Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 100 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 100 * Der Antizionismus in der Internationale. Hinter den Kulissen. Von J. Klinof f. Zürich, 2. August. Zu gleicher Zeit, da im Züricher Stadttheater der Zionistenkongreß abgehalten wurde, ging an einer anderen Stelle, im Volkshaus, die Tagung einer anderen Organisation — die Tagung der sozialistischen Exekutive der II. Internationale — vor sich. Und obgleich zwischen Stadttheater und Volkshaus nicht die geringste Verbindung bestand, geschahen doch dort in der sozialistischen Exekutive gerade in den Kongreßtagen Dinge, die die Aufmerksamkeit weiter Kreise des Zionistenkongresses auf sich lenkten, Dinge, die übereinstimmend als kleinliche skandalöse Intriguen bezeichnet wurden. In derselben Zeit, da die Zionisten aller Länder in Zürich zusammengekommen waren, kamen auch Repräsentanten der sozialistischen Landesparteien zur Sitzung ihrer Exekutive. Unter diesen Vertretern gab es auch Juden. Unter ihnen den bekannten polnischen Sozialisten Diamant. Warum sollte da nicht die Situation ausgenützt werden, die Freude der Zionisten ein wenig zu stören? Warum sollte man die günstige Gelegenheit vorübergehen lassen der zionistischen Arbeiterschaft eins zu versetzen? Auf der Sitzung der sozialistischen Internationale werden verschiedene Fragen behandelt — das Problem des russisch-chinesischen Kriegszustandes und der daraus resultierenden internationalen Situation. In einem speziellen Bericht werden die Beziehungen zu einigen halbneutralen Verbänden beleuchtet, die auch kommunistische Elemente in sich bergen. Friedrich Adler spricht über all diese Dinge und geht auf einmal ganz unerwartet zur Frage der „Ligen für das arbeitende Palästina" über. Denn auf der Tagesordnung gab es keinen solchen Punkt und niemand hatte.sich für ihn vorbereitet. Adler erklärte: Es werden jetzt überall Ligen für das arbeitende Palästina geschaffen. Den Nachrichten zufolge, die wir über diese Ligen erhalten haben, werden sich diese an der Jewish Agency, einer Institution, die mit der Arbeiterschaft sehr wenig zu tun hat, beteiligen. Das Eintreten in diese Ligen * ist allen offen. Nicht nur proletarische, sondern auch bürgerliche Elemente werden aufgenommen. Und Friedrich Adler stellt die Frage, ob Mitglieder der II. Internationale an den Ligen teilnehmen dürfen. Die Erklärung kam von Adler. Wer aber die Inszenierung hinter den Kulissen gemacht, die Ueber-1 raschung vorbereitet hat, wird klar; klar im Augenblick, als Diamant das Wort ergriff und in heftiger Weise für ein Verbot der Teilnahme an den Ligen eintrat. Friedrich Adler fügte hinzu:t Gegen die Unterstützung der palästinensischen Arbeiterschaft habe er nichts. Er sei für das Brüsseler Komitee „Für das arbeitende Palästina". Denn das Brüsseler Komitee habe in seinen Statuten einen Paragraphen, wonach nur Sozialisten, Anhänger der IL Internationale, in dieses eintreten. Hier aber, bei den Ligen, sei die Sache ganz anders. Und er, Adler, schlage vor, ihnen nicht beizutreten. Der Vorschlag Adlers war, wie gesagt, ganz unerwartet, besonders für den Vertreter des Weltverbandes Poale Zion, Herrn J a h r b 1 u m, der an der Sitzung der Exekutive teilnahm. Jahrblum trat mit einem scharfen Protest hervor; zunächst dagegen, daß man ihn vor eine vollendete Tatsache gestellt habe, protestierte also gegen die Prozedur der Behandlung dieses Punktes. Hätte er es früher gewußt, würde er ein Memorandum über diese Angelegenheit zeitgerecht beigestellt haben. Jahrblum fand es aber für angebracht, sogleich an Ort und Stelle die Anwesenden mit dem Charakter der Ligen vertraut zu machen. Er wies darauf hin, daß die Ligen auf Initiative der Histadruth (Vereinigung der palästinensichen Arbeiterschaft) geschaffen worden seien und daß es