Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 93 (28.6.1929)
- Date
- 1929-06-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 93 Sephardim und Askenasim in Palästina. Die alten Gegensätze, Vielfarbig und verschiedenartig äst die Bevölkerung Erez Israels. Jede kleine Gruppe, jeder kleine Stamm, möge er auch nur wenige Seelen umfassen, hat in Erez Israel seinen Plate im reichen und ibumfen Panorama der verschiedenen Völker anid Rassen gefunden. Jede Gruppe setzt auch dort ihre alte Lebensart wiid ihre eigenartigen Gebräuche fort. Und trotzdem, obwohl jede Gru.ppo sich für ein eigenes Volk hält, eine besondere Organisation besitzt, ihre eigenen Führer, und obwohl öiier scheinbar so entgegengesetzte, uns so fremd erscheinende jüdische Elemente wie Sephardim, Jemeniten, Buoharer, Kaukasie<r usw. ohne Willen zu gegenseitiger Assimilation nebeneinander leben, schafft und baut man zusammen auf allen Gebieten. Die allgemeine Aufbauarbeit hat mehr oder weniger der Zersplitterung, die noch vor kurzem zwischen Sephardim und Askenasim herrschte, ein Ende gemacht. Es hörte die Spannung zwischen Sephardim und Askenasim auf. Die Askenasim sahen ein, daß die Enkel der einstigen großen jüdischen Geister starke Liebe zum Lande ihrer Väter zeigen und ein sicheres und wichtiges Element für das anbeitende Palästina -darstellen, während ihrerseits die Sephardim sich selbst nicht mehr als die eohten Juden,, die Nachkommen der Könige, und ihre askenasischen Brüder als Juden ohne Adel und Tradition betrachteten. Aeußerst wertvoll ist die kulturelle Annäherung der Sephardim an das europäische Judentum zunächst durch das Aufgeben der Vielweiberei und des von den Orientalen übernommenen Aberglaubens, besonders, wenn man 'bedenkt, daß noch vor kurzem die Sephardim die Askenasim mit Namen wie „Feinde Israels" oder „Fränkische Aussätzige" beizeichaiet haben. Die „Erwählten". Die Sephardim hielten sich von jeher für den jüdischen Adel, für die wahren Nachkommen Abrahams. So schreibt ein sephardischer Gelehrter Rabbi Elia Gapsal vor einigen hundert Jahren: „Die Sephardim sind der Same Abrahams, Seines Knechtes, die Diener des Herrn, Söhne Jaaikobs des vom Herrn Erwählten." Das soll bedeuten, daß nur die Sephardim das auserwählte Volk seien, hingegen die Askenasim Fremde, Hinzugekommene, und heute aioch schreibt «unter seinen Namen der Sepharde ein S und Ta die Anfangsbuchstaben für Sepharde, der Erstgeborene. Ihre prätenziöse Haltung erklärt sich aus der Tatsache, daß sie mehr als alle anderen Juden im Laude der Väter zu leiden hatten, und die Liebe Gottes zu ihnen mit dem Bibelspruch: „Wen Gott liebt, den züchtigt er" begründeten. Wenn sie auch während der Zeit der Zerstreuung -alles verloren haben, so ist ihnen doch eines geblieben: ihr Stolz, der sie so sehr auszeichnet. Die Sephardim hatten seit der Zelt des Ramban die Obermacht in Palästina und dominierten dort bis vor einem Jahrhundert. Askenasim wandern ein. Die Verfolgungen, die die askenasischen Juden von den sephardischen Ghachamim zu erleiden hatten, sind sehr kraß. Als die erste chaissidische Allah nach Palästina einsetzte, damals als die drei Schüler des Meseritscher Maggid, Rabbi Israel Politzker, Rabbi Mendel Witesbker und Rabbi Awremel Kalisker, - mit ihren hundert Ohassidim einwanderten und sich in Safefch und Tiberias niederlassen wollten, wurden sie von den Se»pbardlm als fremde und unerwünschte . Gäste angesehen, ebenso wie dreißig Jahre später, als sieh der Jischuw in Palästina durch die Schüler des