Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 97 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I Seite 12 DIE NEUE WELT Nr. 97 Diesen goldenen Träumen gesellte sich noch ein Traum — Sonnenthal. Es ist schwer zu sagen, welcher ■ Von den beiden Träumen ihn mehr bezauberte, welcher von beiden mehr Raum in seinem Herzen einnahm. Resl, das Abbild einer Gottheit, oder Sohnenthai, der Gott selbst. Da, schon ist er in Wien. Wißt ihr^ was Wien ist? Wodurch Wien sich auszeichnet? Wien, das ist die Stadt, wo Sonnenthal' wohnt. Und was wäre schon Wien ohne Sonnenthal? Klopfenden Herzens tritt er über Sonnenthals Schwelle.! Mit dem Gesicht eines Engels und mit dem Lächeln der Sonne an einem schönen Sommermorgen sieht ihn-der Gott der Künstler und Schauspieler, der große Sonnenthal an. Nimmt ihn an die Hand und führt ihn zu sich! in die innersten Räume des schönen großartigen' Palastes und läßt ihn sich gegenüber auf einem Stuhl; Platz nehmen. Und, prüft sein Spiel. Und lobt ihn'so sehr, daß ihm fast der Kopf schwindelt. ,Nein, nicht in solchen Rollen sollte er auftreten', sagt ihm Sonnenthal selbst mit demselben Ausdruck und in demselben Ton; in welchem es ihnü Dr. Lewius am ersten Abend ihrer Bekanntschaft gesagt hat. ,Nein, ein von Gott so gesegnetes Talent muß sicW in ernsteren klassischen, Rollen zeigen../ Aber genau dasselbe, was Dr. Lewius Ihm gesagt hat, Wort für Wort. a>Dr. Julius Lewius", lasen unsere beiden Helden, auf einem kleinen Schild an einem hohen Tor * eines prachtvollen Hofes mit eisernem Gitter, hohen Ahorn-! bäumen, hinter denen eine schwere' weiße Mauer stand',, ein reiches Bürgerhaus, vornehm und solid, als würde es zu eüjch sprechen:; Hier.' ist es gut,' hier ist es ani genehm, hier ist es ruhig. I . „Der Teufel in des Geldes Vater hinein'/, konnte sich Holzman auszurufen nicht' enthalten, schneuzte kräftig die Nase in ein neues noch knisterndes Taschentuch' und z<jg an der Glocke. i 64. K a p i t e 1. Der Lemberger Mäzenat. ) Als die zu Gast Geladenen, Holzman und Rafalesco, zum Dr. Lewius hineinkamen, erkannten sie ihn fast nicht. Wo ist sein breites Lächeln von seinem freundlichen Gesicht, hingeraten? Wo ist seih Redeschwall und sein Redefluß hingeraten? Hier ist er unbegreiflich solider, gesetzter, herber und zurückhaltender. Um einen Kopfl kleiner. Gar nicht der Mäzenat, der. er im Theater ist.' Gar, gar nicht der Dr. Lewius, der er auf der Gasse ist. Man kann nicht sagen, der Dr. Lewius habe sie etwa nicht freundlich empfangen. Im\pegenteil. Er half ihnen selbst die Oberkleider ablegen, führte sie zu sich' in einen großartigen Raum, von oben bis unten mit Bü> chern vollgestopft. Placierte sie in, zwei hohe weiqhe Fauteuils und begann mit ihnen liebenswürdig ein Ge-< sprach über sehr uninteressante' Dinge: wie ihnen die Stadt Lemberg gefällt, was sie zum Wetter sagen und noch mehr ähnliche nichtige, trockene Redensarten, <iie man fornüialber fast in jedem aristokratischen Haus benützt, wo man offiziell zu Mittag eingeladen ist und der Tisch noch nicht gedeckt, wo man sitzen muß mit hungrigem Magen und keinerlei ^Gesprächsstoff hat. Und der Gastgeber euch ansieht wie