Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 77 (8.3.1929)
- Date
- 1929-03-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Dann sprang er auf, hob sie in seine Arme und trug sie wie ein kleines Kind auf den Händen im Zimmer umher: „Du, mein Glück, meine Bestimmung, mein Schicksal, das bei mir eingetreten ist, sag' doch, was soll ich tun? Was soll ich für dich tun? Soll ich mich aus dem Fenster stürzen?" „Nein" — Dwojre schüttelte den Kopf und ihre Augen lächelten unter Tränen. „Verstehst du das, ich habe mir mein Glück nicht gegönnt, verstehst du das?" „Ja" — Dwojre nickte mit dem Ko:pf. „Mutter meiner Kinder!" — schrie er in wilder Ekstase. Dwojre verschloß ihm mit ihrer kleinen Hand den Mund. * Nicht lange nachher saßen sie wieder beim geheizten Oefchen. Buchholz' hatte Brot, Butter und ein Viertelpfund Kaffee geholt und Dwojre bereitete das erste Frühstück in ihrer Wirtschaft. Wieder sprachen sie von seinen Plänen. Es stellte sich heraus, daß Dwojre nicht mit leeren Händen gekommen war; sie hatte den letzten Wochenlohn, vierundfzwanzig Dollar, mitgebracht. Nicht umsonst war sie Sure Rifkes Tochter; in ihrem Kofferchen fanden sich allerhand Dinge, so einige Leintücher, Handtücher und dergleichen., und Buchholz begriff nicht, wozu man derlei brauchte. Er wollte durchaus, sie sollten beide sofort auf die Erste Avenue zu den Italienerständen gehen und dort Hausrat einkaufen. Die Idee, zusammen mit Dwojre eine Häuslichkeit einzurichten, beherrschte ihn so und entflammte ihn «zu solchem Enthusiasmus, daß er etwas tat, was er nie, selbst in den kritischesten Augenblicken seines bisherigen Lebens — und derer gab es nicht wenige — über sich gebracht hätte. Buchholz hatte einen Bruder, einen „Mrightnik", d,er ein Möbelgeschäft betrieb. Dem Bruder ging es sehr gut. Er hatte ein großes Geschäft in einem SouterräinlofcaJ aiuf der Allan-Street. Biuchholz, der mit seiner Familie zerfallen war und von ihr nichts hören und nichts wissen wollte, hatte den Bruder schon sechs oder sieben 'Jahre nicht gesehen. Jetzt fiel ihm der Bruder ein; ohne ein Wort zu Dwojre zu sagen, ging er sofort an die Ausführung seines Planes. Er rasierte sich sorgfältig und zog sein bestes Hemd an (seit Dwojre sich um seine Kleidung kümmerte, besaß Buchholz immer ein Hemd), er beschwor Dwojre, das „Atelier" nicht zu verlassen, bis er wieder käme. „Ich muß nur zu einem guten, Freund gehen," — sagte er ihr — „es handelt sich' um eine wichtige Angelegenheit, ich komme sofort .wieder." Damit ging er oind ließ Dwojre allein. Dwojre packte Inzwischen ihre Sachen aus und dachte darüber nach, wie das „Atelier" in einen solchen Zustand zu bringen wäre, daß es bewohnbar sein könnte. Sie ging daran, den, Mist auszukehren, den Buohholiz, seit er dort wohnte, hatte liegen lassen. Aois dem Mist zog sie alle verwendbaren Manschetten, Krägen, Hemden, Bücher, Bilderrahmen und andere Dinge hervor. Dann suchte sie einen Platz für die Orangenikiste, in der die paar Gläser und Teller, die sie für ihre Wirtschaft, brauchte, stehen sollten. Während sie so in die Arbeit, das Atelier in Ordnung zu bringen, vertieft war, öffnet sich mit einem Ruck die Tür und Buchholz tritt ein; auf der Schulter trägt er ein zusammenlegbares Eisenbett mit neuen Matratzen; ein Neger folgt ihm, der auf seinem Kopf einen Kiüchenschrank <und einige Stühle