Wilnaer Gaon, Rabbi Sadja, Rabbi Menachem Mendel und Rabbi Israel Sklower, zu erneuern begann. Auch diese Gruppe mußte sich ganz den Anordnungen der Sephardim fügen. •Als im vorigen Jahrhundert die Askenasim in Palästina einzuwandern begannen, fragten die Muselmanen den damaligen Chaoham Basohi Rabbi David Ghasan. ob jene Kinder Abrahams seien und ob man von ihrer Schechita genießen dürfe. (Bekanntlich dürfen die Mohammedaner Geschlachtetes von den Söhnen Aarons essen.) Der Ghacham Baschi antwortete, daß darüber großer Zweifel herrsche und er nicht - entscheiden wolle. Erst als die Mohammedaner selbst der Sache nachgingen, fällte er die Entscheidung, sie seien echte Juden. Noch vor einem halben Jahrhundert sahen die Sephardim sich als die Herrscher in Palästina und die Askenasim als unerwünschte Fremde an. Bezeichnend für diese Situation ist ein Brief, den die askenasisohen Rabbiner an die Rabbiner von Mainz sendeten. Darin heißt es: „Wenn einer von uns zu den sephardischen Brüdern geht und sie um irgend eine Unterstützung von den Fonds der Jeschiwoth und der Cbaluka bittet, um seine Seele erquicken zu können, antworten sie ihm: Genug schon damit, daß ihr Anteil habt an unserem Besitz. Geht von hier zu euren reichen Brüdern nach Deutschland. Ihr seid doch Askenasim!" Dieser Brief ist in einem von A. M. Lunte herausgegebenen Kalender gedruckt erschienen. Das ist nur ein Beispiel aus einer langen Reihe ähnlicher Zurücksetzungen und Beleidigungen. Beginn der Mischehen. Noch vor einigen Jahrzehnten sahen es die Sephardim als Schande an, sich mit den Askenasim zu verschwägern. Es genügt, zu erwähnen, daß Sir Moses MonteMore 50 Pfund als Prämie für jede sephardischaskenasische- Beirat aussetzte, ein Mittel, das den Versefowägerungsprozeß erleichterte und 'beschleunigte. Diese Mischehen waren nur für den sephardischen Teil günstig, da der sephardische Mann nach orientalischer Sitte seine Frau als Wesen minderer Gattung, gut für grobe Arbeiten, behandelte, die sephardische Frau hingegen von ihrem aakenasischeh Manu als gleichwertig angesehen und dementsprechend gehalten wurde. Ein weiteres Hindernis für ein harmonisches Eheleben bildeten die Extreme in Haushaltung, Speisen und Trank, wofür der sephardische Schriftsteller Josef Mejuches, Gatte einer askenasischen Frau, charakteristische Beispiele erzählt. Die hebräische Kultur siegt. Dieser Josef Mejuche s und Jehoschua J e 11 in, der Vater David Jellins, waren die ersten, die eine intime Annäherung zwischen Sephardim und Askenasim herstellten und das gute Verhältnis vorbereiteten, das sich im neuen palästinensischen Jischuw zeigt. Die hebräische Sprache des modernen Juden in der sephardischen Aussprache hat den Versohmeliziungsprozeß in Palästina beschleunigt, ebenso wie der Einfluß der wirtschaftlichen Entwicklung, d'as Zusammenarbeiten der Sephardim mit den Askenasim in Landwirtschaft und Industrie zu 'gemeinsamem Ziel und nicht zuletzt das Schulwesen, das beiden dient. Damit setzt zugleich die Zivilisierung ' der Sephardim auf jüdisohnationaler Grundlage ein, die die asiatischen, uinjüdischen Elemente in Ehe, Kleidung und sonstiger Gesittung beseitigt und damit eine neue Generation schafft, die nicht mehr an die sephardisch-askenasischen Gegensätze erinnert, weil sie jüdisch-hebräisch ist. Hebräische Kosenamen für Tiere, Es ist bekannt, daß Landwirte, die auf die Mitarbeit ihrer treuen Haustiere angewiesen sind, eine geradezu rührende Freundschaft und kindliche Dankbarkeit 'für diese Tiere an den Tag legen