Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 99 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.-^-; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 3 Freitag, den 9. August 1929 Nr. 99 Die Jewish Agency. — Die Verfolgung der Juden in Rußland. Die Klagemauer* (Von unserem Sonderberichterstatter. Die bange Frage, Zürich, 3. August. , , Nun hat der Kongreß schon eine Woche hinter sich, aber er . steht noch immer in der Generaldebatte. Zwar ist diese ganze Session sozusagen ein gelaufenes Rennen. Das Endresultat steht schon lange fest, es war schon bekannt, noch ehe das erste Wort gesprochen worden war. Der Kongreß trat zusammen und fand schon Datum, Tagesordnung und Rednerliste der neuen Jewishr Agency vor, deren Erweiterung der Kongreß erst Hatte beschließen sollen. So'gut wußten die Leitenden die Mehrheit zu'beurteilenV Die^ Opposition 'tut, nur mehr ihre Pflicht; sie faßt noch einmal' alle JSefürchtuiigen, alle Besorgnisse zusämmeBt^Meh^ sie 'ittoht tun;. Herr - Weizmann hat; es 'leicbt und seine Getreuen; ubersehenes geflissentlich, daß doch der Kongreß bereits ein Widerspruch, in sich ist. Er hat che ^Formen und das Aeußere eines Parlaments. Aber es wird nicht mehr parliert, weil es nicht mehr notwendig; ist. Demgemäß ist auch die Stimmung des Kongresses wie unter einem-lähmenden Druck. Man zieht die Debatte hinaus, man bangt doch bei aller Entschlossenheit vor diesem letzten entscheidenden Augenblick, in welchem der Vorhang über den politischen Zionismus, über Herzls Werk gezogen, werden wird. In den Kommissionen wagen sich die Sorgen doch lauter ans Licht. Es regnet Fragen an die Leitung und die Referenten und diese vielgestaltigen Interpellationen' kann man alle in die Formel fassen: Was soll nun werden? Denn von der Seite der Nichtzionisten liegt auch nicht die allerkleinste Aeußerung nach der Richtung vor, wie man sich die Aufbringung des Budgets vorstellt. •. . Die Mehrheit, oder vielmehr ihre Regisseure, bemühen sich, die Falten zu glätten und klingende Worte zu Parolen, zu formen.-Wieder sagt Weizmann, daß Palästina nicht den Zionisten gegeben worden ist, Ruppin kommt mit-statistischen Ziffern über das Judentum und leitet aus ihnen den Verzicht auf die. Majoritätsbildung in Palästina ab, den Protest gegen den Chauvinismus; Dr. Schemarjahu Lewin spricht, von „Fifty plus, Palästina". Herr Weizmann tut ..noch, ein übriges. Er lädt diejenigen, die es besser können, ein, ihn abzulösen. Dieses Argument stärkster seelischer Schwäche, dieser Appell an die Hilflosigkeit sollte doch dem Kongreß zeigen, wie sehr er. mißachtet wird. Aber die Mehrheit wird so äbstiiameh, wie es verlangt wurde. Eine dicke Schichte von Sentimentalität, von Rührung ob des „im Zeichen Palästinas geeinten Judentums" wird über die Organisation gelegt und die zionistische KliscHeepresse, in der sich die offiziösen Füchse gute I^acht sagen, hat alles trefflich vorbereitet... Was wird aber 'doch werden? Zürich, 4. August.1 Gedrückte Stimmung.1 — Alte Gesichter. — Das Versagen der technischen Leitung. —• Beschlüsse dürfen nicht gefaßt werden! — Der Kampf um «' 1 Sacher. — Herzls Bild. lieber diesem Zionistehfcbngreß waltet ein böser Stern. Die Stimmung ist gedrückt. Die Majorität kann über den Sieg, den sie in der Frag© der Erweiterung der Agency errungen hat, nicht froh werden. Die Opposition sieht die Zerrüttung der Organisation vor sich, das. Schwinden der Kräfte, das Hinübergleiten in völlige Willenlosigkeit. Die sechs Jahre des von Weizmann geführten Kampfes um die Erweiterung der Jewish Agency, das hpißt um die Verbindung mit reicheu Nichtzionisten um jeden Pifeis, dieser Kampf hat das Antlitz des Kongresses 'verwüstet. TJeberall die alten Figuren, wenig neui»'. -Auf den Delegiertenbänken, auf der Rednertribüne längst bekannte Gesichter,. nur gealtert und müde. Das Ringen und Schreien um Geld, Geld und wieder Geld bat die jüdische Jugend ferngehalten. Nur auf den Galerien sieht man junge Menschen, und auch da immer weniger undwehiger. Zur inneren Zerfahrenheit gesellt sich die äußere. Kein Kongreß war technisch so schlecht vorbe- "■' reitet wie diöser. Der'nit| dem Arrangement betraute und ^^Ixxli^^^iclit kleine Beamten- /■■y -". )'■ stab hat versagt. ' *~ ' Zwei Tage nach'Eröffnung müßte der- Kongreß aus dem völlig unzureichend eu Saale in das weit entfernte Stadttheater am See verlegt werden. Der Saal wurde zur Hölle, man hielt os in diesem heißen, dumpfen, \vahnsinnig überfüllten Kleinen Raum einfach nicht mehr aus. Jetzt ist der Kongreß zerrissen. Man muß stundenlang im Tag zwischen