Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 98 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711714--1299-2714505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V Seite 12 DIE NEUE WELT Nr. 98 fertig, gab er einen Klingt, ließ Tinriei, Feder und eifren, Bogen Papier bringen, um festzulegen, Kontrakt zu machen, und sagte zu seinem Kompagnon sehr freundlich: . „,Na, hingeblitzt und gerieben!" »,,Ich? antwortete Schwalb bescheiden und schob Tinte und Feder von sich. „Ich habe, wie Sie mich Juden da sehn, seit ich leb, noch nie eine Feder iti der Hand gehabt." ^Wirklich wahr?" fragte Holzman mit gespielt verwunderter Miene. „Wie - kann das ein Mensch, nicht einige Worte wenigstens auf .unsere Sprache, ich mein auf einfach Judisch schreiben?"- :,<,Woher denn?" entschuldigte sich Schwalb ernst vor seinem neuen Kompagnon.'Und da er schon beim dritten Glas Bier hielt, fühlte sich bei ihm die Zunge gelöst und er legte vor Holzman eine ganz schöne Biographie über sich hin, , die wir (hier in gainz kurzen! Worten wiedergeben. Selbst ist er geboren — er weiß, nicht wo. Und: aufgewachsen eine Waise — er weiß nicht von wem. Das heißt, eigentlich waren 'sie drei Waisenkinder: er, ein älterer Bruder von ihm, Nissl heißt er, der was jetzt in London ist, und außerdem ein kleines Schwesterchen, Jentl, diese Primadonna nämlich, die man jetzt Henrietta ruft. Wurden sie hin und;her geworfen, heißt das alle drei,1 jeder auf einem anderen Mist, bis gute Menschen sich ihrer erbarmt haben und man sie ischon irgendwie unterbrachte, den da her, den dort hin. Ihn und seinen Bruder Nissl gab nun zu einem Bäcker, damit sie Eierkipfel austragen. Lag ihnen dieses Handwerk.nicht, da sind sie Iiehfer an die Zigaretten gegangen. Bei Zigaretten, verdient man mehr. Das heißet, bei den Zigaretten hat man auch nur Jammer und Elend.. EYn Stückchen. Glück nurj; daß er, Isaak Schwalb, seit jeher ein, Talent zum Schauspieler hat. Wenn Pürim kam, pflegte er Gold zu mächen... Kurz, sie beide haben sich so oder so'ihr Tägliches herausgeschlagen. Das heißt, nackt und barfuß und hungrig obendrein, aber der Welt eine Nase gedreht. Schlimm wars nur mit den Nachwehen, der kleinen Schwester. Was tut man mit dem Mädel? Gaben sie sie in Dienst. Hciißt das auf einen Platz untergebracht. Fürs Stückchen Brot. Wenigstens aber den Höcker losgeworden. Hatten' sie aber mit ihV- Leidend Leid. Alle drei-Wochen die 'Stelle; gewechselt. Denn .sie war.- zu ihrem •Unglück von: klein auf ein geratenes Mädchen. Das heißt, nicht so in Verstand geraten' wie" in Schönheit.- Und die meisten der Dienstgeber haben die Natur, die Pest komm' üben sie, wenn sie ein schönes Mädchen erblicken, es nicht auszuhalten . . . Wäre wenigstens. sein älterer Bruder Nissl zu Hjause gewesen, würde er mit ijrneii ordentlich abgerechnet haben. Sie würden sichs schon für Kind und Kindeskinder gemerkt -haben. „Derift mein Bruder Nissl — seht ihr mich? — ich bin ein Hund gegen, tihinl." Hat er aber Lust bekommen, sein Brufler Nissl heißt das, zu all den schwarzen Jahren nach London zu gehen und just zu Fuß, hat versprochen Briefe zuschreiben), jede Woche einen Brief. Zum Schluß, wer, was, abgegangen und vergessen ein Lebensxeichen. Wann hat er sich erst zu schreiben erinnert? Viel, viel später, als er, Isaak Schwalb, schon Schauspieler von starken tragischen Rollen war und seine Schwester eine Primadonna bei diesem Jokl ben Flekl. Na, fragt es sich, wann hat er, Schwalb, Zeit gehabt, schreiben zu lernen? Als Holzman diese interessante Biographie seines offenherzigen Kompagnons gehört hatte, mußte er zugeben, daß jener im Recht war. Er selbst, Holzman heißt das, kann ja eigentlich auch nur dann schreiben, wenn es niemand sieht. Aber von der andern Seite, wozu braucht man überhaupt schreiben zu können? Bei dieser Gelegenheit zerriß Holzman den unbeschriebenen Bogen Papier und bemerkte zu seinem