und sie häufig mit.Kosenamen bezeichnen. -Besondersdie milchspendenden Kühe werden solcher Auszeicihnuhg 'lind Liehe zuteil,' und gar manche überaus ergiebige Milchkuh hat Weltruf erlangt, ja, in Amerika kommt es in den Farmerkolotnien des Westens nicht selten vor, daß einem solchen Haustier auch ein Denkmal gesetzt wird. Auch in den' Bauerhkolonien von Pal ästina äst! es nicht anders. Es ist rührend, zu : sehen, wie diese, 'heue Bauernjugend, die vor noch nicht allzu länger Zeit; als Städter und geistige Arbeiter 'dem lädidwirrsdtaftU^in" Leben mit seinem Tierreich völlig fremd gegenüber'stand,; jetzt, mit der eigenen' Heirhatsscholle aufs iniügstö^'VerWoben, nicht nur den Boden und seine Produkte;'1 sondern auch' seine bewährtesten Freunde und Mitarbeiter, seine Haustiere, liebt und betreut. Ein amerikanischer Palästiuareisender schildert in seiner Reiseibe sehr ei'bung die rührende Szene, die er in der landwirtschaftlichen Schule für Mädchen in der Nähe von Nah'al-al erle'bt hat. Er wurde von der Sekretärin der Anstalt mit herzlichem „Schalom" und in fließendem Hebräisch begrüßt. Nachdem sie-dem Besucher alle Anlagen und Einrichtungen' erklärt hatte, f'üihrte sie ihn in den Kuhsta'll, in welchem Platz für etwa 40 Kühe vorhanden äst. Es sind lauter'prachtvolle Exemplare. Und wie dieses junge Mädchen ihre Tiere liebkost! Jedes hat ihren eigenen, gewöhnlich biblischen Namen: „Cihawina" (Liebling), „Abigail", Parah Aduma (rote Kuh), „Waschti" und andere mehr. Jede Kuh und jedes Kalb hat einen eigenen Platz, der. mit dem Namen des Tieres bezeichnet ist. Bei diesem Anlaß seiauch »erinnert, daß in England nicht selten Rennstallbesitzer ihren Rennpferden hebräische Waren schon Namen geben. So hat Mr. Sofly Jod vor einiger Zeit mit seinem Pferde" „Schönau Towah" („Gut Jahr", der hebräische Neujahrsgruß) einen großen Preis gewonnen. Daß hiehei auch ein wenig Aberglauben mitspielt, ist wahrscheinlich. Eine Sensation rief vor einigen Jahren das Ergebnis des Derby hervor, in welchem „Mannah" als Sieger und „Zion" als Zweiter hervorgingen. Große Heiterkeit erweckte es später, als viele Wetten auf das Pferd „Ghosan" abgeschlossen und verloren wurden. Es wurden damals verschiedene Witze darüber gemacht, daß di'escs Rennpferd vielleicht ein gutes Piferd, aber jedenfalls kein glückbringender „dmaan" (Bräutigam) ist, J. Kz. fcei Schiffmann, iL, Taborstraße Nr. 48? Wegen vorgerückter Saison sensationeller Mantel- und Kleider-Rummel. Waschkleider zu S 1.70, Sommerkleider, für starke. 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Bei Einkauf eines Mantels 1 Badetrikot gratisI Die beim Gewitter vom Waiser beschädigten Waren werden zu verblüffend billigen Preisen abgegeben; Chiffons per Meter 50 g, Wasch-de laine, für ftleider, per Meter 89 g, Waschseide, für Kleider, per Meter 98 g. Fahrtspesen werden vergütet. — Provinzversand Pi!liÄ ß | Theater und Kunst Schalom Asch in Wien. , .Veranstaltungen zu Ehren der jiddischen P. E, N.* Delegation. Zu Ehren der am Wiener Internationalen P. E. N.