Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 91 (13.6.1929)
- Date
- 1929-06-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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f Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 9! SIEGM. KORNMEHL aHOSSPLIKCHIUIUIftll Zentrale IX.. Borggame 19, Telephon 17-3-99 u. 16-9^34 Lieferant für Heilanstalten Abteilung^ Runter Aufsicht de» Ehrwürdigen RabbinaU der Iir. Kul« tusgemeinde Wien Autoaustellung kostenle» IX.. B«r*gatie 13 ✓ XVIII., wahrlngarstr. «7 Die jüdischen Pioniere von Nicaragua. Die Geschichte zweier Schlesinger. Die Geschichte der südamerikanischen Republik Nicaragua verzeichnet zwei Pioniergestalten, denen dieses verhältnismäßig junge Staatswesen äußerst viel zu danken hat. Beide Pioniere waren Juden, beide stammten aus Ungarn, und die Sonderbarkeit des Zusammentreffens wächst noch durch den Umstand, daß beide den Namen Schlesinger hatten, ohne miteinander verwandt z>u sein, und in den Befreiungskämpfen von Nikaragua in hoher militärischer Stellung sogar einander bekämpften. Der eine dieser Freibeitshelden von Nikaragua war Ludwig Schlesinger und wurde in Groß-Kanisza (Ungarn) geiboren, wo er im Aufstand vom Jahre 1848 als Leutnant in der Rosau th-Armee gekämpft toatte. Zuletzt war er in der Festung von Komorn stationiert, und als die Besatzung kapitulieren mußte, flüchtete Ludwig Schlesinger zunächst nach Hamburg. Von hier schiffte er sich nach Ameri'ka ein, wo er ankam, als eben General Lopez in New York Freiwitige für eiwen Aufstand in San Domingo wart). Schlesinger schloß sich dieser Aktion an und nahm an dem Aufstand in San Domingo teil, der mit einem Fiasko geendet hat. Ludwig Schlesinger gi-ng nach Nikaragua, wo er zum Major avancierte und m\\ der Organisierung des Militärs betraut wurde. Seine Verdienste um den Staat Nikaragua wiu>rden schllefiüohdamit belehnt, daß er zum Generali -beifördiert und später mm Gesandten in Kostarika ernannt wurde. Die Geschichte verzeichnet außerdem, daß General Ludwig Schlesinger bemüht war, im Lande ein freiheitliches, auif Gleichberechtigung aMer Bewohner begfündetes Regime einzuführen und als er sah, daß seine Bemühungen auf friedlichem Wege nicht viel Aussiebt auf Erfolg hatten, einen Aufstartd gegen die rückschrittliche Regierung organisierte. Schließlich entschloß sich Ludwig Schlesinger, des MiÜtärtebeos müde, Nikaragua zu verlassen und nach Guatemala zu übersiedeln, wo er im Laufe der Zeit als Plantagenhesitaer große Reichtümer erwarb. Die Abteilung für Volkskunde des ungarischen Nationalrnusemns besitzt eine schöne Sammlung von wertvollen Objekten, welche ihm Ludwig Schlesinger im Jahre 1892 geschenkt hat. Der zweite Schlesinger, von dem hier die Rede ist, war der in Budapest gebürtige Ferdinand Schlesinger, der gleichfalls in der Armee der ungarischen Freiheitskämpfer im Jahre 184& als Leutnant gekämpft hat und naoh der Niederschlagung des Aufstandes in österreichische Gefangenschaft geriet. Er stand damals im neunzehnten Lebensjahre. Aus der Festurngslraft befreit, ging Ferdinand Schlesinger nach Mexiko, wo er es bald •zum Hau-ptmann gebracht hatte. In Mexiko schien es Ferdinand Schlestngei nicht zu gefallen, denn Ende der Fünfzigerjahre äst er als Adjutant des Armeeoberikojnmandainten General Jerez von Nikaragua auf wichtigem Posten als Oberst tätig. Bier ergab sich mm das seltsame historische Schauspiel, daß auf der einen Seite Ferdinand Schlesinger in den Reihen der regulären Armee, auf der anderen Seite Ludwig Schlesinger als General der Aufständischen kämpfte. Ferdinand -Schlesinger Wieb bis an sein Lebensende in Nikaragua, dessen Geschichte ams jener Zeit voM ist von den hervorragenden Diensten, die Oberst Ferdinand Schlesinger aus Budapest dem Laride geleistet