trägt. Dwojre sah verwundert auf: „Wo hast du die Sachen hergenommen?" „Komm', ich habe zwanzig Dollar, wir wollen Geschirr und Besteck inkaufen." „Wozu brauchen wir Geschirr und' Besteck?" „Also, was brauchen wir?" „Bettdecken!" — flüsterte1 Dwojre ihm zu. Sie gingen zu den italienischen Ständen auf der Ersten Avenue; statt Bettdecken erstand Buchholz farbige orientalische Decken. , Dann zog sie ihn in ein Weißwarengeschäft und kaufte dort Wüsche, Hemden, Handtücher und andere Dinge, von denen Buchholz absolut nicht begreifen konnte, wozu man derlei dummes Zeug brauchte. Schließlich entschloß sich Buchholz über Dwojres Vurschlag, einen Korb für die Schmutz« wüsche zu kaufen. Darin wurden die eben erstandenen Dinge verstaut und auch die Teller, die zwei Töpfe und das Salzfaß, die Dwojre Buchliolz zuliebe gekauft hatte, (Fortsetzung folgt.) , Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von SchaJom Alech£t?i. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (20. Fortsetzung) Und weniger als alle kann er diesen herausstaffierten, geölten Wanst mit dem „abgeschabten Nudelbrett" — er meint den Direktor Albert Schtschuppak — sehen. Man ist berechtigt zu sagen, daß die Zwei, Benje Rafalowitsch und Albert Schtschuppak, von der ersten Minute an, da sie sich gegenseitig erkannten, einander1 nicht leiden konnten. Beide behandelten einander von oben herab. Bei Benje hieß Schtschuppak nicht anders als; Drecksudler. Und bei Schtschuppak hatte Benje keinen anderen Namen als Bessaraberdarm. So ist es leicht zu verstehen, daß Benje sehr zufrieden war, als er auf seinen Hof hinauskam und Schimen Dovid den Fuhrmann zum Tor hineinfahren sah, mit einem Leiterwagen, und hinter ihm noch einen Wagen mit einem gedeckten Oestell und ganz hinten noch einen ganz hohen Wagen, den man in Bessarabieti Harba nennt. Und Benje begann in seiner Art mit Schimen Dovid dem Fuhrmann zu sprechen. „Boruch habo, willkommen ein Oast Schimen Dovid, sag mir, mein Herz, was nimmst du zum Beispiel von diesen Strolchen, daß du ihnen das „Aas" wegführst?" „Heil dem Manne, der nicht handelt..., ach und weh dem Fuhrmann," antwortet ihm Schimen Dovid mit einem Psalm, und beklagt sich vor Benje darüber, welch schlimmer Beruf das ist. Und er rechnet ihm an den Fingern einzelweise vor: der Gaul muß Futter bekommen, einen Aushelfer muß man sich halten, und Hafer ist teuer, und den Wagen muß man schmieren, und einen Knecht muß man halten und der Knecht, der goj, ist ein Dieb ...". Und wie Schimen Dovid sieht, daß es mit den Fingern nicht ausgeht, macht er eine Handbewegung und reißt, ein paar Psalmworte sagend, sein Gespräch mit einem scharfen „Kopf in der Erd'" ab. Schimen Dovid der Fuhrmann ist mehr Bürgersmann als Kutscher. Er hat ein eigenes Haus, drei Paar Pferde, seine Kinder lernen im Cheder, er selbst ist ein Mensch,! der in einem gelehrten Buch ein wenig zu lesen versteht, kennt alle Psalmen auswendig, wirft mit Psalmcnversen nur so um sich und beutet sie, die armen, bei jeder1 Gelegenheit aus. Mit Schtschuppak hat Schimen Dovid nach Art eines Spediteurs eine Abmachung getroffen, in der Weise, daß der Transport Schtschuppak nichts weiter anzugehen hat: er, Schimen Dovid, habe " ihn mit Sack und Päck nach! Patscheschti zur Bahn zu spedieren, und zwar Samstag nachts sofort nach Hawdalah, das ganze jüdische Theater mitsamt den