* Kongreß unter Führung von Schalom Asch feilnehmenden jiddischen Schriftsteller*Delegation veranstaltet das Wiener Empfangskomi tee am 30. d. um halb 11 Uhr vor* mittags eine literarische Matinee in den Kammer« spielen, bei welcher Schalom Asch und die anderen jiddischen Kongreßteilnehmer aus ihren neuesten Werken lesen werden. Einleitende Worte: M. Groß. Sonntag abends um halb 9 Uhr findet im Festsaal des Hotel de. France ein Abschiedsbankett im Kreise geladener. Gäste statt. Einladungen zum Bankett sind bei Herrn H. Thau, II., Obere Donaustraße 49, Tel. 11*48*0*21 er« hältlich. Restliche Karten zur literarischen Veranstaltung an der Theaterkassa der Kammerspiele und in den Buch» handlungen Löwit, I., Rotenturmstraße 22, Rath, II, Taborstraße 20a. Neues Jüdisches Theater (Braterstraße 60). Samstag 'lind Sonii'taiir die große Revuekomödiie in zwei Teilen: „'Bulle Kabeen" von A. Golo-mib. Musik von Scfo. Prisätnent, Der wahre Talmudjude. Unter diesem Titel ist von Albert Katz eine wichtige Schrift zur Frage der indischen Ethik erschienen. Die Arbeit trägt in 70 Kapiteln systematisch die Grundsätze des sittlichen Lebens aus den talmakUschen Schriften zusammen. Der Autor zeigt sich im Vorwort als ein Mensch von hoher Ethik, dessen Auswahl man voll vertrauen kann. Die Schrift des verstorbenen Autors ist in einer Neuauflage im Verlag M, Pappelauer, Berlin, erschienen. Feier für Moses Mendelssohn. Anläßlich der zwei-, hundertjährigen Wiederkehr des Geburtstages des iüdi-. sehen Philosophen Moses Mendelssohn am 6. September wird in .seiner Vaterstadt Dessau eine große Feier stattfinden. Den Mittelpunkt der Veranstaltung wird -eine große Ausstellung von Werken, Briefen und sonstigen Dokumenten des Philosophen bilden. Aufruf an jüdische Dramatiker/Die neugebildete Theatergemeinschaft „Jungjüdische Bühne" in Brünn ersucht die jüdischen Autoren, ihr Dramen-Manuskripte, die wegen ihrer jüdischen Tendenz von allgemeinen Bühnen nicht aufgeführt werden, zur Verfügung zu stellen. — Manuskriptsendungen sind an Dr. Ed. Drachmann, Brünn, Masarykstraße 22-24, zu richten. Neue Dokumente zur jiddischen Literatur West, europas. Der bekannte Literaturforscher N. Ausländei; teilte der jüdischen Abteilung an der Akademie der Wissenschaften in der Ukraine mit, daß er in Berliner Biblio-. theken interessantes Material zur jiddischen Literatur in Westeuropa gefunden habe. Diese bisher unbekannten Dokumente sollen' demnächst von der genannten Akademie publiziert werden, Das Rabbinat der israelitischen Kultusgemeinde Wien bringt zur Kenntnis, daß die Fleischbank des Herrn Israel Lempert, III., Custozzagasse 3, ab 24. d. M. nicht mehr unter. Aufsicht des Rabbinates steht, welches für das Kaschruth dieser Fleischbank keinerlei Verantwortung übernehmen kann. Vereinigung der zionlstisch-*demokratischen Jugend. Wodhenprogramm: Samstag, 3 Uhr nachmittags Zusammenkunft der Kinderigriiippe. Gleichzeitig findet die Abschiedsfeier für ihren Führer Ohawer Wilhelm Jäger statt. 5 Uhr naobmittaigs Zusammenkunft der Zöglingsgruppe, fhalib 8 Uhr abends Plenarversammliing mit ansdiließendem Referat. Sonntag: Wanderung. Treffpunkt fli-alb 9 Uhr früh vor dem Heim. Montag: 7 bis halb 9 Ubr Hebräisch für Anfänger, halb 9 bis 10 Uhr für Fortgeschrittene. Dienstag: 8 Uhr abends Sicha'h der Kwuzah „Dror". Mittwoch: 7 Ubr abends Hebräisch für Anfänger. Anschließend. Referat im Cafe Produktenbörse, II., Taborstraße 10. . Donnerstag: Halb 9 bis 10 Uhr abends Hebräisch für Fortgeschrittene. Jüdische Sport« und iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiTurnbewegung Die Sportler und der Gang zum Grobe Herzls. Jedem Bekenner zum Zionismus ist dieser Gang Tradition. Pflicht aber sollte er jenen Organisationen sein, die sich als Fahnenträger der HerzUIdee fühlen. Der Makkabigedanke steht mit im Vordergrund zionisti* scher Aufbauarbeit; Turnen und Sport sind Mittel der Regeneration des Volkes. Es gewinnt aber immer mehr den. Anschein, daß der sogenannte, jüdische. Sport sieb!