hat. Weltheilbad Tiberia«, Von Josua Supraski. (Aus einem Gespräch.) Wie bereits berichtet wurde, hat die Palästinaregierung vor kurzem die Konzession zur Erwerbung und Ausgestaltung der Heilquellen von Tiberias unterfertigt. Die Konzessionäre sind der bekannte Zionist Josua Supraski aus Tel-Awiw, Jakob Gesundheit aus Südafrika, der gegenwärtig gleichfalls in Tel-Awiw lebt, und der amerikanische Zionist Richter Bernhard Rosenblatt Ueber den Inhalt der Konzession und die Pläne der Konzessionäre hat sich der Hauptkonzessionär und Initiator des ganzen Planes Josua Supraski einem jüdischen Journalisten gegenüber unter anderem wie folgt ausgesprochen: Die bereits im Talmud gerühmten Warmquellen von Tiberias besitzen nach den Aeußerungen einer ganzem Anzahl von -Sachverständigen, welche eingehende Studien und Analysen vorgenommen hatten, Heilkräfte, welche diejenigen der Quellen von Wiesbaden und Aachen bei weitem übersteigen. Oenau so wie bezüglich der übrigen Naturschätze Palästinas hat auch hier sich unter der arabischen Wirtschaft und dem Unverständnis der Araber im Laufe der Jahrhunderte nichts geändert. Das Ge-t bäude, das in Tiberias als Kurhaus gilt, spottet selbst bei noch so bescheidenen Ansprüchen an die Hygiene jeder Beschreibung. Es ist daher kein Wunder, daß obgleich diejenigen, welche sich trotz alledem nicht abschrecken ließen und die Heilquellen von Tiberias in Anspruch nahmen, glänzende Erfolge In der Heilung ihrer Leiden zu verzeichenen hatten, kein moderner Mensch sich entschließen konnte, in Tiberias bei dem gegenwärtigen Zustand Heilung zu suchen. Diese Zustände sollen nun durch die Konzessionäre auf Grund ihrer Konzession geändert werden. Die Konzessionsurkunde verpflichtet sogar die Konzessionäre zur Durch« führung dieser Pläne. Hiernach erstreckt sich die Konzession für die Ausnützung der gesamten Mineralquellen des Gebietes auf die Dauer von 90 Jahren, nach welcher Zeit der gesamte Komplex mit allen inzwischen geschaffenen Einrichtungen und den im Umkreis von 5 Dunam etwa noch zu entdeckenden Mineralquellen in den Besitz der Regierung übergehen. Das ist deshalb von Bedeutung, weil erst vor kurzem zwei neue Quellen entdeckt wurden, von denen die eine Bitterwasser liefert, während die andere sehr viel schwefetfreics Kalziumsalz enthält. Sachverständige Spezialisten glauben, daß es gelingen werde, auch noch andere Heilquellen in diesem Umkreis zu entdecken. Im Sinne des Vertrages mit der Regierung sind die Konzessionäre verpflichtet, innerhalb dreier Jahre zumindest 40.000 Pfund zur Errichtung eines modernen Parks am Strande des Tiberias-Sees beizubringen. Außerdem müssen sie ein großes modernes Hotel mit eigenen Zuleitungen für Bademöglichkeiten aus den Warmquellen von Tiberias für jedes Zimmer aufbauen. Sie sind verpflichtet, spezielle Abteilungen und Institute für Elektrotherapie und ein Zander-Institut für elektrische Gymnastik zu errichten. Vorgesehen ist auch schon für die nächste Zeit der Bau eines für die Heilung von verschiedenen Krankheiten der Atmungsorgane bestimmten Gebäudes, in welchem Inhalatorien und pneumatische Kammern auf Grund der letzten Errungenschaften der Heiltechnik untergebracht werden sollen. Unter den in absehbarer Zeit durchzuführenden Plänen befindet sich auch das Projekt der Anlage einer jüdischen Gartenstadt rings um die neue Heilbadeanstalt. Die Konzessionäre haben für diesen Zweck bereits einen Grund von 1500 Dunam westlich der Quellen erworben und verhandeln mit der Regierung wegen Pachtung eines Gebietes von weiteren 1500 Dunam auf der Nordseite der Quellen. Auf diese Weise wird sich die ganze Anlage längs des Tiberias-Sees am Fuße der auf dem Berge befindlichen Kolonie Kinereth erstrecken. Wie .Herr Supfjtsky versichert, werden diese großzügigen