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Die neue Welt · 1929-08-09 · Heft 99 (9.8.1929) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 99 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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|f Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 99 Bernhard Baron, der große Philanthrop, gestorben. Am Morgen des 2. August ist in B r i g h t o n nach kurzer Krankheit Herr Bernhard Baron, der große jüdische Philanthrop, kn Alter von 78 Jahren gestorben. Bernhard Baron war 1850 in Rostow am Don ge boren. Er arbeitete später in Amerika als Zigarettenarbeiter in der gleichen Werkstatt mit dem späteren Führer der amerikanischen Gewerkschaften, Samuel Gompers. Er er fand eine Zigarettenfabrikationsmasehine und erwarb später die große englische Zigarettenfabrik Carreras Ltd Einer der reichsten Männer Englands geworden, blieb er dem Arbeiterstande treu. Enge Freundschaft verband ihn mit den Führern der englischen Arbeiterschaft Macdonald und Heiiderson. Seine Berufung ins Herrenhaus wurde er wartet. Er wendete Riesenbeträge der allgemeinen und der jüdischen Fürsorge zu und leistete auch namhafte Spenden für Keren Hajessod. Seine Zuwendungen be laufen sich auf w e i t ' m e h r als eine Million Pfund. Aus London wird gemeldet, daß der vorige Woche verstorbene Tabakkönig Bernhard Baron eine Million Pfund für wohltätige Zwecke hinterließ, ein Fünftel davon für jüdische Institute, namentlich ein Waisenhaus. Testamentsvollstrecker ist Lord Reading, der ehemalige Vizekönig Indiens. Gestern wurde Baron eingeäschert. Das Lüneburger Attentat. Hakenkreuzbombe gegen die Villa eines jüdischen Rechtsanwaltes. Wie das „Berliner Tageblatt" aus Lüneburg mitteilt, beginnen die Motive, die zu dem Bombenattentat gegen die Villa des Vorsitzenden des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. S t r a u s, jetzt deutlich zu werden. Gewisse Mifistimmigkeiten, die gegen Dr. Straus in bestimmten Kreisen der Bevölkerung bestehen, resultieren aus anderen, alj^?dings ebenfalls politischen Ursachen. Die Synagoge von Lüneburg ist im Laufe der letzten drei Jahre zweimal von B u b c n h ä nden besudelt worden. Beide Male waren die Täter führende Angehörige der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei. In den Prozessen, die gegen die Uebeltäter geführt wurden, hat Dr. Straus die Interessen der Jüdischen Gemeinde von Lüneburg als Nebenkläger vertreten. Dazu kommt folgendes: Die Landeskrankenkassc (Von Lüneburg hat Dr. Straus zu ihrem Syndikus gewählt. Gewisse bäuerliche Arbeitgeber aus der Umgebung von Lünebürg sind (diese Fälle sollen sich in der letzten Zeit gehäuft haben) ihren finanziellen Verpflichtungen gegen die Kasse nur noch ungern nachgekommen. Dr. Straus hat die Kasse gegen die säximigen Zahler vertreten. Von der gegnerischen Seite Wird behauptet, daß er dabei ziemlich schroff zu Werke gegangen sei. Man folgert nun, und diese Folgerung ist auf, Grund der bis jetzt festgestellten Tatsachen nicht unberechtigt, daß die Attentate auf keinen Fall einer spontanen Mißstimmung gegen Dr. Straus und die Krankenkasse entsprangen, sondern vielmehr der Agitation für den Ludendorffschen Tannenberg- Bund und die Nationalsozialistische Arbeiterpartei dienen sollten. Man wollte der ländlichen Bevölkerung, einen handgreiflichen Beweis für seine politische Aktivität geben und in diesen handgreiflichen Beweis eine Person einbeziehen, die darum im Augenblick unpopulär ist, weil sie die ländliche Bevölkerung an ihre sozialen Pflichten erinnert hat. Ausnahmegesetz gegen die Juden in Hannöver. Die „Jüdische liberale Zeitung" weist auf einen Aufsatz