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Die neue Welt · 1929-08-02 · Heft 98 (2.8.1929) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 98 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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tSeReB »I ■■ i DIE NEUE WELT Nr. W ' m fetzt iwoli'tfer Näed«da«e ' Öer: Konservativen -besser .tverden? Werden jetzt vielleicht die Arbeiterfülhrer vom Schlage Wedgewoods, die im englischen Parlament eine Rolle spielen werden, auf den Gang der Arbeit Wirikun-g üben? Auf den toten Apparat der PailästinaTe^erun«, die zwisdhen den Versprechungen an die Juden und den arabischen Intrigen und antisemitischen Beamten hin und toer : a«ief t? loh glaube, daß der Zionistenkongreß in Zürich darüber e'hvWort zu sprechen hätte. ,", Der Oberrabbiner von Baden gestorben. *" Oberrabbiner Wilhelm Reich in Baden bei Wien ist am 26. Juli plötzlich verstorben. Während der Teil« nähme an einem Leichenbegängnis erlitt er einen Schlag« anfall und verschied in der Nacht darauf. Qberrabbiner Wilhelm Reich stand im 76. Lebensjahre. Er bekleidete sein Amt seit fünf Jahrzehnten und erfreute sich allge* meiner Beliebtheit nicht nur in seiher Gemeinde, sondern auch in den weitesten Kreisen der nichtjüdischen Be* völkerung Oesterreichs. Der unbekannte Soldat der Wissenschaft. Max Gereon in Bielefeld. In der Berliner Medizinischen Gesellschaft hat der große CHirurg Professor Sauerbruch einen Vortrag : gehalten, der schnell seine Runde durch die wissenschaftliche Presse des In- und Auslandes machte und die Spalten der gesamten Tagespresse in Anspruch nahm. Es handelt* sich um eine neue Art der Bekämpfung der Tuberkulose, die großartige Ausblicke für die Zukunft eröffnet und ein völliges Novum in der Geschichte der medizinischen Wissenschaft darstellt. Die Tuberkulose wird durch eine besondere Art der Ernährung bekämpft und geheilt. Die Erfolge dieser Ernährungstherapie sollen geradezu verblüffend sein. Die schwersten Formen der Knochen- und Gelenktuberkulose, die;, man sonst als hoffnungslos ansah, wurden — nach Sauerbruch — in kurzer Zeit so gebessert, daß man praktisch von einesr Heilung sprechen kann. Der Direktor der Gießener Hautklinik, Jesionek, erklärte, daß der seit Jahrhunderten als1 unheilbar erklärte Lupus, ohne jedes andere Hilfsmittel als die Diätbehandlüng heilbar geworden ist. Prof. Sauerbruch sprach die Ueberzeugung aus, daß etwas Äehnliches mit anderen Mitteln nicht erreichbar ist. Bei der chirurgischen Tuberkulose der Knochen und Gelenke schließen sich die Fisteln, und die Knochen werden wieder kalkhaltiger. Bei Lungentuberkulose werden die Herde so verkleinert, daß chirurgische Eingriffe möglich werden. Bei Lupuskranken,:. bei denen schon seit Jähren grauenerregende Zerstörungen im Gesicht vorhanden waren, trat in wenigen .Wochen Besserung und in; Monaten Heilung ein. •; Der Entdecker dieser Wunder wirkenden Diättherapieist der in Bielefeld lebende jüdische Arzt ' Dr. Max Gerson. r ' '; ' ' \ In der Abendausgabe des „Vorwärts" vom 23. Juli schildert der Berliner Arzt ,.und. Reichstagsabgeordnete Dr. Mos es, das Leben Max Gersoiis, das bisher ein Märtj:rerleben gewesen ist. Da lebt, schreibt Moses, in Bielefeld "ein bescheidener kleiner Arzt namejis G:erson. Er wird von seinen Bielefelder Kol'legen; seit Jah,ren verfolgt und a.us Herzensgrund gell a ß t. Seinerzeit wurde sogar ein /Prozeß wegen, irgend einer Geschiphte gegen ihn'..angestrengt. Das Standesgericht verurteilte ihn und , erklärte -ihn füy, standesr unwürdig. c-\ Dieser veifeinte und mißachtete Arzt hat das Unglück, kein Arier' zu sein. Grund genug,, ihn zu schneiden und gesellschaftlich zu boykottieren. Dieser Ärzi- Gerson ist der eigentliche Schöpfer der Diätbehandlung; er, der standesunwürdige, verfolgte kleine Arzffin Bielefeld, ist der Vater, der neuen Tuberkulosetheräpie. . U^d,"jetztj fährt .Dri. Moses fort,;.koiniht das Unfaßbare.