Arbeiten, welche geeignet sind, Tiberias zu einem der modernsten, Weltheilbäder zu gestalten, noch in diesem Jahre in Angriff genommen werden.! Ein Jude Mitgjlred der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Der jüdische Gelehrte Tulio L e vi-CS vi ta, Professor der Matheinatik' an der Universität Rom, ist zwtn Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften gewählt worden. Er ist der erste Jude, der dieser wissenschaftlichen Körperschailt, die den Papst und viele Kardinäle zu Mitgliedern zählt, angehört. Theater und Kunst« Das jüdische Theaterleben New Yorks. 1r Die drei Klassen. Während das jiddische Theater New Yorks administrativ gute zwanzig Meilen (von Brownsville bis Bronx) umfaßt, ist der ästhetische Aktionsradius ein geringeren im Mittelpunkt steht das Yiddisch Art Theatre (Morris Schwarz) in der 14. Straße. In ganz Groß-Newl York spielten in der letzten Saison 11 Theater. Den ersten Rang nimmt das Morris Schwarz-Theater ein, mit dem die von den W i I n a e r n abgesplitterte kleine Truppe parallel läuft, und die amerikanische Rumpf-Habima^ die — allerdings ohne Nahum Zemach und seinen eingerert Freundeskreis — heuer den ersten jiddischen Versucht gemacht hat. An zweiter Stelle stehen das Yiddisch. Folk Theater und die Musikkomödienhäuser Public Theatre, National Theatre und Second Avenue Theater. Den dritten Rang besetzen die Melodram-Bühnen Lyric Theater, Hopkinson Theater und Roland Theater in Brooklyn und Max Gabel Peoples Theatre auf Bowery.* Die erstrangigen Theater. Das Niveau der Morris Schwarz-Produktion war, höchst variabel. Neben Glanzleistungen zeigten sich krasse Mißgriffe. Künstlerisch wertvolln Aufführungen i$eJakob Ovo r d i n s „Gott, Mensch und Teufel" und Tschechows! „Kirschengarten" standen die höchst minderwertfgen Vorstellungen von Schalom Asch* „Kiddusch Haschern'' und Shakespeares „Othello" gegenüber. Schon die Bearbeitung der Erzählung gleichen Namens von Sch. Asch „Kiddusch Haschern1' mit ihren 17 Bildern war verfehlt und vor allem langweilig, so daß es auch durch eine stilvollere Aufführung nicht hätte gerettet werden können. Wenn auch Ben Zwi-Baratow als Othello eine interessante Studie bot, so konnte er doch das vom russischen Regisseur Glagolin verschuldete Inszenierungsexperiment nicht wettmachen, zumal Olli Adler als Desdemona und Morris Schwarz als' Jägo sich in der Neoromantik G1 a g o 1 i n s nicht zurechtfinden. Andrejews Komödie „Der Mann, der die Ohrfeigen kriegt", fand eitle stilgerechte Aufführung, die dem auf einem Oastspiel in New York weilenden Abraham Morewsky, dem Mitglied der ursprünglichen Wilnaer Truppe, als Uebersetzer, Regisseur und Darsteller der Hauptrolle zu verdanken ist. „Major Noach" von Harry, S a k 1 e r hinterließ keinen tiefen Eindruck. „Stempenju" nach Schalom Ale j ehern s gleichnamigem Roman war die siebente Premiere. Sorgfältig herausgebracht wurden als Reprisen „Grüne Felder" und „Des Schmieds Töchter" von Perez Hirschbein, „200.000" (Der große Gewinnst) und „Schwer zu sein ein Jude" von Schalom Ale jehern, A n »S k i s „Dybuk" und Gorkis „Im Abgrund". Es muß zugunsten Morris Schwarz* gesagt werden, daß viele Schäden in den Stücken selbst lagen. Es muß ihm auch das Verdienst angerechnet werden, ein Jahrzehnt das jüdische Publikum New Yorks erzogen zu haben, als hervorragender Schauspieler und Regisseur. Sein Künsttheater gehört zu den bedeutendsten New Yorker Bühnen und war durch ein Subskriptionssystem gleich dem großen amerikanischen Guild-Theater finanziell fundiert. Wilnaer und Rumpf-Habima. Die kleine Wilnaer Schar vom Playhouse auf dem Boston Road konnte heuer mit dem Kunsttheater; nicht gleichen Schritt halten, wenn sie auch einzelne; Glanzaufführungen wie Gottesmanns „Parnosse" bot. Sie' lebt in einem