des „Dortmunder General-Anzeigers" , hin, in welchem festgestellt wird, daß eine merkwürdige Sorte von Polizeiverordnungen im Hannoverschen noch in Kraft sind, da man vergessen hatte, sie außer Kraft zu setzen. Die1 Gesetzestexte beginnen mit den Worten: „Ernst August von Gottes Gnaden König'von Hannover, königlicher Provinz von Großbritannien, Herzog von Cumberland, Herzog von Braunschweig und Lüneburg." Die Themen» mit denen sich die großbritannischen Prinzen in Hannover zu befassen hatten, sind höchst mannigfaltig. Da haben sie zum Beispiel 1842 eine Juden- V e * o r d n u n g erlassen, die gleichfalls heute noch in Kraft ist. Ausländische Juden sollen zur Niederlassung im Königreich nicht zugelassen werden, In-, ländische Juden dürfen eine ausländische (also damals auch eine preußische!) Jüdin nicht heiraten. „Hat dieselbe aber schon Kinder, und wird nicht etwa eine Bescheinigung der Obrigkeit ihrer Heimatbehörde beigebracht, daß/ sie* dort jederzeit wieder aufgenommen werden sojle; so können ausländische Jüdinnen nicht anders als jjgph vorgängiger nur ausnahmsweise zu erteilender Erlaubnis des Ministers aufgenommen werde«." „Nur in einem stehen die Juden »den Christen wirklich gleich, Si78; „Heimatlose Juden sind den heimatlosen Qbrjsten gleich zu behandeln/ : > WOMMMMPPMMIMMMP^^ Wegen Platzmangels entfällt diesmal die Fortsetzung des Romans »Die Komödianten*^ Die Juden in Hamburg« Die jüdische Bevölkerung älter als die Gesamt« bevölkerung. In Hamburg gibt es nach der Volkszählung von 1925 19.904 Juden und 60:533 Katholiiken. In der absoluten Zahl der Juden steht Hamburg nach Berlin und Frankfurt an dritter Stelle, prozentuell aber an elfter, und der Be standteil der jüdischen Bevölkerung liegt in Hamburg mit 1,73 Prozent unter dem Durchschnitt der deutschen Großstädte. Im Vergleich mit manchen anderen außereuropäischen Großstädten ist der Anteil der jüdischen Bevölke rung in Hamburg gering. In Warschau ist etwa der dritte Teil, in Budapest der vierte, in Wien und Amsterdam un gefähr der zehnte Teil jüdisch. Auffallend niedrig ist et hingegen in den nordischen Ländern; Kopenhagen und Stockholm haben */a bis 1 Prozent, Oslo gar nur V« Prozent Jüdischer Bevölkerung. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die katholische und Jüdische Konfession in Hamburg eine verschiedene zahlenmäßige Entwicklung durchgemacht. Der Anteil der KatihoHike.it an der Ges-amtbevolkerung hat fast, immer unaufhaltsam zugenommen, während der Anteil der Juden ununterbrochen gesunken ist. Im Jahre 1866 gafb es in Hamburg 4,46 Prozent Juden, 1925 nur noch 1,73 Prozent. Hingegenist der Anteil der. Katholiken in dieser-Zeit von 1,92 Prozent auf 5,25 Prozent gestiegen. Seit Ausbruch des Krieges ist bei den Juden die Zuwanderung nach Hamburg etwas größer gewesen. Der sechste Teil alier zugewanderten Juden ist aus dem Osten, aus Rußland, den Ostseeprovinzen und Polen - gekommen, der zehnte Teil der zugewanderten Juden hatte seinen Vor- 'kri'&gswofhnsite in Berlin. Die katholische Bevölkerung ist im Durchschnitt jünger, die jüdische Bevölkerung im Durchschnitt älter als die hamiburgische Gesamtbevölkerung. Bei der Betracht'ung des Familienstandes ergibt *sich, daß die Scheidungszahlen 'bei den Juden unter, bei den Katholiken über dem ihamlburgischen Durchschnitt liegen. Das jüdische Gemeindegesetz in Rumänien. Protest des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Das Präsidium des amerikanisch-jüdischen Kongresses machte dem rumänischen Gesandteir in den Vereinigten Staaten die Mitteilung, daß der Kongreß hinter den Fuhrern des rumänischen Judentums bei ihrer Protestaktion gegen das Regierungsgesetz