die elfte Plage Aegyptens: uhd sich denkt, ,ein langweiliger Gast das, \ man muß ihn behutsam angehen', und der Gast den Gastgeber ansieht und sich fragt, ,welcher Teufel hat mich hergebracht» daß Jch hungern'muß; hab ich1 denn zuhaus kein Mittag zu all den guten Jahren?' Eure Stimmung wird erst dann ein wenig weicher, wenn der Bewirter aufsteht, euch an den gedeckten Tisch; bittet und mit der herausn geputzten, freundlich lächelnden Hausfrau bekanntmacht und euch den Platz obenhinauf zur Rechten der herausgeputzten, freundlich lächelnden Hausfrau anweist, euch das erste Glas anfüllt und den. Zubeiß zuschiebt und euch Speisen von den Schüsseln anlächeln, anblicken, anduften und ihr schließlich beginnt, als Gast in Funk-! tion zu treten. i Nachdem sie mit nichtssagenden trockenen Gesprächen gegen eine halbe Stunde zugebracht hatten, stand Dr. Lewius mit seinen geladenen Gästen auf, führte sie durch eine ganze Reihe von großen, breiten, hohen, wundervoll möblierten Zimmern mit schweren Portieren, hohen glänzenden Spiegeln und führte sie zu einem gedeckten Tisch. Aber statt einer herausgeputzten, freundlich lächelnden Hausfrau fanden sie obenan am Tisch ein altes stockgraues Wesen mit runzeligem, gelbem Gesicht, das den Anblick einer scharf gesäuerten Gurke bot. „Mein Mütterchen", sagte ihnen Dr. Lewius, nachdem er zu ihr getreten war und ihr einen Kuß auf die. Hand gedrückt Hatte. _ Das „Mütterchen", mit der Scheitelperücke, im Seidenkleid, mit brillantenen Ohrgehängen, und großen Perlenj schenkte Beiden kaum, kaum einen Blick. Und dieser Blick war so kalt, daß in ihnen die Muttermilch gerann. „Eine alte Hex" — sagten Holzmans scharfe spitze Augen seinem jungen Freund. Und Beide, recht ausgehungert, setzten sich zu Tisch, ließen sich nicht lang bitten, sondern begannen den Appetit zu stillen, betrachteten dabei den Dr. Lewius und konnten sich nicht satt sehen anl seinem Gesicht, das hier vyieder eine andere Physiognomie angenommen hatte. Es lag doch wieder auf seinem Ge-<' sieht ein Lächeln, aber das Lächeln sah verzerrt aus, wie das eines Menschen, der sich jetzt gerade hinsetzen muß, sich einen Zahn ziehen zu lassen. Jetzt gerade, scheint es, nimmt er alle Kraft zusammen, lehnt den Kopf zurück, schließt die Augen und öffnet den Mund: Hier. Zieh, zerr, reiß, mach was du willst...! So. sah der Doktor aus. Und das „Mütterchen"? Es' schien ihnen, sie denke sich: Wozu hat er die Schlemihle hiehergebracht? Nein. Es war kein Gesprächsstoff da. Und das, was man sprach, reimte sich nicht. Wänei nicht das Klirren von Gabeln und Messern, müßte man hören, wie die Gäste jeden Bissen herunterwürgen. Sc» wundervoll stumm ging es beim Essen zu. Es war wirklich ein Vergnügen und eine Freude, als der Doktor vom Tisch. aufstand, dem „Mütterchen" einen Kuß auf die Hand gab und sich mit ihnen auf sein Kabinett zurück begab. i Hier öffnete der Gastgeber eine Schublade des schönen Schreibtisches und zog drei verschiedene Zigarren aus drei verschiedenen Schachteln hervor. Holzmans scharfe Augen erkannten im Nu, daß die drei Zigarren drei' verschiedenen Sorten angehören: einer besseren, einer schlechteren und einer ganz