Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 75 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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H f Seite 12 DIE NEUE WELT Nr. 75 Von diesem Thema wurde kein Wort mehr gesprochen. Bald nach diesem Gespräch nahmen sie voneinander Abschied. III. Dwojres Weg. Einige Tage vergingen, ohne daB sie einander sahen. Buchnolz wartete beim Shop, doch Dwojre kam nicht. Das wiederholte sich Tag um Tag. Buchholz meinte, Dwojre sei böse über sein ungereimtes Gerede vom Zusammenwohnen. Er war überzeugt, in ihren Augen sei er ein Strolch, ein Lump oder noch Schlimmeres. „Ihr sagen, sie möge zu mir ziehen, dazu muß man wirklich ein ganz gemeiner Kerl sein." Buchholz war in jener Stimmung des Zweifels an sich selbst, die ihn von Zeit zu Zeit überfiel; da schien es ihm, er sei nicht wert zu leben, sei ein Schwindler, der sich und andere beschwindelt, seihe Kunst sei keine Kunst, er sei nicht mehr als ein ungehobelter, ungebildeter Kerl. In solchen Stunden hatte er Lust, einen Hammer zu nehmen und seine Bildwerke in tausend Stücke zu schlagen, damit alles zu Ende sei. Und da er kein Handwerk gelernt hatte und keine Bildung besaß, sah er keine ander© Fähigkeit in sich, als ein Tramp zu werden, ein Landstreicher, der von Stadt zu Stadt wandert, oder sich einem Hausierer als Packträger zu verdingen und ihm die Warenpakete über Land schleppen zu helfen. Denn in einem Shop zu sitzen, den ganzen Tag in vier Wänden eingeschlossen zu sein, wie es alle in New York taten, daran konnte sich Buchholz nicht gewöhnen,, und das nicht nur in der Wirklichkeit, sondern nicht einmal in seiner Vorstellung. Diese verzweifelte Stimmung beherrschte Buchholz die garczen letzten Tage. Sein Gespräch mit Dwojre, das mit seinem lächerlichen Vorschlag an sie und ihrer schamhaft schweigenden Antwort geendet hatte, brachte ihn zur Ueberzeugung, alles, was er mit Dwojre gesprochen hatte, sei nicht aufrichtig; nicht nur seine Worte, sondern auch der Plan des großen unsterblichen Werkes, das er schaffen wollte, jener „Mutter", die mehr als jedes andere Werk die Idee seiner Kunst offenbaren sollte, — auch dieser Plan sei Lüge, Pose, ausgedacht, um das unschuldige Mädchen zu verführen, ausgedacht, um vor ihr groß zu tun und auf sie Eindruck zu machen, um sie so zu fangen: „In Wirklichkeit steckt gar nichts dahinter. Alles ist leeres Gerede. Wären •diese Ideen und Pläne wirklich aus tiefer Empf-in, düng geboren, so hätte ich sie nicht ausgeplaudert." Daß er sie ausgesprochen hatte, schien Buchholz sicheres Merkmal dafür, daß seine Pläne unaufrichtig und unehrlich waren. (Fortsetzung folgt.) Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche überfragen von P. Rosen hall. (18, Fortsetzung) Man sieht auf Gottsgass nicht mehr die Väter und Mütter; die Väter in ihren Sabbathkaftans und die Mütter mit ihren Brillanten in den Ohren, so echt wie Glasknöpfe, wenn nur — Brillanten. Man sieht auch nicht mehr die jüdischen Kinder draußen ihr neues Spiel „Jüdisches Theater" spielen. Man hat sie schon längst in die Stuben hereingeholt, schon längst ist die Sonne mit ihrer ganzen glanzvollen Pracht zur Ruh gegangen, der letzte Funke des schönen warmen bessaräbischen Sonntags erloschen und der schöne warme b essarabische Sommerabend heraufgezogen, da und dort zeigt sich ein Stern, blitzt und leuchtet und lächelt: zur dunklen staubigen Erde herab* Fromme Frauen haben schon längst im Finstern leise ihr „Gott Abrahams, Jizchaks und Jaakobs" gesagt und eine stille bange Wehmut hebt an, ein Sehnen nach der Heben Sabbathheiligkeit, die dahingeht... und wachsgelbe Lichter scheinen hinter allen Fenstern. Fromme Männer haben schon längst zum Gebet des Sabbathaüsgangs die Hawdalah, das Flämmchen, ausgelöscht, andere wieder haben sogar schon alle Gebete und Weisen hinter sich, die den