Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 81 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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r Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 81 Amtliche Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde. Sprechstunden des Präsidiums. Die Sprechstunden der Mitglieder des Präsidiums wurden für den Parteieniverkelir wie folgt festgesetzt: Präsident Prot Dr. Alois Pick: Dienstag und Freitag von 11 bis 12 Uhr vonmittags; die Vizepräsidenten Dr. Jakob Ornstein und Dr. Josef Löwenherz: mit Ausnahme, des Freitags an allen Wochentagen von halt» 1 bis ha'l'b 2 Uhr mittags. Abordnungen von Vereinen und Anstalten, welche vom Gesamtpräsidium empfangen zu werden wünschen, mögen sich diesbezüglich in der Regel zwei Tage, spätestens jedoch am Tage vorher, über die Möglichkeit und den Zeitpunkt des Empfanges mit der Amtsdirektion tys Einvernehmen setzen. Eine Vorsprache von Einzelpersonen oder Abordnungen im Präsidium soll jedoch turolichst nur in jenen Fällen stattfinden, in welchen nicht schon durch die Amtsdirektion oder den zuständigen Amtschef das betreffende Anliegen im Rahmen des eigenen Wirkungskreises erledigt werden kann. Kundmachung betreffend die Subventionierung von Vereinen und Anstatten. Mit dem Rechnungsabschlüsse, über das Jahr 1928 und den Vorarbeiten für den Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben für das Jahr 1929 befaßt, mußte das Präsidium erkennen, daß die finanzielle Lage der Kültusgemeinde. in den letzten zwei Verwaltungsjahren eine so wesentliche V.e r s c h 1 e c ht e r u n g erfahren hat, daß außerordent- ' liehe Maßnahmen unerläßlich sein werden, um das Gleichgewicht im Gemeindehaushalte wieder herzustellen. Die beiden Verwaltungsjahre 1927 und 1928 haben mit einem nicht unbedeutenden Defizit abgeschlossen; mangels jeglichen Reservefonds wird die- Tilgung dieser Fehlbeträge aus der laufenden Gebarung der nächsten' Jahre vor sich gehen müssen. Wie schon aus dem Tätigkeitsberichte der Kultusgemeinde für die Periode 1925—1928 hervorgeht, erscheint das Defizit vornehmlich durch die bedeutende Steigerung der Subventionslasten und der Aufwendungen für Fürsorgezwecke hervorgerufen. Das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde erachtet es daher als seine Pflicht, die geehrten Vorstände sämtlicher seitens der Israelitischen Kültusgemeinde in den letzten Jahren subventionierten Vereine und Anstalten von dieser Sachlage in Kenntnis zu setzen und schon jetzt aufmerksam: zu machen, daß dne Israelitische Kultusgemeinde nach dem gegenwärtigen Stande ihrer Finanzen kaum in der Lage sein wird,' ihre Aufwendungen für Subventionen im bisherigen Umfange aufrecht zu erhalten. Es wird unerläßlich . sein, daß seitens der geehrten Vorstände der Vereine und Anstalten alle erdenkliche Mühe «aufgeboten wird, um selbst die zur Betriebsführung erforderlichen Beträge rm Kreise der Mitglieder und Gönner zu beschaffen uiid die Inanspruchnahme der Mitte! der Kultusgemeinde auif das aliernatwendigste zu beschränken. Der Kultusvorstand, welcher das verdienstvolle und hingebungsvolle Wirken der im Bereiche der Israelitischen Kültusgemeinde bestehenden, von Vereinen und Privaten geführten Institutionen voll und ganz anerkennt, wird genötigt sein, bei Subventionsbewilligungen mit größter Rigorosität vorzugehen und* besonders zu prüfen, ob die von den Vereinen und Anstalten aus