Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 93 (28.6.1929)
- Date
- 1929-06-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711709--1224-2714425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 93 Das Jüdlein. —y: Eine Bitte vorerst an die Leser, Sie . Wögen es verzeihen, daß sie öfters als gebührlich mit Dingen aus der österreichischen politischen. Hä'tis* lichkeit behelligt werden. Es war schon gesägt, daß diese Dinge in die verrückte Zeit passen und hier wie draußen meist tinverstanden bleiben. Das darf aber nicht daran hindern, die gefährliche Lage des Österreichischen Judentums immer wieder aufzuzeigen. Sie ist doppelt gefährlich: Das Judentum ist von Feinden umstellt und es ist ohne Fifhrung. Und da in Wien die giftigsten Strömungen Europas zusammenlaufen und von hier auch wieder, weiter verseucht durch den Donaunebel, ausstrahlen, so dienen die Vorgänge vielfach dem Ausland als# Muster. Das gilt in besonderem Maße von der österreichischen Sozialdemokratie, die sich noch aus den Zeiten der alten Monarchie her draußen lind speziell im Osten mancherlei Sympathien erfreut, die sie niemals verdient hat und die ihr heute noch weniger gebühren. Diese österreichische Sozialdemokratie ist die Ausbildungsschule für die Dtamand, Liebermarin, Daszynski gewesen. Sie zeigt, seit dem Umsturz, daß sie sich in nichts geändert hat und sie zeigt es an der Frage der Fragen: an der Judenfrage. Nichts kann das Wesen einer Partei besser charakterisieren als ihre Stellung zu Schwadien und Angegriffenen; die österreichische Sozialdemokratie ist keine geistige Richtung, sondern eine Partei mit allem, was dazu gehört: mit der Engherzigkeit und Ungerechtigkeit eines Parteiprogramms, mit dem Dogmatismus und mit dem Hochmut, der keine anderen Götter neben sich duldet. Was der Bauer nicht kennt, das ißt er nidit; was die österreichische Sozialdemokratie nicht in ihr Programm hineinzwängen kann, das anerkennt sie nicht. Aber sie weiß sehr wohl es demagogisch zu verwenden. Sie weiß, daß der Judenhaß in der Volksseele sitzt und sie holt sidi ihn gerne hervor, wenn sie sidi davon irgend eine - Wirkling verspricht. . ' Die österreichische Sozialdemokratie, eine österreichisch-regionale Partei, weiß, wo sie den Oesterreicher kitzeln kann. Sie hat sich jetzt ein J ü d c h e n gefangen und spielt es aus. In der Ideologie ihrer Gegner ist die Sozialdemokratie identisch mit Judentum; wir haben schon erzählt, daß der Heimwehrführer S t e i d 1 e ihr die j ü d ischen Führer vorhält. Wir wollen sagen, mit einem gewissen .Recht.. Öenn."wenn eine Partei in der Sorge um das deutsche Volk bis. zum Chauvinist mus geht, wenn sie-im Kulturkämpf die Frage der Religion aufrollt, dann ist es nicht bloß Takt-, sondern auch Prinzipsache, daß sie in diesen Fragen von Personen deutschen Geblüts und christlicher Abstammung geführt wird. Die österreichische Sor zialdemokratie hat aber unter ihren Führern Juden, die teils durch ihr heftiges jüdisches. Temperament, teils durch den Druck ihrer dodi etwas zurückhaltenderen Mitführer nach vorne getrieben werden. Bas erzeugt, wenn es Rücksdiläge gibt, U nmü t i n den eigenen Reih e'rV;' weiiii 'sidi'Erfolge einstellen, eine Vergröberungund VerschHrf u n g der antijüdisch ein S t i m m u ii g be i d e n G e g n e r n.' Beides war in den letzten Jahren zu merken und im Augenblick steht die Sache so, daß die Gegner in der Offensive sind. Jud!. Jud! Das Geschrei wird immer stärker. Die österreichische Sozialdemokratie sieht sidi. zum Gegenstoß gezwungen und siehe da, sie hat einen Juden gefunden. Ein. Jüdchem das sie jetzt. a^Ta^e., mit schreiendemrjohn präsentiert, Bei den,st'eirischen'Heimkehren ., gibt es.. ei n e n W a f f e n ni e i,s t e r n ar mens Zidek. .Welche.Entdeckung''für''die Partei