taktisch verfehlt sei, ein von einer Bruder-Arbeiterpartei geschaffenes Werk zu zerstören. Bei den Ligen sei die Hauptsache das von ihnen gesteckte Ziel, nämlich die Unterstützung der Arbeiter in Palästina. Nur diejenigen, welche für diese Unterstützungen sind, können Mitglieder dieser Ligen sein. Jahrblum schlug deshalb vor, die Angelegenheit von der Tagesordnung abzusetzen und sie der nächsten Exekutivsitzung zur Behandlung zu überlassen. Er werde zum bestimmten Termin ein Memorandum einreichen, das volle Aufklärung über die Sache bringen werde. A b r a m owitsch, der Vertreter des „Bund" nahm an der Diskussion keinen Anteil. Er legte nur Jahrblum nahe, gleichzeitig, auch Material über die Jewish Agency beizustellen, was Jahrblum zusagte. Der Amerikaner Hilquith unterstützte Jahrblum, indem er erklärte, daß er, obwohl kein Zionist, die Stimmung seiner Genossen in Amerika kenne, die die Arbeiterschaft Palästinas unterstützten. Auch Vandervelde war für die Verschiebung der Diskussion. Als Gegner trat Diamant hervor. Für ihn ist der Zionismus in allen seinen Formen eine reaktionäre Bewegung. Man dürfe mit den Ligen nichts gemein haben, sich an ihnen nicht beteiligen. Dann ergriff wieder Friedrich Adler das Wort und bat, die Exekutive nicht vor fertige Tatsachen zu stellen, d. h. noch vor dem Weltkongreß der Ligen für das arbeitende Palästina das Material zu liefern. Er sei vor der Züricher Versammlung auf der Berliner vorbereitenden Konferenz für den Weltkongreß der Ligen gewesen und habe sich dort überzeugt, daß die Angelegenheit von Ernst und Bedeutung sei. Man bereite in der Tat eine Vereinigung aller mit der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas sympathisierenden Kräfte vor. Es wurde schließlich der Beschluß gefaßt, die Angelegenheit auf der nächsten Sitzung der Exekutive zu entscheiden. Nichtsdestoweniger erschien am nächsten Tag in den Züricher Blättern ein Kommuniquee, wo die Sache so dargestellt wurde, als hätte man bis dahin den Eintritt in die Ligen untersagt. Das entspricht nicht den Tatsachen, da die Unterstützung der Ligen allen Mitgliedern der Internationale freigestellt ist. Seitens Jahrblum erfolgte eine Berichtigung, die Friedrich Adler in das offizielle Bulletin aufzunehmen sich einverstanden erklärte. Damit war der Angriff gegen den Zionismus in der Exekutive erledigt. Einstweilen nämlich. * Dieser Vorfall hat s e i n e Vo r ge s cji i c h t e. Es zeigt sich, daß ursprünglich der Plan bestand, die Frage im Büro zu behandeln, wo es keinen Vertreter der Poale Zion gibt, wo es also ein Leichtes gewesen wäre, den Zionismus zu „begraben". Es zeigt sich aber auch, daß der Kampf gegen die Zionisten auf anderen Fronten geführt wurde. Man interpellierte wegen des Auftretens Vanderveldes in Warschau, der öffentlich prozionistisch gesprochen, die sozialistische Arbeiterschaft kompromitiert und den Kampf der polnischen Sozialisten gegen die zionistische Reaktion erschwert habe. Und noch bevor der Zionistenkongreß begann, versuchten jüdische Sozialisten den Züricher Bürgermeister von der Begrüßung des Kongresses abzubringen. Die Motivierung war dieselbe: Der Bürgermeister sei ein Sozialdemokratwas habe er also mit den jüdischen Nationalisten zu, schaffen? Das Spiel gelang nicht. Der Bürgermeister ist nicht nur ein Sozialist, sondern auch der Repräsentant der. Stadt Zürich. Und es wäre in der Tat eine Geste -zweifelhafter: Gastfreundschaft gewesen, wenn er nicht vor dem Zionistenkongreß erschienen wäre.; Er ist erschienen und hat : eine warme Begrüßungsrede gehalten. (Wir erinnern an seinen <. Wiener {(Kollegen, Bürgermeister Karl Seitz, der;dujrch <die;iEtfMärang,• der Zionisten^ kongreß sei : eine klerikale Versammlung, .diese Geste zweifelhafter Gastfreundschaft im ,August 1925 geübt hat. Anni. d, Red.) , .. .. (Hajnt.) Das