Mitgliederbeiträgen und Spenden \ selbst aufgebrachten Beträge in ' einem entsprechenden Verhältnisse zu der angesiichten Subvention stehen. Das Präsidium gibt der Erwartung Ausdruck, daß sein Bestreben, durch Ordnung der Finanz-Iage den ungestörten Fortbestand unserer Gemeinde zu sichern und die Grundlage zu einer gedeihlichen Weiterentwicklung zu schaffen, allseits verständisvol'le Unterstützung finden' wird. Der Präsident: Prof. Dr. Alois Piok m. p, Die Vizepräsidenten: Dr. Jakoib Ornstein m. p. Dr. Josef Löwenherz m. p. - Lieferungsvergebungen. Seitens der Israelitischen Kültusgemeinde Wien gelangen im Laufe der nächsten Zeit die Errichtung einer hölzernen Gerätekammer beim Kinderambulatorium, II.-, Rauscherstraße 16, sowie die Vornahme diverser Instandsetzungen im Kinder- Ambulatorium selbst und in den damit verbundenen Sonnentagesheimen und Liegehallen zur Vergebung. Hiebei werden folgende Arbeiten zur Ausschreibung gelangen: Baumeister-, Zimmermanns-, Tischler-, Schlosser-, Anstreicher-, Glaser-, Spengler-, Installatlons-, Scbwarzc^cker- und Hafnerarbeiten sowie Linoleum- Iiefferung. Jene Firmen, welche zur OföertsteMung herangezogen werden wollen, werden eingeladen, dies bis längstens HIIIIHIUIIIllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllli 1 Direkt aus Palästina 1 Mazzoth und Wein, sowie sämtliche s Spezereiwaren reo!W 1W liefert,ins Haus * g | Samue Halpern I 3 Wien, II, Beslrk, Förttergasse Nr. 0 § | Teleph. Anruf genügt, . Telephon MM*12 § ^IIIIIIIIIIIIIIIlIlllllllllllllllllllllllllllllllUlllllllllSIIIIIIIIIIIIlR s s Orangen, GUTER HERD - / IST GOLDES WERT I Die bestrenommierte 1. Wiener orthodoxe Mazzoth fabrik ISRAEL VORTREFFLICH gibt bekannt, dati Uberall täglich Irlich gebackene Mazzoth und Mazzothgrieß mit Stempel fV O R TR EFFLI C H* erhältlich sind J 12. April 1929 dem Technischen Amte der Israelitischen Kültusgemeinde, Wien, I., Seitenstettengasse 2, 4. otock. bei welchem während der gewöhnlichen Amtsstundtn (Samstage ausgenommen) auch alle näheren Auskünfte erteilt werden, schriftlich bekanntzugeben. Die freie Auswahl unter den sich meldenden Firmen zwecks Heranziehung zur Offertstellung für die einzelnen Arbeiten behält der Vorstand der Israelitischen Kültusgemeinde seinem alleinigen Ermessen vor. Schiedsspruch. Das Schiedsgericht der Israelitischen Kültusgemeinde in Wien hat unter dem Vorsitze des Herrn Geheimen Justizrates Regieruiissrfaes Dr. Adolf Bachrach und t'm Beisein der Herren Moritz Fi^dor, Dr. Rudolf Granfeld, Dr. Ernst Löw und Dr. Josef Menkes als Sch'iedsriuhier über die Üisct werde, Wc'che von Herrn Markus Pick, städtischer Lehrer, in Wien, II., Rembrandtstralte 35, als Vertrauensmann der ' „Partei der hiehtzionistischen werktätigen Juden", vertreten durch Dr. S. R. Landau, Rechtsanwalt, 'Wien, 1^ Oppolzergasse 4, und von Herrn Dr. Saul Räfael, Landau, Rechtsanwalt in Wien, I-, Oppolzergasse. 4, als" Liätenführer der „Parterder niclitzionistischen werktätigen Juden" eingebracht wurde und die dahin ging,, das Schiedsgericht wolle den Beschluß des Vorstandes der 'Israelitischen' 'kültusgemeinde:''.'Wien vom :16 EJezember 1928, Z;' 8760-28,. ^uf^efoen' ''.^uml, dem Proteste der 'Beschwerdeführer •' Wider •'•die' töüi'tiffkeit. der am 2. Dezember 1928 stattgehabten Wahlen in den •Kultusvorstand und der Vertrauensmänner Folge geben, nach durchgeführter mündlicher Verhandlung zu RecHtVerkannt: Die Beschwerde wird als unbegründet abgewiesen. ' n-?