der Internationale, der Völkerbefreiung! Von diesem Zidek erzählt das sozialdemokratische Zentralorgaii: „... das. heißt auf tschechisch das J ü d l e i n. Welchem tschechischen Ghetto dieser Herr seinen Namen verdankt, wissen wir nicht... ein tschechisches Jüdlein." Dann rückt'ein gesinnungstUchtiger Lyriker aus: „Jaromir und .Jiidlein sdvützen treu das deutsche Vaterland." Am Sdnntag auf der ersten Seite: „Zidek, zu "-deutsch .Jiidlein." Auf der zweiten Seite in dicken Lettern: „Waffenmeister Jüdlein berichtet." Jud! sdireit der Pfrimer und der Körber und der ganze Janhagel. „Selber Jud!"- schreit das sozialdemokratische Zentralorgan. „Jud! Jüclchen! Jüdlein!" Dieses Hepp Hepp vereinigt sich zum harmonischen Chor des Berglänclerbundes. Weshalb auch nicht? Die Bürgerlichen verlangen von dem Juden, der eine Anstellung sucht, den Taufschein; die Klassenbewußten verlangen den Nächweis des Austrittes aus der Kirche. Die Atpengemeinclen verbieten den Juden den Sommeraurenthalt; ihr Vorbild war der sozialdemokratische Landeshauptmann S e v e r, welcher die Juden aus Wien ausgewiesen hat. Sie sind also in dem Punkte einig. Trotzdem ist das Zentralorgan unvorsichtig. Was soll das Betonen der Herkunft aus dem tsdiechischen Ghetto, wenn B a u e r aus Brünn, A u s t e r 1 i t z aus Prag, Eisier aus Boskowitz stammen? Ein Wiener sozialdemo scher Bezirksvorsteher ist aus Stanislau, ein anderer —- um Gotteswillen! — aus Tax-nopol. Und alle zusammen brennen in der Seele pb des An- WIEN VII., KAISERSTRASSE 123 IX., ALS ERSTRASSE 6 FERNSPRECHER B-38-Q-34 Schlusses an Deutsdiländ, ob der Not von Salurn und Bozen. Die Not des > Judentums, der heroische Kampf in Palästina, wo doch der Zivilisation Neuland aufgeschlossert wird, geht denen aus Prag, Boskowitz, Tarnopol nicht ans Herz. Nein, sie wollen das gar nicht. Sie versdiweigeu dem Arbeiter, was von Juden, von Bürgerlichen und Arbeitern ersonnen und erkämpft wird. Ihre Assimilanten-Körruption will das nicht verstehen, nicht unterstützen, sondern verderben. Allerdings fragt niemand in Palästina weiter nach ihnen. Hier aber, in dem Land, in dem wir leben uncl .m1'ta^eijti6n/»'i:mhsörgeh>! und mitleiden, hier fällt die Sozialdemokratie über den jüdisdieii Braten her. f Si* ist. keine Juderischütztruppe, nein, aber sie wetzt sieh das 'Maul an djen JudeziVMAJ|$ es.iiqch um »den, Mieterschutz ging, veröffentlichte. das Zentratörgan 1 die listen jüdischer Hausbesitzer mit Namen und Adresse. Dann fand maii den Jainkeff Safran; jetzt haben sie den Zidek.; Und mit dem verhält es sich, das-fügt-der | boshafte Humcuv folgendermaßen: Zidek' (riditj^er; Ziclak) war im fruhcri "Mittelalter in den tsdiechischen Gegenden der. Spottname des?, Christen, ,der als Amtsperson mit dem Ghettq ztutuii hatte; Zidek war cler,. Juclenriditer. der Bluthund des Steuerfiskus. Das Volk nannte "ihn so und die Bezeidinung ist" dann als Familienname1 geblieben. Es war ^äjso ursprünglich gar keih Jii^tle; und; der aus Prag stammende Chefredakteur ,• der, ..Arbeiter-Zeitttng'" A ttis/ f^ Er Weiß es nidit, weil , er sich doch immer wieder clanach; erkundigen muß, wo des Deutschen Vaterland ist; weil eä ni"cht"honorig ist, Hriri fildisdie Gesdvi'dite zu wissen. Und weil er das nicht weiß, so wirft er den Heimwehren ihr Jüdlein'vor,-, uncl wenn jnan jetzt in den Versammlungen, ^das Jüdlein. .erwähnt, dann , krümmen, sich aÜe, .v^^^acl^ei^ und , wjs^n..,nicht, daß ,in tdiesem Namen, e^n.gut JStiick Schande Europa? steckt, tiiicl diejenigen, c'jie clcis vielleicht .ja wissen, die'.werk^ aus den Ghettis von Böhmen und' Ostgälizlen gekommen sind; die ver.