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Die neue Welt · 1929-08-02 · Heft 98 (2.8.1929) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 98 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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DIE NEUE WELT Nr. 98 Ein indischer Richter urteilt nach jüdischem Ehegesetz. Der Richter Rongenachkra in Bombay (Indien) hatte vor einiger Zeit in einem für ihn recht schwierigen Ehestreit zu entscheiden. Vor ihm erschien Frau Aba S i p f o r o w a, eine reiche Inderin, mit eiuer Scheidungsklage gegen ihren Gatten Gerson Moses Penker aus Galizien. Der Richter hörte beide Teile an, und als der jüdische Gatte den Standpunkt vertrat, daß er im Sinne des jüdischen Ehegesetzes für den Fall, als sein Weib nicht zu ihm zurückkehren gewillt ist, berechtigt sei, ohne jede Entschädigung eine zweite Ehe einzugehen, ließ sich der Richter vom Gatten über das jüdische Ehegesetz laut Bibel und Talmud aufklären und Penker tat dies mit so viel Wissen und oratorischer Ueberzeugungskraft, daß der Richter sich zur Frage veranlaßt sah, ob er nicht früher Advokat war? Penker antwortete jedoch, daß er wohl niemals Advokat gewesen, dafür aber der Sohn eines gelehrten Rabbiners sei. Die Geschichte dieser Ehe ist recht interessant. Das .Paar lernte sich vor vier Jahren in London, wo beide ihre Hochschulstudien absolvierten, kennen. Sie heirateten und Penker übersiedelte mit seiner farbigen Schönen, nach Bombay, wo er* einige Jahre im Hause seiner buddhistischen Schwiegereltern glücklich verlebte. Da empfand Penker eines Tages Heimweh nach seinem alten' stammesgenössischen Milieu. „Ich kann's nicht leugnen, ich hatte mich anfangs glücklich gefühlt" — erklärte er dem Richter — „aber ich hatte auch, das Gefühl, daß ich in dieser Umgebung ein Fremder geblieben bin." Nach dreijähriger Ehe lernte er ein jüdisches Mädchen kennen und lieben. Er wollte seine indische Frau nicht verlassen und klagte ihr ganz offenherzigsein tragisches Leid. Tief gekränkt, verließ Aba ihren Gatten und erstattete gegen ihn bei Gericht die Anzeige, damit er eine zweite Ehe nicht eingehen könne. Drei Tage lang währte dieser Reditskampf zwischen dem jüdischen Gatten und seiner buddhistischen Frau. Amdritten Tage zog sich der Richter mit seinen Kollegen zur Beratung zurück und das Ergebnis dieser Berätung war, daß der Richter erklärte, auf Grund der Belehrung durch den Rabbinersohn über das jüdische Ehegesetz zur Ueberzeugung gekommen zu sein, daß das jüdische Gesetz erfüllt sei von humanitären Grundsätzen, weshalb er der Meinung ist, daß der Angeklagte •nicht nach indischem, sondern nach dem jüdischen Gesetz, zu behandeln sei. Immerhin empfehle er uoch vor de^rn endgültigen Urteil, einen versöhnenden Ausgleich. Da die stolze Inderin nicht zu ihrem Mann zurückkehren wollte, fällte der Richter schließlich das Urteil, daß sie im Sinne der jüdischen "Ehegesetze durch ihr Verlassen des Gatten die Ehe selbst gelöst habe und der Gatte nunmehr berechtigt sei, eine neue Ehe einzugehen. Amtliche ^Verlautbarungen der Israelit. Kultusgemeinde Wien. Ad Z. 3949 ex 1929. Wien, 22. Juli 1929.! Kundmachung. Es Wird hiemit zur allgemeinen Kenntnis gebracht,! daß die Fleischbank des Herrn Josef Böck, XXL,; Schloßhoferstraße 6, nicht mehr unter Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Gemeindevabbiners Dr. M. Rosenmann steht. > Dagegen wird ab 25. Juli 1929 die Fleischbank des, Herrn Aron Kauf er, XXL, Schloßhoferstraße 6, unter Aufsicht des genannten Herrn Gemeinderabbiners gestellt. , Der Vorstand der israelitischen Kultu§gemeinde / . Wien. Konkurs. In der VersorgungsänstaTt (Altersversorgungshaus und Siechenabteilung der israelitischen Kultusgemeinde Wien, IX., Seegasse 9, gelangt die Stelle eines.; Sekundararztes zur Besetzung. Bewerber müssen an einer österreichischen Universität promovierte Doktoren der gesamten Heilkunde, zur Ausübung der ärztlichen Praxis in Oesterreich berechtigt sein, und haben Spitalspraxis nachzuweisen. Die Anstellung erfolgt für ein Jahr; bei zufriedenstellender Dienstleistung kann die Bestellung von Jahr zu Jahr bis zur Dauer von vier Jahren verlängert werden. Die Sekundarärzte der Versorgungsanstalt sind in den , Bezügen den Bezügen der Sekundarärzte des Spitales der Wiener israelitischen Kültusgemeinde gleichgestellt. Die näheren Bestimmungen können in der Amtsdirektion der israelitischen Kultusgemeinde Wien, L, Seitenstettengasse 4, Iii. Stock, eingesehen werden. Die mit den entsprechenden Personaldokumenten, Studien- und Verwendungszeugnissen belegten Gesuche sind bis spätesten« 30. August 19 39 im Einreichungsprotokoll der israelitischen Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4, III. Stock, zu überreichen. ' Wien, 23. Juli 1929. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde .. Wien, Brüder Schiffmann, IL, Taborstr. 48. Unsere am 20. d. M. eröffnete Kleiderschwemme haben wir wegen des so großen Zuspruches um weitere acht Tage verlängert. Unerreichtes wird geboten, die besten Qualitäten, in modernster Fasson gearbeitet, werden zu Preisen abgegeben, die Wien noch nie geboten. Einige Beispiele Fesches Waschkleid S 1.90 Vollekleid, schick gemacht S 2.90 dasselbe in Marocaine S 3.90 Ripsleinen, die nette Sportbekleidung S 4.90 K. Seide, Compose S 5.90 gesticktes Kashakleid S 8.90 ein praktischer Mantel zum täglichen Gebrauch S 9.80 Reizende Schlafröcke aus diversen Sommerstoffen aller Arten S 4.90, 5.90, 6.90. Da wir das gesamte Sommerlager räumen müssen, sind wir gezwungen, diese unerhörte Preisreduzierung vorzunehmen und /reuen uns, wenn Sie die Gelegenheit benutzen werden, sich fesch und dennoch billig zu BEKLEIDEN. E Bibliothek der Israelitischen Kültusgemeinde Wien. Der Lesesaal der Bibliothek bleibt bis t. Septem- ' ber 1929 geschlossen. Theater und Kunst. Neues jüdisches Theater. (Praterstraße 6). Samstag ■und Sonntag gelangt,, die, dreiaktige Gesangsikomödie:; V.Tätes iun Kinder" von A.-iSaldo, Musik von L. Ingmaun, zur Auff ühntrogi Das Mendele-Museum in Odessa. Seit eineinhalb Jahren existiert in Odessa ein Mendele-Museu.mi, das seit Mai dem allgemeinen Besuch zugänglich gemacht worden ist. In 20 Zimmern skid umgefähr 1300 Ausstellun<gsobjek'te untergebracht, darunter nicht wenig RarKäten, die sich selbst in den großen europäischen Museen seihen lassen könnten. Vier Zimmer beherbergen Material zur revolutionären Bewegung unter den Juden» beginnend mit den Siebziger-' fahren und führend bis zum .Kampfe des jüdischien Proletariats in der Oktoberrevolution; betreffend den Anteil der Juden an den ,m i 1 i t ä r d s'c h e n 'Form a t i o n e oi und Un t e r n e h nvu n g e n während der russischen Revolution. BLne Reihe von Objekten'illustriert die spezifisch schweren- Bedingungen, unter denen das jüdische Proletariat zur Zeit des Zarismus und des Bürgerkrieges zu kämpfenlhatte. Das Museum besitzt auch eine reiche 'Abteilung von vol k's t üinU ch e n Schöpfungen de« russischen Judentums. Ganz besondere' Aufmeirksam'keiit lenteen die Pi n k as si m - S a mmJung'e n atlif sich, von denen es hier vierzig gibt und die .zum Teil wichtige Denkmäler jüdischer Volkskunst.,der legten. zweihundert,. Jahre darstellen. Hier