Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 100 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 droschen BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweix und die übrigen Länder ■ monatlich. Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—& Telephon: A2S-2-82 -" Erscheint jeden Freitag ......I Jahrgang 3 Freitag, den 16. August 1929 Nr. 100 . Die neue Jewish Agency, Der XVL Zionisienkoi|gre6 geschlossen« Das Bild hinter der Leinwand. —y. Der 16. Zionistenkongreß ist vorbei. An seine Schlußsitzung reihte sich sofort-die Eröffnung der neuen Agency, deren Tagung Weizmann ais einen historischen Tag begrüßte. Sein Kollege in der Exekutive, Herr S o k o 1 o w., war etwas skeptischer und meinte, man müsse es schon der Geschichte überlassen, ob dieser Tag einmal als ein historischer werde gelten können. Immerhin war es historisch, daß der eröffnende Präsident den Namen Herzls nicht erwähnte-; historisch war es auch, daß Herzls Bild hinter errief " . Leinwand verborgen blieb. Der Subalterne, der das Technische vorzubereiten hatte, wußte wohl genau, weshalb dies geschah. Er kangte die Sti^maung, die den'Schatten des Riesen t^%^iti^*m^i die sich Während 'des Kongresses oft'.genug geäußert hatte. Die Schöpfung Herzls, der Kongreß, wurde vom ersten Augenblick an. degradiert uftd im Niveau gedrückt. Es war gar kein Kongreß, sondern nur eine Vorkonferenz. Keine Versammlung voll Kraft und entschlußfroher Kritik, keine Tagung freier Delegierter, die den Willen der Nation zu bilden, zu schulen, z>i vertreten haben. So oft sich ein Ansatz zeigte, die Kritik in feste Beschlüsse zu verwandeln, erschien ein Bote der Leitung ,.und legte Eins,p r u ch ein; man dürfe nichts b e s c h 1 i eßen," weil man doch der; neuen Agency nicht vorgreifen könne, immer stand Herr i.Märshall hinter der Szene. Man sucht vergebend« nach einem positiven Ergebnis des Kongresses. Er hat abgestimmt, angenommen, gewählt. Alles so, wie es vorher im hohen Rat bestimmt war. *Die Reden, die gehalten -wurden, entsprachen allerdings nicH't den Besch'lüs- •sen. Es ist doch ein sonderbares. Bild, diese Versammlung, die nach den Reden-zu urteilen, fast zur Gänze oppositionell war . und die dann nach mehr als zwei Wochen durch Abstimmungen gepeitscht wurde, in denen alles beschlossen wird, was vorrher bekämpft'worden war. Diese Diskrepanz war 'beabsichtigt. Die Leitung der Organisation, die seit Jahren' keine Gelegenheit vorübergehen läßt, der ^Organisation und dem Kongreß ihre Mißachtung zu 'zfeigen, hat diesmal sich selbst "über troffen und hat 'srirgsam darüber gewacht, daß nichts geschehe, was "den: kommenden Männern irgendwie gegen den;Strich* geht.'. Diese' Kommenden, offene . Gegner des ' nationalen Bekenntnisses und des - nationalen Zieles, erhalten so ' von vornherein ein Urteil über die : Zaristische Organisation fertig ins Haus, geliefert, ' erif'Urteil, das die Amtswalter des Zionismus selbst angefertigt haben. W a s können s i c h M a r s h a 11 1 und/'die S'einen" voin Kongreß denken? '• Daß-er eben nicht-anders ist, als ihn Weizmann .dar- stellt;'daß er-keine andere Behandlung-.verdient, als ' die\jh;m die Beamten: des Herrn Weiz-mann haben - angedeihen lassen' und" die sich der Kongreß hat ' bieten1 lassen' '"; /;Dier '»Kongreß hat ■ schließlich nach tausend Krisen ^imd- Krämpfen sein'Pensum' vollendet. Er hat das rßüdget beschlossen, ohne über die Deckung , Sicheres zu wissen und - er hat die Exekutive gewählt. Eine Koalitionsex;ekutive,: die auch die Wünschender Flügelgruppen berücksichtigt und so das hü'bsche Teil-Wort -von der^Einigkeit darstellt.. Für den Augenblick wenigstens. Die organische Schwäche ist damit nicht gebannt. Der Kongreß und der Zionismus waren ja gleich, bei Beginn von Herrn Weizmann selbst als eine Gesellschaft ohnmächtiger Elemente bezeichnet worden. Gegen England kann der Zionismus nichts unternehmen, vor den S o w j e t b r u t a 1 i t ä t e n muß er kapitulieren, ohne die Nichtzionisten;' kann er das Aufbauwerk nicht fortsetzen. In der Eröffnungssitzung der neuen Agency allerdings dementierten Einstein und Ussischkinrecht kräftig den zionistischen Führer. Einst e.i n dankte der tapferen '.und begeisterten Minorität derer, die sich Zionisten nennen, für ihren Kampf;'ttm die Solidarität des Judentums (als deren Ausdruck dem Gelehrten diese neue Agency erscheint)und; Ussischkin rechnete Vor, was die Ziorastey;'.iii^,dfe-f-Ehe mitbringen. Was die andere Seite zu gelDen^hat, ist einstweilen außer Gutachten, Beamtenernenn^ungen -und schönen : Atr tinghausen-Sentenzen noch eiri 'grojßes Fragezeichen. Das hat der KongreßWiw$$M$ßi<er hat trotzdem die Erstgeburt .verkauft. Das Linsengericht . steht noch aus. Dieser Kongreß hat noch ein Budget beschlossen. Der nächste wird das nicht mehr können. Man hat den 16. Kongreß als den letzten Kongreß bezeichnet. Das ist insofern bereits unrichtig, als ja auch dieser Kongreß schon keiner mehr war, keine Versammlung, wie sie Herzl gedacht und geschaffen hatte. Aber. es ist jetzt für a 11 e Zionisten, die an Herzl, am nationalen Judentum, am G&lanken des freien Judenstaates, des großen, freien jüdischen Volkes festhalten, notwendige Pflicht, den neuen, a 11 e n Zionismus aufzubauen und die Kongreß-11 tribüne wieder aufzurichten. Es werden ändere Zeiten kommen und es wird wieder ein Kongreß erstehen müssen, auf dem freie Männer beraten und beschließen werden, wie.das das Volk, das verlassene, verlachte .judische Volk verlangt.; Jewisljh, Ägeüey för Palestme* Die konstituierende Sitzung» Von unserem L. W.-Berichterstatter. Zürich, am 11. August 1929. Heute nachmittags wurde das seit fast sieben Jahren vorbereitete. Ereignis, um das auf dem heute frühbeendeten Zionistenkongreß noch gekämpft wurde, zur Tatsache. Der große Saal der Tonhalle wart bis auf das letzte Plätzchen gefüllt, fast 4000 Menschen waren erschienen. Auf der Estrade die zionistische Exekutive, vom letzten Kongreß in der Zahl so ausgiebig vergrößert, die Leiter der Fonds, die führenden Männer der Nichtzionisten, u. ä. Louis Marshai, Herbert Samuel, Felix M. Warburg, Oskar Wassermann, Leon Blum, Sclialom Asch. Knapp nach 5 Uhr eröffnet Chaim Weizmann die Tagung. Eins t e i n, Wassermann und Ussischkin sprechen das Beste in »dieser Sitzung. Weizmann hatte in seiner Rede Herzlnicht genannt. Im Saale war Herzls Bild nicht zu sehen. Man sagt, daß es über Auftrag eines Mitgliedes der zionistischen Exekutive entfernt wurde, andere behaupten, daß es sich unter einer Leihwand . befand. Als E i n