>J' En tsch« i,d;ti;!n;gs .gründe: Das Schiedsgericht Chatte ' zunächst die Frage zu prüfen, db die Beschwerdeführer "zur Beschwerdeführung aktiv legitimiert erschöinen>;^Ö'i.e:;Frage wurde bejaht, denn das Beschwerderecht^ von 'yVyähljergruppen wäre sonst illusorisch. Da überdies. d^Schjedsgerich^ nicht formalistisch, sondern nach'Jer ^sicht,-der Parteien zu entscheiden hat, so mußt'el g'uqjh beachtet werden, daß die Herren Dr. S- Landau |r|:dl:!^^;:Pick nicht nur als Repräsentantenjder "Parte|^ spri'd|rn .auchals. pnysische Personen BescKw.erde zu' el}i|^p;;;fe erhoben haben.' ■ ,f.'\ -: Das Schiedsgericht*; h^se ,sich weiter mit der Frage zu befassen, 0b eine;iVerv^chslungsfähigkeit' der Kenn- "A,/ ' '■ ■' Zeichnungen 1 und 6 g?geber|war,;Es kam zu der Rechts« ■ Überzeugung, daß dies'«} FragV.deruWahlleiter, das ist dar Präsident der -Kuit«Sffeniei^,:^.siDiiverän zu entscheiden habe. •Selbstverständlich' nic^';nach'-;WiiM'kür,' sondern nach Recht und Billigkeit. Seine Entscheidung aber ist bindend. Nachdem der Wahlleiter ..dje,, .Möglichkeit, einer Verwechslung erkannt ^und fihstesöniä^re gefunden hatte, daß .der Wahlvorschlag der Beschwerdeführer nicht „leicht" unterscheidbar sei von dem ersten Wahlvorschlage, erachtete sich das Schiedsgericht an diesen Ausspruch desto mehr gebunden, als in ihm eine Rechtsverletzung in keiner Weise zu erblicken, ist. Der Wahljeiter erteilte.den Beschwerdeführern ordnungsmäßig FrisftzuY Äendeiiing der gewählten Bezeichnung. Diese haben die Weisung unbeachtet gelassen. Sie wandten sich an eine außenstehende Behörde, den Magistrat,, ohne hievon die^autonome Kültusgemeinde verständigt zu ha'ben. Als die Verfügung des Magistrates dem Wahlleiter zugestellt wurde, blieb diesem nichts üTbrig, als sie zu rntimier'eh und äusiufün'ron.' Der Wahlleiter hat in diesem Falle nicht proprio iure, nicht kraft eigenen Rechtes ^gehandelt. Seine Verfügung^ vom 14. November 1928 ist lediglich aJsVeine.'Inthriat ein Bezirksgericht vornimmt, wenn die höhere Instanz eine Abänderung seines Beschlusses vorgenommen hat. Als später die ministerielle Aufhebung des magistratischeri Beschlusses erfolgte, war damit der Druck beseitigt," der auf den Wa'h'fcleiter geübt worden war. Die magistratische Verfügung war außer Kraft und. damit die maßgebende Entscheidung des WaMleiters wieder in Kratft getreten. Der Präsident als Wahlleiter war daher vollständig berechtigt, ja verpflichtet, nachdem der gesetzwidrige Beschluß der politischen Behörde erster Instanz beseitigt war, seine ursprüngliche Entscheidung vom 7. November 1928 aufrecht zu erhalten und sie am 23.' November 1928 in Wirksamkeit zu setzen. Das Vorgehen des ,WahUe'UerS' entspricht daher vollständig den Statuten und der - Wahlordnung der kültusgemeinde. ' ■! Die.pSesfihwerde (Wahfprotest) war somitals. unbegründet abzuweisen. Wien, am 22. März 1929. , Der Obmann: . Dr, Bachrach m. p. Dr. Heinz Wohlmann m. p„ Schriftführer....... Schiedsrichter: Dr, Rudolf GrünfeW m. pt ............ DIE MUTTER Roman von Schalom Asch. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst. Wien. j (48. Foitsetzung) „Mutter!" — flüstert Moses. „Willst du etwas, Sureleben?" — Anschel neigt sein Ohr gegen ihre Lippen. '' „Mein Sohn" — flüstern der Mutter Lippen. „Sie sagt, »mein Sohn'" — Anschel wiegt sich andächtig hin und her. Die Nacht wurde durchwacht. Immer wieder bat Moses den Vater, er möge sich im nächsten Zimmer niederlegen; doch Anschel schwieg. So wie er sich an das Bett seiner Frau gesetzt hatte, so blieb er sitzen, wiegte sich unaufhörlich wie beim Beten hin und her und schwieg. Sure Rifke schaute ihn an und bat stumm mit ihren Augen, er möge sich niederlegen; manchmal bewegte sie auch die Lippen: „Ansehe^ Anschel!" „Surele" — Anschel neigte sein Ohr gegen ihre Lippen. „Geh' schlafen, Anschel" — flüsterte sie. „Nein" — Anschel schüttelte den Kopf und blieb sitzen. Die Mutter war bei voller Besinnung und bemerkte alles, was um sie vorging, obwohl sie in hohem Fieber lag und vor Schwäche nicht schlafen konnte. Ihre Augen sprachen. Sie konnte sie keinen Augenblick schließen und mit ihnen führte sie ihre Gespräche, bald mit dem Mann, bald mit dem Sohn. Die Sprache ihrer Augen war die richtige; sie sagten das, was die Lippen nie auszudrücken imstande gewesen wären. Bald nahm sie von ihnen Abschied, bald tröstete sie sie, bald bat sie um etwas. Die Mutter hatte die Augensprache gewählt, denn sie paßte besser zu dem, was sie sagen wollte. Moses verstand, warum ihn die Mutter ansah und was sie von ihm wollte, an was sie dachte; er versprach es ihr mit seinen Augen und die beiden Augenpaare verstanden einander. Die Mutter verlangte und er versprach alles zu tun, was sie von ihm wünschte; er übernahm es an der Mutter Krankenbett, wenn, Gott behüte, etwas geschehen sollte, dann werde er für die kleinen Kinder sorgen, bis sie erwachsen seien. Die Mutter hörte das Versprechen, das er in seinem Innern gab -und .. nach diesem Zwiegespräch der Augen wurde sie ruhiger. Etwas war noch nicht erledigt; wieder wandte sie sich mit ihrem bittenden hilflosen Blick an Moses. „Soll ich vielleicht Dwojre rufen?" — flüsterte er. . „Was fällt dir ein?" — Anschel fuhr auf. „Ich glaube, die Mutter wünscht es" —.sagte Moses und blickte dabei zur Mutter hin. „Es ist doch noch Zeit, jetzt ist Nacht" — Ansehe^- Gesicht verzerrte sich wehmütig. , Moses blickte zur Mutter hin, wie um sie zu beruhigen. Stumm nickte er mit dem Kopf und die Mutter verstand ihn. Sie senkte ihre Augenlider halb auf die starren Augäpfel und die großen gelben Augäpfel dankten ihm. Als am nächsten Morgen die Wärter die Mutter auf der .Tragbahre in die Ambulanz trugen, fiel ihr Blick auf die Töpfe, die auf dem Wandbrett über dem Herd standen. Es war ihr, als.blinkten und blitzten sie wie noch nie. Sie wunderte sich: „Wer hat .die Töpfe für mich so blank gescheuert für den Sabbat?..." VII. Im Tempel brennen Kerzen. Vor dem Gebäude des Hospitals gingen die Kinder, vereinsamt wie verirrte Schäflein, mit vom Weinen rot verschwollenen Augen auf und ab. Sie sprachen leise miteinander. Anschel stand hart am Tor des Hospitals und wollte immer wieder hinein, doch jedesmal schlug der Pförtner die Tür zu. Anschel straffte sich, als wäre er ein einziger Muskel und haderte immer wieder „Was heißt, sie lassen nicht hinein?" „Es ist so Vorschrift." „Was Vorschrift! Da ist doch Lebensgefahr/* „Man wird, dich bald hineinlassen. Ich habe mit dem Verwalter gesprochen. Sie wird in ein separates Zimmer überführt" — flüsterte der Aelteste.' ' „Sie' wird überführt, sie wird überführt,.. das heißt, das heißt..." — Anschel biß sich die Lippen blutig. rv; „Mit der Mutter steht es sehr schlecht" — sagte der Aelteste und hielt sich die Hand vor die Augen. Moses verbirgt sein Gesicht in den Händen und weint laut, an einen Kandelaber gelehnt. Wie die zwei