Sabbath beschließen, andre sind noch mitten drin.im.Sang und im Bam-bam-bam und im Schnalzen, schon schlängelt sich um dieses Singen Schwermut und schön dringt Traurigkeit in die fröhlich bewegten Melodien. Schwer, schwer ist der Abschied von der Feier der Seele, schwer von der lieben schönen Tochter der Königin Sabbath. „Oute Woch>, gute Woch',"- sagt Israel der Chasen sofort nach der Hawdahah mit tiefem Seufzer seiner Frau und seiner Tochter, und geht ans Sagen der Sabbathweise und singt sie mit schöner Stimme aus dem Gedächtnis, mit den Fingern schnalzend, sieht auf Lea und denkt sich, daß sie wohl bald' ein Gespräch über Geld, Schuhe und andere alltägliche Dinge beginnen werde. „Gute Woch', glückliche Woch'" antwortet ihm Lea, auch mit einem Seufzer, aber sie denkt gar nicht an ihn, da sie doch ihre Tochter betrachtet, Resl, die so sonderbar nachdenklich abgesondert im Winkel sitzt. , Woran denkt nur das Kind jetzt, nichts Böses über sie', so kommt es über Lea und drückt ihr das Herz ab. Lea bereut es schon seit langem, daß sie mit ihrer Tochter zu barsch, zu streng umgegangen sei. „Mit einer einzigen Tochter, einem einzigen Kind, um das man zittert, darf man nicht so sein.., Gewiß soll man nicht so sein, nun ists vorbei, verfallen. Ein Zurück gibt es nicht und jetzt schon gar nicht mehr. Mit dem Theater ists ausi, da sie ja, wie man sagt, schon heute bei Nacht wegfahren* ein guter Geist in sie (sie meint natürlich „ein böser"* doch warum soll sie am Sabbathende Juden fluchen?).4* Ein wenig tut es ihr leid, daß das Jüdische Theater Holeneschti verläßt, aber ein wenig ist sie auch zufrieden. 'Weniger Lärm in der Stadt, tröstet sie sich selbst; da Holeneschti bis jetzt ohne jüdisches Theater ausgekommen ist, wirds auch weiter so gehen, na hast du gesehn.... und das Kind wird gewiß vergessen, daß überhaupt ein Theater auf der Welt war. Ein Kind bleibt ein Kind. Sie wird ihr ein paar neue Schuhe kaufen und damit werden alle Wunden vernarben... und dazu noch Zuckerln und gesüßte Marmeladen und ähnliche gute Sachen, die sie ihr morgen vom Markt mit Gottes Hilfe bringen wird... Oh, ein Donner über mich, morgen ist Sonntag, Markttag, ja fast Jahrmarkt und sie hat noch nicht einmal — daß ihr sagen könnt — einen abgegriffenen GuldenI Man muß Israel hernehmen, wenn man solch eine ganze Woche vor sich hat, na hast du gesehn ... Diese Gedanken führen unsere Chasenfrau auf derart alltägliche Bahnen, daß sie für eine Weile an Resla gedrückten Zustand vergißt. Utid Resl? Lassen wir sie! Sie ist nicht da, sie ist weit, weit von hier... Das heißt, vorläufig ist sie noch da, wo aber wird sie morgen sein? Morgen, morgen — oh, das weiß niemand, niemand, nur sie beide, sie und Lebl. Und noch zwei Menschen wissen von dem Geheimnis, der Direktor Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. ■'"..... ' - —«——«III II. < <i I "l—W——1 I IM I II' » des Jüdischen Theaters und sein Faktotum Scholera Meir. Dieser Scholem Meir hat erst heute früh, während alle in der Schul waren, mit ihr abgemacht, daß sie um Mitternacht, wenn es zwölf Uhr geschlagen hat... ach, sie weiß schon, was... nur sie und er, sonst niemand! Und es tut ihr wohl zu wissen, was die Mutter nicht weiß... geschieht ihr recht, recht geschieht ihr. Scholen! M'eir hat recht, wenn er sagt: „Sie hätte nicht ein Mädchen hernehmen und es in der Stube versperrt halten sollen, einsam, wie einen Vogel im Käfig... kein© freie Minute, nicht den Kopf bewegen dürfen... vor, Fremden sing nicht, ins Theater geh nicht, dorthin schau nicht, hier steh nicht! Was ist das, verkauft an Vater und Mutter, eine Sklavin bei ihnen oder was? So sagt Scholem Meir und recht hat er, sehr recht! Morgen früh, mit Gottes Hilfe, wenn die Mutter aufgestanden sein wird und der Vogel aus dem Käfig draußen, oh, wird sie bereuen, oh, wird sie weinen! Es wird aber