publikums, das das prachtvolle Theater anfüllte und es entriß sich seinem Munde sein gewöhnlicher Fluch „Die Cholera!" Man wußte" nicht akkurat, weih er galti ob den Deutschen, die ein solches Theater gefüllt hatten oder den Juden, die nicht lieber ins jüdische Theater gehen wollen, das er, Holzman, hier zu errichten die Absicht hatte, in dieser verwünschten Stadt. i . „Fü", sagte Hohjman zu sich selber. „Wien, auch mir eine Stadt! Man muß möglichst rasch von hier in irgend ein Städtchen weg, in ein "jüdisches Städtchen. Dieses ganze herausgeputzte Publikum mit den nackten glatten Köpfen ist wert zu krepieren für einen einzigen Juden aus Holeneschti..." Fast dasselbe dachte auch die Mme. Tschernjäk,. aber in anderer Art Brejndele . osak hat in dieser. kürzen Zeit Holzman und seine Ideale kennen gelernt, die auch ihre Ideale wareru. Sie wartete nur auf die glückliche Minute, wo Holzman ihr.,offenbaren werde, daß er bereit sei, mit ihr „Hand in Hand" zu gehen, in der richtigen Bedeutung, das heißt, mit.ihr zum Traualtar zu geehen. Dann —• ja dann werden sie beide ein Theater, ein Theater errichten!... . \ Und ihre Gedanken sind weg für eine Weile, weit weit von hier weg.. Irgendwohin in ein jüdisches Städtchen Galjziens oder der Bukowina. Sie. sieht sich dort schon als „Madame Holzman", die Frau des Direktors1 Holzman. Sie sind mit Gotteshilfe bereits1 Herren des.:, eigenen "Theaters, mit eigenen Dekorationen, mit ejgehe£- f nippe von nur; gerühmten Schauspielern. Und unter ihnent auch, der junge Rafalesco mit der Primadonna Henriette^.1 die. nicht mehr Henrietta Schwalb heißt, sondern Heji.^ rietta Rafalesco,..!' Ja, Henrietta Rafalesco! Sie, Mme. Tschernjäk, wird schön zusehen, daß die Partie eine Partie sei. Und wenn die Partie eine Partie sein wird, dann wird Holzman authören auf die Primadonna zu blicken wie, eine Katze auf Rahm. Und es wird ihm vergehen, nach "jungem Geflügel zu gelüsten, soll ihn der Teufel holen.' * . : (Fortsetzung folgt.) GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bes., Seitenstettengasse 2, Telephon U-28-1-28 XL, Zentralfriedhof, neb. d. 7. 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