befinden.sitih au,dh die verschiedenen Statuten der verschiedenen? Handwerkerzünfte. Ebenso stellt die hier reich vertretene synagogale Kunst allerlei Material ,zu<m Studium ökonomischer und kultureller Ersciheinungen des Judentums in der Ukraine. Bin Teil hievon repräsentiert verschiedene Handwenksizweige, die früher einmal unter den Jxden sehr verbreitet waren, jetzt aber im Verschwinden begriffen sind. Messing-,' Silber- .und' Kupferarbeiten kunstgewerblicher Natur, Hand wie rksarbeiten/ Kunstbuchbinderei usw. Das M e nd ele-Zi inm e r gibt eine mehr oder weniger g>enaue Vorstellung' von Mendeles Leben und Scbaffen, vom Mäieu, in dem er aufwuchs und wirkte. Da Mer die Individualität des großen Dichters Mendele in hervorragender Weise berücksichtigt ist, bemühen sich die Kommunisten., alle diesbezüglichen charaikteristisdhen Details verschwinden zu madhen und '• sie durch verallgemeinernde 'Tendenzen zu verwischen. Ziemlich unwesentlich zeigt .eich bisher die I i t erairische Abteilung. Man war hier gezwungen, sozusagen Pionierarbeit zu leisten, da es noch au den entsprechenden Vorbildern und Mustern fehlt. Die zweite Schwierigkeit besteht darin, daß sich das Material über die Repräsentanten der jiddisclhen Literatur J. L. P e r e z und S c h a i o m A1 e j c h e m im Ausland befindet und dieses auf zahlreiche Anfragen zwecks Lieferung von Material nicht reagiert hat. * Die Ausstellung selbst ist noch nicht so weit, um die Erfolge des Museums auf dem Gebiete der Objektesammlung widerzuspiegeln. Die Hauptstüoke des Museums befinden sich nicht in den Ausstellungsräumen, sondern in den Archiven und Mappen, welche 11.000 Numimern ienthalten, darunter sehr wichtiges historisches Material und seltene Museumsobjekte. Ein Teil hievon ist als Austauschmaterial für schon vorhanden« Abteilungen und für ihre Ergäimwig bereitgestellt Die anderen Nummern sind für neue Abteilungen des Museums, wie historische, theater- und entwicklungsgeschichtliclje sowie ökonomische, bestimmt. Ihre planmäßige Einrichtung und Katalogisierung steht bevor. Trqtfz der kurzen Zeit seiner Existenz ist das Museum ein wichtiger Faktor für das Kulturleben Rußlands geworden. Es hat in gewissem Maße die Bereicherung der Jüdischen Abteilungen der russischen Re-volutlonsmusieen in Leningrad «nd hauptsächlich in Moskau,-möglich $enmebt, wobei die vom Mendele-Museun^ ajs Geschervk oder Austauschexemplar zur' Verfügung gestalten Objekte in den genannten Museen zu den Zierden der Szmmlws&a gehöret*. Dem Mendele-Museu>m ist es auch gelungen, durch die systematische Organisierung von Austauschmaterial mit einer ganzen Reihe anderer Museen in Verbindung zu treten. Es wurden alle Mittel ergriffen, um wissenschaftlichen Forschern die Benützung des Arahivlnaterials vor dessen Katalogisierung und Systematisierung zu ermöglichen, ebenso wie es mehr oder minder schon imstande ist, selbständig wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Magie. Die neuen Gedichte von Max Roden.*) Ein schmaler, feiner Gedichtband, der von beschwingten Rhythmen geträgen, in jene dunklen Tiefen des Geheimnisses steigt, darin die Wurzelgründe des Geschehens und des Seins wohnen, erschließt uns eine eigenartige Welt des Sinnens und Schauens. Das echt Dichterische an diesem kleinen Band ist, daß er naivsinnlich die Dinge bei ihrem Namen nennt, um sie zu beschwören, ihres mystischen Schimmers zu entkleiden und doch nicht jene Aura zu verwischen, die um alles Geschaffene schwebt als ihr zweites und eigentliches Gesicht. Um dieses zweite Gesicht scheint es sich in diesem Buche zu handeln, das in seinem