Kongreß und Kommission hin- und herpendeln. Den Fraktionen ist das Versammeln unendlich schwer gemacht. Das offizielle Nachrichtenbüro arbeitet schleppend. Um zu ihrer Post zu gelangen, müssen die Delegierten, Besucher und Journalisten warten und warten. Es waltet ein böser Stern über diesem Kongreß. * Ein Kongreß, welcher keine Beschlüsse fassen darfl ln den Kommissionen stellen Delegierte Anträge. Man berät sie stundenlang, tagelang. Wenn dann der Vorsitzende zur Abstimmung schreiten will, erscheint ein Abgesandter des Präsidenten Weizmann und legt Protest ein: die Abstimmung widerspricht den Abmachungen zwischen Weizmann und Herrn M a r s h a 1, dem Führer der reichen amerikanischen Nichtzionisten, mit welchen man am 11. August in Zürich zusammentreten soll. Wenn abgestimmt wird, droht der Bruch. Mag es sich um Fragen des Budgets, um politische oder organisatorische Fragen handeln. Immer das gleiche Veto! Die Abmachungen! Keiner kennt sie. Immer neue werden präsentiert. Zehn Tage sitzen die Delegierten bereits beisammen und nicht einen einzigen Beschluß " hat der Kongreß zu fassen gewagt. Die Erniedrigung ist so tief, daß die Hoffnung aufkeimt: So kann es nicht länger bleiben. Der Aufstieg muß bald einsetzen. '-,/,/ * . Wenige, Tage: von Schluß des Kongresses weiß man nicht einmal, ob und wie man die k ü n f t i g e L e i tun g w ä h 1 e.n > s o l l. Wird es eine Leitung der zionistischen Organisation oder, eine Leitung der erweiterten Jewish Agency sein? Hat der Kongreß überhaupt das Recht, eine zipflistisojie Leitung zu wählen? So tobt sich der Kampf um eine Person aus. Die Vertreter der Frak-. tionen, denen jede grundsätzliche Erörterung untere sagt wird .-~ wegen der Abmachungen mit den reichen Niditzionisten —, werfen sich mit förmlicher Alle Im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Wut in den Streit um Sa eher, dem bisherigen Leiter des Aufbauwerkes in Palästina. Die Führer der Poale-Zion schwören, daß eine Exekutive mit Sacher für sie unmöglich ist. Alles wollen sie in den Kauf nehmen. Nur Sacher nicht. Weizmann wieder erklärt, daß er unbedingt an Sacher festhält* Das Zentrum, die Landsmannschaften, ungefähr vier Zehntel des Kongresses, hat überhaupt keine Meinung in diesem Streite zwischen Weizmann und der Linken. Es hat den bequemsten, für diesen Kongreß bezeichneten Ausweg gewählt. , Es hat beschlossen, das zu tun, was Weizmann will, gleichgültig, was er will. Wie der Handel enden wird, weiß heute noch niemand. - x .....* Einzig und allein die Opposition weiß, was sie will. Die Radikalen und Revisionisten nehmen zu jedem Punkte STeÜung, versäumen keine Gelegenheit, den Kongreß zur Würde zu mahnen. Ihre Leute arbeiten unermüdlich in allen Kommissionen. Sie lassen sich nicht von der Größe der Majorität abschrecken und die Majorität fühlt deutlich, daß jetzt nicht die Zahl den Ausschlag gibt. Auf früheren Kongressen wurde die Opposition beschimpft und verlacht. Die Zeit ist vorüber und yon der Lust zum Verlachen und Verhöhnen ist die Majorität weit entfernt. Die Reden der Opposition werden von Beifall begleitet, dessen Stärke mit dem Zahlenverhältnisse in sonderbarem Widerspruche steht. Die Majorität weiß, daß sie diesmal noch Recht behalten wird, aber die Opposition fühlt, daß die Zukunft ihr gehört. Der Anblick des Bildes Herzls, das groß und wuchtig an der Frontwand hängt, gibt ihr diesen Glauben! * Im Finanzausschüsse Hat Oberbaurat Robert Stricker die endliche Einrichtung des Kontiollamtes, dessen Schaffung vom letzten Kongreß beschlossen wurde, gefordert. Wie am letzten Kongreß tritt auch diesmal die Exekutive dieser Forderung entgegen. Es ist ein Zeichen des Tiefstandes, daß eine Leitung der Forderung nach Kontrolle der Finanzinstitute und der Verwaltung entgegenzutreten wagt, statt selbst Kontrolle zu fordern, Die Bürokratisierung der Bewegung wirkt sich eben auf allen Gebieten in der Form des Widerstandes gegen Kontrolle aus. Die große Mehrheit des Ausschusses hat sieb, der Forderung Strickers angeschlossen. Aber auch hier ist der Ausgang fraglich'. Streitfragen, Gegen das demokratische Prinzip. — Religiöse Forderungen. — Die Leitung scheut die Kontrolle. Z ü r i ch, 6; August. x Gegen Ende des Kongresses ist seitens der. Exekutive ein Antrag eingebracht worden, yreU qher das deinokratische Gefüge der Ziö« nistischen Organisation zu s prengen droht« Der. Zionistenkongreß hat 104 Mitglieder der Erweitere ten Agency zu wählen. Es wurde als selbstver* ständlich betrachtet, daß diese Mitglieder nach dem Proporz, das beißt nach der parteimäßigen Zusanv.