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Die neue Welt · 1929-08-09 · Heft 99 (9.8.1929) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 99 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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r Seite S ¥ DIE NEUE WELT Nr. 99 Die Situation in Jerusalem« ]i Die Klagemauer soll durchbrochen werde», " " Nach den Schilderungen der paläsiünensischen Delegierten besteht derzeit die folgende Situation an der Klagemauer: Der historisch« Platz äst ganz eng von uraltem Mauerwerk des salomonischen Tempels und anschließend von arabischen Häusern umgeben. Die Häuser sind teilweise in das Mauerwerk des Tempels hin eingebaut,: teils grenzen sie daran. Hinter einem der Häuser- Hegt ein mohammedanischer Pilgerplatz; Dieses Haus soll min zum „Durchhaus" werden uwid soll Fenster bekommen, wodurch nicht bloß ein Teil der Tempelmauer durchbrochen, sondern auch ein ständiges Durchqueren des Platzes von dem Haus her und zu dem Haus erfolgen wird. Dieser „albgekürzte Weg" würde nun zur Omar-Moschee führen und würde die kürzeste Verbindung zwischen zwei von den mohammedanischen Pilgern ebensooft besuchten heiligen Stätten sein, wie der Tempelplatz von den Juden besucht Wird. Zu der, technischen..Schwierigkeit, die sich dadurch ergibt, tritt nun die Beleidigung der Juden. Bei dem Stellvertreter des Oberkommissärs, Mr. Look, fand dieser Tage-eine zweistündige Konferenz mit d,en Vertretern der Jerusalemer Judenschaft statt. Der (Vizekonwnlssär erMärte aber, daß die Palästänaregierung gegenwärtig den Befehl zur Einstellung, der baulichen Veränderungen nicht geben könne, w>edl sich die Entschei dungauf das Outachten der Kronijuristenstütze, dieprivatrechtlich die Befugnis der mohammedanischen Hausbesitzer zu baulichen Veränderungen auf eigenem Grund für gegeben erachten, ohne das Recht der Anrainer zu beachten. Der Vteekommlssar riet aber den Beschwerdeführern selbst, sich mit einer Berufung sofort an die Zentralregierung in London zu wenden, die allein seine Entscheidung aufheben könne. Erselbst: versprach, einstweilen mit allen Mitteln dafür zu sorgen, daß aus der Entscheidung keine Unruhen durch Belästigung der Beter und Pilger entstehen. Der Oberkommissär weiß von nichts. Aus' London wird gemeldet: Bei dem, hier Weilenden Ob'erkommissär Sir Chanceilor haben die Vertreter der englischen Judensohaft unter Führung der Zionistischen Organisation vorgesprochen. Der Oberkommissär wies darauf hin, daß sich während seiner Amtsperiode die wirtschaftliche Lage und die politischen Verhältnisse sehr gebessert haben, daß namentlich die Siclherheits verhält n i s s e nichts zu wünschen übrig lassen, und gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß die Situation sich wieder zum Besseren wenden wird. Einen amtlichen Bericht besitzt der Statthalter noch nicht, weshalb er sich nicht verbindlich äußern konnte. Der Bericht der Palästina-Exekutive. Von unserem Sonderberichterstatter. Zürich, 4. August. . '1 Nachdem (die deneralldebatte am Freitag mit der ßuff orderung S o k o 1 o w s geendet hatte, der moralischen Müdigkeit des jüdischen Volkes entgegenzuwirken und die Zahl der Schekelzahler zu erhöhen, nahm nach der Sabbatpause heute nachmittags der Kongreß in einer weiteren Plenarsitzung den Bericht der Exekutive über die Palästinaarbeit der Zionistischen Organisation sowie zwei Referate über die beiden großen Palästlnafohds, den Keren Hajessod (Aufbaufonds) und dem Keren Kajemeth, den