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Die neue Welt · 1929-06-07 · Heft 90 (7.6.1929) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 90 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 30 droschen II« bi b» BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6- -8 Telephon: A2S-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 3 Freitag, den 7. Juni 1929 Nr. 90 Als Herzl begann . Seite 4 höh Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Aus dem Inhalt: Wladimir Jabotinsky: Takt! —y: Denkschriften aus Oesterreich. Christentum und Schächtfrage. Berlin und Wien. Das Nebi Musa-Fest. Zur Affäre des hebräischen Technikums in Haifa. Habimah und Zionismus. Das Schicksal der Juden in Rußland. Otto A b e I e s: Gespräche mit Politikern. Saloniki, das jüdische Zentrum Griechenlands. Aus der jüdischen Turn, und Sportbewegung. Austritte aus dem Judentum. Schalom Asch: Die Mutter. Schalom Ale ehern: Komödianten. semitis Polnische Studenten demolieren jüdische Häuser. — Die Behörden schreiten nicht ein. Schreckensszenen. > Angriffe polnischer Studenten auf jüdische Häuser. Aus Lemberg, 4. Juni, wird der „Neuen Welt" gemeldet: Hier kam es gestern zu antisemitischen Ausschreitungen, die durch das von Hetzern verbreitete Gerücht hervorgerufen wurden, die Fronleichnam s p r o z e s s i o n sei am Sonntag von jüdischen Schülern gestört worden, da dies laut gesungen hätten, als die Prozession am jüdischen Gymnasium vorbeizog. Die antisemitische Presse behauptet, daß einzelne Schüler auch kleine Steine und Brot* stücke auf die Teilnehmer an der Prozession geworfen hätten, was jedach in keiner Weise erwiesen ist. Schon am Sonntag versuchten katholische Studenten* in das Gymnasium einzudringen, wobei es zu einer Prügelei kam, die erst von der Polizei beendet wurde. Gestern zogen mehrere hundert Demonstranten vor die Gebäude von zwei nationaljüdischen Zeitungen, die demoliert wurden. Sie schlugen auch die Fenster einer jüdischen Synagoge ein und erschienen schließlich vor dem Gymnasium. Dort kam es zu einer Prügelei. Die Polizei nahm eine große Anzahl von Verhaftungen vor. In den Abendstunden demonstrierten die Studenten von neuem und verlangten die Freigabe der Verhafteten. Es kam zu neuen Zusammenstößen. Die Wohnungen mehrerer jüdischer Familien wurden vollständig demoliert. . Die Fenster einer großen Anzahl jüdscher Wohnungen wurden eingeschlagen. Die „Polnische Telegraphen-Agentur", also eine amtliche Nachrichtenstelle, erzählt in ihrem Bericht über die Exzesse, daß Schüler des jüdischen Gymnasiums gegen die Prozession Kundgebungen veranstaltet hätten. Die Nachricht ist erlogen. Es ist im Gegenteil festgestellt, daß der Angriff auf das Gymnasium planmäßig vorbereitet wurde und daß die Polizei eineinhalb Stunden vor den Ausschreitungen bereits davon in Kenntnis war. Der Schaden soll einige hunderttausend Zloty betragen. Intervention des Abg. Dr. Reich. Aus Warschau, 4. Juni, wird uns berichtet: Auf die Nachricht von den Vorfällen in Lemberg begab ' sich Abg. Dr. II e i c h zum stellvertretenden Wojwoden, um ihn zum Einschreiten zu veranlassen. Der Vizewojwode erklärte, daß die Angelegenheit nicht in sein Ressort falle. Nach einer Meldung der polnischen Ostagentur sind zwei Rabbiner im römisch-katholischen Kapitel erschienen, um ihr Bedauern über das Verhalten der jüdischen Jugend auszusprechen, Es ist abzuwarten, ob diese Nachricht den Tatsachen entspricht. ig1'der „Chwite'V desjüdischen Akademikerhauseä und der jüdischen Schulen. T e 1 e p h o n i s c h e r Be rieht de r „Neue n Welt". 1 . ' , ■ '•■ L e m'b e r g, 4. Juni. Die Exzesse haben heute fast den ganzen Tag über angedauert. Am Nachmittag erfolgte im Ansdiluß an eine Versammlung der nationaldemokratischen Studenten der Ueberfall auf die „Chwila". Eine etwa 30 Mann zählende Gruppe, deren Mitglieder die Farben ihrer Verbindungen trugen und mit Stöcken und Sdiirnien ausgerüstet waren, drang in das Haus ein. Die gesamte Einrichtung der Handsetzerei, ferner in der Maschinenhalle 4 teuere Intertype- und Linotypemasdiinen, die erst kürzlich aus Amerika eingelangt waren, wurden demoliert. Eine andere Gruppe stürmte die zweite Maschinenhalle, wo sie die große Rotationsmasdiine in einer Weise vernichteten, welche technische Vorher c i t u u g beweist. Die Banditen operierten