jüdische Studentenproblem und das Weltstudentenwerk. Von JosefFrankel. Vom 30. Juli' 'bis 7. August hat an Krems die 8.' Weltkontferenz der International'Student 'Service stattgefunden. . Unter (den Internationalen Studentenverbänden spielt das Weltstudenteniwerk (International Student Service, I. S.S.) im Hoohschulleiben-eine hervorragende und' entscheidende Rolle. Im Jahr© J920 gegründet und mehr als vierzig Länder gehören ihm' schon an. Hunderttausende Mitglieder zählt es. Das Weltstudentenwenk, die I. S. S., ist bestrebt,' die Not der studentischen Kreise durch Selbsthilfe zu lindern, kooperative Betriebe, Gesundheitsdienst, Freundsohafts- und Gastdienst gegenüber fremden St-udenten, finanzielle Einzelh^fe, Errichtung von Studen-. tenhäusern, Regelung von Berufe! ragen, studentische Werkarbeit (bilden einen Teil des sozialen Arbeitsfeldes dieser Organisation. , . ' Nicht weniger reich ist die Tätigkeit auf kulturellem Gebiet: „Durch Tagungen, Verö'ffentliichungen und vor allem.in der .praktischen Arbeit das Bewußtsein der Notwendigkeit des gegenseitigen VerStehens der Studenten der Welt als Glieder derselben Gemeinschaft des ..Lernens und der Forschung und als Träger des kulturellen und Brüder Schiffmarih, II,, Taboretr. 48. Unsere am 20. d. M. eröffnete Kleiderschwemme haben wir wegen des so großen Zuspruches um weitere acht Tage verlängert. Unerreichtes wird geboten, die besten Qualitäten, in modernster Fasson gearbeitet,, wejrden zu Preisen abgegeben, die Wien noch nie geboten. Einige Beispiele ' Fesches Waschkleid S1.90 Voilekleid, schick gemacht S 2.90 dasselbe in Marocaine S 3.90 Ripsleinen, die nette Sportbekleidung S 4.90 K. Seide, Compose S 5.90 gesticktes Kashakleid S 8.90 ein praktischer Mantel zum täglichen Gebrauch S 9.80 Reizende Schlafröcke aus diversen Sommerstoffen aller Arten S 4.90, 5.90, 6.90. Da ivir das gesamte S o mm er 1 a g e r räumen müssen, sind wir gezwungen, diese uner- und freuen uns, wenn Sie die Gelegenheit benützen werden* sich fesch und dennoch billig zu BEKLEIDEN. b i sozialen Fortschrittes zu stärken. Vorurteile, Haß, Mißtrauen, eingeimpften Aibscheu und erzogenen Widerwillen zwischen weißer, schwarzer und gelber Rasse, zwischen Liberalen, Sozialisten und Konservativen, zwischen Slawen, Semiten, Ariern und Mongolen zu beseitigen und sie einander näherzubringen. Die Trennungen niederzureißen, uns den Wert nicht nur unserer eigenen, sondern aller kulturellen Traditionen zu zeigen und uns zu lehren, sie alle als wertvolle Beiträge zum großen Ganzen und nicht als Ausgangspunkt für Streit und Haß zu betrachten." Minister Albert Dufour-Feronce, Vize- Generalsckrctär des Völkerbundes, zog eine Parallele zwischen Völkerbund und I. S. S. Der Völkerbund hat es sich zum Ziele gesetzt, für ein friedliches Zusammenwirken der Völ'ker zu arbeiten und die hiezu nötigen organisatorischen und ideellen Voraussetzungen zu schaffen oder zu verstärken. Die I. S. S. hat in dem gleichen Sinne der Verständigung und des friedlichen Zusammenwirkens zwischen den Völkern von Anfang an gearbeitet und durch den Weg der Selbsthilfe ist sie berufen, die in den Völkern liegenden sozialen Spannungen zu überbrücken. Zu den wichtigsten Spannungen, Arbeitsgebieten der I. S. S. gehört das jüdische Problem an den Universitäten. Professoren, Studenterj, die Oeffentlichkeit fast aller Länder sind mit diesem Problem beschäftigt. Meinungsverschiedenheiten bestehen in den verschie-. denen Kreisen, dies um so eher, als bisher jede Gruppe nur für sich das Problem erörterte. Es gab (kein Parlament, keine Konferenz, wo beide Gruppen —- die jüdische und antisemitische — gemeinsam au einem Tisch' offen und ehrlich die Frage zu behandeln und zu lösen versuchten. Die Klärung der Frage wurde zwar schon oft von bedeutenden Männern und wissenschaftlichen Gruppen