Artisten, mitsamt den Dekorationen, mit allem Vjpn oben bis unten, was drum und dran ist, bis zum letzten Lippen, so daß er ihn in aller Früh, wenn das ersta Schaf blökt, nach Patscheschti um jeden Preis, um alles in der Welt, und mag es Steine vom Himmel regnen* zu bringen hat, und von dort ~ jauchze, meine Seele und lobe Gott, von dort mag er schon mit einem Schlitten mach Erez Israel fahren. So sprach Schimen Dovid' in eigener Person. Und wenn Schimen Dovid spricht, so ist's gesprochen. Der Samstagabend herangekommen — Schimen Dovid nicht da. Am Himmel hatten sich schon längst Sterne gezeigt und in den Fenstern Lichter, aber Fuhrwerk war noch immer nicht zu sehen. Da schickte Schtschujppak zu ihm den Hotzmach Nachschau halten und Hotzmach trafi Schimen Dovid vor einem dicken Gebetbuch, das Sabbatausgangsgebet laut sagen. „Reb Schimen Dovid, na?!" Da zeigte Schimen Dovid mit der einen Hand auf seinen beschäftigten Mund, mit der anderen auf das Gebetbuch, und warf ihm zu „Na? Na?!" Das sollte bedeuten, daß es für Schimen Dovid, solang er im Beten ist, nichts zu verhandeln gibt. Dal setzte sich Hotzmach vorläufig hin, rauchte eine Zigarette, indes dort drüben Schtschuppak aus der Haut fahren konnte. Noch nie war Albert Schtschuppak so nervös wie am heutigen Samstagabend. Er geheimniste und flüsterte mit Scholem Meir, warf sich hin und her, fing mit allen Schauspielern und Schauspielerinnen Streit an und, wie immer, bekam es Hotzmach, das Opferlamm, zu spüren. Er schärfte ihm ein, und schalt ihn hiebei tüchtig, sofort die Fuhrleute mit dem Fuhrwerk herbeizuschaffen, „und soll sein Name nicht Albrett heißen". , „Was ist das mit uns'erm Direktor?" sagten die Schauspieler zueinander hinten in der Scheune. „Fangt euch mit ihm nichts an, er ist verrückt. Die „Directricc'• kommt morgen früh angefahren." „Woher weißt du das?" „Telegramm gekommen!" „Was schon eine Frau bei Schtschuppak ausmacht!" „Hat denn Schtschuppak eine Frau?" „Maseltow! Bist du ein Fremder?" „Neuigkeit! Bei einem Kerl wie Schtschuppak spielen drei Weiber keine Polle —" „— und ich hab gehört, daß er von der da geJ geschieden ist." „Keine Spur." „Warum tänzelt er dann um die Primadonna herum?" „Die Primadonna laßt in Ruh. Die Primadonna schert sich de» Tsufej uro eush." auch „Brejndele Kosak, was seid Ihr für ein Fürsprecher?" „Vielleicht nehmt ihr einen großen Löffel „Stumm" ein —" 1 „— oder gar einen Löffel „Krepier"!" „Wo? Hier in Bessarabien oder dort in Rumänien?" „Sieh dich lieber im Spiegel an, du Mißgeburt!" „Endlich wird's genug sein mit den spitzen Zungen." „Also, wo halten wir mit Schtschuppaks Weibern?" „Psst, Kinder, ich glaube, es wird gefahren...** „Man fährt her, man fähn ..." „Es geht los, ramtararam, tararam —" „Herzomperzom, putz so, putz so..." „Putz fest..." Und die ganze Gesellschaft, Schauspieler und Schauspielerinnen, gewiß, daß die Fahrt beginnen wird, sprangen in einem Tempo auf, marschierten singend einer hinter dem» andern aus der Scheune in den Hof, wie um ~ „deit Bräutigam zu empfangen". £' 3 5. Kapitel. t'->; Schimen Dovid der Fuhrmann kommandiert. Dem Jüdischen Theater zu Ehren hat Schimen Dovid der Fuhrmann ein ganzes Bündel Fuhrleute und Taglöhner mitgebracht, junge und alte, alle mit großen, gütgeschmierten Stiefeln und mit langen Peitschen in den Händen — Fast die ganze Holeneschtier Transportbörse- Und