schäbigen. Die „besseret behielt der Gastgeber sich, die „schlechtere" gab er Ra-< falesco und die „ganz schäbige" bot er Holzman an. I Beim Anrauchen wies es sich, daß Holzman Fachmann in Zigarren sei, denn er: Verzog stark das Gesicht und es begann ihn zuni Husten zu reizen. Wäre Holzman nicht um eines bestimmten Zieles wegen und mit besonderer Absicht hierhergekommen, hehehe, wäre dieser Mäzenat für eine solche Ehrengabe nicht so ohneweiters weggekommen. Holzman wäre nicht faul gewesen und hätte ihn gefragt, wo er eine solche „Stincadöros-Zigarre" erwischt habe von jener Sorte Zigarren, die sich waggonweise verkaufen-1 und die gemacht werden, „Fliegen zu vergiften". Aber da diese Visite einen' bestimmten Zweck hatte, nahm es Holzman kraftvoll auf sich, die Zigarre der. dritten Art zu rauchen/zu husten-bjs zum Erstickt-i werden und obendrein von diesem Mäzenat ein ganzes Kolleg, über „Kunst" anzuhören, das jener für seinen jungen Freund Rafalesco ganz von vorn zu lesen begann^ Wieder einmal dasselbe Lied, es schlägt sich auf die Galle, dachte sich Holzman. Abermal Kunst und wieder einmal Kunst und klassische Rollen, und Wien — bei uns in Wien... und Sonnenthal — unser Sonnenthal... hat ihn halt erwischt, dieser „Deutisch". Und dieser Idumme Junge sieht ihm auf den Mund, glaubt, es ist edelstes Manna. Eine Geschichte bis morgen. Man muß ihm hineinfahren mit der Deichsel in die Veranda, auf daß es ein Ende nimmt. „Nehmts mir nicht übel, Reb Deutsch, ich bin ein grades Menschenkind und -versteh Heine Klügeleien. Sie sagen, der Junge darf nicht starke Rollen spielen wie bis jetzt, daß er studieren muß. Wien, sagen Sie, muß er sehen. Bitte schön, vielleicht haben Sie recht Fragt sich aber, wie kommt die Katz übers Wasser. Sie haben doch gewiß das Sprichwort gehört: „Ist kein Finger da, kann man keine Faust machen." Bei diesen Worten winkte Holzman seinem jungen Freund zu, er solle ihm zu Hilfe kommen. Rafalesco aber, ob er es nun nicht verstand oder tat, als verstünde er nicht, kam ihm nicht zu Hilfe. Hinausgeworfen waren Holzmans Hoffnungen auf diesen Mäzenat... und der Mäzenat sprang von seihtem Platz auf wie ein Gestocheher. „Pardon, den. Brief meinen Sie, an meinen Freund Sonnenthal, den ich versprochen habe, sofort, ein Mo,- ment." Umsonst versuchte Holzman ihn zu beruhigen, ,mit dem Brief hat's Zeit', umsonst kehrte Holzman einigemal zu seiner Sache zurück, umsonst gab er ihm sanft zui verstehen, daß „die Reise ungeheuer viel kosten müsse", daß „der Faden ausgehen würde", daß „die Groschen bei ihnen gezählt sind'*... Der Dr. Lewius war taub allen diesen Andeutungen gegenüber, taub wie die Wand* Als er sah, daß es nicht viel nütze, tat Holzman de«| Versuch, mit klaren Worten herauszurücken. Aber nicht mehr als den Versuch; denn kaum hatte er den Mund geöffnet, über Geld zu sprechen, als ihm Dr. Lewius schon den geschriebenen Brief übergab, die Hand drückte, nach dem Diener klingelte und auf die „Herren" zeigte, die gehen wollen, und aufstand und sie höflich zur Tür geleitete. „Heute ist Ihr letztes Gastspiel. Heute sehen wir uns im Theater. Gewiß sehen wir uns. Werden dann auch über alles