itnternommen, aber vergebens, höchstwahrscheinlich, weil der ehrliche Wille, das reine Wollen (bei beiden Gruben), gemeinsam das Problem zu lösen, fehlte. Mag sein, daß hier und dort der Antisemitismus gemäßigt wurde, scharfgezogene Grenzen für kurze Zeit erhielt, aber niemals ist es gelungen, dieses Uebel ganz zu heilen, aus der Welt zu schaffen. Oft glaubte man, daß an einer Universität oder in einem Laude durch jahrelange Arbeit, durch Propaganda mit logischen Argumenten der Antisemitismus verschwunden sei, aber plötzlich unbemerkt, instinktiv erscheint,' er wiederum in aller Schärfe und mit ungeahnter Wucht und zertrümmert eine jahrelange jahrzehntelange, mühselige Arbeit. Als eine Leidenschaft mit Varianten Formen stürzt er hervor, verschwindet und taucht dann in anderer Kleidung mit frischer Kraft auf. Die Einschränkungen ^- als Folge des Antisemitismus — für jüdische Studenten an den Universitäten sind verschieden, je nach der Mentalität des Antisemitismus eines Landes: Die offizielle, gesetzliche Art in wenigen Ländern, die nichtoffizielle in mehreren, die beschränkte Aufnahme an bestimmten Fakultäten an sehr vielen Universitäten. Hiezu kommt noch, daß nebst Einschränkungen die jüdischen Studenten oft überfallen, Krawallszenen inszeniert werden und daß der jüdische Student nach dem Studium beim Beginn der Berufstätigkeit auf große Schwierigkeiten stößt. Anfangs 1929 versammelten sich im Schloß zu Bier vi He in der Nähe von Baris, welches von einem französischen Abgeordneten der „.Republikanischen Jugend", einer pazifistischen Jugendbewegung, geschenkt wurde, jüdische und antisemitische Studenten, um das jüdische Probleni an den Universitäten zu behandeln. An dieser ersten Tagung zu Bienville (über die seinerzeit in der „Neuen Welt" berichtet wurde), nahmen die Führer der antisemitischen und der jüdischen Studenten Deutschlands, Amerikas, Englands, Frankreichs, Oesterreichs, Polens, Rumäniens usw. teil und es galt, besonders die Ursachen des Antisemitismus und die Quölle seines Entstehens fe&tzustellen. Nicht nach. Büchern, •Veröffentlichungen für oder gegen den Antisemitismus, vielmehr nach eigener Erkenntnis dieser Erscheinung wurde Frage und Antwort diskutiert. Die Debatte zeigt gewöhnlich, daß die Antisemiten eine grobe Unkenntnis der Lage der Juden, eine Unwissenheit der jüdischen Struktur besitzen. Judenmärohen, Sagen vom Mittelalter, Verleumdungen — das sind meistens die Argumente der antisemitischen Akademiker. Zuerst sucht der antisemitische Vertreter der Konferenz klar eu machen, daß die Juden in sinem Lande keine Beschränkungen kennen, ja sie genießen sogar größere Rechte als die 'Landesangehörigen. Und nun kommen Ziffern, Statistiken, Dokumente — entweder aus den „Weisen von Zion" oder neugeschaffene Dokumente, die man mit ruhigem Gewissen diesem Buche 'beischließen könnte. Numerus clausus — fragt schüchtern, naiv ein Antisemit ■—• was ist das? Nein, das existiert nicht an den Uini/verslität seines Landes! Und wenn hunderte jüdische Studenten aus seinem Land auswandern, um eine andere Universität aufzusuchen, so geschieht dies nur zum Vergnügen', da die Juden ,/gerne" wandern. Nach dieser Einleitung kömmt gewöhnlich folgendes: Die Juden können keine zweckentsprechende Profession ergreifen, da sie nicht Bürger sind, sondern ein Provisorium von Halbbürgerin und Halbausländern. Uebrigens r—> meint der Vertreter der r u rnä n d s c h e n Studenten —; ist das jüdische Problem kein ökonomisches Problem, sondern ein Problem des Verhältnisses des Juden zu seinem Gott; es liegt Blut zwischen uns. Und dieses Blut ist das Blut Jesu Ghristi. Aus diesem Grunde gabt es in dieser Welt keine Versöhnung, höchstens — auf der anderen. Die Juden sind Kommunisten, Freunde Rußlands. Sie sind Verräter! Deserteure. LQder: Die Juden sind die Pionier*