über die Organisation der jüdischen Gemeinden , steht .vjund daß t es auf die Juden Amerikas einen' schlech-ten Eindruck' 'gemacht hat, daß die Regierung es^.unternommen hat, gegen d en Willen der 1 egitimierfen Führer der jüdischen Bevölkerung den Gemeinden ein Gesetz auf* zuzwingen, das geeignet ist, ihr Gefüge zu zerstören! ■ ' ■ * ' . Antwort der rumänischen Regierung. Der Gesandtschaftsrat der rumänischen Gesandt« schaffc in Washington 'I. Rosenthal veröffent* lichte ein Telegramm des Bükarester Auswärtigen ^mtes als Antwort auf die Proteste der Union rumänischer Juden in Amerika und des Amerikanisch*Jüdischen Kon» gresses. In dem Telegramm heißt es, das neue Gesetz bezwecke die Einrichtung eines Systems religiöser Freiheit, wie es in den Vereinigten Staaten schon be* steht, das Gesetz verletze kein religiöses Recht der Judep, sondern es sichere a 11' e n jüdischen Ku 11 eh die Freiheit zu, sich ihre eigenen Gemeinden einzurichten; andererseits nehme es den Juden, nicht die Möglichkeit, eine Einheitsgemeinde zu bilden. Dieses Gesetz sef von dem Verband der or thodoxen und sp a» niö'lisehen Gemeinden gefordert worden. In Bukarest hätten sich 16' Synagogen für das Gesetz aus» gesprochen. In dem Telegramm wird die' Ueberzeugüng ausgesprochen,* daß die amerikanischen Juden sich nach dieser^ Erklärung beruhigen werden, daß aber .die ■Re* gierung bereit sei, auf Wunsch noch weitere Ihfo'rriia* tipneni zu,geben. ,, . Aus Rußland. Pogrompropaganda in Buchara. Wie aus Taschkent mitgeteilt wird, hat).die jüdische Bevölkerung in S c'h a c h r i.s i a b s' in ^uchaja mehrere Tage* unter einer Pogrom-Panik gestanden, wo* bei d,ie lokale S o w i e t be h ö r d e n i c h ts;.,^«'f Ab wehr u n te r n o m m e n ha t. Frühere Beamte -des Emirs yon Buchara und Gutsbesitzer, deren Besitz d^rch die 'Sowjetbehörden konfisziert worden war, hetatgnv$fo Bevölkerung zu einem Pogrom gegen die JjidenT stuf. Schließlich wandten sich die Juden an die Kreisib>h^rde in Bek-Budi, die sofort die notwendigen Maßnahmen zur irjer» Stellung '«4er Ordnung ergriff und eine Anzahl de| Pqgrpni- Agitajoren verhaften ließ. Gegen die Leiter der Sowjet» behörde in Sohachrisiabs, die die Pogrom-Agitation cjuj» deten, wurde eine Untersuchung eingeleitet. Synagogen zu Fabriken umgebaut. AusMoskau, 1.Aug., meldet dieJ.T.A.;yntefiiflftin Motto „Gott ist bankrott" beschlossen die jüdisehe/« Koni rau nisten, der S^adt Wocniprfce $C$f TuH$$n®), ■ <Me Stadtsynagoge zu einer Fabrik umzubauen, Evist dies der erste Fall, daß eine Synagoge zu/ejfier- Wwfc iwwsümt wMl Bit-«#t«t ym^m^wtmi^k: der Regel in Bild/ungsklu'bs umgewandelt, seltener zu Wohnräumen umgebaut, In Witebsk wurde die sogenannte Zarefcscheier des Ortes in Bürohäuser für die neue Rayoniver waltung a r b e i t e r umgewandelt. An der Stelle der Thoraladewurde die Rote Fahne angebracht. In P i a t i g o r s k (Kreis Belozerkow) haben die Kommunisten beschlossen, das Befrhaus in ein Kulturhaus umzuwandeln. In Zlatopol (Kreis Zaporoschje), wo der zweite autonome Jüdische Rayon Anfang Oktober proklamiert werden soll, agitieren die Kommunisten dafür, daß einige Synagogen des Ortes in Büro-Häuser für die neue Räyonverwaltung umgewandelt werden sollen. Zu Tode gequält« Die Moskauer Zeitungen berichten: Die 'jüdische Geburtshelferin Rebekkah Lerner vom Hospital in D o 1 g o p o 1 e starb an Herzschlag, nachdem sie viele Monate hindurch als Jüdin seitens der Aerzte des Hospi* tals systematischen und unablässigen Verfolgungen aus« gesetzt war. Es wurde festgestellt, daß die Aerzte Mel* nikow und Skakunow und der Heilgehilfe Rumnok der Lerner keine ruhige Stunde ließen, sie fortwährend