mit mitgebrachten SpezialWerkzeugen, um die Konstruktion der Maschine zu zerstören. Spät nachts überfiel eine Bande das jüdischa k a d e in i s c h e Haus. Nach Vernichtung der. eiser" neu Umfriedung drang sie ein und zerstörte die Einrichtung der Studentenwohnungen. Im Speisesaal vernichteten sie die gesamte Einriditung, ebenso in der Küche. Die in der Nähe Dienst versehenden Wachleute behinderten die Plünderer in keiner Weise, Im Westen doch etwas Neues.,. Das Gramola-Spezialhaus Mariahilferstraße 31 neu eröffnet! Die Zerstörung des jüdischen Gymnasiums. Dieselben Exzedenten, die den Ueberfall auf die „Chwila" vollzogen, begaben sich sodann zum Gebäude des jüdischen Schulvereines, in dem drei Knaben- und ein Mädchengymnasium, sowie eine Volksschule untergebradit sind. Die gesamte Schuleinriditung wurde demoliert. Das Verholten der Polizei. Bereits eineinhalb Stunden vor dem Ueberfall auf die „Chwila" verständigte die Redaktion des Blattes die Polizeidirektion von der Gefahr. Der diensthabende Beamte erklärte, daß er das Nötige veranlassen werde, Auch die Leitung des jüdisdi-akademischen Hauses verständigte im Laufe des Tages mehrmals das Polizei-* kommando ebenfalls erfolglos. Die Stellung der Juden in Italien. Aeußerungen Mussolinis. > Der italienische Regierungschef Benito Mussolini empfing den Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agentur Herrn Jakob Landau zu einem Interview Ober die staatsi rechtliche Lage der italienischen Juden nach Abschluß des Konkordats, Er autorisierte , Herrn Landau, seine Erklärungen der OeiSfent-; lidh'keit zu übergeben. Das Konkordat, sagte der Premierminister, hat effe Position der jüdischen Gemeinschaft in Italien verbessert, soweit sie überhaupt verbesserungsbedürftig war. Die jüdischen und protestantischen Kirchen sind vom Staate als offizielle Glaubensgemeinschaften anerkannt und genießen die gleichen Rechte wie die kathe? lische Kirche. Dem Rabbiner steht das Recht, Eheschließungen vorzunehmen, in dem gleichen Maße zu, wie das Kon- , kordat es dem katholischen Priester gewährt, Einer Zivilehe zwischen Jude und Christ steht kein Hindernis im Wege. Ich wiederhole, daß das Konkordat,, weit davon entfernt, den Rechten der jüdischen Gemeinde Abbruch zu tun, im Gegenteil ihre Position verbessert und gestärkt hat, indem es die Beziehungen dieser Gemeinde zum Staate nach den gleichen Grundsätzen; und dem gleichen Standard regelt, wie die der katholischen Kirche im Staate. Die Vertreter der protestantischen, und der jüdischen Kirchen haben denn auch ihrer Zu* f r i e d e n h e i t mit der neuen Regelung, die eine zwangsläufige Folge des Konkordats ist, Ausdruck gegeben. Der Priester oder der Rabbiner sind zur Vornahme von Eheschließungszeremonien befugt, dabei hat jeder Bürger das Recht, eine rein zivile Zeremonie zu wählen. Das Konkordat war sehr mißverstanden worden* Wie in den Vereinigten Staaten von Amerika bleiben auch in Italien Staat und Kirche voneinander getrennt; das jedem Italiener eingeräumte Recht, eine religiöse öder eine zivile Eheschließung zu wählen, ist ein Merkmal dafür, daß das Konkordat die Sachlage in dieser Beziehung) nicht geändert hat. Das Konkordat regelt Beziehungen! zwischen Staat und Kirche, ohne der Kirche irgendeinen! Einfluß oder eine Machtbefugnis in staatlichen Angelegenheiten einzuräumen. Nur in zwei Belangen begegnen sich Staat und Kirche in einer gemeinsamen Einflußsphäre: im religiösen Schulunterricht und in der Vollziehung der Eheschjießungsriten. In diesen beiden Belangen aber genießen, wie gesagt, alle Kirchen die gleichen Rechte und1, was noch wichtiger ist: jedem Bürger steht es frei, diles Dienste der Kirche in Anspruch zu nehmen oder sie ab1zulehnen, Die jüdischen Eltern haben das Recht, ihre Kinder von der Teilnahme.an dem religiösen Teil des Schulprogramms fernzuhalten, '■ In Rom besuchen jüdische Schulen nur etwa hundert Kinder. Die jüdische Bevölkerung in Italien ist Verhältnis^ mäßig gering. Es leben insgesamt 60.000 Juden in Italien), davon 15.000 in Rom, etwa 10.000 in Mailand, 5000. in- Triest und etwa 1000 in Neapel. Es erscheint deshalb kaum durchführbar, für die Juden, besonders in den kleineren Städten, eigene Schulen zu errichten. Bezügliph der jüdischen. Schule in Rom haben die Juden ✓

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