* Jahrelang wird ' diese revolutionäre. wisseri.- schafi^chä^Entjdiecku^ angewandt, . ohne daß . sich . jemand üin^sie kümmert., N ü r 'e i n e m Z u f a 11 ist es zu verdankcjn, daß diese -Entdeckung der Menschheit zugeführt wird. Prof. Sauerbruch «erzählte selbst, daß er zufällig durch einen Kranken von Gereons,' Methode erfahren.-hat,., worauf hin er. seihen Assistenten Dr. Herm?nnsdörfpi\ zur Prüfung nach Bielefeld schickte und dann . in , sejner Klinik die Gersousche, Methode, nachprüfte und.<lie. ans Wunderbare grenzenden'Wirkungen feststellen;.1connte. Der Zufall hat die entscheidende Rolle gespielt, Gerson war eben verfemt. Was kümmerte es seine Bielefelder Kollegen, was er trieb? Er existierte nicht für sie. Da %£te Gerson das große Glück, daß Sauerbruch auf ihn aufmerksam wurde. Der Name Sauerbruch entschied den "Erfolg. Er zwang die wissenschaftliche Welt zum Hjlnhöten! Glaubt jemand, daß man dem kleinen jüdischen Äfzt ein solches Gehör geschenkt hätte, einem ämmim i ■ STRENG "«SO SELCHWAREN-FABRIK Wl«ilf XX., Klost«rn«uburg«rttraBe «0 unter besonderer Aufsicht des Oberhauptes de polnischen Gemeinde Wiens, Sr, Ehrwürden des Rabbiners M. Mayersohn , p^^Hö-fyn^ns^T . rrm ooniiaph iwri^in # mw nrort-nnn w nb;;ji» .jiron Taa .anpty mrowo "pkd TSgUch frlicfie und erstklassige Spezial-Erzeugnlsse feinster Wurit« u. Selchwaren. — Provinzversand WII.HILM PITYAN. SILCHWARIN-FABRIK W/W, XX., Kfwtffff«uburgeritraflc # Telephon A-ÄM-W Mann, der bei seinen Kollegen in Bielefeld in Acht und Bann stand?! Die Gerechtigkeit-verlangt, daß heute der Name Gerson an erster Stelle genannt wird. Charakteristisch ist die Art, schreibt Dr. Moses, wie sich die Presse mit dem Fall abfindet. Fett gedruckt prangt der Name Sauerbruch in den Zeitungen! Der Name Gerson findet sich-nur ganz beiläufig oder überhaupt nicht. Die „Münchner Neuesten Nachrichten" verschweigen den Namen Gerson und erwähnen nur, daß Sauerbruch durch Zufall erfuhe, daß in Bielefeld ein praktischer Arzt durch eine besondere Diät schwere Tuberkulose zu heilen vermag. Auch die übrige rechtsstehende Presse zeigt sich bemüht, Gersons Namen mindestens in den Titeln nicht zu erwähnen und bringt in umso fetteren Lettern den Namen Sauerbruchs. Sauerbruch selbst trifft kein Vorwurf: er hat ausdrücklich auf Gerson als den Schöpfer hingewiesen. Seine Schuld ist es nicht, daß diesem Bielefelder Arzt das größte Unrecht geschieht, das sich überhaupt denken läßt. Gerson erleidet das Schicksal des unbekannten Soldaten der Wissenschaft. Die Rückkehr der Maraunen Von einier'Interessante« Begegnung in Portugal erzählt Dr. M. Ehrenpreis, der her- ... .; .v vorragende , Stockholmer Rabbiner. Gelehrte, lind Schriftsteller, der,'anläßlich seines 60. Ge-; burtstages Gegenstand zahlreicher. Ehrungen, seitens der jüdischen Welt war. Gegen Ende deST'18. Jahrhunderts zeigte sich den portugiesischen. Marannen ein Lichtstrahl. Marquis de 'Po "m'b.al, feiner der größten Staatsmänner Portugals, führte in den Jahren 1768^ bis 1774 eine ganze Reihet von Reformen durch, die faktisch-.-der Herrschaft der ,;Santa Offizia" ein Ende machten, deren ^Abschaffung erst fünfzig Jahre später (mit de/n^Sturz der Inquisition) auf gesetzlichem W^ge ''erfolgte. Der Marquis führte die bürgerliche Gleichberechtigung der „Neuchristen" mit der übrigen Bevölkerung durch. Er schaffte vor allem, und das wnr'"'das* Wichtigste, das .