Milieu von Aermlichkeit und kämpft utnj ihre Existenz und hat schon an ihren einstigen Triumph" zug vergessen lassen, der sie als Meister des jiddischen! Wortes und einer einzigartigen Darstellungsweise durch Europa und Amerika führte. Die Rumpf-Habima begann plötzlich und schloß ebenso rasch. Ihre „Prinzessin T u r a n d o t" zeigte nicht den suggestiven Stil und die hohe Kunst der hebräischen Habima, da sie sich noch nicht in die Aug« drucksform der jiddischen Welt eingelebt hatte. Hingegen stellte sie eine große Künstlerin in den Vordergrund!» die Frau Bath-Ami, die als Prinzessin in Spiel und Tanz eine abgerundete Leistung bot. „Ewige Mutter". Das Betreten der zweitrangigen Theater hat sofortigen Milieuwechsel zur Folge. Die Saison war ungünstig, hauptsächlich der minderwertigen Stücke wegen, die sich allzu sehr dem amerikanischen Boulevard-Typ nähern. Eine Ausnahme bildete das Jiddisch Folk Theatre, das in der „Ewigen Mutter" ein Serienstück fand. Das Thema von der jüdischen Mutter, die sich für ihre Kinder opfert, hat seine Zugkraft nicht eingebüßt. Dazu kam hier noch die meisterhafte Darstellung durch Menasche Skulnik, eine neue natürliche komische Kraft, und das Paar Mischa und Lucie German. Außerdem gab es eine revueartige Inszenierung von Gordins „Der Idiot", aufgeführt von zwei Adler-Kindern, als Ehrung für den großen verstorbenen Jakob Adler. Maly Picon, die Possenreißerin. Von den MusikkomÖdienliäusern hatte das Second Avenue Theater mit der „Galizischen Chassene" den größten Erfolg. Ludwig Satz in der Hauptrolle konnte trotz seiner großartigen Leistung diese Saison nicht mehr retten. Im National Theater versuchte Lebedew das Thema im „Yankee Litwak" zu kopieren, drang aber wegen der schlechten Musik und der dilettantischen Aufmachung nicht durch. Diese mittelmäßigen Stöcke zieht man nichtsdestoweniger der auch in Europa bekannten Soubrette Maly, Picon vor, die in der letzten Zeit nichts mehr von den Vorzügen der musikalischen Komödie, sondern nur aeren schlechte Merkmale zeigt. Maly Picon ist auf das Niveau des New Yorker Broadway-Vaudevilles herabgesunken. Ihr „Circusmädel" zeigt keinen jüdischen Funken mehr. Ihre Darstellungsart ist possenhaft, die Musik Rumschinskys, den sie einen „echt wienerischen" Komponisten nennt, zeigt Gassenhauercharakter. Und gerade dieser Momente wegen macht sie Erfolg und Geld, mehr als alle andern. Ihr strömt das drittrangige Publikum zu, das einst Max Gabeis Theater füllte. > Theater als Geschäft und Kunst. Das jiddisch-amerikanische Theater ist nach wie vor inneren und äußeren Wandlungen ausgesetzt Dasj Leben des amerikanischen Juden hat im letzten Jahrzehnt einen doppelten Prozeß durchgemacht: den der Verschmelzung mit dem Amerikamsmus auf sozialem und kulturellem Gebiet und den der nationalen Konsolidierung durch Jiddischismus und Zionismus. So stellt daher das! heutige amerikanische Judentum an das jüdische Theater, Ansprüche, die seinem gegenwärtigen Zustand gerecht werden sollen, um so mehr, als die Auffüllung des ameri« kanischen Judentums durch ostjüdische Einwanderung unterbunden ist und nur mehr geistige Influenzen zwischen Amerika und dem jüdischen Orsteuropa stattfinden. Deramerikanische Film hat in dieser Beziehung entfärbend gewirkt und hauptsächlich den drittrangigen Schaubühnen ihr Publikum entfremdet. Unter solchen Umständen wird das Theater als Geschäft zwar leiden, aber als Kunstform eine Publikumsschicht heranbilden, die eine Verfeinerung der Theaterkost im literarischen, schauspielerischen und jüdisch-geistigen Sinne erzwingen wird. Ansätze hiezu haben sich bereits in der Spiel-, zeit 1928/29 geltend gemacht Morris Schwarz* Jüdisches! Kunsttheater wird, nach seinem bisherigen Kunstwillen zu schließen, den Weg des Aufstiegs fortsetzen. '