Nationalfonds, entgegen. Der von Harry Sa eher erstattete Bericht der Palästina-Exekutive enthält viele interessante Einzelheiten; So ist der palästinensische Zolltarif mit der Richtung auf Schutz und Entwicklung der palästinensischen Industrie umgestaltet worden. D/ie Spezialfrage der Zoilb ©Ziehungen rMt Syrien wurde befriedigend gelöst. Es ist jedoch der Exekutive noch nicht gelungen, die Manidatsregierumg davon zu überzeugen, daß Industrie;und Handel in dem Tariff-ßoard vertreten sein müßten. In bezuig auf industrielle Kredite hat die Exekutive weder,die' Mittel noch die Absicht, die Politik der Kreditgewährung fortzusetzen. Es existiert eine große Anzahl .von Kredifinstitutionen, die jetzt auoh den Zinsfuß erheb- Hcb herabgesetzt haben. Die Spannung zwischen den jüdischen Kolonisten und den jüdischen Landarbeitern hat. nachgelassen.. Die Zahl der jüdischen Arbeiter auf dem Lande nimmt zu.; ,! Die Eisenbahnpolitik der englischen Regierung , erschöpft sich bis jetzt darin, den größtinögj( . liehen. Betrag aus, dem Eisenbahnverkehr zu; ziehen. T. Di© 'bestehendien Siedlungen vermochten die Palä'stina-'Exe'fcttüve aufrecht zu erhalten, und sie konnten einen kleinen'Schritt zu ihrer Konsolidierung machen; Der Bericht bezeichnet es als die dringlichste Aulgabe jder Organisation,. die bestehenden Siedlungen zu vollenden] ■ "■»'.! ..... ' . Öiese (Aufgabe .sollte, 'jeder Änderen vorangehen. Infolge;Üer M i fl e r n t ev standen: 'die Kolonisten vor der Unmöglichkeit, den Zehnten zu: zahlen.'. lieber die Grundfrage des Zinsfußes und der Zahkfg^ermine konnte bisher unter den Siedlern:keine Verständigung erreicht werden. Die Exekutive verlangt einen ^Zinsfuß von 21/» Prozent,die- Siedler bestehen auf einem Zinsfuß von 2 Prozent. Die Exekutive bedauert, daß eine Verständigung nicht, erzielt; iwurde; es sei „klar, daß keine neue Kolonisation stattfinden könne, bis diese Frage befriedigend gelöst sei. Zur Sanierung der Finanzen der Zionistischen Organisation bemerkt der Bericht, daß die Ausgalben sei* Jahren die Einnahmen überschritten. Schulden, vor allem schwebende Wechselscbulden, wurden angehäuft, der Kredit der Organisation war tief gesunken, die Lehrer- und Beamtengehälter waren viele Monate im Rückstand. Vor aläem wegen des Versagens der Zionisten In der ganzen Welt und besonders in Amerika bei Er* füUuag der übernommenen Verpflichtungen, konnte die Sanierung der Finanzen nlchü vollständig durchgeführt wepden. Dennoch wurden die Schulden erheblich ver« mindert» der Kredit der Exekutive wlederner« gestellt und bis zum, Monat 'Juni wurden die Rückstände Öer Gehälter nachgezahlt Es wird jedoch befürchtet, daß bei dem Fehlen entsprechender Einnahmen In den letzten Monaten des Jahres eine Wendung zum Schlechteren eintreten wird. Die Exekutive klagt darüber, daß ihre Beziehungen »zum N a t I on a 1 f o nds. sieht die besten seien, Nach Ansicht der Exekutive ist der. Keren K.ajemetfh ein Bodeokauf. instruraent für die Zwecke, der Kolonisation, und die Landkauftätlgkeit muß in Uebereinstimmung mit den KolonisaiioBSpl'änen der,Exekutive vor sich gehen. Der NationaJfonds gehe aber so weit, das Recht der Exekutive, Kolonisationsfragen zu entscheiden, in Zweifel zu ziehen. Der Kongreß dürfe ein weiteres Andauern dieses. Zustandes' nicht gestatten. Im üeitzten Jahr ist es gelungen, zunächst 600, und dann weiter 2400 Einwanderuingszertifikate zu erhalten. . Ueber. Aufgaben und Arbeitsprogramm des Keren Hajessod berichtet Dr. Arthur Haut k e. Er erklärte die