Kompagnon: „In der Erd mit dem Kopf mit allem Papier und aller Schreiberei. ,Nicht der Wechsel zahlt, der Mensch zahlt'. Geloben wir uns mit Handschlag, daß alles, was! wir hier besprochen haben, heilig und unantastbar ist. Und nehmen wir jetzt noch ein Glas Bier und schmatzen wir uns einen Kuß auf die Lippen: „Auf's Wohl! Gebe Gott, daß es zum Glück gehe!" i „Aufs Wohl! Aufs Wohl! Gebe Gott, daß es'zum Glück gehe und zu-allem Guten!" ' „Amen." „Amen. Amen." '; 67. Kapitel. Die erste Visite beim großen Sonnenthal.; Nach Hause gekommen; ein wenig zu tief ins Glas geguckt, erzählten unsere Kompagnons keinem, daß sie miteinander ein so ernstes Geschäft abgeschlossen haben. Sie gingen nur daran, Wien zu studieren und ein Lokal für ein jüdisches Theater ausfindig zu machen. Sie sahen aber rasch ein, daß ihre Mühe umsonst sei. Denn Wien ist. keine Stadt .und.die Wiener Juden sind keine Juden. Juden, so sagte Holzman, die ohne jüdisches Theater leben können, Juden,: die entweder hinlaufen, Sonnenthal hören oder sich mit einem; Kabarett begnügen oder sonst mit einer Schenke, wö man sich zusammen tut bei einem! Glas Bier, Zigarren raucht und singen hört „Chawe" oder „Frejtog ojf der -'nacht" und s bravo klatscht und vor Vergnügen die Finger '-.leckt-.;..^solche.- Juden, gehören auf einen Baum gehängt oder , aus einem .Gewehr erschossen. So ereiferte sich Holzman. in seiner kernigen Zunge und hatte mit seinem Kompagnon abgemacht, auf das aufgeputzte Wien zu spupken und in die Provinz zurückzukehren, in die kleinen Städtchen der Provinz, ins gesegnete Galizien, Bukowina, Rumänien, wo die Juden noch nicht vom Baum der Erkenntnis genascht haben, wo das Publikum noch zusammenlauft, um jüdische Schauspieler anzuschauen, wie man zusammenlauft, um zum Beispiel «inen Bären anzuschauen, einen Elefanten oder sonst ein Wundertier. Das einzige, was Holzman in Wien hielt, war Sönrtenthal. „Ein Schauspieler, der als sein Eige'n eine Mülfort besitzt, verdient es, daß man seinetwegen einen Tag länger in Wien verbringt." So sagte Holzman. Nicht etwa, weit ihm die Millionen so in die Glieder fahren, »gottbewahre, was kümmert Holzman ein Millionär, er hat in seinem* Leben schon Millionäre gesehen, er hat mit ihnen schon gesprochen, in ein- und demselben Wagen gefahren und, wenn es drauf kommt, auch an einem Tisch gegessen, (das ist ein Hinweis auf Dr. Lewius-Lewiathan in Lemberg), Holzman, versteht ihr mich, hat das Prinzip, daß ein Schauspieler wie Sonnenthal, der sich hinauf bis zu einef Million arbeiten konnte, sie nicht vergeudet, sie nicht versoffen, sie nicht in Karten verspielt hat, überhaupt wert ist, daß man hingeht und sich ihn ansieht. ( Und Holzman frischte seine Ausstattung auf, plättete seinen Zylinder, kaufte ein Paar neue Handschuh und einen Halbseidienschirm, steckte den Brief, den der Doktor; Lewius ihnen gegeben hatte, zu sich und rief dem „Jungen" zu:! „Na, mein teurer Spielvogel, vorwärts mit dem rechten Fuß..." | Da ließ zwar Schwalb fallen, er würde auch gerne mitgehen zu Sonnenthal. „Wenn schon Kompagnieschaft, dann gibt's doch nichts..." Holzman aber hackte ihm! die Flügel ab. „Halt. Ylandelschaft ist keine Bruderschaft. Kompagnieschaft ist wirklich Kompagnieschaft, aber man muß wissen, was, und wann das und dieses paßt." Schwalb verstand die Härte nicht. ,Was ist? Wird's mehr kosten:, wenn sie zu Dritt gehen oder wird er ihm ein Stuckchen Sonnenthal abbeißen?' Worauf ihm Holzman sinnvoll zu verstehen gab, daß „jeder Mensch seinen Stand kennen muß, laß ein Schwein ins Haus, kriecht es dir auf den Tisch." Das verdroß aber Schwalb schon ein wenig und er gab ihm zu hören, er möge nicht vergessen, daß ihm die Primadonna Henrietta Schwalb die Schwester sei und er, Schwalb, ihr Bruder. Da wurde Holzman seinerseits feuerrot, verhustete sich und begann mit ihm „biblisch" zu sprechen, er soll ihm nicht auf die Leiter „kriechen