zwar: Noach Brimse- — ein Fuhrwerker mit. einer zerrissenen Nakitke und mit einem Plüschkartus; Nachman Kokosch — ein böser Mensch, der wie ein Hahn aussieht; Jenkel Mametliwe'-~ ein verschlafener Geselle mit brennroten Lippen; Getzi Galagan — ein baumlanger Kerl, aber einäugig; Henoch Kustaj — ein untersetztes Fuhrmännchen, doch ein stummes; und Karpe Mundzjuk — ein Moldawer mit Pelzkappe, war auch unter ihnen. Karpe der Moldawer schob seine Kappe zur Seite, raffte sein« Hemdbluse hoch und machte sich ans Schmieren der Räder und die Bande Fuhrleute ging an die Arbeit mit Lust und raschem Eifer; Dekorationen packen, von jeder Stellage Kasten und Kisten herunterschleppen, kleine und große Gepäcksstücke auf die Fuhren laden, ohne sicH um die Schauspieler und Schauspielerinnen zu kümmern* die hinten nachgingen und sie baten, „langsam" und „vorsichtig" zu sein. Wie ein General über, alle Fuhrwerker stand Schimen' Dovid da und kommandierte, er gab strenge Weisungen und hackte mit einer Flut von Psalmversen, vermengt mit rumänischen Kraftausdrücken, auf sie los. „Hör nur, du „Kalbun", dii „Blastamas" der du bist, wenn du „in Gottes Wegen wandeln" willst, halt den Wagen zurück, sonst kriegst du eins in, die Fresse ge«* schmiert, daß du glaubst, du robotest im Lande Pharaos» bis du dir die Nase vom" Boden aufklauben mußt." Die Sippe Fuhrwerker und Taglöhner macht sich! scheinbar nicht viel aus Schimen Dovids Kommandoworte« und aus Schimen Dovids Psalmzitateu. Denn die Männer bewerfen, während sie arbeiten und die Lasten schleppen, einander mit allerlei Redensarten, man spricht und man lacht und unterhält sich darüber, was man zu Tisch serviert bekommt, in der Fuhrmanhsp'rache: „Sag mir einmal, du, Jenkel Mametliwe, möcht dir jetzt so passen, dich mit Malaj*) und-Gänseschmalz zur neuen Woch' anzupamfen!" . ' „Fahr ab, blindes Einaug, mit deiner Malaj! Ich leg'- mich lieber auf Zuspe'is fnit „Nahit"!" ■ ' „Und darauf ein VeberguR von einem Krug „Pomnjak", was? Haha!" „Oder gar von frischer .„Brahe"!" . Schimen Dovid, der das mitanhört, beginnt zii schreien. „Was treibt das Gesindel da? Uebers Fressen! das Maul zerreißen, Mistkerle! Ich werd' euch schon1 einen „Pomnjak" geben, daß euch finster wird vor den Augen — mit der Deichsel in die Gurgel hinein." Der Lärm, das Gelache der Antreiber und die Befehle und Flüche Schimen Dovids des Fuhrmanns vermengen sich mit dem Geschrei und Getu der Akteursleute, die wie Verrückte herumlaufen, einander anschreien und alle zusammen über Hotzmach herfallen. „Hotzmach, dich soll der Teufel holen." „Hotzmach geh, Hotzmach steh, Hotzmach halt, Hotzmach hieher, Hotzmach dorthin!" Und der arme Hotzmach hat die ganze Mühsal deä Theaterelends auf seinem schmalen, vornübergebeugten Rücken zu tragen, zieht alle Flüche auf sich ab, wirft sich nach allen Seiten, trägt und schleppt und hustet. Alles fällt ihm aus den Händen. Denn ihn beobachtet in einem Rahmen von blitzenden Diamanten Albert Schtschuppak, der Direktor des „Jüdisch-deutschen! Theaters" und treibt ihn an und schimpft und flucht., Aber was geht den Hotzmach jetzt der Direktor) an? Er ist „jetzt für ihn'gestorben". Soll nur die Sache* die er eingefädelt hat, gut abrollen. Soll nur der Jung« heute Nacht den Beutel Geld herauskriegen, dann wird alles „G" =s gut sein! (Fortsetzung fol«t.) *} Gebackene Matnaliga.