aktive Mitarbeit am Aufb^ufonds als eine Hauptaufgabe der künftigen erweiterten Jewish Agenco. Trotz der ungünstigen Lage des Kapitalmarktes müsse auch die Aufnahme einer langfristigen Anleihe versucht werden. Die Gelder seien künftig in erster Linie für die landwirtschaftliche Kolonisation zu 'verwenden (die Sanierung jedes neuen Kolonisten aui neuem Boden erfordert 1200 Pfund Sterling). Im Laufe der letzten zwei Jahre hat der Aufbaufonds eine NeitWinnahme von 858.000 Sterling gehabt. ' " Die Einkünfte des Nationalfonds betrugen, wie U ssis ehk3nf berichtete, in der gleichen Zeit '550.000 Sterling. Sehr viel hat Kanada gegeben; ein Fortschritt wurde jedoch nicht erreicht. Der Bodenbesitz dies jüdischen Volkes in Palästinanat sich in diesem Jahre auf rund 1,120.000 Dunam erhöht oder um 15,5 Prozent 1 ■ •■••'.«;;^st^- . , . , vermehrt. :' ' " ' ';';'•:• Der jüdische Bodenbesitz; macht Immer noch nur 5,6 Prozent des Mandatslandes aus, umfaßt jedoch 13 Prozent der fünf fruchtbarsten Zonen des Landes, wovon 32 Prozent dem Nationalfonds gehören. Als Minimalforderung für die Zukunft stellte Ussischfcin 1 Million Pfund auf. Der Boden müsse auch in alle Zukunf t. jüdisches.. Eigentum bleiben. Es müßten auf ihm j ü d i s c;h e , A r b e i t e r - angesiedelt wenden,-und er dürfe nicht das Objekt von: Spekulationen bilden. , ,-,7.." Im weiteren Verlaufe der Sitzung, in der ein B egrüßungsjelegramm von Lord Baifour verlesen wurde, wurde Maxa Nordau, die Tochter Max Nordaus, als sie das Wort zu einer persönlichen Bemerkung ergriff, Soeben erschienen: F.Bernstein: Der zionistische Gedanke auf Irrwegen Ein Mahnruf zu zionistischer Selbstbesinnung. Das Judenproblem. Konstellations- oder Qualitätsproblem? Palästina als Laboratorium. Bedingter oder bedingungsloser Zionismus. Ausstrahlung und Galuth-Nationalismus. Der Sinn der Majorität, Das jüdische Staatsbedürrais.Zionlsmus oderStaatsbürgertreue. Der binationale Staat Palastina oder jüdisches Volk? Bestellungen an den Verlag „Die Neue Welt" Wlen, IX. BeilrH, MnlveraHttftttraiie PreU Mk. 1.80, fOr Oesterreich S 2.20 zunächst ,von. stürmischem Beifall begrüßt. Als sie Jedoch' erklärte, der Kongreß sei In der Frage der Erweiterung der Jewish Agency vor eine vollendete Tatsache gestellt worden und' die ganzen Verhandtongen darüber seien nur ein Komödienspiel, wurden erregte Protestrufe laut, und der Präsident e n t z o g i h r d a s W o r t, da die Frage der Jewish Agency nicht zur Verhandlung stehe. Präsident Welzin an n wies darauf hin, es bestehe besonders in den Orangegürteln die Gefahr, daß Latifundien aufgebaut würden. Palästina vertrage aber nicht den Latifundienbau. Doktor Weizmann meint, es könnten in Amerika noch ergiebige neue Geldquellen für den Nationalfonds erschlossen weiden. Es dürften jedoch die beiden Fonds sich nicht gegenseitig das Wasser abgraben. Kulturdebatte. Zürich, 5. August. 1 In der heutigen Sitzung des Kongresses kam es im Anschluß an ein Referat der Leiterin des Erziehung®- und Gesundheitswesens In Palästina, Miß Szold, zu eäner lebhaften Kulturdebatte, die weitgehende Meinungsverschiedenheiten in der Frage: Weltliche oder religiöse Schule? aufzeigte. Misz Szold sprach sich' mit Entschiedenheit für die allgemeine Schule und gegen das'-'Bestreben der Mi'srachi aus, das ganze Schulwesen an sich zu reißen. In der gleichen Richtung bewegte sich' eine Entschließung der jüdischen Lehrer an den allgemeinen Schulen in Palästina, die dem Kongreß unterbreitet wurde und die-gegen die