- kriechen sich und wageil nidit zu atmen. Denn: die Sozialdemokratie erzieht doch das Proletariat zur Wahrheit, zum laicht. Sie leitet - einen Strom des Geistes in die Tiefe. Und es ist doch nur ein schmutziger Schlammstrotn. an dem Bauer und Austerlitz und Eisler stehen Und ziim- Steidle hinübersdircien: Jud! Jüdlein! ■ ■ - >' Eine gesetzgebende Körperschaft in Palästina? Arabische Meldung; Die in Jaffa.'erscheinende, sonst gut" in formierte Zeitung. „El AJc.ch'un"-teilt mit, die Regierung habe beschlossen, in Palästina einen Lepislntive•Council (Gesetzgebende Körperschaft), ähnlich dein in Irak und Trnnsjordanien, zu schaffen. Der Council soll aus 40. Deputierten bestehen,- von denen •zelu» durch die Regierung ernannt uncl dreißig -durch Wahhnünuer, die aus Ür.wuhlen hervorgehen, gewühlt werden sollen. Die Zeitung behauptet weiter, cluß die l\ogierung' sich auch schon "mit der Vorbereitung eines Wahlgesetzes für den Legislative Council befallt. . Wie der '.Jüdischen Telegraphen-Agentur von autoritativer Seite mitgeteilt wird, wurde bisher weder in London ,noch in Jerusalem irgend ein Beschluß, hinsichtlich der Errichtung, eines Legislative Council gefallt. Doch wird die Schaffung einer solchen.Körperschaft in neuester Zeit .— seit der Errichtung des Vatikan- Staates — von der arabischen Exekutive betrieben. kate nicht auf die noch-verbliebenen J 400. Zertifikate ängerechhet werden; auch werden die Aufenthaltsscheine, die jenen Personen erteilt werden, die vor dem 1. Mai als Touristen in Palästina eingetroffen waren und dann dauernd im Lande Wohnsitz genommen haben, nicht auf die Zahl der Chaluzim-Zertifikate angerechnet. Schließlich werden den in Palästina einwandernden Arbeiterinnen (Chaluzoth) Erleichterungen gewährt, indem nunmehr die Kwtizoth-Verwaltungen die Garantie für die Beschäftigung der einwandernden Chaluzoth übernehmen, während bisher nur eine Garantieleistung seitens einzelner Arbeitgeber anerkannt worden war. Die bewilligten Zertifikate haben bis zum 1. Oktober d. J. Gültigkeit und sie stehen der Zionistischen Exekutive nach eigenem Ermessen in Uebereinstimmung mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Eme Erleichterung besteht auch darin, daß seit 3. Juni eine Zusatzbestimmung zum Einwanderungsgesetz in Geltung ist, Wonach Bräuten von Palästina-Einwohnern ebenso wie wirtschaftlich abhängigen Eltern die Einwanderung freisteht Erleichterungen für die Palästi^ Die Vorschläge der Zionistischen Exekutive ange- >r. _ nominell, Der" ©berkommissür für Palästina, Sir John C h a n c e 11 o r, hat, wie,die J. T. A. aus Jerusalem meldet, wichtige Entscheidungen über Fragen .der Einwanderung in Palästina .getroffen und vor allem den Vor* schlügen der Zionistische» Exekutive hinsichtlich der Chaluzim-Zertifikate zugestimmt. Diese Vorschläge beziehen sich u. a. auf die bewilligten Einwanderungszertifikate. Bekanntlich hat che .Regierung für das Halbjahr tylai-Oktober der Exekutive 2400 Einreiseaertifikate für Chaluzim gewährt, von denen über 1000 sofort verfügt wurde. Nunmehr hat Chancellor zugestimmt, daß die für die z i o, n i s t i s c Ii e n p o l i t i s c h e n Flüchtlinge aus Rußland gewährten 100 Zertifii Palästinas Arbeiterparteien. Von Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem. Zu dem folgenden Artikel sei bemerkt: Ach du t-h Haawodah ist die Poäe Zion, die auf dem Klassenkampf-Standipunlkt steht, Hapoel Haz^air ist die Partei der Sozialreformer, dde für den GewerkschaftsRe-daniken ist, den Klassenkampf jedoch ablehnt. Hitachdath ist eine''nationale Arbeiterpartei, dde bisher den Klassenkampf nicht anerkennt. Dieser Tage veröffentlicht ' die Anbeiteirpresse "den Wortlaut des Profframimentwurfs für die Vereinigung von Achdutfi Haawodah und Haipoel Haizair, wie es durch eine gerrneinsame Kommission beider Parteien ausgearbeitet worden ist. Die Frage der Fusion selbst soll noch diarcn ein Refereindum in beiden Arbeiterparteien