aufschlußreichen Einleitungsgedicht von sich bekennt: Im Trüben, im Klaren Geheimes zu nennen, im Falschen, im Wahren den Geist zu erkennen: will dies dir gelingen, entschwebt dir dein Schrei auf schweigenden Schwingen ' ins All. Du bist freil Denn das Geheimnis aller Dichtung, ihre Magie und die Lösung von Magie in Schöpfertum und Künstlerscliaft, ist die Kunst des Scheidens von Trübnis und Klarheit, und aus diesem Erkennungsprozeß, der im letzten Grunde doch wieder ein Gestaltungswille, ein Mischen des Trüben und Klaren ist, erhebt sich das Kunstwerk als eine besondere Welt, die Eigenwelt ihres Schöpfers, die uns sein Werk und sein Wesen erst lieb machen und uns durch Bestätigung unserer eigenen Zwielichtwelt zur Innenschau aufrufen. In diesem Buch, das eine „Insel der Seele4* ist, ein Jugendland der Lieder, das nicht altert, ein Bekenntnisbuch, das den Widersprüchen und scheinbaren Zusammenhanglosigkeiten des eigenen Wesens nachspürt, lebt ein edles, gütiges Menschentum, ein Erlöserwesen, das sich brüderlich zu dem Mitmenschen neigt, um seine Nöte und geheimen Aengste aufzuspüren und, ihm von den eigenen Nöten und Aengsten der Seele zu berichten, ein Buch, das sich hinabneigt, um zu sich emporzuheben. „Sturm des Verlangens trägt auf Flammenschwingen den seltsam Einsamen in eine andere Welt." Daß diese andere Welt, die ihm Magie aufhellen soll, dennoch die eigene Welt und nur im Lichte der Vision magisch beleuchtet und verwandelt ist, erkennt der Dichter, dem seine „ins Leere tastenden, erstaunten Hände" reiche Beute aus Geheimnisland bringen in den Stunden der Innenschau. Dann entstehen köstliche Gaben wie Kreis im Kreis. Ewiger Kreis, von dir umzirkt, weiß der Geist nur einen Sinn. Ewig drängt zum Ursprung hin, was aus diesem Ursprung wirkt. Mensch im Gotte, Kreis im Kreis, alles nimmt den einen Weg. Daß dein Gott, dich, Mensch, umheg, schließ auch du um ihn den Kreis. Mittelpunkt, Peripherie ... Bist du Strom zugleich und Quell, chaosschwer und sonnenhell, #. dann verlischt dein Leben nie. Dieses, von liefern Weltanschauungsgehalt randvolle Gedicht, das allein schon den Titel des Buches „Magie" rechtfertigt, zeigt auch, daß wir es mit einem Dichter von einem tief religiösen Weltempfinden zu tun haben. Roden gehört der neueren jüdischen Generation an. Seine Religion ist jenes ungeschriebene Gesetz, das in dem fühlenden Menschenherzen als Kraft des Liebens und Erlebens, als Geheimnisurkraft des Menschentums wirkt dud in dem begnadeten Menschen schöpferisch wird. In einer Zeit, die sich immer mehr von ihrem Urquell, der Einheit in Gott, zu entfernen scheint, sind solche schlicht-fromme Bekenntnisbücher einer von ihrem Gott erfüllten Dichterseele Labsal und Trost. Man kann nur wünschen, daß solche Magie zu recht vielen Herzen findet und sie beschwört, aus der dürren Ebene des Rationalismus zu jenen strömenden Quellen zu finden, die immer wieder aus dem Alltag brechen und ihn mit dem Gefühl der Allgemeinsarakeit in Gott begnaden wollen. In Max Roden lebt eine reiche, tiefe Welt, die sich mitteilen will, um, Liebe gegen Liebe zu tauschen, eine „Liebe über allem Denken". Er hat viel von dem Wesen seines Wesens zu geben, das ein Einsamsein ist, ohne zu vereinsamen, eine Welt, die sich in sich sucht, um zu der Welt außer sich finden zü können. Hier ist einer jener echten dichterischen Menschen am Werke, die aus ihrem Erlebnis zu ihrer Kunst finden *) M„agie. Gedichte von Max Roden. Mit fünf Lithographien von Alfred Kubin. .Verlag der Jojhannes- Presse,. Bfeue Galerie,. Wien L ...

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