„Zertifikat, der BlutreJ^iheit" ,ah, das damals-jeder besitzen *^ 'Regier üngspos'teh oder eine öffentliche Stellung? bekleiden wollte. Infolge der drei Jahrhunderte jährenden Rassenmischung' zwischen Juden und Christen in Spanien und Portugal war die Rassenrjöinheit schwer zu erweisen und darum auch das Zertifikat nur selten zu er- .halten. J:' , ■ .,. ,. Marquis de Pombai selbst soll in seinen Adern ein w;enig fylarannenblut gehabt haben., Da nach einein, Dekret des Königs Josef IL die yon; IVIarannen Apstammenden einen grünen Hut zu tragen hatten, damit sie sich von den Altchristen unterscheiden,'' sandte der^Marquis; eines Tages' drei grüne Hüte; an den königlichen. Hof. „Für wen sind die Hüte bestimmt?" fragte der König. „Der eine für mich," antwortete de Pompal. „Der Zweite?" „Für den Kardinal". „Und was ist mit dem Dritrten?"„Der dritte? Ach ja! Der dritte für Eure königliche Majestät!" r■ Mit-Pombals Reformen beginnt das neue Portugal. Die Inquisition wurde formell ini Jahre 1821 aufgehoben, nachdem im Jahre 1707 das letzte Autodafe stattgefunden hatte. Aber zurvollständigen Religionsfreiheit war der Weg noch 1 weit. Die schwere Hand der Staatskirche lastete auf dein Lände und die „apostolisch-römisch-katholische':' Religion herrschte unumschränkt. Erst die Revolution im* Jahre 1908 machte der Kirchenherrschaf t ein Ende. Der trag ische Kampf der unglücklichen Märtyrer-Maranhen war nicht vergeblich. Jetzt leuclitet di^;Freiheit in ihre engen schmalen Gassen und sie messen nicht den Tod fürchten, wenn sie. frei ihren Gottesdienst halten. Sieerwachen überall'- aus langem Schlaf und reichen sich brüderlich ' die Hände. Ihre Zahl erreicht fast zehntausend, nach anderen Ziffern noch mehr. Ihr großes Gebäude befindet sich in Belmonte, dort im „Marannen- Jerüsalem", wo ihre Bewegung begann. Ihr geistigeis Zentrum ist die alte Stadt der Weine Oporto, die Geburtsstadt des Uriel d'Acosta. Dort gründe« te#. ,die Marannen vor einem Jahre die erste jüdische Gemeinde, an deren Spitze der-£apjt§n Barros Basto stand. sitge eines;Afce.uds im; BibliQthekszjwmer des Prof. Amsalac in Lissabon und er erzählt wir die spannende Lebensgeschichte des Kapitäns Basto. Es ist ein religionspsychologischer Roman. Prof. Amsalac, der Führer der ausgezeichnet orga* nisierten Gemeinde in Lissabon, ist ein bedeutender wissenschaftlicher Forscher, Mitglied der portugiesischen Akademie der Wissenschaften und Herausgeber der größten Tageszeitung „On Ecolo". „Es war Freitag abend," erzählt'mir Professor Amsalac, „als ich am Eingang zu unserer Synagoge einen bescheidenen jungen Mann in Uniform traf, der mich bat, zum Gottesdienst in unserer Synagoge zugelassen zu werden. Von da ab sah ich ihn häufig in unserer Synagoge. ' Später vertraute er mir das Geheimnis seiner,: Lebensgeschichte an: Meine Mutter ist eine Katholikin. Mein Vater war ein Maranne. Das erfuhr ich aber erst vor kurzem. Mein Vater pflegte sich fast regelmäßig an dem Feiertagsabend in einem Zimmer abzusperren. Ich hatte das Gefühl, daß er dort Gebete verrichte, die mir unbekannt sind. Er selbst sprach nie auch nur ein Wort von seiner Religion und ich hatte den Veracht, daß er Mohammedaner sei; Nach seinem Tode bemühte ich mich, die Wahrheit über die Religion meines Vaters zu ergründen. Der Gedanke erfüllte mich Tag und Nacht. Die katholische Kirche war mir innerlich ganz fremd. Ich suchte einen Weg zu Gott und wollte jenen Weg gehen, den mein verstorbener Vater gegangen ist. Erst in eurer Synagoge in Lissabon ward mir das Geheimnis klar. Es war nicht nur ein Zuhören eurer Gebete, sondern ein Suchen und ein Grübeln in meiner eigenen Seele. Als ich eure hebräischen Gebetstexte hörte, im uralten geheimnisvollen Rhythmus, als ich die Luft von Jahrhunderten einatmete, erwachte in mir etwas Unklares, Unendliches, kaum Begreifbares und eine geheime Stimme rief mir zu: Das ist die Religion deines toten Vaters und das soll auch die deine sein! Und jetzt komme ich zu Ihnen mit der innigsten Bitte, helfen Sie mir, den Weg zu meinem väterlichen Glauben zu finden!" „Bastos Entschluß", erzählte Amsalac weiter, „war fe.st. Er führte ihn allen Schwierigkeiten zum Trotz durch. Er begann fleißig die jüdische Glauf benslehre zu studieren und sich die hebräische Sprache vollständig anzueignen. Nach dem Tode seiner Mutter konnte ihn nichts mehr bei der katholischen Kirche halten. In Tanger trat er formell zum Judentum über. Er heiratete ein jüdisches Mädchen aus der Lissaboner Gemeinde, das sich Hebräisch zu lernen verpflichtete- Der Tag, an dein Basto sein jüdisches Heim in der Gemeinde, im Judentum, begründete, war nach seiner eigenen Aussage der glücklichste seines Lebens. Jetzt begann für ihn ein neues Leben in der Arbeit an seinem heiligen Ziel. Er sammelte um sich die zerstreuten und geheimen „Glaubensgenossen" und gründete die erste Marannengemeinde in Oporto, wo er außerdem seit zehn Jahren die Stelle eines ,GefängnisxlirektQr,s und Pressezensörs bekleidet. Kapitän Basto ist eine hochinteressante Persönlichkeit, ein geborener Glaubensfanatiker, . von dem man noch viel hören wird." , Wie Josef ging er aus, seine Brüder zu suchen, und selbst aus den entlegensten, verstecktesten Winkeln Nordportugals hat er im letzten Jahre die halberstörbeheri Herzen zu neuem Leben erweckt, und'die Zahl jener, die ihm folgen, wäthst von Tag zu . Tag. Dort, wo er sich; zeigt, entzünden sich die Lichter der alten Menorah; es wachsen Synagogen empor, aus denen man die alten jüdischen Gebete hört. Eine ähnliche Bewegung, innerhalb der jüdischen Geschichte ist seit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil nicht zu verzeichnen. In dieser Bewegung ist Basto alles in einer Person: Lehrer, Organisator, Uebersetzer, Forscher, Bal-Tefillah, Prediger, Zeitungsmann. Er redigiert seit 1927 die portugiesische Zeitschrift vl„Ha Lapid" (Die Fackel), eine periodisch erscheinende Sammlung von Lektionen über jüdische Religion und jüdische Geschichte. Er organisiert - Gemeinden, richtet Schulen ein, bemüht sich um Arbeitsvermittlung für die jüdischen Handwerker und! bringt seine Glaubensbrüder der alten jüdischen Kultur näher. Sein Wirken wird für das portugiesische und spa- ( nische Marannentum bedeutungsvoll werden und es wieder zu einem Glied des jüdischen Volkstums ' machen. Die Sinai-Inschriften. Professor Dr. Hubert Grimme, der Semitist der Universität Münster, hat bekanntlich vor einigen Jahren in der Welt der, Orientalisten und der Freunde der Religionsgeschichte Aufsehen dadurch erregt, daß er in den altsinaitischen Buchstabeninschriften Nachrichten über Moses als Sohn der Pharaonentochter entziffert haben wollte. Der Gelehrte hat . jetzt die Inschri^ Jen kurz nach ihrer Wieder auf findung und Ueberführung ins Aegyptische Museum in Kairo;vier Wochen lang studieren können und wird sie demnächst veröffentlichen. Es sind Urkunden, deren Bedeutung für die Geschichte der Schrift, der Religion, Sprache und des VoU;qs der Hebräer Grimme nachweist. (Die erste Publikation ist in der „Wiener Morgenzeitung" erfolgt).

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