sprechen. Ueber alles. Adieu. Auf WiediersehnV Vielen Dank für Ihren Besuch. Adieu. Adieu. Auf Wieder-' sehn." 65. Kapitel. Das letzte Gastspiel in Lemberg. Die letzte Vorstellung der berühmten Bukarester Truppe vor ihrer Abreise aus Lemberg verlief mit noch mehr „Geklapp", mit noch mehr Pracht und Glanz als die ersten Vorstellungen. Es kam ein wohlgeratener seltener Abend zustande. Alle Spieler waren an ihrem Platz. Der Regisseur .brauchte nicht zu schwitzen. Der Dirigeur brauchte nicht Holz zu hacken. Der Souffleur hatte nichts zu tun. Alles schmierte sich wie Butter. Die Schauspieler beider Truppen waren alle an diesem Abend aufeinander eingesungen, über fcllen schwebte und lebte der Geist des jungen Künstlers. Rafalesco selbst fühlte sich heute Abend zuhause. Wie nichtssagend und läppisch das Stück auch war, so merkte man doch diesmal am Spielen ein seltenes Ensemble. Echtes Aesthetiker hatten Freude daran, mindere Kenner waren begeistert, das große Publikum war außer Rand und Band und zerriß das Theater mit „Ra—fa—les—co, Rafa—les—co." Und Rafalesco tat's den'Leuten zülieb und zeigte sich dem Pubiikum noch einmal und noch einmal. Und nichti allein, sondern mit der berühmten Lemberger Primadonna', die sich mit ihm in den Triumph dieses Abends teilte. So off Rafalesco sie an der Hand nahm, empfand sie ein Zittern durch ihren Leib:1 der Junge gehört mir, er wird schon zu mir in den Cheder hereinkommen. So dachte Henrietta Schwalb und lächelte breit mit allen ihrenweißen Zähnen und mit ihren falschen Steinen, die sie in der letzten Zeit zusammengekauft hatte. (Fortsetzung folgt) GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bez., Seitenstettengasse 2, Telephon U-28-1-28 XL, Zentralfriedhof, neb. d. J. 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E |ii[Uli»l»M»"»i»i»Ui'lUfi»HiniHniiiiiiiiiiiiHiiiiiinii»iinn Pension .Ausfria' (OLGA KAD1SCH) JSgermayerstraße 15 - Telephon 99 Stelle 8 Für Dauer- und Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht Im Hause, auch Nachhilfe für öffentliche Schulen besuchende Kinder. - Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin. - Erstklassige Verköstigung. - Mütterliche Pflege. - Mäßige Preise i mit u. ohne Trichter,?e Kofferapparate, Sthallplaflen, die neuesten Schlager in grösster Auswahl erhalten Sie lur S 2.50 Wochenraten. öÄÄffiM MusIKhaus SchlesingerWta* Bu* IHMMfHM gasso 122 u. 124 mmumam rs-itf Schadehen, der in besseren jüdischen Kreisen verkehrt, empfiehlt sich -.: # Gefl. detaillierte Zuschriften unter „Diskret" an die Expedition des Blattes ET 'rttlttlttß! m KiiDT n?sn?jp j mit schöner Stimme ' * . sucht Posten Unter „Fromm" an die Expedition dieses Blattes Vermittlung erbeten llllllllllllllilllllllllffl Bei Einkäufen berufen Sie sich auf „DIB NEUE WELT"! MÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1929 S20.— monatlich ohne Angabe! n|#|# IX. LIßchtenstelnstraßß ff^lmilLTct,a A16'3"64 und A 16"3-63 H>. Wiedner HauptstraBe Hr,8 SPORT* Tel. A 30-0-36 UND TOURISTENARTIKEL Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker, . VerlagSrA,-,G, Jgnas Steinmano, beide Wien, IX« Umversitätsstraße 6—8. Druckerei-, und i.