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Die neue Welt · 1929-03-01 · Heft 76 (1.3.1929) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 76 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nf. 76 Das Hakenkreuz. Krawatte an der Berliner Universität Vor eitrigen Tagen kam es in 49t Berliner Universität 2U Ausschreitungen nationalsozialistischer Studenten, die eitlen offen antisemiti.-chen Charakter trugen, Indem jüdisch oder ausländisch aussehend« Studierende belästigt und mißhandelt wurden. Die Hä&enkreu^er be* selten die Vorhalle der Universität und den öffentlichen Bingens, so daß es unmöglich wer, de* Gebäude *u be« treten. Auch die Eingänge zu den Hörsälen wurden blockiert. Trupps von Nationalsozialisten, uniformiert und mit Hakenkreuzen geschmückt, zögen in Zweierreihen durch die Universität und provozierten all« Studenten, die jüdisch aussahen. HinselHe Juden wurden angepackt und In die Mitte der NätlonaUoslalisten geschleppt, wo ile mißhandelt wur» den. Die benachrichtigten Pedetoe waren der Uebefmaeh» dWr Nationalsozialisten nicht gewachsen. Es konnten, nach* den* die Mehraahl der Hltlerianer dl« Universität verlassen hatten, nur noch drei Nationalsozialisten lestgestellt werden, die n i c h t S t u d e n t e n, sondern von der Straße geholt worden wären. Das Wiener Muster ist unverkennbar. Man muß nur abwarten, ob Rektor und Senat ebenfalls sich nach dem Wiener Vorbild verhalten werden, Die Studenten Von Erlflrigeri (ordern den Numerus 1 clausus. Wiie die antisemitische deutsche Presse mitteilt, hat dar allgemeine Sundentenaussehu3 der Universität Brian g e n den folgenden Antrag der Fraktion des national* sozialistischen Studentenbundes angenommeni t>ie Erlanger Studentenschaft fordert an sämtlichen deutschen Hochschulen die Einführung des Numerus clausus für Niehtdeutsche, besonders aber für Studierende der jüdischen Rasse. Neben der nätionalsözlalisischen Gruppe stimmten auch die Vaterländischen und .die politische Arbeits* gemeinsciiaft bei nur einer Stimmenthaltung für de» Antrag. Aufreizung zum Judenmord — Freispruch. Aus B r e s l au, 22. Februar, wird gemeldet} Arn Freitag Wurden vordem HI r s c h b e r g e r L ä n dge r i e h t der 21jährige Seidel'und der 27jührige L a h rfl e r AUS Bolkenhain, die Wegen Aufreizung zum Klassenlraß angeklagt waren, freigesprochen. Den Angeklagten war sur Last ge* legt, anläßlich eines nationalsozialistischen Unuuges, der am 24, Juni 1928 in Bolkenhain Stattfand, Öffentlich 2U Gewalt« tätlgkeiten, vor allem gegen jüdische Mitbürger, aufgereiht zu haben, und zwar .besonders durch den Gesang eines Liedes mit dem Kehrreim: „Bf st wenn die Juden hinten, wird Deutschland wieder frei." Die Angaben mehrerer' Eelastiing-zeugen ließen zweifeiftel erkennen, daß ein Lied mit diesem Kehrreim wiederholt gesungen worden ist. Der Oberstaatsanwalt hielt deshalb den Tatbestand im Sinne, der Anklage für erwiesen. Er beantragte je einen Monat Gefängnis. Es erfolgte trottdem Frei* Spruch „mangels ausreichender ♦Beweise".- Wieder ein 'immuner Ritualmordhetzer. Der bayrische Landtag hob die Immunität des nationalsozialistischen Abgeordneten S c/h eitltn auf, der tri seinem Blatt' „ber Weckruf" durch Zeichnungen und Artikel den Mord an dem Primaner Daube als „jüdischen Ritualmord" bezeichnet hatte. *. Mildes Urteil für Frledholssohänder. Vor dem Gladbecker Jugendgericht hatten sich die beiden jugendlichen G) a d b « c k e r F r i e d hio f s c h ä rtd e t zu verantworten, die auf dem jüdischen Friedhof, wie berichtet, eine Anzahl Grabsteine umgeworfen und beschädigt haben. Sieerhielten vier und-drei Monate Gefängnis bei Anrechnung der Untersuchungshaft. Bei Ersatz des"angerichteten Schadens wird ihnen eine dreijährige Bewährungsfrist für den Rest der Strafe zugebilligt. - . K Ein pöbelhaftes Erkenntnis. Wie 4er Be'rüner „Vorwärts" au? Halberstadt mitteilt, wurde der verantwortliche Redakteur des sozialdemokratischen „Hal'berstädter Tageblattes" Artur Molke n b u h r wegen Beleidigung des deutschnaüpnaien Amt»- gerlchtsrates Dr. Rudolf B e i n e r t - Wernigerode zu 200 Mark Geldstafe verurteilt, ßeinert veröffentlichte vor kurzem eine Boschüre: „Von der polltischen Freiheit