entschieden werden, doch .ist das eine 'bloße Formalität, nachdem Konferenzen beider Parteien sich für die Vereinigung ausgesprochen 'halben. Zum Kongreß wird bereits eine gemeinsame Liste a'U'fgestelt werden. Beide Partelen,verlangen von ihren Weltverbänden, der Hitachduth und den Poale Zion, daß sie binnen einem Jahre .ebenfalls die Vereinigung, vollziehen, wobei iti solchen Ländern, wo die Vereinigung der beiderseitigen Landespartcien sich als unmöglich ''herausstellen sollte, die Möglichkeit gewährt werden soll, daß diese beiden Landesparteien dem neuen Weltverhand angehören. ,So dairf die Fusion als vollzogen angesehen werden, und dieses Ereignis, das nach unserer Ansicht weit über die Reihen der Arbeiterschaft .hinaus Beachtung yer» dient;; sp|J hier, /k^ir^^ge.yyiirdigt. werden.:,.-. , . v--:..r.(\^ -Nur eiuileitend-sei.- aaf-dierbemerkenswerte Tateach-e •hingewiesen, daß,-.während-sonst sowohl in der internationalen A-ribeiteribewegung, wie auch im -Zionismus die J-endemz züir Differenzierung geht, hier einmal das Be ispie l d e r- S y n t h e s e gegeben wird. Man darf auch nicht etwa annehmen, daß die Erreichung dieser Fusion eine so leichte gewesen sei. Bei: Parteien, die. so lange nebeneinander bestehen, die «war-sehr oft gemeinsam gekämpft, aber nicht selten gegeneinandergefochten.haben, haben sich bestimmte Trad.itionien und bestimmte Vorurteile gebildet, die den Abstahd oft größer erscheinen 'lassen, als er es in Wiriklichkeit ist.. Im Hapoel Haz-air iieig'te man dazu, den Zionlsinuis, von Ac'hdii't'h Haawodah in Zweifel zu ziehen, der Partei, zu große Neigung zum Sozialismus und «um Klassenkampf voir- •ziiwerfe"; man beihainptete, daß Achduth Haawodah-def Landwirtschaft fernestände .und als Partei der städtischen Arbeiter, dem; Ghahizgedanken fern wäre, endlieh bemängelte .man zwar-nicht bei Achduth Haawoda'h, :aber beim Welt verband Pgale Zion die Neigung für die jiddische Sprache. Deiugegenüiber vertrat man .in der . AclHdu tih HaaW,odali -den - Standpunkt, -daß der Happel -Hazair überall zu Komprotnissen, neige; in der zionistischen Bewegung die Bereitschaft zu entschiedeneir Opposition auch, im Notfall vermissen lasse, die Interessen des Arbeiters nicht mit genügender Energie wahrnehme und durch die zweifelhafte Stellung gegenüber dem Sozialismus und d-er internationalen Arbeiterbewegung keine "wirkliche Arbeiterpartei sei. Es gaW, die Mißverständnisse in allen diesen' Fragen aufziuklüren, die Gegensätze, wo sie wirklich" bestanden, zm über winden und, so die ..Bahn für eine Vereinigung frei izü machen. Der Gedanke der Vereinigung beider,Parteien ist alt. Vor dem Kriege •be.sita'nden..in.P:uUstina drei Arlbeitergruppen: Hapoel Hazair, Poale Zion und die freie Landarbeiter- Vereinigung. Die Führer der Poale Zion verfochten mach dem Kriege den Gedanken der Vereinigumg. Das Ergebnis ihrer Bemiiihunigen wair die Vereinigung der.Poale.Zion-mit dem Laindarbeiterverband am Achduth Haawodah, die 'dann im Weltverband Poal« Zion blieb. Damals lehnte Ba'poel Hazair die vorgeschlagene Vereinigung ab mit der Beg-rUnc'uug, man wolle erst die Entwicklung der neuen Partei verfolgen; wenn, diese Entwic'klunig befriedigend, verlaufe, werde 'man .zu einer Vereinig'U'ng bereit sein. Auf .der Tagung , des H a.p o e 1 H a z a i r, die jetzt, vor wenigen Wochen die Fusion beschloß, erinnerte der. Führer dier Partei, Herr S>p r.in z.a k an die damals aibsegeibene. Erklärung und betoiiite, daß er heute bereit sei,, die Fusion abzuschließen, naobdem . die Entwicklung, von Achiduth Haawodah Jclair yor attw Augen Wege, In der Tat vwar Aohdtl'th Haawodah mit Aysna'hme ganz wenüger Mitglieder stet«, für die Fusion äu nahen, was freil'igh kein Wunder ist, da Aohduth Haawodaib. die stärkere von beiden Parteien