Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 94 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.- vierteljährig Lei 120.—. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion and Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint reden Freitag Jahrgang 3 Freitag, den €. Juli 7929 Nr. 94 Was der Moskauer „Emes" erzählt &» * Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Aus dem Inhalt: y: Tanganjika. Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem: Aufbauen oder Schuldenzahlen. Die Kongreßwahlen in Wien. Dr. Paul I. Diamant: Der erste jüdische Advokat im alten Oesterreich. Die Juden in Rumänien. o. r.: Zionistische Kuriosa. Jakob Krausz: Assimilantentypen von rechts und links. Aus Palästina. Aus der jüdischen Turn- und Sportbewegung. Austritte aus dem Judentum. Schalom Asch: Die Mutter. Schalom Ale ehern: Komödianten. Das englische Palästina-Mandat, Eine Erklärung des Ministers ShmwelL Aus London, 25. Juni meldet die J. T. A.: Auf dem Jahpesdiner der Englandloge des Ordens Bn&i Britto hielt der Parlamentsstekretär beim Kriegsimdiiisteriu'm, Herr Emanuel S h i n w e 11, in Erwiderung auf seine Begrüßung seitens des Herrin S. Gilbert eine Ansprache, in der er ungefähr ausführte: Sollte bezüglich des Kurses der jetzigen britischen Regierung hinsichtlich Palästinas und seiner Entwicklung irgendwelche Besorgnis gehegt werden, so darf ich es wagen, die bündige Versicherung abzugeben, daß die jüdischen Interessen in Palästina bei der jetzigen Regierung in guter Hut sind. Im übrigen wollen wir uns an diesem Abend foestnefben, Politik m venmeiden. Streit zwischen Jude und Jude ist kein erfreuliches Schauspiel. In der öffentlichen Meinung hat sich ein Umschwung zugunsten der jüdischen Gemeinschaft vollzogen. Vorbei die Zeit, wo die harten Probleme der Menschheit, die sozialen Krankheiten, den Juden in die Schuhe geschoben wurden. In diesem Lande stad die Juden allen anderen gleich; ein Bedürfnis nach besonderem Schutz ist nicht vorhanden. Nichtsdestoweniger gibt es jüdische P r o o 1 e m e, mit denen man sich zu beschäftigen hat, so z. B. das Problem der Auswanderung, der Berufeumsohiohturjg, des Unterrichtes usw. Die Jüdischen Mitglieder des Unterhauses, gleichviel welcher politischen Richtung sie angehören, werden im Parlament geeint für Rechte und Interessen der jüdischen Gemeinschaft eintreten. Friedhofschänder sind straffrei. In Amerika. Eine aus sieben Frauen und fünf Männern bestehende Jury in C1 e v e I a n d hat die wegen Schändung des jüdischen Friedhofes in Cleveland in der Nacht zum 27. April angeklagten Joe König und Stanley Sinek freigesprochen, obwohl sie selbst die Tat zugaben, aber behaupteten, im Zustand der Trunkenheit gehandelt zu haben. Der Staatsanwalt plädierte für ein stTenges Urteil und erklärte, daß die Angeklagten aus antisemitischen Motiven den Friedhof geschändet haben. Und in Deutschland. In der Strafsache wegen der Beschädigung von Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof in Köpenick hat die Staatsanwaltschaft mit Zustimmung der Jugendrichter das Ermittlungsverfahren eingestellt, weil die beiden 15jährigen Täter nach ihrer geistigen und sittlichen Entwicklung unfähig gewesen sein sollen, das Ungesetzliche der Tat einzusehen. Den beiden Jungen lägen politische Beweggründe völlig fern. Ihre Tat sei ein Dummejungenstreich. Die jüdische Minderheit in Polen. Erklärungen Zaleskls. In Polen wie im Ausland besteht die Meinung, daß die antisemitischen Unruhen in Lemberg von den reaktionären Nationaldemokraten, den Gegnern der heutigen Regierung in Polen, zu dem Zwecke inszeniert wurdem um der Regierung nicht nur im Inlande Schwierigkeiten zu bereiten, sondern auch um die Position des Außenministers Grafen Zaleski auf der Madrider Tagung des Völkerbundrates zu erschweren. In diesem Zusammenhange sind die Ausführungen interessant, die Graf Zaleski auf seiner Durchreise durch Lissabon, wo er mit dem portugiesischen Außenminister eine Zusammenkunft hatte, gegenüber dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur gemacht hat. Die polnische Judenheit, sagte Graf Zaleski, stetH eine Minderheit dar, die treu zum Staate hält und bestrebt ist, mit der polnischen Vojksmehrheit zu einer herzlichen Uebereinstimmung zu gelangen. * Diese Minderheit hat keinerlei territoriale Aspira tionen und beteiligt sich nicht an internationalen Intrigen. Sie erhebt kulturelle Forderungen, die zu befriedigen die polnische Regierung nach Möglichkeit bestrebt sein wird. Schwieriger zu entscheiden sind die wirtschaftlichen Fragen der polnischen Judenheit; sie sind nicht von heute auf morgen zu lösen, das Leben selbst wird da einen Modus vivendi finden. Die Regierung wird ihr Aeußerstes tun, um die Juden in der Lösung ihrer wirtschaftlichen Probleme zu unterstützen. Die Regierung bedauert sehr die in Polen stattgefundenen antisemitischen TJnrunen, die Rückfälle in die alte antisemitische Psychologie darstellen. Dia Regierung hat die Unruhen energisch unterdrückt und sie ist bestrebt, der antisemitischen Psychologie entgegenzuwirken. Zum Schluß sprach Graf Zaleski von der wichtigen Rolle, die die Juden im Wirtschaftsleben Polens spielen, und von den Verdiensten der Juden um die Entwicklung der polnischen Wirtschaft. Lodz, das polnisch-jüdische Manchester, sagte er, ist daran, auch die fernsten Märkte, wie zum Beispiel die in Südafrika und China, für seine riesige Textilproduktion zu erobern. Lodz ist auch ein Zentrum jüdischer Literatur und jüdischer Kunst. Tatsachen aus Polen. In einem Bericht des Berliner „Vorwärts" aus Warschau heißt es unter anderem: „Die polnischen Juden sind traditionell die Sündenböcke für die Fehlschläge der herrschenden Klassen. Wenn die zaristischen Gouverneure ein Anwachsen der Unzufriedenheit in „Russisch-Polen" fühlten, da wurde das Zeichen zum Judenprogrom gegeben, jüdisches Blut floß, jüdische Läden wurden geplündert — die aufrührerischen Elemente hatten sich ausgetobt und die Ruhe war wieder hergestellt. Die polnischen Rechtsparteien haben diese Tradition getreulich übernommen: Man wird gut tun, die letzten antisemitischen Studentenausschreitungen in Lemberg, Posen und in geringerem Umfange auch in Warschau, unter diesem politischen Gesichtspunkte zu betrachten, und sich davor zu hüten, für die Pogrome das polnische Volk - oder die polnische Regierung verantwortlich zu machen. v . . . Trotzdem sind aber die polnischen Juden alles andere als „gleichberechtigt"; es gibt in Polen keine jüdischen Staatsbeamten, keine jüdischen Offiziere, die Zahl der jüdischen Studenten und Professoren ist durch einen rigorosen Numerus clausus begrenzt, die Behörden, vor-allem die Stauerämter, sind von dem Antisemitismus nicht' ganz frei und die jüdische, Konfession ist immer noch für die Karriere In der Industrie, dem Handel, der Bankwelt und sogar in der Kuast im höchsten Grade hinderlich. ... Es hat unverkennbar hinter der Studentenaktion ein Drahtzieher gestanden, der die chauvinistischen Korpsstudenten zu den Judenprogromen verleitet hat. Die iudenfeindlichen Exzesse sind das Ergebnis einer planmäßigen Aktion der Nationaldemokratie. Der Plan war einfach: nach außen sollten die Progrome dem Außen-* minister Zaleski in Madrid Balken zwischen die Beine werfen, im Inneren die Regierung zu energischen Maß* nahmen gegen die Studenten veranlassen, um so die Regierung als „Beschützerin der Juden44 brandmarken zu können ... Es muß festgestellt werden, daß die polnische Polizei und die polnischen Behörden erst mit aller Energie einzuschreiten begannen, als sie den politischen Charakter der Exzesse erkannten und diese auch einen regierungsfeindlichen Charakter annahmen. Bei Juden ist der polnische Beamte geneigt, leicht zu zögern» zumal es den breiten Massen gegenüber politisch nicht günstig erscheint, in den Geruch der Judenfreundschaft zu kommen. Die letzten Judenpogrome in Polen bedeuten die Ankündigung bedeutsamer machtpolitischer Kämpfe. Vandervelde über denZionismus Gegen die Bundisten. In einer Rede auf der Konferenz des polnischen Verbandes für das arbeitende Palästina, die in Warschau tagte, sagte der Führer der ArbeiterJnternationale Emil Vandervelde in einer Polemik gegen den antizionistischen „Bund": Ich kann es nicht verstehen, warum man nicht gleichzeitig ein guter Sozialist und ein guter Zionist sein könne. Als Sozialist stehe ich immer auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten; aus dieser Einstellung heraus bin ich ein begeisterter Anhänger des jüdischen Palästina. Ich hoffe, daß schließlich auch der „Bund" sich zu der Idee der jüdischen Renaissance in Palästina be* kennen wird, wenn er anders nicht eine Organisation von Führern ohne Masse bleiben wolle. Haben nicht schon die ersten jüdischen Propheten für die Arbeitenden und Unterdrückten gekämpft? Haben nicht die Juden der internationalen Arbeiterschaft einen Marx und einen Lassalle geschenkt? Ich war sowohl in den jüdischen Kolonien Rußlands wie in denen Palästinas. Die Arbeits* begeisterung, die in den palästinensischen Kolonien herrscht, hat nicht ihresgleichen in der Welt. Jetzt, wo in England eine Arbeiterregierung mit Macdonald und Henderson ans Ruder ge* kommen ist, werden Hindernisse, die sich dem jüdischen Aufbau Palästinas entgegenstellten, aus dem Wege geräumt werden. Die Mandatarmacht müßte in erhöhtem Maße das jüdi* sehe Aufbauwerk stützen, das Kultur und Hygiene auch den Arabern vermittelt. Alle Staatsmänner, die die Ver< wirklichung des Ideals sozialistischer Gerechtigkeit er* hoffen, sind von dem Palästinawerk begeistert. Ich wünsche Ihnen großen dauernden Erfolg. Hitler-Mehrheit im Koburger Stadtparlament. Am vorletzten Sonntag fanden in Koburg die von den Nationalsozialisten durch Volksentscheid veranlaßten Neuwahlen zum Stadtparlament statt. Wie erinnerlich, haben die Nationalsozialisten durch Volksentscheid den Rücktritt des früheren Stadtrates erzwungen, weil dieser die Entlassung eines nationalsozialistischen Schlachhofbeamten, der einen jüdischen S c hl äch terra eis«, ter.fortgesetzt antisemitisch beschiimpft hat,-verfügt hat. Bei den Wahlen konnten die National-! Sozialisten ihre Mandatsziffer von 3 auf 13 steigern und erlangten damit die absolute Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung (Stadtrat)., Der neue Stadtrat behält sein Mandat nur bis Anfang Dezember dieses Jahres, dann finden in ganz Bayern die allgemeinen Stadt wählen statt. ♦ Weiters wird aus Koburg berichtet: Die neue Stadtratsmehrheit hat beschlossen, den Stadtrat Schwede sofort als definitiven Beamten anzustellen.