in der Deutschen Republik", in der gegen die Richter des Großen Dlsälplinar-renates beim Kammergericht, die Holtmann und Kölllng abzuurteilen hatten, schwere Vorwürfe -srhöben wurden. Unter anderem bezeichnete er die Richter des Großen Diszirlinarsenates als verludet. Das Halberstädter Organ der Sozialdemokratie wies diese Ausfälle des deutschnationalen Richters zurück, woraufhin Anklage und Verurteilung erfolgte. In der Begründung des Urteltes heißt 3s, daß der Cafe Reklame Catctior t Ukob doldflle* Wien. iL. Pratcrstrafo Nr, 34 anschließend die Jüdischen Künstlerspiele* / Vorzügliche Getränke und kalte Speisen zu billigen Preisen Rummy- Spieltische Treffpunkt der jüdischen Gesellschaft im..,m.iiii.i, ,., n i t j i. Mia En^el Jack Lerner Wien Antwerpen ©mpfeh'tn sich als Verlobte d-utschnationalö Affltsgerlchtsrat keinesfalls den Rechter* Hand beleidigt habe. Mit den „Lumpen" habe D-. Beineft nur diejenigen Uefimien gemeint, die vor ungebildeten Menwh-aft,.e> du^h die Revolution empörtet ragen werden, katebuckelten, um bessere Aemter und Posten zu ergattern. Diese Art von Beamten dürften von Beinert mit Recht als „verludet" bezeichnet werden. („Verludet Im schlechten Sinne des Wortes", bemerkte der Richter dazu.) Die objektiven Richter könnten sich durch eine derartige Kennzeichnung nicht getroffen fühlen. Der Artiikel iifi „Halbefstädter Tageblatt" enthalte aber nicht nur unwahre Tatsachen, sondern sei auch formell beleidigend. Bs sei vört Pöbelefen die Rede. Der verurteilte Redakteur legte gegen dieses vom Häl-ber.?tädter Amtsgeriohtsrat D a h m e n begründete Urteil» Berufung ein, Ein Aufruf Hörsfngs. Otto H ö r s i n g, der ehemalige Oberpräsident von Magdeburg, der Gründer und Vorsitzende des „Reichs- NBü ERÖFFNETE REICHHALTIGE MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DKR BÜCHERSTUBE M. RATH WICH, II., T AB ORSTR ASSE ffr. 20* rEU R-43-1-58. ALLE NEUERSCHEINUNGEN I REICHE AUSWAHL IN HIBRAIKA UNO JUDAIKA in enßilscher uno französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3 - KEINE BANDGEBÜHR TAGLICHER UMTAUSCH t Nur die einzige echte Schweden- 4 klingt mit breiter haarscharfer Schneide - rasiert schnell den stärksten Barti banners Schwarz-Rot-Gold", ruft in der Zeitschrift „Das Reichsbanner" unter dem Signal „Kampf den Staatszerstörern!" energisch zur Abwehr des Antisemitismus auf. Er schreibt: „Immer mehr gewinnt es den Anschein, als ob wieder eine antisemitische Welte über Deutsch« land dahingehen solle. Schon Bebel sagte: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der Dummen." Bedauerlich ist nur, daß diese Dummheit verzweifelter Menschen zu einer Gefahr für die deutsche Entwicklung gewordeh ist. Denn sie gibt Leuten Macht und Einfluß, die nicht davor zurückscheuen, an die niedrigsten Pöbeiinstinkte im Menschen zu appellieren und einen brutalen Terror auszuüben. Wir haben es schon zu häufig erlebt, daß die Nationalsozialisten über friedliche Straßenpassanten, die sie für Juden hielten, hergefallen sind und sie niedergeschlagen haben. Man denke nur an Berlin, Bremen und Hannover! Und ist es nicht eine Schande für das ganze deutsche Volk, daß intoige dieser antisemitischen Hetze 69 jü- , dische Friedhöfe geschändet worden sind? Man greife al?o endlich mit allen Mitteln durch, wenn der Staat keinen Schaden nehmen soll. Will es der Staat noch länger dulden, daß, wie im Wiesbadener Bezirk, in Hessen und an änderen Stellen, Beamte und Leihrer die Führer dieser staatsfeindlichen Bewegung sind?" Der Aufruf Hörsings schließt mit der Versicherung, daß sich das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" mit aller Kraft denen entgegenwerfen will, „die neues Unheil Über Deutschland bringen möchten, die wieder mit Knüppel Und Revolver den inneren Frieden bedrohen und vor dem Aeuftersten nicht zurückschrecken." Die j tidisclie Autonomie in Estland. Der jüdische KuJtürr&L ' ' " ''7 ' 1 f Kampf zwischen Hebräisch und Jiddisch. — Jüdisches Kulturleben iu einem demokratischen Land* Zur iehnjährigen Feier der Unabhängigkeit der Republik Estland. t)ie Geschichte der Autonomie der estländischen Juden gehört zu Cinsm der. beispielgebendsten Kapitel im Kampfe Um die jüdischnatiomlen Rechte in der Öaluth. Ihre Konstitution Ist in d^n Einzelheiten wen!? bekannt, so daß ein näheres Eingehen den Forschern des Nationalitätenrechtes und auch der breile/en Öffentlichkeit viel Interessantes bietet F ii n f J a h r e währte der Kampf um die n a t io n a 1-k u 11 u r e II e.