und sie dabei anmachen ... . .) Weder Rafalesco, noch Holzman konnten begreifen, was es der Mär sei, daß der große Sonnenthal nicht in einem eigenen Haus, sondern im Hotel wohne. „Nat, wenn unsereins sich auf jedem Mist wälzt, alle Hühner1, Enten, Wirtinnen und Wanzen kennen lernt, sind wir doch arme jüdische Sauspielanten, aber Sonnenthal? In Wien? Herrgottswillen, warum?" j (Fortsetzung folgt.) GRABSTEINE [FRIEDLÄNDER & DEUTSCH \Wien, 1. Bez., Seitenstetiengasse 2, Telephon U-28-1-28 \XL, Zentralfriedhof, neb. d. 7. Tor, Telephon U-18-0'85 NÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1929 S20.— monatlich ohne Angabe! IX. Liethtensleinstrnße rir. 27 Tel. A 16-5.64 und A 16.3-65 IV. Wiedner Hauptstraße Nr. 8 Tel. A 30-0-36 UNO TOURISTENARTIKEL PICK SPORT- ^sre 18fv58 KÄji wSm Pension .Austria* Kinderheim Vöslau (OLGA KAD1SCH) JfigermayerstraBo 15 - Telephon 99 Stall« 8 Für Dauer' und Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht Im Hause, auch Nachhilfe für öffentliche Schulen besuchende Kinder. - Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin, Erstklassige Verköstigung.. Mütterliche Pflege. - MäBIg« Pfiff« Bei linkäufen berufen Sie sieh auf i [t malt vorzüglich, dauer- \t |: haft,spottbillig,in jedem:[ |; Bezirk. Karte genügt! ij ^Wien^XVII, Nesseig. 6 |j jlliiiiiiniiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiilli. I Hotel - Pension I | Berlin SW 68 1 s Frledrlchstr. 216 E 5 Mio. v, Anh. Bahnh. £ S Solide Preise j= E Aufmerks. Bedienung 5 § W. Blumenstein i ^lllllllllllllillllllllltllillltlillltlllF Tfc RADIO eiswerter Einkauf M Amtsstelle Wien, erhöht Ihren Umsatz, Ihren Gewinn! Darum besuchen Sie ab 25. August 1929 die Leipziger Herbstmesse Sie DIetet Ihnen günstigste Einkaufsmöglichkeiten! 5 25% Fahrpreisermäßigung auf österreichischen, tschechoslowakischen und deutschen Bahnen. Auskünfte, rahrfcarten- und Quartierhartenausgabe durch die Leipziger Messamts tür Oesterreich Sellerstatte 7, Telephon Q 21-1-72. Für S 2.30 Wochenraten erhalten Sie komplette Radioapparate mit allem Zubehör in feinster Ausführung und alle Ra.dlo.Bestand teile nur Im MUSIKHAUS SCHLESINGER, Wien, VII., Burgga38e122<124 * Ii AIS Re!Sei363leIter. Krankenpfleger oder .................■■■wmm............— dergl. empfiehlt sich «; seriöser, gebildeter Mahn in mittleren Jahren. -►Zuschriften erbeten unter „Vertrauenswürdig" j> an die Expedition dieses Blattes. : ^♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦»♦♦»»♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦»»♦»♦»♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦W^ 1 *niD1 Pt^Sfl?3D. mit schöner Stimme sucht Posten Unter y,Fromm" an die Expedition dieses Blattes Vermittlung erbeten llllllllWilllllllllilllllll Loxusapparate Kofferappaiaf er Sthailplatten die neuesten Schlager in grBsster Auswahl erhalten Sie für S7 50 lUnrhnnratnn sowle Mandollnen, Oitarren, Harmonikas, £.JU WUlOBlllÖlKll, Lauten, Violinen. Zithern, Blasinstrumente Musikhaus Schlesinger ä UlllllllllllllllllllllllUIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIlllllllllllllllIlg I Gegründet 1882 v § I Lebensversicherung- DU n MIY' 1 I Gesellschaft frnülilA 1 S 15 I Zentraldirektion: WIEN I., Riemergaase Nr, 2 £ 2 Milliarden Solling § Prämien- und Zinseneinnahraen im Jahre 1928 91 Müliorp pilllffl s s Garantiemittel Ende 1928 242 Millionen Pfflinj S 5 Auszahlungen an die Ver5iriie;len Jahre 1928 265 Millionen Shilling S S Tätigkeitsgebiet : Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, g g Belgien, Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Qrieghejw a s land, Türkei, Aegypten und Palästina. 5 SlIllllllllllllllllllllllllllllllllllIIIIIUIIIUllllllllllUHIHIIIIIIlj? Eigentümer, Verleger, Heratisgeber u»d verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. *-* Druckerei, und Yerlag$;A*-G, Isaaz Steisnjaun» beide Wien, IX, Universitätsstraße 6—8.