Uebergabe der religiösen Erziehungs¬ und Unterrichtsanstalten an die Misrachi-Partei nachdrücklichst protestiert. Aus dem Bericht Miß Szolds über das Gesundheitswesen ging hervor, daß die Sterblichkeit in Palästina von 15 im*"Jahre 1925 auf 12 vomTausend im Jahre 1928 gesunken ist. Miß Szold entwickelte ein großzügiges Programm für den Ausbau allgemeiner Krankenhäuser und die vollständige Ausrottung der Mal-aria. Verlängerung des Kongresses/ Zü rieh, 6. August. Der Zionistenkongreß, der nach dem Programm heute zu Ende gehen sollte, mußte wegen der verschiedenen Zwischenfälle — Russendebatte, Klagemauer — und wegen des harten .^politischen Kampfes um das Problem.^ der Jewish Agency um zwei Tage Verlängert wer- ■ den, vielleicht auch um mehr, und es wurden auch Wünsche laut, ihn erst nach der Konstituierung der, Agency zu beenden. Dem widersetzt sich jedoch das Präsidium. Die Exekutive, die auch die Verwaltung in Palästina führt, soll sich nach den Plänen Prof. Wiek» manns, der dafür eifrig agitiert, auf eine Koalition mit den Arbeitervertretern und den Misraohi stützen; die bisherigen Mitglieder sollen im Amte verbleiben mud durch neue vermehrt werden. Das politische Ressort soll der Anwalt Dr. Harry Sä eher übernehmen, während Colone! K i s h nach London delegiert wind. — Als politischer Sekretär der Exekutive wird der ehemalige Sekretär Lloyd George s, der politische Schriftsteller Doktor N i e h m u r ' genannt, ein r Oesterreicher, der: in Oxford studierte und von Lord Read in g, dem indischen Vizekönäg, in die Politik der englischen Liberalen eingeführt wurde. Eine offizielle englische Erklärung. Auf verschiedene Anfragen teilt das Präsidium mit, daß vom Kolonialmindster Lord P a s s f i e 1 d (Sidney Webbs) die Erklärung eingelangt-ist, daß sich die Labour- Regierung genau so wie ihre Vorgängerin auf dem Boden der B a 1 f o u r - DeWarati-on stellt und daß sie den Aufi bau Palästinas mit allem Eifer zu fördern entschlossen Ist, Gedenkfeier für Herzl. Am 27. Juli (20. Tammus) fand zu St. Pölten aus Anlaß des 25jährigen Todestages Herzls ein Trauergottesdienst statt. Herr Oberrabbiner Prof. Dr. Schächter hielt die Gedenkrede, welche bei den Anwesenden einen tiefen Eindruck hinterließ. Mit dem Absingen der Hatikwah schloß die Gedenkfeier. Empfangsabend. Aus Krems a. d. Donau wird uns geschrieben: Anläßlich der VHI. Jahrestagung der International Student Service , gab zu Ehren der jüdischen Delegation der Vorstand der Kultusgemeinde gemeinsam mit der zionistischen Ortsgruppe einen Empfangsabend. Nach der herzlichen Begrüßungsansprache durch den Präsidenten der Kultusgemeinde Herrn Otto A u s p i t z würdigte der Obmann der ziouischen Ortsgruppe Herr Norbert S a c h s die Tätigkeit der jüdischen Delegation * und hieß sie im Namen der nationalen Judenschaft von Krems herzlichst willkommen. Während des erhebend und angeregt verlaufenen Abends, hielten die Delegierten aus Polen, Amerika, Frankreich und Oesterreich herzliche Ansprachen. Nach einem Schlußwort des Herrn Dr. Paul Brüll blieb man uoeb lapge Zeit beisammen. Dies war wieder ein Abend, der, von jüdischem Geiste getragen, allen Teilnehmern in bester Erinnerung bleiben wird. Vorher fand im Tem- Eel eine stark besuchte Herzl-Gedenkfeier statt, ei der Herr Prof. Dr. Kupfer die Gedenkrede hielt und Herr Oberkantor Samuel N e u b a u e r in ergreifender Weise das Elmole rachamim sang. Die Feier schloß mit der Absingung der Hatikwah.

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