s t e i n Herzls als des Mannes gedachte, der dem jüdischen Volke den Weg zeigte, da erhob sich der ganze Saal. Es war nicht nur eine Ehrung Herzls,... es war eine Demonstration für den, den man vergessen hatte. Einstein fand; es auch notwendig, die Bedeutung der Zionisten als „t ä pferer und b e g e isterter Minorität" hervorzuheben. Daß Ussischkin das Wort ergriff, war nicht vorhergesehen. Er erhielt es, bevor Sokolow als Letzter sprach. Er sagte das Wichtigste: „Wir bringen euch" — führte er zu den Nichtzionisten gewendet aus — „die Balfour-Deklaratipn, die Chaluzbewegung, über eine « Million Dunam jüdischen Bodens, 100 jüdische Kolonien, die lebendige hebräische Sprache, die hebräische. Universität, den jüdischen Enthusiasmus! Schaffet aus. Palästina Erez Israel, bauet schnell!" Es war eine Anspielung auf die bekannte Rede fylarshalls, als Ussischkin mit dem Wunsche schloß, daß man so schnell bauen soll, damit auch die mit grau e n tfaären im P r ä s i d i ü m e r 1 e b e n, daß Pa-- lästina wiederum Erez Israel geworden ist. ' Oskar Wassermann war bemüht, beiden Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen, sind durch sin beigefügtes JS feezeicJ^et, .,___________ Teilen gerecht zu werden. Nicht nur diejenigen — führte er aus — die, auf dem Zionistenkongreß gegen die Erweiterung der Jewish Agency waren, aber wahrscheinlich auch ein bedeutender Teil jener, welche dafür stimmten, hätte das „Commercium dem Connubium" vorgezogen. Der Council soll Zeugnis ablegen für die Einheit des Judentums und der Judenheit. Er soll nicht über dem Jischuw, nicht nur für den Jischuw, aber mit dem Jischuw arbeiten, der Subjekt und nicht Objekt der Geschehnisse werden soll, wie die Juden überhaupt durch den Palästina-Auf bau zum ersten Male wieder Subjekt ihrer eigenen Geschichte geworden sind. Man hat schon glücklichere Und gelungenere Reden von M a r s h a 11 vernommen als die heutige. Der dreiundsiebzig jährige Führer der amerikanischen Juden hat ein Organ, das sich für die in ihrer Akustik so schlechte . Tonhalle als zu stark erwies, seine Stimme überschlug sich oft. Die Form, die Schalq waren rauh, der Inhalt der bekannte: praki tische Arbeit. Bei Herbert Samuel und Lord M e I p K e 11 ergab sich eine verschiedene Auffassung der politischen Lage in Palästina. Sokolow betonte, daß die Zionisten mit Herzl in den Council kommen, wies auf die Notwendigkeit des Geistigen und des Idealismus hin. Weizmann nannte in der Eröffnung den Tag einen historischen. Sokolow meinte, daß man das nie selbst tun darf; es wird vielleicht ein historischer sein, aber das soll die Geschichte entscheiden. Aeußerlich gab die Sitzung ein Bild eines geeinten Judentums im Zeichen Palästinas, Morgen soll die eigentliche Arbeit beginnen. Der Verlauf der Eröffnungssitzung. | ' Zürich, 11; Äug/usf. _1 Der Präsident der Zionis'tiaohen Weltorganisation Dr. Wieizfliann eröffnet, zuerst in hebräischer Sprache, die Tagung und'begrüßt im Namen der Zionistischen Or» ganisjation die. Freunde, die von Nah und Fern gekommen sind, um an der konstituierenden Sitzung des Councils der erweiterten Jewish Agency teilzunehmen. Der Aufbau Palästinas, so führt Dr. Weizmann aus, ist nicht das Mo* nop.cj. irgend eines. Teiles der Juden, sondern das gemein»: