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Die neue Welt · 1929-06-28 · Heft 93 (28.6.1929) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 93 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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£Vjt.- ^mmmvffix Nr, I« „Die N«üe »Welt"# »Wien ~ ^wL_, £ _ Nachdruck yetb.oten. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (33. Fortsetzung) Und immer fächelt sie, zeigt einen großen Mund mit gesunden weißen Zähnen. Blickt ihr sie an und möge euch noch so bitter ums Herz sein, ihr müßt ein wenig lachen. Sonderbar komische Figur, diese Brejndele Kosak. Und doch sah sie in den Augen Rafalescos jetzt ganz hübsch und angenehm aus. Wie gerne würde unser Held alle Schauspieler der beiden Truppen jetzt wenigstens für eine kurze Zeit in die Erde versinken dder zu allen Teufeln verschwinden sehen» mit dieser angenehm drolligen Figur zurückbleiben, um mit ihr über Resl> Res], Resl zu sprechen. Ist es aber direkt Satanswerk, als hätte man sie gedungen, da um ihn herumzustehen1, ihn anzugaffen, auf ihn zu warten, bis er fertig wirdf auf ihn den einen, damit die alle mit Dr. Lewius in ein Cafe* gehen. Währenddessen spricht man von vorn und lacht man. Ein fröhliches Gesindel! I^Warum dauert das heute so lange bei dir?" sagt Holzman und hilft ihm beim Ankleiden und wickelt ihm ein Cachenez um den Hals, daß er sich nicht erkälte,! worauf sie sich auf den Weg machen, die Ändern ihnen nach, hinaus, unter Lärm und Hu-Ha und Gelächter, wie Jungen, wenn man sie aus dem Cheder herausgelassen hat. > l Und draußen ist eine stille besternte Nacht. Vor dem Theatereingang steht ein Wagen mit Pferden, keine alltägliche Sache für das Lemberger Jüdische Theater. Die Theaterleute bleiben stehen. Wem gehören die Pferde., wem der Wagen?' Seine Equipage hat der Dr. Lewius für sich und für den Gastroilisten Räfalesco bestellt und selbstverständlich für dessen Impresario Holzman. Und alle drei setzen sich in den Wagen. Holzman kann sich nicht zurückhalten zu bemerken „der Teufel in des Geldsacks Vater hinein". Dr. Lewius wirft den Leuten hin „Also, meine Herreh, ins Cafe Monopol!" Die Leute gaffen und beneiden den glücklichen Räfalesco. Sie sprechen unter Lachen zueinander und sagen: ,Mi ba-esch umi ba-majim...* Wozu Raschi bemerkt: Wer da fährt und wer da geht zu Fuß! 5 6. Kapitel. Er tr&tkt auf die irrendem Sterne. Wie 'die Schauspieler das Cafe Monopol betraten',, taten 'sie es so geräuschvoll und ließen' sich rings um di«! Tische so breit nieder, als wollten sie sich anschicke^ alles zu verzehren und leerzutrinken, was sich im Hausf befindet. Sofort wuchsen wie aus dem Boden zwei Kellner im kurzen Fräcken, mit langen echt semitischen Nasen hervor undd postierten sich zur Seite der . eingetretenen .Gäste, wortlos, wie um zu sagen „was wünschen die Herren?^' Da stellte sich heraus, daß „die Herren" vorderhand noch nichts wünschen, sie warten noch auf ein paar Personen. Vorderhand reißen sie Witze über die .paar GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bes., Seitensiettengas$e 2, Telephon U-28-1-28 XL, Zentralfriedhof, neb. d. 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Einer kopierte ihm wie er die Hände in den Taschen hält, durch die Brillen hervorguckt und zwischen den Zähnen spricht. Der andere machte ihm nach, wie er Räfalesco applaudiert, mit den Händen, mit den Füßen, mit allen Körpers teilen. Ein dritter ließ sehten^ wie er den „Jungen" kiißt und der Junge, der Arme, .erschrickt. Die ganze Gesellschaft zergeht vor Gelächter. Schauspieler sind im allgemeinen ein fröhliches Volk. Nicht umsonst nennt man sie, bei uns „Verschleppte Kränk". Ob was . da ist zum ' Lachen oder nicht, man lacht. Sagt einer was Gescheites, lacht man, sagt er eine Dummheit, muß man erst recht lachen. Unser Lewiathan hält ihnen wahrscheinlich dort im ' Phaeton ein Kolleg über „Kunst". Und wirklich, als ob sie dabei gewesen wären! Der Dr. Lewius hatte zunächst den Kutscher beauftragt, sie 'nicht sofort ins Cafe Monopol zu führen, sondern eine Tour um die Stadt herum zu machen, „Luft zu schnappen". Ein Mäzenat, der Geld hat, macht nicht viel Zeremoniell mit armen Schauspielern und mit jüdischen noch dazu. Der Dr. Lewius ist daran gewöhnt-worden, daß man vor ihm in allen Gliedern zittert.- Kraft des Geldes. Im Augenblick, wo er das Kaffeehau^. betraf stand, die ganze Gesellschaft wie ein Mann, auf und machte, ihm respektvoll den Platz obenan frei, den er mit dem Gefühl eines Mannes einnahm, de* weiß, was ihm gebührt. Dafür ließ er heben sich den Gastroilisten Räfalesco zur rechten Hand Platz nehmen und den Impresario Holzman zur Linken und die Sitzung bekam alsogleich ein feierliches Aussehen und die Stimmung erhöhte sich. Der Dr. Lewius klingelte und die beiden Kellner mit den kurzen Fräcken und den. langen semitischen /Nasen, wieder einmal wie aus dem Boden hervorwachsend, liefen, sogleich zum Doktor Lewius hin und sahen ihn mit soviel Respekt und Neugierde an, als ob das, was ihnen jetzt der Dr. LewifUjS sagen werde, für sie;, für das. Cale, für die ganze Welt weißgott was für eine .Bedeutung haben würde. Die beiden Kellner neigten sich ihm zu und hielten den Atem soweit zurück, wie es einer, lebenden Seele möglich ist, die atmen muß. Der Dr. Ldwius aber sagte das nicht so rasch heraus, was er zu .sagen hatte. Er legte sich gemütlich sein dreieckig zugeschljffenes Glas zurecht, zog die §tirnha,ut zusammen, schloßt die Augen halb und blickte nachdenkend durch die Brillen, zu einem Punkt hin wie ein Mensch, der gerade dran-f ist, ein Weltproblem zu lösen. Dann wurde das Wort gesprochen. Dr. Lewius möchte die Kellner bitten, gefälligst. Bier z,u bringen, jedem einen Krug Bier und Koscherwurst als Zubeiß. Die Kellner reckten sich, liefen beide mit derartiger Hast und derart strahlenden Gesichtern ab, als wollten sie der Welt verkünden, daß jemand,., ein., naher gekannter,, den Nordpol entdeckt habe oder wenigstens, zumindest, daß man jemand aus dem Gefängnis befreit habe. Dasi Bier wurde aufgetragen, die Koschermifst wurde' •mit, Ehrerbietung aufgenommen, Platz für sie rein gemacht ^nd der 1 Dr. Lewius'erhob sich wie ein Präsident und. mit schmeichelhafter Süße, das sich über seine dicken Lippen und seine großen weißen Zähne, die beü ihm sonderbar schief übereinanderwachsen» ergoß, absolsolvierte er einen Toast, eine lange, eine glänzende Rede. Gesprochen hat der Dr. Lewius natürlich hochdeutsch. Denn so oft es offiziell zugeht, muß man deutsch' sprechen. In drei Worten geben »vir den ganzen Inhalt wieder. ' Der Dr. Lewius gab zunächst einen kurzen Ueberblick über die Geschichte des Theaters im allgemeinen, wie die Kunst bei allen Völkern in verschiedene^ tan* dem sich entwickelt habe von den Zeiten des großen' Shakespeare bis auf den heutigen Tag. Es versteht Sich, daß dabei furchtbare Wissenschaftlichkeit gezeigt wurde u.,d Namen von Büchern und Autoren gingen wie ein; Hagel auf die Köpfe der ausgehungerten Schauspielet! nieder, die das schäuihende Bier in den Krügen vertraulich anblickten und der Koscherwurst freundlich zu« lächelten, welche lieblichen Geruch feingeräucherten Fleisches und köstliches Aroma „deutschen" Knoblauchs1 aus** strömte. Die Schar begann bereits langsam, sich den Bierkrügeln zu verkuppeln, denn aus diesem „kurzen Ueberblick" folgerten sie, daß sie, bis der Dr. Lewius mit Shakespeare fertig ist, mit Bier und Koscherwurst dreimal fertig sein können. Der Dr. Lewius sah aber scheints selber ein, daß sein „kurzer Ueberblick" zu lang geraten sei, und da tat er einen kunstvollen Sprung, von Shakespeare. zum.,;Vater der jüdischen Bühne", zu Goldfaden, und zu seinen Nach> folgern, bis er in Glück und Frieden zu den Schauspiel lern des jüdischen Theaters hier in Lemberg gelangte! und zu den Schauspielern aller andern Theater, diö irrqij von Stadt zu Stadt und hochhalten die Fahne der jüdischen; Kunst. Einer dieser bedeutendsten irrenden Schauspieler^ sgate der Redner, ist der junge Gast aus Bukarest, derj bereits berühmte Maestro, der talentvolle Künstler RafaH lesco, den wir in engem Schauspielerkreise zu begrüßen! die Ehre haben. j „Dieser junge Schauspieler, meine Damen und Herren," wandte sich der Dr. Lewius an die Schauspieler und wies auf Räfalesco, „dieser junge Schauspieler, ist unsern Augen ganz unerwartet erschienen, wie dann) und wann am Himmel, von der Astrologie nicht erwartet^ ein leuchtender glanzvoller Stern erscheint. Ganz unerwartet verirrte sich zu uns dieser wandelnde Stern Räfalesco und beleuchtet das ganze Firmament unserer jüdischen Bühne. Aber nicht für lange, meine Damen und Herren, leider nur für kurze Zeit, wie alle großen wandelnden Sterne, die, kaum daß sie sich zeigen) auchl schon verschwinden... Ich erhebe mein Glas^ meine Damen und Herren," schloß Dr. Lewius seine Ansprache, „ich trinke auf unsere jüdischen irrenden Sterne. Hoch!" Mit einem dreifachen Hoch sprangen die Schauspieler beider Truppen auf und dankten dem Redner mit einer schönen Portion Applaus und a tempo gings an das Bier und die Koscherwurst. „Auf unsere irrenden Sterne", sagte noch einmal der Dr. Lewius und tat den letzten Schluck Bier, klingelte nach den Kellnern, zahlte und empfahl sich von allen — bis zur nächsten Vorstellung, bis morgetu (Fortsetzung folgt.) mit u. ohne Trichter, le, die neuesten Schlager Ui grösster Auswahl erhalten Sie iür Sl Eft Ulnrhnnninn sowie Mandolinen, Gitarren, Harmonikas. £.311 WUlUBlIiallill, Lauten, Violinen. 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