schon zu spät sein. Wird das dann eine „Gute Woch"' sein, eine „Glückliche Woch'"! Weh tut ihr nur das Herz um einen, um de« Vater. Der arme Vater! Er ist Mitleids wert. Er hat sie so lieb gehabt, ihm ist sie immer so nahe gestanden, nicht wie ein Kind zum Vater, sondern fast wie eine Schwester zum Bruder. Wer wird mit ihm am Chanukka*) „Trenderl" spielen? Wer wird ihm zu Pessach am Seder« abend*') den Afikomen*-*) unter dem Kissen wegstehlen? Wer wird ihm grünes Laub für Schwues (Früherntefest) sammeln? Wer wird mit ihm am Thora-Freudenfest in die Schul gehen? Wer wird mit ihm die Gesänge zu den Sabbathfreuden singen? Und Resl denkt daran, wie sie noch kürzlich Sabbathlieder und andere jüdische Melodien, die ihr der Vater beigebracht hat, zusammen mit ihm sang, indes die Mutter den Samovar anblies, Tee zu kochen. Ein Lied, erinnert sich Resl, hat sie fast jeden Samstag-Abend, wenn dem Vater wohl zumute war, gesungen. Das Lied heißt „Messias" und muß gesungen werden: — halb jüdisch, halb slawisch, wobei der Vater den jüdischen, Resl den slawischen Vers übernimmt: : Er: Wos wet dcmolt sajn? Sie: Kpnjec lernar jrorusenu! Er: Wuhin wein jidn Rain? Sie: Mi pojdiom le-arzenu! 1 ' Er: Wos wet dortn sajn? Sie: Sdtam najdjom goeletiu! Er: Wetze wet dos sai]n? Sie: Nas mosohiadh zadokenu! Er: Wenze wet dos sajn? Sie: Sköro bimehero bejarnercu! Beide (beschleu'nifft): Jörn Kilo, jom r.ino. Jörn ditzo, jom cbado. Gilb, rino, ditzo. cliado. Ahowo weeohwo!" Und nooh einmal: Jom gilo, jom rino! . . . „Vielleicht schon genug von dem Gesang und von dem Getänzel", mischt sich die Mutter mit dem Samovar ein, „trinken wir lieber Tee, na hast du gesehn,..." Ach, wie gut, wie hell, wie fröhlich! Ist, schemis. erst vor kurzem gewesen und doch, wie lange, lange her, Gott weiß wie lange. Und es erfaßt sie eine furchtbare Traurigkeit, das Herz wird ihr so schwer, de» Hals schnürt sich zusammen, sie weiß selber nicht, was ihn ist, bald, bald, wird sie weinen müssen... Da sie.ht den Vater sie bekümmert und abgesondert im Winkel sitzen, geht zu ihr singend hin, streichelt ihr schönes, schwarzes glänzendes Haar, beugt sich zu ihr herunter: ■ „Was ist dir, Tochter, meine?" (Fortsetzung folgt.) *) Historisches Fest zur Erinnerimg au die Makkabäerkriege. **) Zeremonie am Fest der ungesäuerten Brote, das ist Osterfest. ***) Ein Stück ungesäuertes Brot. GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien. 1. Bei., Seitenstettengasse 2, Telephon l)-28»l-28 XI., Zentralfriedhot, neb. d. 1. Tor, Teleohon V-18-0 85 Gegründet 1882 i Lebensversicherung DUflMIY' I 1 Gesellschaft .rnUmÄ i _ *■ s Carutjemittei Ende 1927 192 Millionen SddUiag _ land. Türkei. Aegypten und Palästina. nillMIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!lllllllllll1IIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIl? jUMMHi«^ j?ekannter vnvs\ rran?jn I mit kräftiger Stimme sucht Posten Unter „Religiös" an die Expedition dieses Blattes «i Für junges Mädchen aus besserem jüdischen Hause, absolvierte Bürgerschülerin, wird Stelle als gesucht. Gefl. Zuschriften unter „Branche egal" an die Expedition dieses Blattes rsi^ ■ ■ ■ m ■ Schadehen, der in besseren jüdischen Kreisen ■ ■ verkehrt, empfiehlt sich J & * m. * m S Gefl. Zuschriften S " unter „Diskret" an die Expedition des Blattes " Bei Einkäufen berufen Sie sich auf « Einlösung von GOLD SILBER PLATIN > bei, CA. Scheid Wien, Vf., GumpendorfarstraQo 89 I., Frans Josefa Kai 39 Niederlage1 NÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1929 S20.— monatlich ohne Angebe! IX. Liechtensteinstraße tlr.Z3 Tel. A 16-9-64 und A 16-9-93 IV. Wiedner Hauptstraße tir.8 Tel. A 30-0-36 SPORT- UND TOURISTENARTIKEL Eigentümer, Verleger* Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. Verla«s-A.-G, Jgna« Steinmann, beide Wien, JX„ UniversJtätsstraße 6—8, Druckerei« and mMsb