beschimpften und schwer bedrohten. Die Fresse, berichtet, daß die Aerzte auch an dem Tod eines greisen jüdischen Patienten die Schuld tragen. Gegen die Aerzte wurde das gerichtliche Verfahren eingeleitet. Kommunistische Friedhof- Schändung. „Revolution" in einem jüdischen Städtchen Rußlands. Aus Moskau meldet die J. T. A.: Die jüdische Be* völkerung des Städtchens Naroditschi (Kreis Korosten) versammelte sich am vergangenen Samstag vor dem'jüdischen Friedhof, der von Arbeitern freigelegt und umgegraben wurde, um einen Bauplatz für eine Kaserne der Soldaten der Roten Armee und eine Schule herzurichten. Männer, Frauen und Kin# der standen in stummem Protest da und sahen zu, wie man die Skelette ihrer Vorfahren ausgrub und zu Haufen schichtete. Plötzlich erschien die städtische Feuer« wehr und sandte ohne vorangegangene Warnung von verschiedenen Seiten Wasserstrahlen gegen die Menge, die nach allen Seiten zerstob. Gleich darauf verbreiteten sich Gerüchte, daß die jüdische Bevölkerung einen.„Aufstand" gegen die Sowjetmacht vorberei.fe, weil das Grab eines berühmten „Zaddik" freigelegt wurde. Es hieß ferner, daß die Judenschaft des Städtchens die Ermordung des Leiters der 'Ausgrabungen, der auch die Feuerwehr gegen die Menge herangezogen hat, vorbereitet habe. Zwei jüdische Kommunisten, Lusanski und Seidmann, wurden durch Beamte der G. P. U. verhaftet. Gegen die Organi« satoreh des „Aufstandes" wurde von der. Staatsanwalt* schaft ein Verfahren eingeleitet. Schließlich überzeugte man sich, daß an dem ganzen Gerede von einem jüdi» sehen Aufstand und einem Mordplan nichts Wahres sei; die Untersuchung wurde eingestellt und die Verhafteten Wurden freigelassen. Die Judenschaft des Städtchens for» (Jert die Bestrafung des Leiters der Ausgrabungen und des Vorsitzenden der lokalen kommunistischen Partei, die die Gerüchte in Umlauf gesetzt haben. Der „Lubawitscher Rebbe" in Jerusalem. Rabbi S c h n e e u rv s o h n, der berülwjjte ^Lubawitscher Rebbe", der in Rußland wegen seiner Arbeit zugunsten der JesGbiwoh hart verfolgt und längere Zeit in Haft behalten wurde, ist in Jerusalem eingetrprjen, um mit den Qberrabbinern von Palästina über eine Aktion gegen die Verfolgung der jüdischen RelJgion in der Sowjetunion zu beraten. Er begibt sich von iPalästina nach Amerika, um die notwendigen Fonds für die Erhaltung der Jeschiwoth aufzubringen. V '; i Amtliche Verlautbarung^» der Israelitischen Kultusgeipeinde. Zahl 5202 ex 1929. Stipendien für Krankenschweötern-Elqvinnen* Der Vorstand der Israelitischen Kt^tiTOm&tode Wien hat beschlossen, an judische FrequentfWlttnnen der. £ranikenpfie!gesohule der Oesterreichischen ^Gesellschaft Vom Roten Kreuz« «wei Stipendien ton Pejrape von Je S 1200 während des ersten LeMaihres und $>n Je S 600 jährend des »weiten und dritten (Uh%ft|p$ und dfei Stipendien im 'Betrage von je S 600 wahrem* des ersten lehilahres und von le S 3^0 während; <es;.^weiten und dritten Lehrjahres mr Verleihung m Die Frequentantä'nnen!; erhalten währen<J-der ganzen Ausbildungszeit freie Station in der Krantke^fjegeschu?e. Der Bezug des Stipendiums durch d]$ ^awze Aus-, ibildungszeit wird von den durch die vorscjfe^tsmäßJigen Prüfungen nachzuweisenden .guten l^rnerfol^ flibihämgjg gemacht. Die mit einem Stipendium Bedachten fyaben ^lcti?.u venptlicht«n, ate ^ejg,e^west«rn &n Snitftie oder in 4er Versorgungsanstalt der Israelitischen KuJtusgemehide durch niimdestens drei Jahre tätig m sein. Die Israelitische Kultu<§gemelnde Wifff," wirdsiöK unter noch näher be^a^t«uge1)en4«ö:^ BÄ»P?en v«r" plllchten, den mit &iiwm SUpendium Bedachten die den

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