Ä.ü to n p m i e in Estland. Es war ein parlamentarischer Kampf, der da und dort auf ein e Rei he sozialer Schwierigkeiten stieß, Im Wesen aber war die jüdische. Autonomie bereits in den ersten Tagen der estländischen Selbständigkeit g a r a n t i e r t. Etwas später komplizierten, sich die Dinge. Kulturelle und soziale Gegensätze,trafen sich. Der Widerstand der Esten war nicht so sehr gegen die Juden wie gegen dje Deutschen gerichtet. Die deutschen. Gutsherren und Barone, fühlten sich wegen der radikal durchgeführten Agrarreform benachteiligt, da ihr Grundbesitz zugunsten der Kleinbauern ohne Entschädigung konfisziert wurde, und waren daher anfangs mit dem neuen Staatswesen unzufrieden. Schließlich, aber fand das Prinzip der kulturellen Autonomie bei allen estländischen Parte'en Sympathie und vor vier Jahren wurde im Parlament ein entsprechendes Gesetz angenommen Am 11. April 1925 reich'e die deutsche parlamentarische Fraktion bezüglich der Durchführung dieses Gesetzes einen Antrag ein. Den Juden kam dies etwas unerwartet; sie waren ganz und gar unvorbereitet und standen vor der Entscheidung, ob man von diesem neuen Recht Gebrauch machen solle oder nicht. Als Erbschaft aus der Freiheitsperiode unter Ke* renski" im benachbarten Rußland war den Juden ein Netz gut organisierter Gemeinden zurückgeblieben» die auch bei der estländischen Regierung gut angeschrieben waren und die Grundlage für die künftige Autonomie bildeten. Ihre Autorität trug nicht wenig zur Anerkennung der autonomen Rechte der Juden bei. Es geschah im Oktober 1025, daß' die Vertreter der Kehillä von Reval Im Namen" aller Kehllloth des Landes der Regierung mitteilten, daß die Juden gewillt sielen, das Autonomiegesetz für sich anzuwenden. Dies konnte nach der Konstitution geschehen, da nachgewiesen Wurde, daß es in Estland 30 4 5 Staatsbürger jüdischer Nationalität gebe, die gewillt seien, ein eigenes national-kulturelles Leben zu führen. Die Forderung der Juden wurde ohne weiter« Schwierigkeiten erfüllt. Am 25. November 1925 «rechten eine Regierungsverordnung betreffe der Aufstellung entsprechender Wahllisten zum jüdischen Kulturrrat Und am 30. März 1926 wurde seitens der Regierung die Wahlordnung bestätigt. Nach den offiziellen Wahllisten hatten 2041 jüdische Bürger das Recht, sich an den Wahlen für die normierten 27 Kulturräte zu beteiligen. Die Wahlen wurden vom 24. bis zum 26. Mal 1926 durchgeführt. 1467 Personen, d. i. 71 Prozent aller Wahlberechtigten, gaben ihre Stimmen ab. Einige Tage später, am 6. Juni, fand die erste Sitzung des jüdischen Kulturrates statt, auf der mit Begeisterung der Beschluß einstimmig angenommen wurde, die jüdische Autonomie zu verwirklichen. Am 16. Juni erklärte die estländische Regierung die jüdische kulturelle Selbstverwaltung für eröffnet. Die erste offizielle Sitzung des jüdischen Kulturrates, in der auch das Exekutivorgan der jüdischen Autonomie gewählt wurde, fand am 20. Juni statt. Es war eine historische Sitzung mit großer Feierlichkeit. Die wichtigsten Mitglieder der. Regierung waren erschienen, um der Eröffnungszeremonie der ersten jüdischen Selbstverwaltungskörperschaft beizuwohnen, ferner Vertreter aller anderen nationalen Minderheiten und bedeutender gesellschaftlicher Organisationen. Der estländische Außenminister P i i p begrüßte die jüdische Minderheit im Namen der Regierung und erklärte, Regierung und Volk Estlands seien bereit, durch Taten zu beweisen, daß sie dem Prinzip der Freiheit und Gleichheit treu bleiben und mit allen Mitteln die national-kulturelle Autonomie verwirklichen werden. illllllltlHIIIIIIIIIIIIIIIIIU^ I Verband demokratischer Zionisten M s i s .S Ml tt wocn, den 6. Marz 1929 um 7»9 Uhr s =3 abends im H 5g 5 I Cafö Produktenbörse (Klubsaal) m Sj 11. Taborst/aße 10 M I VORTRAG! | S)r. Oskar SRosenfeld: | Der Jude im sozialistischen Wien Ü Eintritt frei Gaste willkommen I

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